Urlaub mit Teenagern

Venedig sehen und texten

Von Julia Schaaf
Aktualisiert am 09.08.2020
 - 11:00
Illustration: Gisela Goppel
Eine Mutter, ihre jugendliche Tochter, deren Freundin, eine Ferienwohnung in Venedig und all die Herrlichkeiten dieser Stadt: Die Geschichte einer Annäherung.

Am dritten Tag unserer Reise fragen unsere italienischen Freunde erwartungsvoll: Und? Was habt ihr schon alles gesehen?

Die Bilanz ist dürftig. Zweieinhalb Tage sind wir kreuz und quer durch Venedig gerannt – und haben gerade mal die berühmte Gemäldegalerie, die Gallerie dell’Accademia, besichtigt. Während ich in Saal VIII noch versonnen vor Giorgiones „Gewitter“ stehe, sind die Mädchen bereits mit ihrem Rundgang fertig. Die gesamte venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts, all diese gigantischen Tintorettos und Veroneses mit den dynamischen Körpern darauf in einer bis dato ungekannten Farbenpracht, künstlerischer Ausdruck einer Weltmacht auf der Höhe ihrer Zeit, von zwei Fünfzehnjährigen fröhlich in die Tonne getreten: „voll hässlich“. Lieber kaufen sie Leinenbeutel im Museumsshop. Anschließend sitzen wir zu dritt auf dem Campo Santa Margherita, wo die Mädchen mit der Handykamera ihren San Bitter fotografieren. In gewisser Weise haben sie ja recht. Mit diesem gleißenden Rot kann selbst Tizian nicht mithalten.

Ursprünglich hatte ich von einer Mutter-Tochter-Reise geträumt. Mein großes Kind und ich in dieser verzauberten Stadt – schon stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam im Reiseführer stöbern, Pläne schmieden, Vorlieben abstimmen und, klar, auch Kompromisse schließen. Wir würden so viel zu zweit erleben wie nie zuvor und uns fern vom Rest der Familie und vom Alltag noch einmal ganz anders kennenlernen – ihrem Alter angemessen vielleicht mehr auf Augenhöhe.

„Hier waren wir!“

Dann überzeugte mich meine Tochter, eine gute Freundin mitzunehmen. Im ersten Moment reagierte ich beleidigt. Sie erklärte mir daraufhin, dass die Eindrücke von ihrem Italien-Schüleraustausch samt Tagesausflug in die Lagune noch zu frisch seien, um nicht immerzu Erinnerungen hinterherzuweinen und die Gleichaltrigen zu vermissen. Ich fürchtete mich zwar vor zwei Pubertieren, die den Vormittag verschliefen, kulturhistorische Highlights ignorierten und die Hälfte der Zeit am Handy hingen. Aber die Mädchen versicherten, das werde schon nicht passieren. Und bevor wir gar nicht fuhren ...

Tatsächlich sind wir vom ersten Moment an alle drei wie elektrisiert. Venedig ist, als spazierte man durch eine riesige Postkarte in 3D. Ganz gleich, um welche Ecke man biegt: jedes Mal eröffnet sich ein neues Arrangement aus Gassen, Brücken, Plätzen. Jeder Blick das perfekte Foto. In der Sonne glitzert der Canal Grande, als sei das Wasser tatsächlich frisch und klar. Die Seitenarme wirken dickflüssig, wie mit Gelatine angerührt. Ihr stumpfes Teichgrün erinnert an das benutzte Pinselwasser, wenn Kinder mit Wasserfarben malen, und bringt die Erd- und Ockertöne der Häuser erst so richtig zum Leuchten. Von Hochwasserschäden keine Spur.

Nachdem wir eine knappe Stunde unser Airbnb gesucht haben, weil Google Maps am filigranen Labyrinth dieser Stadt scheitert – dabei hätte man auf direktem Weg vom Vaporetto-Anleger gerade mal fünf Minuten gebraucht –, führen die Mädchen mich auf dem direkten Weg zum Markusplatz. Unterwegs stoßen sie aufgeregte kleine Schreie aus wie hungrige Jungvögel: „Hier waren wir!“ „Dort haben wir gesessen!“ „Da haben wir ein Foto gemacht!“

Drei Dinge, die wir klug geplant haben: Erstens: Unsere Wohnung liegt nur ein paar Schritte vom Fischmarkt und von der Rialto-Brücke entfernt. Sowohl in den nördlichen Stadtteil Cannaregio mit dem ehemaligen jüdischen Getto als auch in das Studentenviertel Dorsoduro gelangt man schnell zu Fuß. Zweitens: Unabhängig von der Tatsache, dass wir Glück mit dem Wetter haben, erweist sich der frühe Februar – noch vor dem Karneval und, wie sich später herausstellt, vor der Corona-Pandemie, was aber natürlich nicht planbar war – als hervorragende Reisezeit. Nirgendwo muss man Tickets im Voraus buchen, Absperrgitter, die sonst den Strom der Besucher lenken, stehen nutzlos herum. Selbst auf den touristischen Hauptachsen steckt man nicht, von den Massen genervt, im Stau. Drittens: Wir sind eine knappe Woche in der Stadt. Für den Fall, dass die Interessen so weit auseinanderlaufen, dass es schwer würde, sich auf ein Programm zu einigen, sollte es keinen Zeitdruck geben. Weder wollte ich in Stress geraten noch die Jugendlichen mit meinen Ansprüchen drangsalieren. Alles andere wäre Streit mit Ansage.

„Voll hässlich ¯\_(ツ)_/¯“

Trotzdem fühle ich mich nach zwei Tagen, als hätte ich die Reiseleitung für ein Grüppchen besonders anspruchsvoller Individualtouristen übernommen. Mittags um halb zwei föhnen die Mädchen sich immer noch die Haare. Meine Tochter hat auf meine Bitte hin zwar widerwillig ihr Frühstücksgeschirr gespült. Aber die ersten beiden Abendessen – okay, nur Pasta mit Fertigsauce, aber inklusive Tisch decken, abräumen, abwaschen – habe ich allein bereitet, während die Teenager die Selfies des Tages an Freunde in Sonstwo verschickten und italienische Schlager sangen.

Auf unseren Streifzügen durch die Stadt komme ich mir vor wie das fünfte Rad am Wagen. Die Mädchen preschen untergehakt voran – ich stapfe einige Schritte hinterher. Will ja nicht mit meiner Neugier oder Stadtplankompetenz die Route vorgeben. Merkwürdig fühle ich mich trotzdem. Wenn die beiden vor mir die Köpfe zusammenstecken, tuscheln und kichern, fühle ich mich überflüssig. Wenn ich aufschließe, um eine Anekdote zu erzählen oder eine Beobachtung zu teilen, kommt das Gespräch nicht so recht in Gang. Besteht meine Rolle hier womöglich nur darin, das Pistazieneis zu bezahlen?

Als die übermüdeten Damen nach der Nacht bei unseren italienischen Freunden die sonnigen Mittagsstunden in ihrem Zimmer vergammeln wollen, ändere ich die Strategie. Ich fahre mit meiner neuen Vaporetto-Dreitageskarte zum Lido (langweilig!) und bestelle mir anschließend auf den Zattere (herrlich!), diesem langen Pier mit Blick aufs Wasser und die Silhouette der Giudecca-Insel, ein Glas Weißwein. Als die vergnügten Mädchen mich abholen, habe ich ein halbes Buch gelesen und bin bester Dinge. Gemeinsam schauen wir uns die Kirche Santa Maria della Salute an, die als Dank für das Ende einer Pestepidemie direkt gegenüber dem Markusplatz am Eingang zum Canal Grande gebaut worden ist. Abends gehen wir Pizza essen, und ich bekomme so viel Teenie-Glück und Teenie-Leid erzählt wie selten.

Tags darauf, als wir uns gegen 14 Uhr zu einem Frühstück zusammentelefonieren, wirken die Mädchen fast eine Spur zerknirscht, weil es schon so spät ist. Ich hingegen habe einen Ausflug zur Friedhofsinsel San Michele hinter mir, mich in Cannaregio verlaufen, herrliche Fotos gemacht, mein Buch zu Ende gelesen – und etwas begriffen. Ich habe das weder geplant noch gesteuert. Aber da ist plötzlich so ein leise sprudelndes, aufgekratztes Glück in mir. Ich fühle mich an Reisen vor dieser Ära der Familienurlaube erinnert. Anstatt immerzu widersprüchliche Interessen unter einen Hut zu bringen, zählen ganz allein meine Bedürfnisse. Stundenlang in der Sonne Cappuccino trinken, lesen, schreiben, gucken – wie früher. Allein mit meiner Tochter unterwegs wäre es dazu vermutlich nie gekommen.

„Viiiiel besser (ツ)“

Ist es überhaupt mein erzieherischer Auftrag, Fünfzehnjährige in Ausstellungen zu schleppen, die vor allem mich interessieren? Sind die Mädchen nicht zu groß, um ihnen Kunst, Kultur und Geschichte kindgerecht portioniert zu servieren? Ist das nicht vielmehr die Lebensphase, in der man zu entdecken beginnt, wie man selbst gerne reist?

Ich verlege mich auf Argumente: Kommt doch mit zu einer Stippvisite in den Dogenpalast, sage ich. Man sollte nicht so viel Zeit an einem Ort verbringen wie vielleicht nie wieder in seinem Leben – und den Bau verpassen, der mehr als jeder andere Jahrhunderte stolzer Stadtgeschichte repräsentiert. Ich verspreche zudem, horrende Eintrittspreise hin oder her: Ihr müsst weder lange bleiben noch euch in die schwülstigen Deckengemälde vertiefen geschweige denn das komplexe Verfassungsgefüge der historischen Serenissima begreifen. Sobald ihr wollt, rennt einfach wieder auf eigene Faust durch die Gassen! Ich schaue mir derweil in Ruhe noch die Kunstausstellung an.

Durch den Markusdom huschen wir tags darauf in einträchtiger Eile („dunkel, grau und matschig“, befinden die Mädchen). Mein Tipp, am Beispiel der Peggy Guggenheim Collection auszuprobieren, ob sie moderne Kunst interessanter finden als die alten Schinken („viiiiel besser“), kommt gut an.

Ich stelle fest: Die Mädchen laufen fast doppelt so schnell und so viel wie ich und haben einen ausgesprochen wachen Blick. Hatten sie nicht schon in der Gemäldegalerie mit sicherem Urteil zwei Lieblingsbilder herausgepickt, die auch kunsthistorisch wegweisend waren? Sie kreischen, als eine Möwe mit einer toten nassen Ratte im Schnabel wenige Schritte vor uns landet. Sie empören sich über die Tauben auf dem Nachbartisch, die im Kampf um Krümel so aggressiv aufeinander einpicken, dass eine Espressotasse zu Boden geht. Sie bejubeln Frittelle, Schmalzgebäck, mit Cremefüllung, und jeden Sonnenuntergang. Ganz gleich, ob die Pailletten-Schlaghose einer Passantin, Sinn und Unsinn von Louis-Vuitton-Turnschuhen, der Lockenwickler in der Stirntolle einer Asiatin oder ein Klops mit AirPods und Leuchtsohlen-Sneakern im Vaporetto bei Nacht: so viel Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend. Oft beobachten die Mädchen Details, die ich übersehen hätte. Quer durch die Stadt zu ziehen und pünktlich an jedem Treffpunkt aufzutauchen macht sichtbar selbstbewusst.

Am letzten Abend verabreden wir uns zum Aperitif. In einer Traube junger Italiener stehen wir in der Kälte am Rande einer Piazza und naschen Cicchetti, typisch venezianische Häppchen, in diesem Fall ausgebackene Auberginen und Thunfischröllchen. Gemeinsam amüsieren wir uns über einen Typ, der breitbeinig im Laternenlicht posiert und an den Bändeln seines Kapuzenpullis lutscht. Ich finde, wir harmonieren mindestens so gut miteinander wie unsere Drinks, Aperol Spritz für mich, alkoholfreier Crodino und Gingerino für die Jugendlichen. Tizian hätte bestimmt Spaß an diesem Spektrum in Rot-Orange.

„Ganz okay ;)“

Als wir anschließend in einem Restaurant sitzen, das ich vorgeschlagen habe, mäandert das Gespräch vom Charme des Reisens über ein Lehrer-Ranking hin zu der mitunter anstrengenden Selbstverständlichkeit, mit der diese Heranwachsenden physische Anwesenheit mit hochverbindlicher digitaler Kommunikation kombinieren. Die Smartphones der Mädchen, die im Lauf des Nachmittags neue Hüllen bekommen haben, liegen unbenutzt neben dem Brotkörbchen. Beim Nachtisch diskutieren wir prustend über die Tamponsteuer und Menstruationstassen. Ich bin immer noch die Erwachsene und fühle mich doch als Teil dieser albernen Gang. Zum Abschied lächelt der Kellner uns besonders herzlich zu und schüttelt mir mit beiden Pranken die Hand.

Vermutlich hätte ich das vor der Reise in jedem beliebigen Elternratgeber nachlesen können: Je mehr man Jugendlichen zutraut, je wohlwollender man sie ihr eigenes Ding machen lässt, vielleicht auch je zufriedener man selbst dabei ist, weil man ebenfalls tun kann, was einem Spaß macht, desto netter wird die gemeinsame Zeit. Mit den obligatorischen paar Schritten Abstand blicke ich auf die untergehakten Mädchen, die zielstrebig zu unserer Wohnung laufen. Hell steigt ihr Lachen zu den Sternen hinauf.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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