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Die Störche von Taschkent

Text und Fotos: TILMAN SPRECKELSEN
Chiwa, Buchara, Samarkand: Das Auge der Lochkamera lässt Usbekistans Städte noch unwirklicher werden, als sie es schon sind.

10.06.2019 · Usbekistan will weniger auf Baumwolle und mehr auf Tourismus setzen. Aber was heißt das? Unterwegs mit der Lochkamera in einem Land, das sich im Umbruch befindet.

D er Monitor im Flugzeug ist eine nützliche Sache, wenn man meilenweit über den Wolken wissen will, in welcher Gegend man sich gerade befindet. Und auch mit klarem Blick auf den Erdboden ist das Kartenbild erhellend: Wer einige tausend Kilometer hinter sich gebracht hat und von Westen in den Luftraum Usbekistans gelangt, der sieht auf dem Monitor einen großen, tropfenförmigen See. Schaut er hinunter, ist aus dem Kreis ein schmaler, nierenförmiger Schlauch geworden. Die Karte hat mit der realen Entwicklung offenbar nicht Schritt gehalten, der Aralsee ist dramatisch geschrumpft. An den Ufern seiner Zuflüsse und der davon abgezweigten Kanäle aber sind grüne Felder in der sandigbraunen Wüste entstanden. Noch immer ist Baumwolle wie zu Sowjetzeiten eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Und der Anbau von Baumwolle verlangt sehr viel Bewässerung. Vor allem in einem Land, das zum großen Teil aus Wüsten besteht.

Chiwa, Medrese, links das Minarett Kalta Minor

Usbekistan sei im Umbruch, ist überall zu hören, als wir in diesem Frühjahr in das Land reisen, das seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 25 Jahre lang von Islam Karimow autoritär regiert worden war. Der Präsident starb im September 2016, sein Nachfolger Schawkat Mirsijojew gab bekannt, künftig sehr viel weniger auf Baumwolle und mehr auf Tourismus zu setzen. Seit diesem Januar brauchen die Einwohner einiger westlicher Länder, darunter auch Deutschland, daher kein Visum mehr, wenn sie weniger als dreißig Tage in Usbekistan verbringen. Und in den beliebtesten Reisezielen des Landes, in Chiwa, Buchara und Samarkand, werden Hotels aus dem Boden gestampft, wo vorher einstöckige Häuser die Straßen säumten, die zu den Altstädten führen.

Es ist nicht der erste Umbruch, den Usbekistan erlebt: Als wichtiges Transitland des Handelsweges, den man viel später „Seidenstraße“ taufte, erlebten die Bewohner in der Antike den Eroberungszug Alexanders des Großen, nach der Zeitenwende das Handelsimperium der Sogdier mit dem Zentrum Afrasiab, die Zerstörung durch die Mongolen und ein Jahrhundert später durch den schrecklichen Timur. Zugleich aber hinterließen all diese Eroberer den Städten des Landes zauberhafte Bauten, die sie bis heute prägen.

Innenansicht einer Moschee in Buchara

Kommt man aus dem Westen und landet auf dem Flughafen der modernen Stadt Urganch, dann steht man schon beinahe vor den Toren der Oasenstadt Chiwa – sie soll an einem Brunnen entstanden sein, den Noahs Sohn Sem gegraben habe. Auch hier wird um den Altstadtkern herum abgerissen und gebaut, so dass etwa für ein Viertel mit Hotels und Restaurants das renommierte Puppentheater der Stadt weichen musste – es erhält einen Neubau etwas weiter außerhalb. Doch die mächtigen, bis zu zwölf Meter hohen Lehmmauern der eigentlichen Stadt behüten ein Ensemble, wie man es kaum ein zweites Mal so unversehrt finden wird, Weltkulturerbe seit 1990.

Das wissen auch die Usbeken, die in mehrfacher Schulklassenstärke in die kleine Altstadt strömen und dort etwa das sehr breite, überraschend stumpfe Minarett neben der Medrese Amin Khan bewundern, einer Hochschule, in der bis zu 260 Studenten lebten und die heute ein Hotel ist. Beide, Minarett wie Medrese, sind mit glasierten Kacheln bedeckt, und dass das blauschimmernde Minarett nur 26 Meter hoch ist, obwohl es seinen Proportionen nach 80 Meter hätte erreichen sollen, ist der bereits bröckelnden Macht seinen Erbauers, des Khans Muhammad Amin, geschuldet, der 1855 gestürzt wurde – allerdings erzählt man sich auch, der Khan hätte verhindern wollen, dass man vom Minarett aus in seinen Palast blicken könnte, und hätte deshalb den Baustopp angeordnet.

Tschor Minor, Buchara
Altstadt von Chiwa

Wer heute durch die engen Straßen geht, wer den Palast des Khans besichtigt und den Harem, wer die hinreißende Freitags-Moschee mit ihrem Spiel aus Licht und Schatten zwischen den vielen geschnitzten Holzsäulen sieht, deren älteste angeblich schon Dschingis Khan gesehen hat, als er 1220 die Stadt eroberte, wer schließlich über die Altstadt mit den vielen Lehmbauten blickt, von denen die meisten im Verlauf der Zeit immer wieder geflickt worden sind, der sieht die Konzentration von Macht und Reichtum auf einem überschaubaren Areal in einer äußerst kargen Landschaft. Das matte Kamel, das nahe der Kreuzung der beiden Hauptwege auf dem Boden ausruht und als Fotomotiv für Touristen dient, ist nur eine Reminiszenz der Karawanen, die in die Stadt strömten, weil es in weitem Umkreis keine zweite gab. Wer hier herrschte, der herrschte absolut, bis eine neue Macht kam und ihn entthronte.

Erst im 19. Jahrhundert geriet Chiwa nach einigen früheren Eroberungsversuchen des Zaren unter russische Kontrolle. Was es bedeutet, wenn man sich noch länger widersetzte, bekamen die Einwohner von Buchara zu spüren. Die Stadt, etwa zweihundert Kilometer im Osten von Chiwa und von ihr durch eine Wüste getrennt, wurde bis 1920 von einem Emir namens Alim Khan regiert, der einer der reichsten Männer ganz Zentralasiens gewesen sein soll. Ein frühes Farbfoto von 1911 zeigt einen feisten Herrn in buntbestickter Kleidung und Turban. Als die Bolschewiki den damals Vierzigjährigen vertrieben, legten sie die schöne Zitadelle Bucharas zum größten Teil in Schutt und Asche. Der Khan floh, offenbar mit seinen Schätzen, nach Kabul, wo er 1944 starb, nachdem er zuvor erfolglos versucht hatte, sein Emirat zurückzugewinnen. Seine Schätze werden noch immer gesucht.

Die Hochschule des Sternfreundes: Timurs Enkel und Nachfolger Ulug Beg ließ diese Medrese auf Samarkands schönstem Platz, dem Registan, bauen.
Mausoleenanlage Shohizinda in Samarkand

Ein großer Teil der Zitadelle ist noch immer zerstört, aber wenigstens der Eingangsbereich mit dem Thronsaal und einer hinreißend schönen, luftigen Moschee ist erhalten. Dahinter aber beginnt eine Altstadt, weit großzügiger angelegt als die von Chiwa und erheblich prächtiger, ersichtlich ein religiöses und merkantiles Zentrum um eine Medrese, die auch zu den betont laizistischen Sowjetzeiten Geistliche für ganz Zentralasien ausbilden durfte.

Ein Stückchen abseits dieses touristisch gut erschlossenen Bereichs aber steht ein Haus, in dem sich ein Teil der bewegten neueren usbekischen Geschichte bestens spiegelt. Erbaut wurde es 1891 für einen reichen Kaufmann namens Ubajdulla Chodschajew, der die berühmten bordeauxfarbenen Buchara-Teppiche aus Kamel- oder Schafwolle in dreißig Länder exportierte, dazu Aprikosen und Melonen. Sein prächtiges Haus, erbaut um einen Innenhof mit eigenem Brunnen, dessen Fassade mit ihrem von geschnitzten Holzsäulen getragenen Balkon dreist den Palaststil der Emire und Khane zitiert, demonstriert den Reichtum seines Besitzers, verbirgt ihn aber zugleich, indem der Schmuck, der auch zahlreiche Blumenornamente umfasst, zum Hof hin erheblich ausgefeilter ist als zur Straße. Wer etwa den Empfangsraum des Kaufmanns betreten wollte, dessen Decke sechseinhalb Meter hoch über reichverzierten Wänden schwebt, musste zunächst durch ein Tor gehen und über eine Treppe den Eingang des Saals erreichen.

Seinen Sohn Fajsulla, geboren 1896, schickte der Kaufmann zum Studium nach Moskau. Zurückgekommen, schloss er sich revolutionären Kräften an, betrieb den Einmarsch bolschewistischer Truppen in Buchara und stand schließlich der Volksrepublik Buchara vor. Er machte weitere Karriere in der Partei, während sein Elternhaus 1925 zu einer Schule wurde. Fajsulla aber, inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter, fiel bei Stalin in Ungnade, weil er im Verdacht stand, die Unabhängigkeit Usbekistans zu betreiben. Er wurde 1938 hingerichtet, seine Familie in ein Arbeitslager geschickt, aus dem offenbar nur seine Tochter zurückkehrte. Im Chodschajew-Haus, das heute als Museum dient, erinnern Fotos an das Schicksal der Familie unter Stalin.

Auch Buchara erlebt einen sichtbaren Bauboom, der mancherorts für behutsam restaurierte oder im abgewandelten traditionellen Stil errichtete Gebäude sorgt, wenig davon entfernt aber hässliche Bauten hervorbringt, die kaum ins Stadtbild passen. Manches ist steril konserviert, anderes bewahrt, etliches zerstört.

Wo Timurs Schwestern liegen: Samarkands Shohizinda versammelt zahlreiche Mausoleen.

Wo sich Medresen gegenüberstehen wie in der Altstadt gleich beim Basar der Goldschmiede, da zeigen sie durchaus unterschiedliche Stadien der Restauration und Nutzung: Geputzt die eine, die 1652 erbaute Abdulaziz-Khan-Medrese, in deren Innenhof die Schmuck-, Tuch- und Schnitzwerkverkäufer sitzen und auch Kuriositäten wie einen Teppich mit Leninkopf anbieten; noch ein wenig schlummernd die andere, die einst Ulugh Beg errichten ließ, der wohl erstaunlichste Herrscher, den Zentralasien hervorgebracht hat. Sein Großvater Timur, der es liebte, um eroberte Städte Pyramiden aus den Köpfen der Besiegten aufzutürmen, und auf den sich das moderne Usbekistan erschreckend gern beruft, hinterließ bei seinem Tod 1405 ein gigantisches Reich von Afghanistan bis Anatolien.

Sein Erbe wurde ausgerechnet sein friedlicher Enkel Ulugh Beg, dessen Leidenschaft die Astronomie war und der außer drei großen Medresen, darunter die mit Sternen verzierte auf Samarkands großem Registan-Platz, auch ein Observatorium errichtete. Dessen Reste sind vor gut hundert Jahren auf einem Hügel über Samarkand in der Erde entdeckt worden – zwei gleichmäßig gebogene parallele Schienen, die sich einst über der Erde fortsetzten und mit deren Hilfe Ulugh Begs Wissenschaftler die Bahn von mehr als tausend Himmelskörpern exakt beobachten und berechnen konnten.

Heute sind diese Reste des Observatoriums zugänglich, ebenso wie ein Museum, das wenige Schritte entfernt errichtet wurde und Ulugh Beg würdigt. Seine Zeitgenossen wussten ihn offenbar weniger zu schätzen, obwohl er vierzig Jahre lang regierte – am Ende fiel er einer Intrige zum Opfer, wurde abgesetzt und geköpft. Als man im Mausoleum, in dem er zu Füßen von Timur bestattet wurde, seinen Sarg zu Forschungszwecken öffnete, fand man dort ganz richtig ein abgeschlagenes Haupt.

Innenhof einer Medrese in Samarkand

Auch Timur wurde exhumiert, trotz der überlieferten Drohungen des Tyrannen, dass man genau dies nicht wagen sollte. Dass Timur tatsächlich – wie überliefert – lahmte, stellten die sowjetischen Forscher an der nach Moskau gebrachten Leiche fest. Wenige Tage nach der Graböffnung überfiel Hitler die Sowjetunion, und wer an die Fortdauer von Timurs Macht glaubte, sah sich bestätigt.

Zu den schönsten Stellen der alten usbekischen Städte gehören die Innenhöfe der Medresen, und die von Ulugh Beg auf den Registan gebaute macht keine Ausnahme. Man könnte viel Zeit damit verbringen, die jeweils unterschiedlichen Muster der gekachelten Wände und Torbögen zu betrachten, und da in den meisten Medresen große Maulbeerbäume Schatten spenden, ist das auch möglich.

Buchara, Innenhof einer Moschee
Samarkand, auf dem Registan

Tatsächlich kommt in diesem Baum viel von dem zusammen, was die usbekische Kultur seit jeher schätzt: die süßen Früchte, die Blätter, die von den kapriziösen Seidenraupen einzig als Speise akzeptiert werden, und schließlich der Bast, der Grundstock für das aufwendig per Hand hergestellte Seidenpapier – in Samarkand kann man eine entsprechende Werkstatt besichtigen.

Solche Traditionen hochzuhalten und touristisch einzusetzen ist vielleicht eine bessere Idee als jene, die auch aus der usbekischen Tourismusbehörde zu hören war, nämlich in der Wüste im Westen des Landes ein paar Spielkasinos hinzustellen – was das für die Wasserverhältnisse der Region bedeuten würde, kann man sich vorstellen. Schon jetzt führt die gewachsene Trockenheit dazu, dass der im Land beliebte Storch zwar durchaus noch präsent ist, aber nur in Form von Repliken: künstliche Vögel auf den Kuppeln der alten Bauten wie Tschor Minor in Buchara, auf denen früher echte nisteten, Repliken auch vor der Wassermühle von Samarkands Papiermanufaktur, und schließlich auch als wundervolle Metallarbeit auf dem Gitter, das den zentralen Park der Hauptstadt Taschkent absperrt, vor sich ein großes Bassin, aus dem ununterbrochen Fontänen in den Himmel steigen.

Nach einer Woche im Land jedenfalls kann es sein, dass man zurückgekehrt die blauglasierten Kuppeln vermisst, die schweren, geschnitzten Holztüren, die Lehmfassaden, den strahlend blauen Himmel, den schon die Mongolen als göttlich anbeteten. Und dass man versteht, warum in einer Wüstenstadt der eigene Brunnen den Reichtum des Hausherrn mindestens so sehr unterstreicht wie eine prächtige Fassade.

Karte: F.A.Z.

Der Weg nach Usbekistan

Anreise: Uzbekistan Airways fliegt montags und donnerstags direkt ab Frankfurt nach Taschkent (ca. 500 Euro); ab August samstags auch mit Zwischenlandung nach Urganch im westlichen Teil Usbekistans uzairways.com. Alternativ fliegen verschiedene Linien mit Zwischenlandung.
Rundreise: Der Veranstalter Gebeco hat die achttägige „Erlebnisreise – Usbekistan zum Kennenlernen“ im Programm. Sie führt nach Taschkent, Chiwa, Buchara und Samarkand; Preise inklusive Flüge, Hotel und Transfers ab 1545 Euro. Termine und alle weiteren Informationen unter: gebeco.de.
Unterkunft: Schön und familiär geführt ist in Buchara das Hotel „Guzal & Guli“, 90, Mehtar Anbar Str., 200100 Buchara.
Literatur: Hilfreich ist Isa Duckes und Natascha Thomas Reiseführer „Usbekistan“ (DuMont, 24,99 Euro).
Allgemeine Informationen zu Reisen nach Usbekistan unter uzbekistan.travel (nur englisch).
Quelle: F.A.S.