<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Valendas in der Schweiz

Wir haben vergessen, wie schön es hier ist

Von Helmut Luther
 - 13:46
zur Bildergalerie

In der schlichten Stube des Gasthofs am Brunnen gibt es zwei runde Tische. An einem sitzen jeden Abend die Einheimischen: Männer aus dem Dorf, Bauern und Rentner, alle stecken in robusten Schuhen, die Jungen tragen Pullover und Ohrring, die Alten haben ihre Filzhüte neben sich auf die Bank gelegt. Während es draußen schneit und schneit, wobei bereits jetzt so viel Schnee liegt wie schon lange nicht mehr und auch die Männer den halben Tag mit Schaufeln verbrachten, unterhält man sich in gedämpftem Ton über jüngste Ereignisse: Man wird auf das Dach der alten Scheune klettern müssen, damit es unter der wachsenden weißen Last nicht zusammenbricht. Mittlerweile hat sich am anderen Tisch eine Gruppe aus dem Zürcher Unterland niedergelassen. Als sie mit den Gläsern anstoßen, blitzen am Hals und an den Händen der Damen Juwelen. Ihre Geländewagen haben die Unterländer in der Zufahrt vor einer Scheune geparkt, die vermutlich einer der Männer vom Stammtisch am Nachmittag frei geschaufelt hat. Strafzettel wegen Falschparken werden in dem abgelegenen Ort höchst selten verteilt.

Im Dreihundert-Einwohner-Dorf Valendas, das Wort wird auf der letzten Silbe betont, gibt es kein Hotel. Lange war auch das alte Wirtshaus geschlossen. Dass sich dort heute die Dorfleute und die Fremden begegnen, ist ein kleines Wunder. Daran mitgewirkt hat Beni Bühler, einer der Weißbärte vom Stammtisch. Ich habe den langjährigen Gemeindepräsidenten gleich nach meiner Ankunft im renovierten, in ein Besucherzentrum umgewandelten ehemaligen Schulhaus gegenüber getroffen. Dort legte Bühler, während er tief durchatmete, seine Beine auf eine Nachbildung des Brunnens draußen, von dem der Gasthof seinen Namen hat, und erzählte, wie alles gekommen ist.

Ein Ruck ging durchs Dorf

Während der Jahre, in denen er als Grenzbeamter tätig war, haben immer mehr Bewohner ihr Heimatdorf verlassen. „Als ich weit weg die Leute schikanierte“, sagt Bühler, keineswegs schuldbewusst, sondern mit einem amüsierten Lächeln, „verfielen die alten Bauernhäuser, und der Platz mit dem Brunnen verwaiste.“ Dabei habe er den Dorfmittelpunkt gebildet, an dem die Bauern gemeinsame Arbeiten besprachen und die Alten auf ihren Bänken dem Treiben zusahen. „Wehe, ein Ahnungsloser besetzte einen Stammplatz!“

Als dann die Arbeit eines jungen Architekten über Valendas in Fachkreisen Anerkennung fand und immer häufiger Architekturinteressierte vorbeischauten, sei ein Ruck durch das Dorf gegangen. Die Bewohner gründeten einen Verein, und zusammen mit auswärtigen Unterstützern gelang es ihnen, viel Geld aufzutreiben und damit einige Gebäude zu renovieren. „Der Optimismus kehrte allmählich zurück“, sagte Bühler. Mittlerweile fänden immer mehr Gäste von Laax und Flims, die auf der anderen Seite der Rheinschlucht in teuren Hotels logierten, nach Valendas. „Sie erzählen uns, was wir beinahe vergessen hatten: nämlich wie schön es hier ist.“

Gemeinsam drehten wir eine Dorfrunde. Während die körnigen Flocken wie Schrotkugeln auf seinen grauen Filzhut einprasselten und auf der Windjackenkapuze, die ich mir über Kopf gezogenen hatte, Häufchen bildeten, stapften wir durch enge, hüfthohe Schneisen, die die Dorfbewohner zu ihren Wohnhäusern gegraben hatten. Bühler grüßte leutselig nach links und rechts. Wenn wir an einem Stall vorbeikamen, konnte man durch die geöffnete Tür das Mampfen und Schnauben der Kühe hören. Ansonsten war alles in eine tiefe Stille gehüllt. Vor Hauseingängen mit geschnitzten Wärterfiguren lehnten Schlitten und Skier an den Mauern. In tönerne Schilder neben den Klingeln waren die Namen von Vater, Mutter und meist mehreren Kindern geritzt – die in Valendas, kein Zweifel, eine Bullerbü-Kindheit erleben. Als wir durch einen tunnelartigen Durchgang zwischen zwei Gehöften mit ineinander verschachtelten Dächern zur „Pfisteri“ schlüpften, rief Bühler einer Frau, die in Stiefeln und Wollfäustlingen beim Schneeschippen war, im mir unverständlichen Dialekt der Gegend einen Scherz zu, den die Frau mit einem grimmigen Lachen beantwortete. „Pfisterei“ wird die Dorfbäckerei genannt, ein fünfhundert Jahre altes, unten steingemauertes, oben aus wettergebeizten Balken gezimmertes Hexenhäuschen, in dem heute wieder regelmäßig Holzofenbrot gebacken wird.

Einst wurden hier die Saumtiere gewechselt

Am Portal des Türalihuses, des Türmchenhauses, zückte Bühler einen Bartschlüssel. Dann kletterten wir über abgewetzte Steintreppen in die oberen Stockwerke des Patrizierhauses. Herrschaftliche Ansitze gibt es in Valendas einige. Das Dorf auf einer Sonnenterrasse über der Vorderrheinschlucht lag früher an einem wichtigen Handelsweg nach Italien. In Valendas wurden die Saumtiere gewechselt, Gebäude wie der hintere Trakt des Türalihuses dienten als Depots oder Unterkünfte für die Fuhrleute. Lange Zeit stand das Türalihus leer. Zuletzt, erzählte Bühler, habe darin der Ziegenhirte des Dorfes gewohnt. Seit der behutsamen Renovierung kann man hier zwei herrliche Ferienwohnungen mieten. Nachdem Bühler vorsichtig anklopfte – „vielleicht ist gerade jemand hier?“ –, inspizierten wir die Räume: Inmitten einer ehemaligen holzvertäfelten Schreibstube glänzt nun eine Badewanne. Im nach Süden ausgerichteten Prachtsalon speisen die Gäste unter barocken Deckengemälden. In der modern und funktional eingerichteten Küche hingegen kann man sich wie im Mittelalter fühlen: Ein speckiger, aus einem Wandschlitz schräg herausragender Stein diente als Spülbecken, als das Wasser noch mit Eimern vom Brunnen geholt werden musste. Daneben, in einem rußgeschwärzten Eck, könnte man theoretisch noch über einem offenen Feuer kochen.

Zurück im Gasthaus am Brunnen, wo ich mein Quartier aufgeschlagen habe, sind mittlerweile weitere Säle in einem Anbau mit Besuchern gefüllt. Das hat mit den Wirtsleuten Elvira Solèr und Matthias Althof zu tun. Die Frau aus Valendas und der Koch aus der Gegend von Düsseldorf lernten sich im Tessin kennen, wo sie gemeinsam ein Restaurant übernahmen. Seit der Neueröffnung vor knapp drei Jahren lockt das Paar Gäste nach Valendas. Leicht vornübergebeugt, als ginge er über schwankenden Grund, trägt Matthias, ein Seemannslied brummend, seine Kreationen auf, etwa Kürbisrisotto mit Hirschschnitzelchen und Schoko-Chili-Schaum, oder confierten Zander mit Kardamomwirsing und Venere-Reis. Schmeckt alles fabelhaft.

Von Kirchenfürsten hält man hier nicht viel

Im Schlafbereich wird deutlich, wie sehr beim Umbau auf die Erhaltung der historischen Substanz geachtet wurde. Damit beauftragt war der renommierte Bündner Architekt Gion Caminada. „Bevor mit den Arbeiten begonnen wurde, stiefelten wir mit Caminada vier Tage durch das Dorf. Er machte uns darauf aufmerksam, wie harmonisch hier alles zusammengehört“, hatte Beni Bühler beim Rundgang gesagt.

Mein Zimmer befindet sich im zweiten Obergeschoss. Auf dem Weg dorthin, über graue, knarrende Dielenbretter, von tausenden Füßen poliert, dann über eine Art Hühnerleiter, passiere ich eine geschwärzte ehemalige Küche mit grob verlegten Steinplatten als Fußboden, in der man den Rauch immer noch riechen kann. Um in mein Zimmer zu gelangen, muss ich, obwohl keineswegs groß gewachsen, den Kopf einziehen. Karg, ohne Fernseher, ist das Zimmerchen eingerichtet. Grandios hingegen ist die Szenerie vor dem Fenster. Der Blick fällt auf das alte Schulhaus. Auf der grüngrauen Brunnenoberfläche schwimmen kleine Eisschollen. In den Neuschnee auf der Hauptstraße, die den Platz und den Brunnen zwischen den Häusern umschlängelt, sind die Reifenspuren eines Wagens gezeichnet. Die Nixe auf dem Brunnen, ein Schnitzkunstwerk aus dem achtzehnten Jahrhundert, trägt auf ihrem Kopf eine schief sitzende Schneemütze. Sie erinnert an eine Bischofsmütze – obwohl man von Kirchenfürsten im seit 1522 reformierten Valendas laut Beni Bühler „nicht gar so viel hält“. Er gab aber zu, dass das vielleicht mit der Aufteilung der ehemals kircheneigenen Wiesen rundherum unter den Dorfbauern zu tun haben könnte.

Die Rinder reichen als Sozialkontakt

Das erste Geräusch, das mich am nächsten Morgen weckt, ist ein stählernes Schaben und Kratzen auf dem Asphalt. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt, dass der Schneepflug seine Arbeit verrichtet. Es schneit noch immer, volles Rohr. Später kutschiert mich Jolanda Rechsteiner, die manchmal Fremde herumführt, mit ihrem Vierradwagen zum Weiler Dutjen hinauf. „Das ist hier wie in einer Bobbahn“, sagt die blonde Frau angesichts der hohen Schneewände seitlich der Fahrbahn – die man schwer erkennt, weil alles in ein diffuses Weiß gehüllt ist. Und dort unten winde sich der Vorderrhein durch sein tief in die Felsen gegrabenes Bett, sehen kann man das in der Nebelsuppe aber auch nicht. Farbtupfer bilden senkrechte Felswände. An manchen hängen meterlange Eiszapfen wie Orgelpfeifen. Andere glänzen vor Feuchtigkeit schwefelgelb und rostbraun, sie bilden Wellenmuster wie die Seiten eines nass gewordenen Buches.

In Dutjen bewirten uns Myrtha und Georg Joos in ihrem neu errichteten Wintergarten, während gegenüber ein paar zottelige Rinder stoisch ihre dampfenden Nüstern in die Luft halten. Der Tisch biegt sich unter den hausgemachten Delikatessen. Sie arbeitet in Teilzeit als Krankenschwester, er ist Biolandwirt. Myrtha sagt, dass sie zwar selbst in „einem Kaff“ aufgewachsen sei. Aber hier in der Einöde auf tausendfünfhundert Metern fehle ihr doch manchmal die Geselligkeit. „Da ich selten weg kann, lade ich die Leute zu mir ein.“ Georg, der die meiste Zeit geschwiegen hat, erklärt hingegen, dass er vom gleichen Schlag sei wie der Nachbarbauer. „Wenn wir morgens und abends die Rinder füttern, reicht uns das als Sozialkontakt.“ Später wandern wir von Brün, wo sich ein paar hölzerne Bauernhäuser an den Berg kauern, hinauf zum Maiensäss Imschlacht. Es geht vorbei an Obstbäumen, die ihre schneeverklebten, leichenblassen Äste wie Gespenster ausstrecken. Bald sieht man nurmehr die dunklen Rückseiten der Häuser, der Wind wirbelt Schneefahnen über die Dächer. Auch unsere Gesichter werden vom Wetter bearbeitet.

Eine Stunde später sitzen wir in Decken gewickelt an langen Biertischen in der Hütte von Georg Buchli und trinken Bergkräutertee. Sein Großvater habe die Blockhütte vor hundert Jahren eigenhändig mit der Axt erbaut, erzählt Buchli. Er ist einer von vier Bauern von Brün, alles Nachfahren von Walsern, einem zähen Menschenschlag, der im Mittelalter die entlegensten Alpentäler besiedelte. Den Höhepunkt des Tages bildet die Abfahrt auf dem für fünf Euro von Buchli gemieteten Schlitten zurück nach Brün. Lautlos gleitet das hölzerne Gefährt über den weichen Boden. Das Körpergewicht verlagernd, sause ich im Schlangenkurs dahin. Bei Bremsmanövern klatschen Schneefontänen nieder, als hätte der Himmel zusätzlich ein paar Schleusen geöffnet. Und wie dann vor mir aus dem farblosen Nichts einige Krähen emporsegeln, glaube ich selbst kurz, ich könnte fliegen. Zurück in Valendas erfahre ich, dass Straßen und Zugstrecken außerhalb des Tales wegen Lawinengefahr gesperrt seien. Es gab schon schlimmere Nachrichten.

Graubündner Dörfer

Das Doppelzimmer im Gasthaus am Brunnen kostet um 200 Franken, je nach Größe und Saison. Informationen und Buchung unter www.gasthausambrunnen.ch. Das Türalihus ist hier zu mieten. Allgemeine touristische Informationen unter www.safiental.ch.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMännerGraubündenSchweiz