Waldbröl im Bergischen Land

Buddha zähmt den Größenwahn

Von Christian Knull
12.10.2021
, 07:10

              Mit Baumringen in die Vergangenheit: Baumwipfelpfad durch den Naturerlebnispark Panarbora.
Jetzt herrscht Frieden in Waldbröl, diesem schiefergedeckten Städtchen im Bergischen Land. Doch es hütet ein Geheimnis, so dunkel und megaloman, dass ein Sonntagsspaziergang kaum ausreicht, um es zu verstehen.

Wir folgen dem gewundenen Weg hinter dem elefantengrauen Eingangstor und laufen dem Gesang entgegen. Zwischen den Tannen stehen dunkle Buddha-Skulpturen und kleine Schreine, ein Teich glitzert in der Sonne. Auf einer Lichtung singt ein Mönch in weinrotem Gewand ein Morgengebet, gelegentlich schlägt er eine mannshohe Glocke an. Sie hängt an Stahlseilen, die sich in den Himmel ziehen. Über dem Mönch türmt sich eine imposante Stupa neun Etagen hoch auf, ein archaischer Turm aus Granit und grobem Beton, merkwürdig kraftvoll und roh, zugleich offen und lichtdurchflutet. Die irritierende Wirkung rührt von den wuchtigen Säulen, die zu einem gänzlich anderen Zweck geschlagen wurden. Die Steinsäulen sollten die monumentale Eingangstreppe des nationalsozialistischen Erholungsheims „Kraft durch Freude“ stützen.

Es wäre ein erdrückendes Treppenhaus geworden, das seine Gäste schon im Entree zu andächtigen Zwergen gemacht hätte. Doch das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg nicht fertig, die gelieferten Säulen waren nutzlos und lagen jahrelang wie unbefriedete, leidvolle Geister der Vergangenheit herum – bis die Mönche aus Vietnam kamen. Sie kauften das sechs Hektar große Anwesen, errichteten das Europäische Zentrum für Angewandten Buddhismus und verwandelten die Säulen der düsteren NS-Architektur in ein himmlisches Heiligtum. Damit war der erste Turm in Waldbröl gebaut. Die Bürger staunten, der Turm stand und hielt. Und er wirkte, indem er die dumpfe Energie den Steinsäulen entzog, wie der Gründer des Zen­trums, Thich Nhat Hanh, bei der Einweihung versprach. Seitdem haben die Waldbröler neben ihren Kirchen eine in den Himmel ragende Stupa und eine Sorge weniger.

„Vergessen Sie nicht ,Heil Hitler‘ zu sagen“

Bleibt die Mauer, die Nazi-Mauer, hinter der eine Schule entstehen sollte. Sie ist beschämende siebenhundert Meter lang, ein Menetekel, eigentlich unübersehbar, aber zunächst nicht zu finden. In der Altstadt gibt es keinen Hinweis. Wir stehen im Zentrum des schmucken Ortes, drehen uns zwischen Fachwerkhäusern und Kindern, die als Bronzefiguren unter einem Schirm lachend dem Regen trotzen, und lesen auf der Tafel „Geschichtsstation“ Unverfängliches. Im Jahr 1894 gaben die Gemeindevertreter den Straßen Namen. Wir erfahren, in welchem Haus der Arzt Carl Venn zur Welt kam. Kein Satz zur düsteren Vergangenheit, auch die sonderbaren Glasvitrinen helfen nicht weiter. Eine ist leer, in der anderen liegt eine auf den Kopf gedrehte Holzkiste, Château Camensac, Grand Cru aus dem Jahrgang 2000. Die Mauer? „Den Berg hoch“, brummt ein Autofahrer, „dann rechts. Und vergessen Sie nicht ,Heil Hitler‘ zu sagen.“

Thay Phap An, Direktor und Studienleiter, neben der großen Glocke des Klosters.
Thay Phap An, Direktor und Studienleiter, neben der großen Glocke des Klosters. Bild: picture-alliance

Einfamilienhäuser, gepflasterte Einfahrten, gestutzte Vorgärten, die sich in den Hang ziehen. Nach wenigen Minuten sind wir am Ortsrand, an dem eine fette, noch morgenfeuchte Wiese den Berg hinaufwächst, bis sie an ein endloses Steinband stößt. Hier steht sie, die große Mauer, aufrecht, monströs und für die Ewigkeit aus Stein errichtet. „Nie wieder Krieg“ haben Bürger in den Achtzigerjahren in riesigen Lettern auf die Steine gepinselt. Die weiße Farbe hebt sich von der braunen Mauer ab, und obwohl der Schriftzug meterhoch ist, verliert er sich auf der Wand. Wir laufen über die Wiese, steigen am Ende hoch und wandern oberhalb der Mauer wie auf einer schnurgeraden Mole. Nur dass linker Hand kein Meer ist, sondern eine weite Landschaft mit baumbestandenen Hügeln, Wiesen und Weilern. Man kneift die Augen zusammen und öffnet sie wieder. Ein grünes Idyll, wie es auch dem englischen Romancier D. H. Lawrence gefiel, der in Waldbröl an seinem Roman „Söhne und Liebhaber“ arbeitete. Lawrence schätzte die Stille des Ortes. Fast englisch nannte er das Dorf, „auf eine zahme Art recht hübsch“. Ein Beschreibung, die auch heute noch zutrifft, wäre da nicht diese Mauer. „Keiner kommt klar“ ist mit einer Schablone darauf gesprüht.

Ein zweites Wolfsburg – für Traktoren

Der Kommentar bezieht sich auf die Adolf-Hitler-Schule, die hier geplant war, eine Eliteschule mit angeschlossenem Internat. In ihr sollten Kinder zu folgsamen Nazis erzogen werden. Der Krieg verhinderte, dass der Komplex fertig wurde. „Keiner kommt klar.“ Immer wieder begegnen wir dem Schriftzug. Links marschiert die Mauer mit, rechts wächst ein undurchdringlicher Wald über die längst verlassene Baustelle. Die umgestürzten Bäume sind mit Moos überzogen, Efeu und Wurzeln versuchen vergeblich die Fugen der Betonmauern zu sprengen. Von den hochfliegenden Plänen ist neben der Mauer nur das Baubüro, das sogenannte Architektenhaus, realisiert geworden. Es hat – wie alles, was die Nationalsozialisten projektierten – bedrohliche Ausmaße.

Pfauenhafter Kleinbürger in Uniform: Robert Ley bei einer Rede im Sportpalast, 1942.
Pfauenhafter Kleinbürger in Uniform: Robert Ley bei einer Rede im Sportpalast, 1942. Bild: picture-alliance

Denn was im beschaulichen Waldbröl gebaut werden sollte, war mehr als eine Schule und ein Sportplatz. Im Oberbergischen sollte ein zweites Wolfsburg entstehen, aber nicht für Autos, sondern für Traktoren. Ein Volkstraktorenwerk war geplant, mit Hallen so groß, wie man in Deutschland noch nie Hallen gebaut hatte. Jede von ihnen hätte hunderttausend Quadratmeter Fläche umfasst, eine wahre Gigafactory, über die noch Elon Musk gestaunt hätte. An den Ecken waren achtzig Meter hohe Türme vorgesehen, weithin sichtbare Symbole des neuen Waldbröls. Die Pläne waren fertig, Ferdinand Porsche hatte schon den Traktor konstruiert und einen Prototyp nach Waldbröl geliefert. Selbst die Infrastruktur stand, zumindest auf dem Papier. Um die Jahresproduktion von dreißigtausend Fahrzeugen leichter in den Markt zu bringen, planten die Nationalsozialisten auch den Bau einer Autobahn. Waldbröl sollte die größte Stadt zwischen Köln und Kassel werden, mit U-Bahn, Oper, Schauspielhaus, Hochschule und dem schönsten Platz Deutschlands, alles aus einem Guss und in einem Stil. Man mag es sich nicht vorstellen. Auf dreihunderttausend Einwohner wäre die Gemeinde gewachsen.

Eine am Waldrand versteckte Stele informiert über den Urheber dieser größenwahnsinnigen Ideen. Sie gehen auf den promovierten Chemiker Robert Ley zurück, der in der Region aufwuchs und in der NSDAP durch besonders aggressive antisemitische Aktionen auffiel. Seine Reden kosteten ihn den Job bei der IG Farben in Leverkusen. Ley empfand die Kündigung offenbar als Auszeichnung. Umgehend diente er sich Hitler an: „Nun bin ich frei. Was nutzt die schönste und gesichertste Stellung, wenn Deutschland zugrunde geht?“ Vom „Führer“ damit beauftragt, die Gewerkschaften zu zerschlagen, stieg Ley in den inneren Zirkel der Partei auf und setzte sich an die Spitze der Deutschen Arbeitsfront DAF mit ihren vierundvierzigtausend Mitarbeitern. Zur DAF gehörten Baufirmen, Versicherungen, Verlage, Banken und Autofabriken. Ley verfügte über Flugzeuge und Autos und ließ sich einen eigenen Eisenbahnwagen ausstatten.

Tausend Kilowatt für die Gurkenzucht

Parteigenossen stieß das auf. Sie nannten ihn einen Ochsenfrosch, der sich aufpumpte, bis er selbst glaubte, ein großes Tier zu sein. Die Öffentlichkeit nahm den Politiker als protz- und trunksüchtig wahr. Hitlers Vasall redete sich dauerberauscht in Rage und verlor mitunter den Bezug zur Realität, wenn er die Eroberung des Mondes ankündigte. In einem Fernsehinterview des Jahres 1938, das den Weg ins Internet gefunden hat, wird ein pfauenhafter Kleinbürger in Uniform lebendig, der mit schwerer Zunge Wikinger und Hanse-Geist bemüht, um die Reiselust der Deutschen zu erklären. „Das ist seit Urjedenken so“, sagt er in die Kamera und sucht Worte, um „Kraft durch Freude“ zu erklären. Kein „Reisebüro“ sei die KdF, auch keine „Kulturinstitution“, sondern ein nationalsozialistisches Programm. Ley wollte den totalen Zugriff auf das Leben der Menschen. Bis zum Grab wollte er sie begleiten, „mögen sie sich auch dagegen wehren“.

Blick auf den Erlebnispark Panabora.
Blick auf den Erlebnispark Panabora. Bild: picture-alliance

Hinter dem Architektenhaus, das heute einem Düsseldorfer Gymnasium als Landschulheim dient, schlängelt sich ein Waldweg hinab bis zum Friedhof. Ein Straßenschild weist auf Panarbora hin, den neuen Naturpark der Stadt. Doch erst fahren wir nach Rottland, um einen Blick auf das Gut zu werfen, das Robert Ley zu seinem Wohnsitz ausbaute. Die Pläne entwarf der Architekt Clemens Klotz, der seinem Namen mit dem kilometerlangen Erholungsheim Prora auf Rügen bereits alle Ehre gemacht hatte. Klotz baute für Rottland eine gewaltige Auffahrt mit einem noch gewaltigeren Eingangstor. Zwei hünenhafte Männer positionierte er Auge in Auge, einen SA-Mann, den man nach dem Krieg eilig aus dem Tor meißelte, und einen Sämann. Der Sämann fand Gnade und durfte bleiben. Er streut seitdem sein Korn ins Leere. Ley wollte Rottland zu einem Mustergut entwickeln. Das Kälberhaus geriet ihm hundert Meter lang, die Tiere blickten auf eine Holzvertäfelung. Eine Klärwerk war geplant, eine Windkraftanlage sollte tausend Kilowatt für die Gurkenzucht liefern. Vielleicht ist die Geschichte der ökologischen Landwirtschaft aber auch ein Mythos. Gesichert ist, dass sich auf Gut Rottland Leys Frau Inga erschoss. Man sagt, dass sie zur Pistole griff, als ihr Mann mit einer Geliebten aus dem Auto stieg. „Mein Führer“, soll Robert Ley bei ihrer Beerdigung gestottert haben, „nun haste mich wieder janz.“

Bild: lev

Wir wenden uns erfreulicheren Mythen zu und fahren hinunter zur Vierbuchermühle. Am Weiher der „Angelfreunde Customized Fishing“ beginnt Waldbröls schönster Wanderweg, der Waldmythenweg. Die Gräuel, die auf seinen Tafeln beschrieben werden, sind zur Freude der Wanderer nur Märchen. Wir atmen erleichtert durch und lesen von Kelten und Druiden, von Hexen und dem bösen Wolf. Dabei laufen wir durch stille Täler, steigen an einsamen Koppeln und zerzausten Höhen vorbei und erfahren staunend, dass zornige Titanen einst die Kontinentalplatten zerbrachen. Ihre Nachfahren waren Riesen, und sie waren von nicht minder zupackendem Elan. Sieben von ihnen gruben dem Rhein sein Bett. Als die Riesen ihre Schaufeln säuberten, fielen Erdklumpen herunter, von jeder Schaufel einer, so groß und mächtig, dass aus ihnen das Siebengebirge entstand. Mit einer Kurbel lässt sich neben der Tafel ein Erzähler aktivieren, der sich dröhnend durch den Wald lacht. Dreizehn Kilometer misst der Waldmythenweg, an dessen Scheitelpunkt ein aufgeständerter Pfad in die Baumwipfel führt.

Hier, im Naturpark Panarbora, erreichen wir den zweiten Turm, den Waldbröl gegen die Vergangenheit gebaut hat. Er wächst so resolut und energisch aus dem Wald heraus, als wolle er jeden Zweifel beseitigen, dass in Waldbröl hellere Zeiten angebrochen sind. Der Turm ist gewunden wie eine Doppelhelix, eine große, neues Leben spendende DNA, mit einer Spindel, die sich bis auf vierzig Meter in die Höhe schraubt. Oben angekommen, blicken wir zum Rhein und zählen die Gipfel eines Bergzugs, der sich wie ein Scherenschnitt in den Horizont stellt. Und erst als wir uns sattgesehen haben an Siebengebirge, Westerwald und Sauerland, fällt uns die Baumscheibe in der Mitte der Aussichtsplattform auf. An ihren Jahresringen ist markiert, was im Leben dieser Eiche alles geschah, und so lässt sich die ganze Geschichte noch einmal nachlesen, beginnend bei Napoleon, der das Großherzogtum Berg in Departements aufteilte, bis in die heutige Zeit.

Informationen: Waldbröls Naturpark Panarbora nimmt auf „Arbor“ für Baum und „Pan“, den Gott des Waldes, Bezug. Er liegt sechzig Kilometer östlich von Köln. Der Eintritt für Park und Baumwipfelpfad kostet 10,40 Euro, Kinder zahlen 6,90 Euro (www.panarbora.de). Der hier beschriebene Waldmythenweg ist als Streifzug 23 unter den bergischen Wanderwegen ausgezeichnet (www.bergisches-wanderland.de). Informationen zur wechselvollen Geschichte Waldbröls findet man unter www.waldbroel.de.

Quelle: F.A.Z.
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