Wandern im Jagsttal

Auf Pfarrers Wort ist Verlass

Von Wolfgang Albers
10.04.2021
, 08:14
Nur hin und wieder eine Informationstafel und fast nirgendwo ein Mensch: Es ist einsam auf dem Pfad der Stille durch das beschauliche Hohenloher Land.

Sie klingen wie das passende Angebot für diese Zeit, die so sehr Distanz von allen Massen und allem Trubel fordert – die Pfade der Stille im Hohenloher Land. Der Name ist ein Versprechen, das verlockend klingt, wenn man aus dem Stuttgarter Raum kommt. Denn den Drang nach draußen verspüren viele, und so sind die Stuttgarter Weinberge oder die Premiumwege der Schwäbischen Alb an schönen Tagen buchstäblich überrannt. Dort ist Overtourism kein Fremdwort mehr, und es gab schon vor Corona Proteste der Einheimischen. Die Pandemie hat die Situation verschärft. Überfüllte Parkplätze, zugeparkte Wege, genervte Anwohner – mancherorts werden Polizeisperren verlangt.

Ganz anders dieser Samstagmorgen, als ich über eine gedeckte Holzbrücke in den Weiler Unterregenbach fahre. Einige wenige Häuser, zwei Parkplätze vor dem alten Schulhaus. Beide leer. So leer, wie es nach der Autobahn bald auch die Straßen dorthin gewesen sind. Ab und zu ein Traktor. Das war’s auch schon an Verkehr. Aus dem Ort ist man so schnell hinausgegangen, wie man hineinfährt: einmal um die Ecke biegen, links und rechts ein Haus – schon geht es ein paar Meter zum Friedhof hinauf und weiter auf einem Wiesenweg. Der erste Eindruck: Auf das Wort eines Pfarrers kann man sich offensichtlich auch nach mehr als hundert Jahren verlassen.

Damals kam Eugen Gradmann nach Unterregenbach und untersuchte die romanische Krypta unter dem Pfarrhaus. Was er sah, brachte ihn ins Schwärmen: „Das Jagsttal ist eine malerische vielgewundene Schlucht im Muschelkalk. Über die Jagst legt sich eine altersgraue Archenbrücke. Unterregenbach bietet ein ungemein reizvolles Dorfbild und hat manches Altertümliche bewahrt.“

Die Pfade sind eine lokale Schöpfung

Eugen Gradmann müsste heute keines seiner Worte zurücknehmen. Man schaut auf einen Ort, in dem sich noch immer nur wenige Häuser um einen Fachwerk-Kirchturm glucken, schaut auf einen Fluss, der noch frei mäandern darf und dessen Schlingen sich breit in die Talwiesen legen, schaut auf ein für heutige Straßenbau-Zeiten erstaunlich kurviges, schmales Sträßchen, das sich über die Kuppen der Landschaft windet, schaut auf steile Weiden und kleine Äcker, auf das winzige Nachbardorf, hinter dessen letzten Häusern sich die Felder ausbreiten – und nicht Gewerbegebiete. Am Horizont mit einem waldigen Bergrücken akzentuieren die Schloss- und Kirchtürme von Langenburg die Stadtsilhouette. Nur ein paar Windräder, die sie überragen, verhindern, dass man sich völlig in der Vergangenheit wähnt.

Ein grünes Schildchen am Wiesenweg weist die Richtung: Hier geht es lang auf einem „Pfad der Stille“. Er gehört zu einem Wandernetz von sechzehn Rundkursen in Hohenlohe, alle mit dieser Bezeichnung – die natürlich zunächst unter Marketing-Verdacht steht, um den umliegenden Gemeinden bloß ein Stück vom Wandertourismus-Kuchen zu sichern. Aber für die „Pfade der Stille“ hat kein Wanderinstitut gegen gutes Geld sein Premiumweg-Produkt importiert, vielmehr sind diese Wege eine lokale Schöpfung. Initiiert hat die Pfade der Stille der Hohenloher Franz Jakob, einst Ortsvorsteher in Zaisenhausen, einem Dorf nicht fern von Unterregenbach. Im Jahr 2007 hat er damit begonnen und nach und nach mit den Touristikern am Ort immer weitere Rundkurse ausgeschildert.

Blick über das Hohenloher Kulturlandschaftsmosaik

Sie wirken eher handgestrickt. Keine Installationen, keine Infotafeln. Die Schildchen weisen den Weg nur in eine Richtung und sind in geringerer Zahl angeschlagen als entlang von Premiumwegen. Im Internet gibt es Zusatzinformationen, am besten druckt man sie sich vor der Wanderung aus. Dort steht dann etwa: Durch den schmalen Hohlweg, den es nun hinaufgeht, kamen einst die Schulkinder aus dem Nachbardorf. Und sie haben sich frühmorgens in der Dunkelheit ziemlich gefürchtet. Kann man ja verstehen: Der Weg ist völlig einsam. Unten am Hang rieselt der Totensteige-Bach – der Name klingt auch nicht aufmunternd.

Die Füße schieben sich durch den dichten Blätterteppich des letzten Herbstes, hoch sind hier die Buchen gewachsen, ihre Kronen dämpfen das Licht. An einer Hangkante biegt der Weg ab und bleibt im Wald. Er ist breit und technisch problemlos, wie das so im Wander-Jargon heißt, und damit auch nicht besonders aufregend. So tappt man im tiefen Wald eine lange Gerade vor sich hin, Bäume, Bäume, Bäume bremsen die Blicke aus, schirmen aber die Außenwelt auch akustisch ab. Nichts hält einen davon ab, seinen Gedanken nachzuhängen.

Fast übersehe ich deshalb einen Abzweig. Ein kurzer Pfad hält direkt auf die Hangkante zu, und nach den letzten Bäumen hat direkt am Abhang ein Waldbesitzer eine überbreite Bank hingestellt, mit schön geschwungener Lehne, gewidmet seiner Frau: die Hedwigsbank. Nicht weit entfernt eine Aussichtskanzel: Noch einmal fällt der Blick weit über das Hohenloher Kulturlandschaftsmosaik. Unten tuckert ein Bauer in seine Felder.

Seit 1597 gibt es den „Ochsen“

Zurück und weiter. Zunächst wieder im unaufgeregten Gehen, aber dann wird der Weg mühsam. Grobe Steine müssen ausbalanciert werden, dicke Äste blockieren das Vorankommen. Und geht es da vorne überhaupt weiter? Tja, vor lauter einlullendem Hinsinnieren den nächsten Abzweig verpasst. Auch, weil die Täfelchen mit ihrem changierenden Grün etwas von Tarnfarbe haben.

Ein schmaler Pfad, der sich den Hang hinunter windet, führt an die Waldgrenze. Wärmere Luft umfängt mich. Hier, wo die Sonne den Hang aufheizt, strecken die Buchen ihre Äste weit ins Licht, ihre Blätter flirren im Gegenlicht, am Waldboden wuchern die Jungbäume im Kampf um einen Platz an der Sonne. Faszinierend sind die Lichtkontraste. Während sich hier ein goldfarbenes Blätterdach vor dem sattblauen Himmel aufspannt, stehen die Schattenhänge als dunkle Wand dagegen.

Solche Stimmungen, krumme Holzzäune, die wie Land-Art wirken, Wiesen, über die der Blick den Auslauf genießt – eine solche nicht spektakuläre, aber ungemein angenehme Szenerie begleitet den Weg hinein nach Buchenbach. Waldhänge umgeben das Dorf, der Wohnturm einer Burg ragt über die Häuser.

Der Ort empfängt den Wanderer mit dem Friedhof. Eine Kirche steht gleich dabei, Maria und allen Heiligen gewidmet. Schmale Rundbogenfenster in ihrem gedrungenen Turm weisen auf ihren Bau im dreizehnten Jahrhundert hin. Der Weg senkt sich hinunter zum nächsten historischen Gebäude, dem „Ochsen“. Ein stattliches Haus mit Patina, die gelbe Farbe blättert bedenklich. Seit 1597 gibt es die Gaststätte, heute gleicht sie einem kleinen Wunder. Sie täte sich sicher schwer in dieser abgelegenen Ecke. Aber vor dem Wirtshaussterben bewahrt sie ein Unternehmensberater, der sie außerhalb von Corona-Zeiten zumindest sonntags öffnet – sozusagen im Nebenerwerb.

Profitieren vom Schrauben-Imperium

Der Blick auf die ausgehängte Karte macht auf jeden Fall Lust auf einen Besuch. Hausgemachten Apfelmost und Bio-Bier verspricht sie und dass alle Rohstoffe und Zutaten vegetarisch und nahezu vollständig aus ökologischem Landbau stammen. Und dass nur auf den Tisch kommt, was Felder und Natur aktuell hergeben. Noch eine Botschaft, für eine Dorfgaststätte eher ungewöhnlich, hat der „Ochsen“: „Für unseren Genuss soll kein Tier sterben.“

Der Buchenbach fließt am „Ochsen“ vorüber und weiter an einem weiten Platz, der von einem breiten Gebäude abgeschlossen wird, einem Herrenhaus aus dem Jahr 1715. Jetzt ist es Museum und Informationszentrum, gerade auch für die Pfade der Stille. Der Bau ist prächtig herausgeputzt. So verlassen, zumindest was die EU-Fördergelder angeht, ist die Gegend gar nicht – das Leader-Programm, das gezielt die ländlichen Regionen unterstützt, sitzt mit einer eigenen Geschäftsstelle im Herrenhaus. Und hat sich auch die Weiterentwicklung der Wege der Stille ins Programm geschrieben.

Dass die Gegend auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, kommt einem allerdings beim Bummel durch den Ort kaum in den Sinn. Es ist nicht zu übersehen, wie viel Platz um die Wohnhäuser bleibt, wie großzügig sie gebaut sind und wie mächtig die Garagen davor oder daneben. Die Erklärung dafür liegt hinter den nächsten Hügeln. Gar nicht weit entfernt stehen die Werke von Weltmarkt-Firmen, etwa das Schrauben-Imperium Würth.

Die Fahrt hierher hatte an zwei Würth-Logistikzentren vorbeigeführt, gigantischen Hallen, mit endlosen Laderampen für Lastwagen. Muss wohl auch so sein: Die Würth-Firmengruppe hat hundertfünfundzwanzigtausend Produkte im Sortiment und setzt jährlich etwa fünfzehn Milliarden Euro um. Davon bleibt, weil der Firmen-Patriarch Reinhold Würth in der Standort-Politik immer an seiner Hohenloher Heimat festgehalten hat, auch einiges in den Hohenloher Dörfern hängen. Im Hauptort Mulfingen, zu dem Buchenbach gehört, beschäftigt die Firma ebm-pabst, Weltmarktführer für Ventilatoren und ebenfalls Umsatz-Milliardär, mehr als zweieinhalbtausend Menschen.

So verschlingen sich die Wasserläufe

Aus ökonomischer Sicht ist Provinz also gar nicht so unsexy. Aber das ganze Geld kommt wohl recht unterschiedlich an. Jedenfalls kreuzt der Pfad schon bald den „Themenweg Buchenbach“, und da lässt sich eine Tafel über „Alice Schwarzer und die Landfrauen“ aus und schaut ins Portemonnaie: „Frauen verdienen hier durchschnittlich 200 Euro weniger als ihre Kolleginnen in der Stadt und 600 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen auf dem Land oder in der Stadt.“ Aufklärung entlang des Wegs einmal nicht mit Verweis auf Flora und Fauna. Das gibt es viel zu selten.

Aber um solche Gedanken geht es dem Weg der Stille nicht. Weiter über eine Steinbogenbrücke. Ein Schild nennt den Namen des Flusses, doppelt, als wären wir unterwegs in einem zweisprachigen Gebiet. „Jagst“ steht da und darunter in der Mundart der Gegend: „Jogscht“. Auf jeden Fall auch ein beschaulicher Ort. Der Buchenbach mündet hier in die Jagst, von der ein Mühlkanal abgeteilt ist. So verschlingen sich die Wasserläufe, umspülen Inseln, wo sich Büsche und Bäume um den Platz balgen. So viel unbegradigte Wasserlandschaft sieht man heute ja eher selten, und weil auch Autos eher sporadisch über die Brücke rollen, bleibt Muße, das Wasserlabyrinth genauer zu betrachten. Käme man da mit dem Kajak durch? Es schauen doch sehr viele Steine raus.

Der Hang hinter dem Fluss war einmal ein Weinberg, jetzt führt eine Serie von Treppen durch ein Neubaugebiet. Dahinter nehmen weiche Wiesenpfade den Wanderer auf. Südseite ist das hier, die Sonne scheint hier noch hin, während die andere Talseite schon im Schatten versinkt.

Der Weg steigt wiederum hinab und wiederum sanft, wie er überhaupt seine hundertsiebzig Höhenmeter unauffällig verteilt, nach Eberbach. Wenn man den Ort kennt, dann vielleicht aus jenen Schlagzeilen, wonach er dem Tal der Vergessenen zugerechnet wurde, als es der Telekom zu teuer war, Internetleitungen dorthin zu verlegen. Als Geburtsort von Theodor Haecker ist Eberbach hingegen weniger bekannt. Eine kleine Tafel an seinem Geburtshaus in der Ortsdurchfahrt nennt seine Lebensdaten, mehr nicht. Der Autor aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verdient sicher mehr an Informationen.

In Eberbach drei Tage wach

Er war ein radikaler Pazifist, hatte Hitler schon nach dem Putsch von 1923 eine Bestie genannt und die Geschwister Scholl maßgeblich geprägt. „Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt wie er“, notierte Sophie Scholl. Die Texte auf den Flugblättern der Weißen Rose hatten ihre Vorbilder in seinen heimlich verfassten Schriften.

Eberbach passt von seiner Struktur her in einen Pfad der Stille. Zweihundert Einwohner leben in den wenigen Häusern rund um die Marien-Kirche herum, einen dorfgerecht kleinen, sauber geweißelten Bau am Rötelbach. Dorfgerecht in Eigenleistung errichtet: Drei Bauern, heißt es, hätten sie 1453 errichtet. Die Uhr am Kirchturm zeigt Viertel nach zwei. Die Mittagessenszeit ist um, jetzt beginnt die Prime Time in der Hohenloher Schaffer-Woche. Eine Frau in Kittelschürze fegt den Gehsteig, ein Mann nimmt mit seinem Traktor schwungvoll eine Hofeinfahrt, an der Mühle am Fluss werkelt ein Trupp junger Männer. Damit ist das Dorfleben beschrieben – und das Dorf auch schon passiert.

Wer so entspannt-entschleunigt durch Eberbach wandeln möchte, sollte die Woche Mitte August meiden. Bis jetzt ist der Verein Hüttenfreunde Eberbach fest entschlossen, da wieder sein Gassenfest zu veranstalten. Was nach einem gemütlichen Hock bei Blasmusik und Kaffeetafel klingt, kann Sause mit zwanzigtausend Besuchern werden mit dem Schlachtruf „In Eberbach / drei Tage wach.“ Auf dem letzten Event heizte im Biergarten immerhin ein DJ aus dem berüchtigten „Bierkönig“ mit „Malle für alle“ ein, auf den verschiedenen Bühnen tobten sich von „The Özdemirs“ über den „FC Vollgas“ bis zu den „Monsters of Liedermaching“ etliche Bands aus, und die Polkaparty von „Ivan Ivanovich and the Kreml Krauts“ war wohl auch nicht ohne: „mit Wodka“ stand im Programm.

Fast schon unter Kitschverdacht

Jetzt richten wir unsere Sinne dann doch eher auf den Pfad der Stille. Jetzt führt er in die Höhe, taucht wieder ein in die Buchenwälder. Die Ausdrucke aus dem Internet beschreiben nicht nur die Gegend, sie geben auch Anregungen, wie man sie aufnehmen könnte: „Sie sind eine Wegstrecke schweigend gegangen. Was haben Sie gehört? Angenehmes oder Unangenehmes? Wie gehen Sie damit um?“ Ein wenig Selbstbefragung, die zum Konzept der Wege gehört.

Denn dem Initiator Franz Jakob geht es auch um Spiritualität. Bis heute führt er selbst bisweilen Gruppen, oft aus kirchlichen Kreisen, über seine Rundwege, lädt ein zu Meditationen oder lässt die Gruppen eine halbe Stunde schweigend gehen. Dazu fordert auch wieder ein Impuls auf den Blättern auf: „Lassen Sie sich nun einladen, den Weg eine längere Strecke im schweigenden Hören zu gehen.“ Wobei das Infoblatt fairerweise gesteht: „Der Pfad der Stille erfüllt nicht immer den Wusch nach Stille von außen.“ Wie auch, wenn die Sonne scheint und das Sträßchen im Tal so schön kurvig ist. Man hört es bis auf die Höhe hinauf, wie Motorradfahrer röhrend Spaß haben.

An einem Abzweig hat Franz Jakob mit Steinen auf bemoosten Felsplatten eine Art Natur-Installation geschaffen und einen Richtungspfeil befestigt. „Dein größter Wunsch an Gott?“ steht darauf. Dass er seine schützende Hand über zwei Männer halten möge, denke ich unwillkürlich. Das Jaulen der Motorsäge habe ich schon lange gehört, jetzt sehe ich die beiden, die an einem abschüssigen Weg einen Stamm, der noch halb in anderen Bäumen hängt, mit dem Traktor herauszuziehen versuchen. Es kracht, Holz splittert, der Stamm poltert gefährlich nah an den beiden zu Boden. Es ist das erste Mal auf diesem Weg, dass mir außerhalb der Orte Menschen begegnen.

Als der Weg wieder aus dem Wald findet, taucht jenseits der Weiden Unterregenbach auf. Der Rest des Weges steht fast schon unter Kitschverdacht. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen über den Kamm der gegenüberliegenden Hänge, eine Schafherde verteilt sich über die Wiesen, im Tal spitzt das Fachwerk von Unterregenbach hervor. Und die Biker sind jetzt auch auf der Heimfahrt. Zeit für einen letzten Impuls: „Spüren Sie die Stille.“

Information: www.pfade-der-stille.de

Quelle: F.A.Z.
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