Radtour in Holland

Was schert uns der Gegenwind

Von Ulrike Maria Hund
21.05.2022
, 15:41
Geschichte der Architektur im Schnelldurchlauf: Marina von Vlissingen
Früher war hier Meer: Durchs Polderland von Deich zu Deich und Windmühle zu Windmühle – mit E-Bikes unterwegs in Zeeland.
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Die Farbe des Himmels über Zeeland ist von einem blassen Graublau. So zumindest haben Wissenschaftler den durchschnittlichen Farbton ermittelt, um die Farbe der neuen Strommasten möglichst unauffällig dem weiten Himmel anzugleichen. In zartem Blassblau überragen sie nun wie Tannenbäume das flache Land und bringen Starkstrom von den Windparks der Nordsee in die Industriezentren des Landesinneren. Weiß drehen sich die Flügel der Windräder über dem Meer. Bunt wie Legobaukästen gleiten riesige Containerschiffe durch die breite Flussmündung Richtung Gent und Antwerpen. Lotsenboote, klein wie Seemücken, leiten die Schiffsungetüme an Untiefen und Sandbänken der Schelde vorbei. Wer ein Fernglas zur Hand hat, kann bei Ebbe in der Mündung schwarze Punkte sehen, Robben, die sich ungerührt vom Verkehr auf den Sandbänken tummeln. Gemächlich dreht sich eine alte Mühle auf dem Deich. Kilometerlang ziehen sich Strände mit feinem, weißem Sand unterhalb des Deichs entlang. Sie gehen allmählich in eine Dünenlandschaft über, die charakteristisch für die Inselspitze zwischen Domburg und Vlissingen ist, ein natürlicher Schutzwall gegen das Meer.

Meerblick mit Bitterballen und Bier

Weite Dünen, weiße Strände, Sand und Meer. Kaum einer zwischen Rhein und Ruhr, der nicht schon einen Sommertag in Zeeland verbracht hat. Seit in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts die Autobahn vom Festland über Bergen op Zoom nach Vlissingen gebaut wurde, zieht es Jahr für Jahr Millionen deutsche Urlauber hierher. Dennoch gibt es keine Bettenburgen wie an der benachbarten belgischen Nordseeküste. Vielmehr ducken sich alte Kaufmannsstädte, Bauernhöfe und Feriensiedlungen hinter den Deichen. Nur einzelne Apartmenthäuser an der Promenade von Vlissingen schauen mit ihren gläsernen Fensterfronten aufs Meer hinaus. Das wäre heute verboten, erklärt Marcel van der Borgt, ein jung gebliebener ehemaliger Erdkundelehrer, mit dem wir die Insel besuchen. Zeeland setze auf einen nachhaltigen Tourismus, sagt er.

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Wir sitzen vor dem alten Wachturm von Vlissingen, bei Bitterballen und Bier, und schauen übers Meer in den weiten Himmel, der heute gar nicht durchschnittsgraublau ist, sondern tiefblau leuchtet. Nur der kalte Wind, der über die Deiche bläst, erinnert uns daran, dass wir an der Nordsee sind, und wir sind froh, geschützt hinter einer Glasscheibe zu sitzen. Marcel hat einen Stapel historischer Karten dabei, um uns zu zeigen, wie das Land im Meer, wie Zeeland übersetzt heißt, Jahrhundert um Jahrhundert seine Gestalt veränderte.

Die einzigen Berge sind die Deiche

Einst bestand Zeeland, die westlichste Provinz der Niederlande, aus unzähligen Inseln, viele von ihnen nur sandige Erhebungen im weiten Mündungsdelta der Schelde. Das Land gehörte den Grafen von Flandern und Holland. Handelsschiffe verkehrten zwischen England und den aufstrebenden Städten Antwerpen und Gent. Die Inselbewohner schützten ihr Land mit Dämmen aus aufeinandergeschichteten Grasnarben gegen das Meer. Die ersten Ringdörfer entstanden. In ihrer Mitte eine Backsteinkirche mit hohen gotischen Fenstern und nadelspitzem Kirchturm. Daneben ein Löschteich, der zugleich als Viehtränke diente, drum herum wuchsen kreisförmig Bauern- und Handwerkerhäuser aus rotem Ziegelstein. Nisse in Zuid-Beveland ist solch ein Dorf. Es hat bis heute seine ursprüngliche Gestalt bewahrt. Dort wartet Marcel van der Borgt am nächsten Tag auf uns. Er hat sich vorgenommen, uns ein Stück unbekanntes Zeeland zu zeigen. Zu Fuß und per Fiets – das sind keine nostalgischen Hollandräder, sondern moderne E-Bikes, mit denen wir ihm in den nächsten Tagen durch Naturschutzgebiete, Küstenwege und verwunschene Dörfer folgen.

An ihrer Farbe sollst du sie erkennen: Strandhäuser bei Vlissingen.
An ihrer Farbe sollst du sie erkennen: Strandhäuser bei Vlissingen. Bild: ullstein bild - imageBROKER/

An diesem Vormittag ist der Kirchplatz noch still. Ein paar Enten watscheln neugierig über die Wiese vor dem weiß gestrichenen Musikpavillon. Wim Koens fahrbarer Dorfladen, ein Kleintransporter in Omnibuslänge, hält gerade am Dorfplatz. Vom Boden bis zur Decke sind die Regale vollgestopft mit frischem Gemüse, Brot, Nudeln. Er fährt gezielt einzelne Häuser an, hält ein kleines Schwätzchen mit den Kunden, bis er den Platz umrundet hat und weiter zu den entfernteren Bauernhöfen zieht. Marcel holt unterdessen seine Landkarte heraus und zeigt uns die Route. Etwa fünfzig Kilometer wollen wir heute fahren, von der Wester- zur Oosterschelde, über Deiche, stille Landstraßen und Feldwege. Die einzigen Berge, die wir zu überwinden haben, sind die bis zwei Meter hohen Deiche, aber kaum haben wir den Kirchplatz verlassen, schlägt uns ein heftiger Wind entgegen, und wir sind froh über den Hilfsmotor der E-Bikes, mit dem wir mühelos dem Gegenwind trotzen. Vom Deich aus schweift der Blick frei über eine schachbrettartig angelegte Landschaft mit Äckern und Obstplantagen, sumpfigen Wiesen und Mooren voller Möwen, Reiher und schnatternder Gänse.

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Eine typisch niederländische Lösung

Im Lauf der Tage lernen wir, diese Landschaft mit Marcels Augen zu lesen. Bald unterscheiden wir die abgeflachten Ränder der Deiche, an denen früher das Meer leckte und heute grau glänzendes Neuland liegt, von den Wiesen und Dörfern hinter der steileren Deichseite. Restaurierte Bauernhöfe mit weiß abgesetzten Hoftoren liegen am Weg, als hätte ein Kind die schwarzen Scheunen mit Türen und Fenstern bemalt. Schwarzerlenhecken schützen die Obstbäume vor dem kalten Wind. Auf den Dämmen wachsen Grenzlinden, die uns alte Besitztümer und frühere Inselgrenzen verraten. Wir unterscheiden die Wächterdeiche, die das Land zum Meer hin abschirmen, von den Schläferdeichen, die bei einem Deichbruch für Schutz sorgen sollen, gefolgt von Träumerdeichen weit im Landesinneren. Poetische Namen für eine ständig drohende Gefahr. Pappelalleen säumen die Deiche. Über Jahrhunderte pumpten Windmühlen Wasser aus den Poldern, heute nutzt man elektrische Pumpen. Je älter das Land, desto tiefer liegt es unter dem Meeresspiegel. Polder um Polder, Deich um Deich wuchs so das Land zusammen.

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Auch wenn kein Meer mehr die Inseln voneinander trennt, so unterscheiden sich die Dörfer noch immer in ihren Dialekten und Traditionen. Noch bis vor zwanzig Jahren trugen die Dorffrauen auch im Alltag ihre Trachten. An Kopfschmuck und Haube ist zu erkennen, ob jemand katholisch oder evangelisch ist. Offiziell war der Katholizismus bis weit ins neunzehnte Jahrhundert verboten, aber man fand eine niederländische Lösung: Sie mussten mehr Steuern zahlen. „Polder“ nennt man die dem Meer abgetrotzten Landstriche, „Poldern“ nennt man auch diesen echt niederländischen Kompromiss. Gegen das Meer mussten die Menschen schon immer zusammenhalten und ihre Differenzen überwinden. Und manchmal halte man das Gesetz dann nicht hundertprozentig ein, erklärt Marcel. Einen kleinen Seitenhieb gegen die gesetzestreuen Deutschen kann er sich dabei nicht verkneifen.

Tragödien im „Verzunken Land“

Mit dem Bau der Eisenbahn Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde ein Damm vom Festland durch die Schelde gebaut. Zuid-Zeeland und Walcheren wuchsen zu einer Halbinsel zusammen. Während an der Westerschelde Indus­triezentren und Handelsstädte wie Gent und Antwerpen liegen, ist die Oosterschelde eine stille, flache Bucht geblieben. Manchmal sind bei Ebbe Sandbänke mit Mauerresten zu sehen: „Verzunken Land“. Mindestens hundertsiebzehn Dörfer sollen vom Meer verschluckt worden sein. Mittelalterliche Deiche hielten den Sturmfluten oft nicht stand. Oder die Deiche wurden von den Bewohnern selbst angestochen, wie im Krieg gegen die Spanier zu Beginn der Neuzeit, um die Eindringlinge aufzuhalten. Die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg taten es ihnen nach, gegen die Alliierten. Heute schützt ein mächtiges Wehr die Oosterschelde, eine Kombination aus Deich und mobiler Sperranlage, die nur bei Sturmflut geschlossen wird. So bleibt im Wechsel von Ebbe und Flut der Wasseraustausch zwischen dem Süßwasser der Flussmündung und dem Salzwasser der Nordsee erhalten.

Unterwegs auf schmalen Streifen zwischen dem Land und der See: an der Westerschelde
Unterwegs auf schmalen Streifen zwischen dem Land und der See: an der Westerschelde Bild: Ulrike Maria Hund

Heute ist die Oosterschelde einer der größten Naturparks der Niederlande. Auf den Sandbänken des Verzunken Lands tummeln sich Seevögel und Robben. Das warme, strömungsarme Gewässer eignet sich gut für die Austern- und Muschelzucht. Etwa dreißig Familien in Yerseke pflegen bis heute diese Tradition. Früher wurden für die Austernzucht Dachziegel im Meer ausgelegt. Heute dienen leere Muschelschalen zur Anzucht der Austernbänke, erklärt uns ein Züchter, in dessen Lokal wir einen kleinen Stopp einlegen. Frische Austern zu schlürfen ist für uns Landmenschen ungewohnt, und wir spülen tüchtig mit Weißwein nach, ehe wir uns wieder auf die Räder schwingen.

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Mit dem Eselskarren durch den Dom

Enten schnattern, Möwenschwärme landen auf einer sumpfigen Wiese. Bei genauem Hinsehen können wir noch die exakt abgestochenen Kanten der Torffelder erkennen, die sich mit Wasser füllen. Mönche aus den Klöstern Flanderns legten sie einst an. Salzsieder verbrannten den salzhaltigen Torf und siedeten die gewässerte Asche, so wurde Salz gewonnen. Heute sind auf vielen Feldern die Pumpen abgestellt, der Wasserspiegel steigt. Alte Wasserläufe werden sichtbar. Sümpfe und Moore entstehen. Das Land wird der Natur zurückgegeben.

Die alte Handelsstadt Goes ist durch den Woll- und Salzhandel reich geworden. Grachtenhäuser liegen um einen verträumten Fischerhafen. Selbst ein Armenspital leisteten sich die wohlhabenden Bürger der Stadt. Ein mächtiger hochgotischer Dom kündet noch heute von vergangenem Glanz – und vom Pragmatismus der Niederländer, denn das Nord- und Südportal des Doms wurden über Jahrhunderte als Durchgang verwendet, Karren und Wagen durchquerten mit Pferd und Esel den Dom, um schneller auf den Marktplatz zu kommen. Heute ist Markttag, Käse und Wurststände mit den Spezialitäten der Region versammeln sich vor dem prächtigen Rathaus. In die alten Handelshäuser sind schicke Cafés und Restaurants eingezogen. Wir ergattern gerade noch einen Tisch und schauen bei Käse, Bitterballen und Bier dem Treiben zu.

Bild: F.A.Z.

Sonntags hingegen ist im protestantischen Zuid-Beveland Ruhetag. Viele Dörfer sind noch immer geprägt von gottesfürchtigen Calvinisten. Schwarzgekleidete Männer und Frauen, gefolgt von sorgfältig gekämmten Kindern, gehen zum Gottesdienst. Und auch die Flügel der Windmühlen stehen still. Eine freiwillige Müllergilde hat sich des historischen Erbes angenommen und restauriert und betreibt die wenigen noch erhaltenen Mühlen auf der Insel. Der jüngste Müller ist vierzehn, der älteste schon über siebzig. Trotzdem steigt er behände vor uns die steilen Holzstufen im Innern der alten Kornmühle hinauf, Stockwerk um Stockwerk, im immer schmaler werdenden Turm, bis wir in der vierten Etage ankommen, wo die granitenen Mahlsteine über ein mächtiges hölzernes Zahnrad von den Flügeln des Windrades angetrieben werden. Hier oben führt eine Tür auf eine hölzerne Galerie hinaus zu einem großen Steuerrad, als wären wir auf einem Schiff. Es dient dazu, die Windmühlenhaube mit den daran befestigten Flügeln in den Wind zu drehen. Es sind Segel über die durchbrochenen Flügel gespannt, die je nach Windstärke gehisst oder eingezogen werden. Dann sei hier oben Vorsicht geboten. Manch einer habe schon „ein Klapp von der Moolewig“ abbekommen, warnt der Müller augenzwinkernd – was auf Niederländisch bedeutet: Er hat einen Dachschaden.

Radtour durch Zeeland: Via Verde Reisen in Bonn bietet Aktivreisen in Zeeland an. Siebentägige geführte Wander- und Radtouren in kleinen Gruppen kosten ab 1070 Euro. Information im Internet unte: www.via-verde-reisen.de.

Quelle: F.A.Z.
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