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Wie der Wilde Westen

Cowboys brauchen keine Mode

Von Freddy Langer
 - 08:52
Cadillaczur Bildergalerie

Wild Bill ist Anfang siebzig und seit mehr als einem halben Jahrhundert im Geschäft, damals hat er den Laden von seinem Vater gekauft: Hüte, Hemden, Stiefel, Hosen – das Komplettpaket für jeden, der bei der Arbeit auf einem Pferd sitzt. Die Familientradition aber lässt sich sogar noch eine Generation weiter zurückverfolgen bis zum Großvater, der Schuster war mit eigener kleiner Werkstatt, nur ein Stück die Straße hinunter von dort, wo Wild Bill heute seinen Palast für Cowboy-Kleidung hat, seine mittlerweile vierte Adresse.

Der riesige Laden im alten Zentrum von Dallas lässt kein Texas-Klischee aus, von der originalen Cadillac-Schnauze im Schaufenster und dem Paar gewaltiger Rinderhörner über dem Eingang bis zu den ausgestopften Hirschen als Dekoration im Innern und den mit Kuhfell bezogenen Sesseln und Hockern. Und auch Wild Bill gibt sich gehörig Mühe, das von Vorurteilen bestimmte Bild eines echten Texaners überzuerfüllen – vom Hut bis zu den Stiefeln ist er komplett in schwarz gekleidet, nur die Jacke ist silbern mit Blumenornamenten bestickt, dazu trägt er zwischen Unterlippe und Kinn ein akkurat rasiertes Buffalo-Bill-Bärtchen.

Ein Mann hoher Zahlen

„I, ha“, ruft er da unvermittelt, gerade so, als sitze er selbst im Sattel eines Gauls und müsse siebentausend Rinder vor sich her über die Prärie treiben, geht aber nur schnellen Schritts auf einen Kunden zu, der gerade durch die Tür gekommen ist, und schwört ihn kurzerhand ein als „Posse Member of the Store“. Und was hat der davon, von nun an zum Trupp von Wild Bills Laden zu gehören? „Die Privilegien“, sagt Wild Bill, „überlegen wir uns später – und für jeden Kunden neu.“ Mehr als eine Million Mitglieder habe er schon eingeschworen.

Es ist nicht die höchste Zahl, die er im Laufe des Gesprächs bemüht. Denn mag er auch die meiste Zeit bei tausend oder spätestens hunderttausend hängenbleiben, während er durch seinen Laden schlendert, auf Regale deutet und von der Auswahl oder dem Verkauf diverser Posten berichtet, so ist kein Halten mehr, wenn es um all jene Gruppen geht, die er mit seinen Programmen nach Dallas lockt. Selbst für Google und National Geographic organisiert er Veranstaltungen, und wenn es sein muss, stellt er sich mit eigens komponierten Liedern auch selbst auf die Bühne. Da kämen wahre Heerscharen von Besuchern und brächten der Stadt gut und gerne Einnahmen von einer Milliarde Dollar, sagt er mit der Überzeugungskraft jener Cowboy-Erzähler, die sonst an Lagerfeuern von Kämpfen mit Grizzlys oder Rothäuten fabulieren und sich nur schwer an den Begriff Native Americans gewöhnen können. Kein Wunder, dass in der Stadt jeder Wild Bill liebt.

Prominenz im Laden

Auf seine überragenden Kenntnisse, was den Chic der Cowboy-Mode betrifft, greift man immer schon zurück. So durfte er für die Fernsehserie „Dallas“ Larry Hagman und Patrick Duffy einkleiden, die beiden Brüder J. R. und Bobby Ewing, wofür sie ihm zum Dank nach dem letzten Drehtag ihre Stiefel geschenkt haben. Sie stehen jetzt hinter der Theke wie Reliquien. Während er in „Dallas“ nur kurze Gastauftritte hatte, spielte er in der TV-Serie „Walker Texas Ranger“ regelmäßig mit – als Texas Ranger. Für all diese Verdienste hat ihn Dallas zum Botschafter der Stadt ernannt. „I, ha!“

Wild Bill heißt eigentlich Bill Dewbre. Und recht eigentlich widmet sich sein Geschäft schon lange eher bürgerlich-städtischen Ansprüchen als denen von Ranchern und Viehhirten. Fürs Wochenende, nicht für die Arbeit, sei sein Angebot gedacht. Das teuerste Paar Stiefel im Regal kostet vierzehntausend Dollar. Die ziehe man nicht zum Reiten an, eher zum Heiraten. Werden die Schuhe beansprucht, rät er zu Elefanten- oder Rochenhaut. Und zum Beweis klappt er sein Taschenmesser auf und fährt mit der Klinge über den Schaft, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jaja, denke ich, solch ein Taschenmesser hatte ich als Kind auch einmal. Komme aber nicht dazu, es zu sagen, denn schon hält mir Wild Bill ein Paar Stiefel aus Aligatorleder hin, das man ebenso zu Jeans wie zum Smoking tragen könne. Solche Schuhe liefere er am liebsten maßgefertigt. Aus eigener Produktion.

Um Maß zu nehmen, sei er schon um die halbe Welt geflogen. Zum König von Ghana etwa oder einem der Prinzen von Saudi-Arabien. Eine Klasse unterhalb des Hochadels hingegen kommen die Kunden persönlich ins Geschäft: von Mick Jagger und Arnold Schwarzenegger bis Jamie Lee Curtis, Bruce Willis und Silvester Stallone. Als Elton John seinen Laden betrat, verwies er ihn an eine Verkäuferin, die ihn nicht erkannte, ihm Paar für Paar aus dem Lager und den Regalen fischte – und später einigermaßen entsetzt war, als er mit englischer Gelassenheit sagte: „Ich nehme alle.“ Was man gerne glaubt, so bunt wie der Regenbogen schillern etliche Modelle. Die Rechnung, sagt Wild Bill, habe sich auf hunderttausend Dollar belaufen. Schon wieder solch eine Zahl.

Cowboystiefel als Wissenschaft

Die ungewöhnlichsten Stiefel aber trägt sein Sohn, der zwar im Laden Kunden berät, aber für sich beschlossen hat, „auf gar keinen Fall“ den Laden seines Vaters je zu übernehmen. Dessen Stiefel sind aus Pferdehaut und so weich und so bequem wie Pantoffeln. Er ziehe sie morgens im Laden an und abends aus, bevor er nach Hause gehe. Über Asphalt sei er damit noch keinen Schritt gelaufen. Dafür seien sie viel zu wertvoll.

Cowboystiefel herzustellen sei eine Wissenschaft, sagt Wild Bill und greift zu einem der Länge nach aufgeschnittenen Stiefel seiner eigenen Marke, um die komplizierte Verarbeitung von Sohle und Absatz zu verdeutlichen, zeigt auf Holzstifte, mit denen die Schichten vernagelt sind, und auf einen Metallbogen vor dem Absatz, der sich perfekt um den Steigbügel schmiegt. Und dann erst das Futter: feinstes Kalbsleder! Das sei von besserer Qualität als das Leder, das andere Hersteller für den Schuh benutzten. Und dann kommt es mir so vor, als werfe er für einen Sekundenbruchteil einen verächtlichen Blick auf meine bordeauxfarbenen Cowboystiefel aus Eidechsenleder – ein Mitbringsel von einem Ausflug nach Mexiko.

Cowboyhut als Kultur

Natürlich, muss Wild Bill gestehen, ließe sich bei Stiefeln, Hemden und Hüten der modische Aspekt nicht kleinreden. Und ja, es gebe Wellen im Verkauf, Aufs und Abs, ausgelöst durch Filme wie „Urban Cowboy“ vor einem halben Menschenleben oder Musikvideos auf MTV. Aber wichtiger sei ihm, einer Tradition zu folgen. Buchstäblich in den Fußtapfen der Geschichte unterwegs zu sein. Weshalb er sich auch als Botschafter einer weltweit einzigartigen Kultur begreift und seinen Laden auch als eine Art von Museum. Obwohl er nicht ohne Stolz ein Fotoalbum hinter der Theke hervorholt und die Dutzenden Bilder präsentiert, die ihn mit lauter Prominenten zeigen, ist das Schmuckstück des Geschäfts eine lebensgroße Pappfigur von John Wayne, um die herum sich gerade ein paar Kunden zum Gruppenbild arrangieren. „Ist doch schön“, kommentiert das Wild Bill. Und hat angeblich nichts dagegen, dass viele Touristen nur in seinen Laden kommen, um mit Cowboyhut und Fransenjacke für ein Selfie zu posieren. Er begreift sie als Multiplikatoren seiner Kultur – selbst wiederum lauter kleine Botschafter.

Und dann kommt, was kommen musste: Er schwört mich ein in seinen Trupp, macht mich zum „Posse Member of the Store“ und heftet mir sogar einen silbernen Stern ans Hemd. Was ich davon habe? Bei meinem nächsten Besuch würde ich es erfahren. Sagt Wild Bill. Ich verkneife es mir, „I, ha!“ zu rufen.

Wild Bill’s Western Store, 311 N Market Street, Dallas, www.wildbillswestern.com.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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