William Egglestons Fotografien

Die Rückkehr einer Legende

Von Freddy Langer
22.06.2022
, 15:50
The Outlands von William Eggleston Steidl Verlag
Zwischen Experiment und Heimatsuche: Der Fotograf William Eggleston breitet in „The Outlands“ aus, was ihm auf Reisen durch Amerikas Südstaaten ins Auge sprang. Einblicke in eine Zeit, in der Milchshakes noch zwanzig Cent kosteten.
ANZEIGE

Es zählt zu den Paradoxien im Werk von William Eggleston, dass die Bilder auf Reisen entstanden sind, sie aber vom Stillstand berichten. Nichts ist zu spüren von Bewegung oder Fortgang und schon gar nicht von Hektik. Eher ist es, als träume sich Eggleston von Ort zu Ort durchs Land, genauer: durch die „Outlands“, wie die jüngste Publikation nach einer Straße am Rand irgendeiner Stadt der Südstaaten Nordamerikas benannt ist: drei opulente Bildbände als Exkursion durch die Region zwischen der Großstadt Memphis und der Landschaft des Mississippi-Deltas, ausgebreitet über mehr als sechshundertfünfzig Seiten.

Diese Reisen sind lange her. Sie liegen mehr als ein halbes Menschenleben zurück. So lange, dass ein Milchshake noch zwanzig Cent kostete, wie man an einer Imbissbude lesen kann. Und dann erschrickt man auch darüber, wie jung William Eggleston gewesen ist, wenn man ihn auf einer der Aufnahmen als Reflexion im Badezimmerspiegel eines Motels erkennt.

ANZEIGE

Es waren dieselben Reisen, auf denen jene Bilder entstanden sind, mit denen das Museum of Modern Art 1976 zum ersten Mal eine Einzelausstellung mit Farbfotografien ausgerichtet hat. Von der Kritik wurde sie als ein Desaster bezeichnet, heute allerdings zählt der Katalog, der „William Eggleston’s Guide“, zu den Meilensteinen der Fotografiegeschichte. Wer genau hinschaut, findet in den „Outlands“ auch den einen oder anderen Bekannten wieder.

The Outlands von William Eggleston Steidl Verlag
Einerlei, ob alt, ob neu: Hauptsache die Farben stimmen Bild: Eggleston Artistic Trust / Steidl Verlag

Eggleston zeigt die Welt nicht in der Weite und Offenheit, in der sie der Reisende gewöhnlich wahrnimmt. Vielmehr zerlegt er sie. Alles wirkt bei ihm wie herausvergrößert, wie Details, ob Autos, Schilder oder selbst ganze Häuser, geradeso, als habe er alles unter ein Mikroskop legen wollen, damit man es in Ruhe betrachten kann. Heute könnte man meinen, diese Aufnahmen zeigten etwas zum letzten Mal, bevor es für immer verschwindet: die Werbetafeln, die in rostige Brösel zerfallen; die Bäume, die von Kudzu überwuchert sind; die Läden, in deren Auslagen nur noch die Splitter der zerborstenen Schaufensterscheiben liegen. Und nicht nur im „Candlelight Inn“ ist fraglos für immer das Licht ausgeschaltet. Aber Eggleston zeigte das alles gerade nicht zum letzten Mal, sondern wie mit dem Bewusstsein, der Erste zu sein, der konzentriert und mit künstlerischer Absicht darauf schaut.

The Outlands von William Eggleston Steidl Verlag
My car is my castle: Blick aus der Perspektive eines Kinds Bild: Eggleston Artistic Trust / Steidl Verlag

Dass nicht wenige seinen Blick auf die Banalitäten am Straßenrand damals als Zumutung empfanden, mag auch daran gelegen haben, dass er nicht im dokumentarischen Stil einer nüchternen Bestandsaufnahme arbeitete. Stattdessen zelebriert er das Unscheinbare, nutzt ein ums andere Mal die Strahlkraft der Grundfarben und taucht die Dinge in ein grelles Licht, mit dem er sie wie von innen heraus zum Leuchten bringt, sie zu Signalen ihrer selbst macht, als wollten sie sich mit dem übersteigerten Glanz gegen das Übersehenwerden stemmen. Die gelben Blechwände von Lagerhallen strahlen bei ihm heller als tausend Sonnen. Straßenschilder im Abendlicht sehen aus wie angeknipste Leuchtreklamen. Und rote Schalenstühle aus Kunststoff erinnern an ordinär bemalte, aufgespritzte Lippen. „Ich mag das eigentlich nicht, was um mich herum ist“, soll William Eggleston bei Gelegenheit erklärt haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass genau darin sein Antrieb begründet liegt – auch seine Neigung, zu überzeichnen, sodass bisweilen etwas Fratzenhaftes hinter den Dingen aufschimmern kann.

William Eggleston entstammt einer wohlhabenden Südstaaten-Familie und wuchs auf einer Baumwollplantage in Mississippi auf. Doch nach den prächtigen Südstaaten-Villen mit ihren überdimensionierten, weiß gestrichenen Säulen sucht man in „The Outlands“ vergebens. Stattdessen zeigt er im Dutzend die windschiefen, mit Reklamen benagelten Hütten des vom Glück weniger gesegneten Teils der Bevölkerung. Glaubt man Eggleston, war der Anlass für seine Reisen, zu untersuchen, welche technischen Möglichkeiten der Farbfotografie innewohnen. Doch kommt man nicht umhin zu glauben, dass er sie auch als Untersuchung seiner Heimat verstanden hat. Fern jeglichen Gedankens an eine Hierarchie und auch nicht analytisch vorgehend, sondern manisch sammelnd, hat er schlicht alles fotografiert, was ihm im Alltag begegnete und womit sich später das Bild einer eigenen Kultur zusammensetzen lassen könnte. In ihrem Zentrum steht der Konsum, und darüber schwebt wie eine Wolke ein Gefühl von Melancholie. Programmatisch wirkt deshalb seine Aufnahme eines Friedhofs, der im Hintergrund vom Schild einer „Standard“-Tankstelle überragt wird und in deren Vordergrund ein Grabstein steht mit dem ungewöhnlichen Familiennamen „Samples“ – Proben.

ANZEIGE

„William Eggleston: The Outlands“, herausgegeben von Mark Holborn, William Eggleston III und Winston Eggleston. Steidl Verlag, Göttingen 2021. Drei Bände im Schuber, 652 Seiten, 405 Abbildungen. Gebunden, 380 Euro.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Sprachkurse
Lernen Sie Französisch
Sprachkurse
Lernen Sie Spanisch
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
ANZEIGE