Wintersport und Corona

Der Drahtseilakt

Von Stephanie Geiger
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 15:24
Der Schweizer Hochseilartist Freddy Nock hat vor zwei Jahren gezeigt, was man mit der Zermatter Bergbahn alles machen kann, außer Skifahrer zu befördern.
Dicht gedrängte Skifahrer am Fuß des Matterhorns, gähnende Leere auf den Pisten im übrigen Alpenraum. Was wird das für eine Wintersportsaison?

Zermatt, am Samstag vor einer Woche: Am Fuß des Matterhorns können es die Skifahrer nicht mehr erwarten. Dicht gedrängt stehen sie am Morgen an der Talstation vor der Gondel, wie eine Schweizer Zeitung berichtete. Kein Corona in der Schweiz? Ganz im Gegenteil. Das Wallis ist neben dem Kanton Genf seit Wochen Corona-Hochburg, die ganze Schweiz hat konstant hohe Infektionszahlen. Die 14-Tage-Inzidenz lag im Wallis am Donnerstag bei 1368; Ende Oktober sogar bei über 2000. Die Bergbahnen in Zermatt und Saas-Fee sind dennoch an sieben Tagen pro Woche geöffnet, die Bergbahnen in Verbier und Crans-Montana am Wochenende in Betrieb. Einziges Zugeständnis an den Infektionsschutz: Statt mittags gemütlich im Restaurant zu sitzen, gibt es auf den Pisten Essen auf Skiern – Pommes, Pizza und Burger im Take-away. Restaurants und Bars sind im Wallis nämlich seit 4. November geschlossen, Hotels allerdings geöffnet.

Gähnende Leere herrscht dagegen auf den Pisten im übrigen Alpenraum. In den Gletscherskigebieten in Österreich, in Südtirol, im Aostatal und in Frankreich ist Zwangspause angesagt. Es gilt mittlerweile ein strenger Lockdown samt allgemeiner Ausgangssperre. Der Skibetrieb wurde eingestellt. Die Zugspitze, die am 13. November bei bester Schneeauflage und Traumwetter in den Winter starten wollte, hat den Saisonbeginn auf Eis gelegt.

Nachdem die Wintersportorte in der vergangenen Saison, die sie Mitte März vorzeitig beenden mussten, noch mit einem blauen Auge davongekommen sind, bangen sie nun um den gesamten Winter. Skischulen haben die Zahl ihrer Lehrer deutlich reduziert. „Es sind in diesem Winter weniger. Aber es werden immer genug Skilehrer da sein“, sagt Martin Ebster, Tourismusdirektor von St. Anton am Arlberg, wo die größte Skischule Österreichs ansässig ist. Insgesamt hofft man überall im Alpenraum auf Last-minute-Buchungen. Dass sich Gäste in Corona-Zeiten kurzfristig entscheiden, haben viele Destinationen schon im Sommer bemerkt. Im französischen Les 2 Alpes schrieb man bereits Ende Oktober für den bevorstehenden Winter ein Minus von 28 Prozent. Tendenz fallend. Reisebüros und Agenturen aus den Niederlanden und Deutschland hätten bereits die Notbremse gezogen und wegen der nicht zu prognostizierenden Corona-Lage teilweise seit Jahrzehnten bestehende Exklusivverträge mit Pensionen und Vermietern von Ferienwohnungen gekündigt, hört man aus Tirol. Die Buchungslage ist eine Katastrophe. „Bescheiden ist ein Hilfsausdruck“, sagt Martin Ebster für St. Anton. Die Wiener Tourismusberatungsgesellschaft Prodinger hat für Österreich bei den Nächtigungen im schlechtesten Fall einen Einbruch von fast der Hälfte gegenüber dem Winter 2018/19 errechnet. Das klingt fast optimistisch, wenn man bedenkt, dass in Tirol 90 Prozent der Winterurlauber aus dem Ausland kommen. Das Prodinger-Fazit: „Diese massiven Rückgänge wären betriebswirtschaftlich nicht mehr zu verkraften.“

Besser zuhause bleiben?

Sollte man angesichts dieser Aussichten den Skibetrieb in diesem Winter erst gar nicht aufnehmen? Diese Option wollte man sich an der Axamer Lizum, einem Skigebiet in der Nähe von Innsbruck, offenhalten. Es folgte ein heftiger Aufschrei in der Landespolitik. Die Angst vor einer Kettenreaktion machte sich breit. Der Schein soll gewahrt werden. Und man hofft, dass die Lust schon kommen wird, wenn erst einmal Schnee liegt, Bahnen und Lifte in Betrieb sind und die Infektionslage sich bessert – zumindest in den Orten, in denen die Menschen vom Tourismus leben. Für Ischgl, im Frühjahr noch Corona-Hotspot, verzeichnete das offizielle „Corona-Dashboard“ am Donnerstag keinen einzigen Fall. „Aktiv Positiv 0“, seht da zu lesen.

Man hat sich in den Alpen für den Winter jedenfalls einiges einfallen lassen. Die Abstand-Hygiene-Alltagsmasken-App-Lüften-Regeln werden ergänzt durch regelmäßige Tests bei Mitarbeitern in Hotels, Bergbahnen und Skischulen und den Verzicht auf Après-Ski. Flexible Stornobedingungen sind obligatorisch. Und was sonst noch gemacht wird, gleicht dem üblichen Stochern im Nebel beim Kampf gegen Corona: Kameras, um zu kontrollieren, ob in den Anstehbereichen die Abstände eingehalten werden (Ischgl), Apps, um die Registrierung in Restaurants zu erleichtern (Innsbruck, Paznaun), zusätzliche Skibusse, um auch beim Transport Abstände besser einhalten zu können (Tiroler Zugspitz Arena, Schladming-Dachstein), Kaltvernebelungsgeräte, die Viren in Gondeln und Skibussen eliminieren, (Serfaus-Fiss-Ladis), Limits bei Skifahrern (Montafon, Schnalstal), verlängerte Betriebszeiten (Ehrwald, Lermoos, Biberwier), Online-Check-in im Hotel (La Plagne), kostenlose Corona-Tests, um den Gästen die Heimreise zu erleichtern (Kitzbühel), eine kostenlose Ersatzunterkunft („Safe House“) für positiv Covid-19-Getestete und Kontaktpersonen (Wilder Kaiser) oder gar ein Abwassermonitoring als Teil eines Corona-Frühwarnsystems (St. Anton am Arlberg).

Doch hat angesichts der Infektionsgefahren, Quarantäneverordnungen, Reisewarnungen und der zu erwartenden Einschränkungen überhaupt jemand Lust auf Skifahren? Viele Menschen würden gerade jetzt auf die Piste gehen wollen, weil niemand sagen könne, was der Winter noch bringe, erklärt Damian Constantin, der Direktor von Valais/Wallis Promotion. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die jüngsten Schlangen an den Talstationen – Bilder wie aus Zermatt gab es Mitte Oktober auch schon aus Tirol und Breuil-Cervina im Aostatal – waren nur Momentaufnahmen. Nach einer Stunde war der Andrang meist erledigt. Die Bahnbetreiber schoben den drängelnden Skifahrern den Schwarzen Peter zu, statt den Andrang coronakonform zu organisieren. Die Bilder bleiben und mit ihnen die Frage, ob man in diesem Jahr besser auf den Skiurlaub verzichtet.

Tickets reservieren wie im Schwimmbad

Vielleicht findet aber auch der Ansatz von Andermatt, wo derzeit am Wochenende die Anlagen in Betrieb sind, noch mehr Nachahmer. Dort muss man die Bergfahrt hinauf ins Skigebiet reservieren, und zudem sind insgesamt nicht mehr als tausend Skifahrer unterwegs. Möglicherweise wird das auch zu einem Standard des Corona-Winters. Das wäre ein eindeutiges Plus an Sicherheit.

Die Touristiker versuchen es jedenfalls allerorten mit Zuversicht. „Diesen Winter fahre ich Ski!“, heißt es in einer aktuellen Pressemeldung aus den französischen Alpen. „Ich gehe davon aus, dass es eine Skisaison geben wird“, sagt Damian Constantin, der nebenbei auch Präsident des Tourismusnetzwerks AlpNet ist. Und St. Anton ist Modellregion in einem wissenschaftlichen Projekt zum covidsicheren Wintertourismus. Martin Ebster erklärt: „Es wäre alles bereit. Wir haben sämtliche mögliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen.“ Ein Monat ist es noch bis Weihnachten. Normalerweise beginnt dann nach dem üblichen Warmfahren ab Anfang Dezember die Saison so richtig. Niemand hat derzeit aber auch nur eine leise Ahnung, ob und in welchem Umfang die Skisaison stattfinden wird oder ob sie gar schon an Weihnachten Fahrt aufnehmen wird. Für Weihnachten machte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder am Montag wenig Hoffnung. „So richtig vorstellen mag ich mir nicht, dass große Skiferien stattfinden.“ Dennoch: Erster Skitag in Ischgl und am Arlberg soll der 17. Dezember sein. Die Oberstdorf/Kleinwalsertal Bergbahnen möchten am 18. Dezember starten. Die Zugspitze lässt ein genaues Datum offen. Niemand weiß, was dieser Winter bringen wird.

Quelle: F.A.S.
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