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Sächsische Schweiz mit Kindern

Wunderland im Osten

Von Thomas Lindemann
 - 13:29
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Der gefürchtete Moment ist irgendwann da. Die Kinder wollen nicht mehr. Die Vierjährige fällt immer weiter zurück, hält sich an einer Birke fest und will getragen werden. Ihre großen Brüder schubsen einander weiter oben am Berghang herum und werfen mit Stöcken. Laut Plan dauert die Wanderung aber noch gute zwei Stunden. Umkehren und Zurückgehen kommt nicht in Frage, schon weil es hier einen Plan gibt, der gefälligst funktionieren soll: Wir wandern. Als Familie. Mit allen Kindern. Und da erscheint plötzlich auch die Rettung, eine aufregende Ablenkung nämlich, in Gestalt dreier langer, felliger Hälse. Sechs Kinderaugen starren ungläubig auf das, was im sächsischen Mischwald hinter einer Biegung des Weges erscheint. „Lamas! Vorsicht, die spucken!“, schreit die Kleine. Die Brüder wissen es schon besser: Das sind Alpakas. Verwandte des Kamels. Kenne man ja aus dem Zirkus.

„Wir haben sie gemietet“, bestätigt die Familie, deren Töchter die Tiere stolz an der Leine führen. Ein Ferienhof bietet Alpaka-Wanderungen an. Eigentlich braucht es solche Exotik hier gar nicht. Denn die Sächsische Schweiz ist auch an sich schon geheimnisvoll und märchenhaft. Ihre schroffen Felsen wirken wie Kieselsteine aus dem Sandkasten eines Riesen, die bemoosten Landschaften passen in jeden Fantasy-Film. Und dabei ist das Gebirge nirgends höher als 562 Meter (nämlich auf dem Großen Zschirnstein). Es lädt auch die zum Wandern ein, die sich nicht gerade als Extremsportler sehen, zum Beispiel Familien.

Einpacken sollte man das eben erschienene Buch „Erlebniswandern mit Kindern“, das 40 Touren durch das Elbsandsteingebirge so vorbereitet, dass sie wirklich mit Kindern machbar sind. Und interessant bleiben: Nicht zu nah an die Kante gehen – hier geht es steil abwärts. Essen und Trinken einpacken – und hier stehen bleiben und die Geschichte von Rübezahl erzählen. Das alles wird man immer wieder sagen in dieser Gegend.

Wählt man seine Basis an der Elbe – die meisten Orte sind mit der S-Bahn aus Dresden schnell erreicht –, dauert eine Wanderung auf den Lilienstein zwei bis drei Stunden. Fünf Kilometer, nur 300 Meter Höhenunterschied. Oben auf dem Tafelberg, einem zentralen Ort der Sächsischen Schweiz, kann man fast das gesamte Elbsandsteingebirge überblicken. Eisenleitern und Treppchen führen über das Gipfelplateau, erstaunlich furchtlos nehmen die Kinder sie alle. Nur eine Stunde nachdem sie die Wanderung doch angeblich abbrechen und aufgeben wollten, sind die Kleinen in Topform. So sehr, dass man sich als Erwachsener bemühen muss, mitzuhalten.

Dinge, die größer sind als man selbst

In den Essenspausen, nach denen Minderjährige bekanntlich viel zu oft verlangen, lässt sich leicht ein wenig Kulturprogramm einbauen. Das berühmte Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich etwa stützt sich zwar auf Eindrücke aus der Sächsischen Schweiz, der Maler wanderte hier 1813. Aber das Gemälde verbindet Elemente vom Zirkelstein, dem Gamrig und der Kaiserkrone. So kann man den Kindern gut erklären, wie sich der Mensch an Dingen erfreut, die größer sind als er selbst, und gleichzeitig schon damals, zu Beginn der Industrialisierung des Landes, eine böse Vorahnung hatte, dass er das, was er hier so genießt, nach Kräften kaputtmachen wird.

„Mach doch Google Maps“, murmelt einer der Söhne, wenn man dann wieder in die Wanderkarte schaut. Aber man will doch gerade Abstand von Technik und Stadt, zudem gibt es in der gesamten Gegend kaum Empfang, mobilen Datenverkehr gar nicht. Überhaupt, die Struktur: Von der Bushaltestelle Königstein blickt man auf leerstehende Ladengeschäfte und verfallende Häuser – und man blickt lange, denn der Bus fährt selten. „Wanderbus“ nennt sich eine Linie, und sie führt in die schönsten Gegenden – doch nur einmal in zwei Stunden. Das kann die Freude trüben, wenn ein Regenguss kommt. Actiontouristen werden sich diese Region, die offensichtlich noch mitten im mühsamen Aufbau Ost steckt, sowieso eher nicht aussuchen. Wer an sanftem Reisen interessiert ist, wäre hier ideal aufgehoben. Dazu muss aber auch der Bus hin und wieder fahren. (Das Angebot an Parkplätzen ist übrigens auch nicht phantastisch.) Auch einen wirklich modernen Fahrradverleih sucht man vergeblich.

Aufregend wird der Urlaub natürlich trotzdem. Etwa im „Felsenlabyrinth“ am Südende der Nikolsdorfer Wände (ein sehr gutes Programm für Tag zwei). Gesteinsbrocken sind hier auf fast vier Hektar Fläche so ineinandergeschichtet, dass sich Gänge, Plateaus und winzige Höhlen ergeben – manche übrigens zu eng für einen Erwachsenen. So sucht man immer wieder ängstlich seine Kinder, die dann irgendwann höchst vergnügt vorbeihuschen. Und schon wieder in einer bizarr anmutenden Felsspalte verschwunden sind. Auch Väter müssen hier lernen, gelassen zu bleiben. Die größte Leistung des Tages steht schließlich noch bevor. Die Kinder zum Aufbruch zu bewegen. Der Plan, das junge Stadtvolk mal ganz tief in die Natur zu führen, geht nämlich so gut auf, dass die Kleinen überhaupt nicht mehr wegwollen.

Nach einem Wochenende – aus Berlin ist man in zwei Stunden da – bleibt daher noch eine lange Liste an Dingen: Da war doch noch die Eisenbahnwelt Rathen, die vom Zug aus wie ein begehbares Märklin-Diorama aussah. Oder die Waldhusche Hinterhermsdorf, eine Art riesiger Abenteuerspielplatz. Der Kurort Rathen mit seiner Freilichtbühne, übrigens auch in einer kleinen Wanderung von der Elbe aus erreichbar. Und das Freibad der Stadt Wehlen, von dessen Rutsche aus man auf den Fluss schauen kann.

Im Busch herrscht Ordnung

Von den Widersprüchen Sachsens spüren die Kinder glücklicherweise nichts. Als Erwachsener kann man versuchen, darüber hinwegzusehen. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat die AfD zehn Prozent, die NPD noch einmal weitere 6,5. Beim Wandern durch diese schöne Gegend fällt auch eines auf: Weit und breit sehen wir ausschließlich in deutsche Gesichter. Nur die Dönerbude betreibt ein junger Vietnamese. Und ein zorniger Busfahrer der VVO, des Verkehrsverbundes Oberelbe, nimmt den Kindern als Erstes die selbst gefundenen Wanderstöcke ab – ihren ganzen Stolz. „Ich will hier keine Schäden haben“, meckert er. „Der Bus hat erst 5000 runter. Das da auch einpacken, bitte!“ – und zeigt dann auf den Apfel und den Keks der kleinen Tochter. In der Pension, der „Familienoase Königstein“, einst Jugendherberge der DDR, steht ebenfalls manches Verbotsschild, das man etwas kleinlich finden kann (keine Brötchen vom Buffet mitnehmen!). Aber wenn dort abends die anwesenden Familien noch zum Getränk in dem schönen Saal sitzen, fällt doch die freundliche Stimmung auf. Und die nette Dame an der Bar, die den Wanderern Schwarzbier aus einem Fenster herausreicht und für einen Plausch über die Gegend und ihre Geschichte zu haben ist.

Die elektronischen Geräte - vergessen!

Die Kinder haben die üblichen Reizthemen, die den urbanen Familienalltag so dominieren, ganz vergessen – iPod, Handy, Xbox, Netflix, es ist, als habe es all das nie gegeben.

Bloß als man wieder übersetzt über die Elbe, mit der kleinen Fähre, die „nach Bedarf“ fährt – nämlich immer, wenn jemand kommt, ist der Speicher des Mobiltelefons so seltsam voll. Offenbar haben die Söhne zum Abschluss heimlich ein Video gedreht, im Stil eines Youtube-Vlogs, in dem jemand etwas zeigt und lustig kommentiert. Da sieht man also: Einen langen Rundgang durch die Herberge, die Spielzimmer, den Hof mit dem gelben Trampolin, an dem sich immer eine lange Schlange bildet, den Billardraum, das schöne, voll verglaste Esszimmer, dann das Elbufer und den Berghang. „Hier zu wohnen, das ist ja der pure Luxus, hier hat man einfach Wald um sich und sonst gar nichts“, sagt das Kind, natürlich mit ironischem Unterton. Es ist aber genau der Grund, warum man hierher wollte. Insgeheim empfindet es dann auch der Zwölfjährige so. „Eigentlich ganz geil hier“, moderiert er sein Video ab. Recht hat er.

Der Weg in die Sächsische Schweiz

Anreise Mit dem Intercity nach Dresden, von dort fährt die S-Bahn S1 die Orte Pirna, Rathen, Königstein und Bad Schandau an. Zum nördlichen Elbufer gehen jeweils Fähren. Die Anreise von Dresden bis nach z. B. Halbestadt bei Königstein kostet für einen Erwachsenen insgesamt 7,70 Euro.

Unterkunft Die „Natur- und Familienoase Königstein“ ist eine schön ausgebaute ehemalige Herberge der DDR. 36 Doppelzimmer und vier Einzelzimmer, acht Familienzimmer mit separaten Eltern- und Kinderschlafräumen sowie eine Wanderetage mit Vierbettzimmern. Das Haus ist gemeinnützig und bietet Bedürftigen einen niedrigeren Preis sowie Familienarrangements (ein Zimmer für Eltern, eines für die Kinder). Erwachsene ab 38 Euro/Nacht, Kinder ab 20 Euro, Kinder unter fünf Jahren frei. Mehr unter www.familienoase-koenigstein.de, Tel. 03 50 22/9 94 80.

Literatur Kaj Kinzel: „Erlebniswandern mit Kindern–Elbsandsteingebirge“. Bergverlag Rother, 220 Seiten, 16,90 Euro

Informationen zu weiteren Herbergen und einzelnen Wanderungen durch den Nationalpark auch unter www.saechsische-schweiz.de

Quelle: F.A.S.
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