Zeitreise in Kolumbien

Die drei Leben der Perle vom heiligen Kreuz

Von Jakob Strobel y Serra
17.04.2021
, 13:39
Wie vergänglich Ruhm und Reichtum sind, musste die kolumbianische Kolonialstadt Mompox am eigenen Leib erfahren. Ihre stille Schönheit aber kennt kein Verfallsdatum, sondern nur die Melancholie der Zeitlosigkeit.

Der Tarzan von Mompox ist auf einer Reise ohne Anfang und Ende. Jeden Tag springt der junge Bursche mit der Johnny-Weissmüller-Figur am oberen Ende der Uferpromenade kopfüber in den Río Magdalena, krault drei, vier Kilometer flussabwärts, schwimmt dabei mit Leguanen und Kaimanen um die Wette, steigt danach aus dem Wasser und läuft seine Schwimmstrecke auf der Promenade zurück, um danach abermals in den Fluss zu springen und seine Übung zu wiederholen, dreimal, viermal, fünfmal, endlose Male hintereinander, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Niemand weiß, warum der kolumbianische Tarzan so unermüdlich den Río Magdalena entlangschwimmt und sich vor den Augen aller zum Narren eines menschlichen Perpetuum mobiles macht. Und wahrscheinlich ahnt er nicht, dass niemand anderes als er selbst der beste Botschafter der so schön in sich selbst verlorenen Stadt Mompox ist, die sich vor langer Zeit in ihre eigene Zeit jenseits der unseren verabschiedet hat und nun ganz langsam, ganz behutsam, schüchtern fast in die Gegenwart zurückkehrt.

Drei Leben hat Mompox, diese stolze, fromme, heldenmütige Stadt in der kolumbianischen Provinz Bolívar, und alle drei verschränken sich zu einer Dreifaltigkeit, wie man sie in Südamerika kein zweites Mal findet. Am 3. Mai 1537 wurde sie vom Konquistador Alfonso de Heredia als eine der ersten spanischen Siedlungen des Halbkontinents gegründet und auf den erstaunlichen Namen Santa Cruz de Mompox getauft: Das heilige weiße Kreuz auf rotem Grund erkoren die Eroberer zum Stadtwappen, das genauso aussieht wie die Schweizer Flagge und heute ein verwirrender Anblick für Mitteleuropäer ausgerechnet in dieser brettflachen, brüllend heißen Gegend ist. Und dem Häuptling der lokalen Ureinwohner gewährten sie die Ehre des Namenspatronats, weil dieser Cacique Mompoj vom Volk der Malibúes ein tapferer Krieger war, der den Spaniern heldenhaft Widerstand leistete – eine noble Geste, die aber keinen einzigen der Malibúes vor der Niedertracht bewahrte, versklavt zu werden.

Die Gier des Freibeuters John Hawkins

„Tierra de Dios“ nannten die Konquistadoren diese Gegend, weil sie ihnen wie das Gelobte Land erschien: eine fruchtbare Zwitterlandschaft aus Wasser und Erde voller Flüsse, Seen, Lagunen, Felder, Wälder und Weiden, voller Fische, Krebse, Garnelen, Mais, Maniok und tropischer Früchte so bunt wie ein Regenbogen. Der Río Magdalena floss als Haupt- und Lebensader durch diese „depresión momposina“, die maritime Tiefebene inmitten des kolumbianischen Hinterlandes, und schenkte Mompox seine strategische Bedeutung. Denn er machte die Stadt zum Scharnier zwischen den Goldminen im Bergland der Anden und Cartagena de Indias an der Karibikküste, dem Startpunkt der spanischen Flottenverbände ins Mutterland, jener Armadas aus Galeonen, die schwer beladen mit den Schätzen der Inkas nach Sevilla segelten, immer auf der Hut und oft auf der Flucht vor den Korsaren Englands, Frankreichs und Hollands.

So wuchs Mompox zu einer prosperierenden Perle im Vizekönigreich von Neu-Granada heran, reich und schön und friedvoll, berühmt in der Neuen wie in der Alten Welt für ihre feinen Schmiedearbeiten aus Gold und Silber. „Filigrana de Mompox“ wird diese Kunst bis heute genannt, weil der Schmuck so filigran ist, als sei er aus haardünnen Fäden gewirkt, und weil er sich so zart wie Seide um die Hälse und Handgelenke der Momposinas schmiegt, deren Schönheit in Kolumbien tausendfach besungen und beschrieben worden ist. Einmal aber war der Frieden in höchster Gefahr. Denn selbst seine Lage dreihundert Kilometer hinter der Karibikküste schützte Mompox nicht vor der Gier des Freibeuters John Hawkins. Er segelte den Río Magdalena hinunter, um die Schatztruhe Neu-Granadas zu plündern, doch Gott stand seinem Land bei, so dass der englische Schurke keinen nennenswerten Schaden anrichten konnte – „Terra de Dios“, die Konquistadoren hatten recht.

Willkommen am Christenkatzentisch

Eine Gottesstadt ist Santa Cruz de Mompox bis heute. Sieben Kirchen und Konvente beherrschen den Ort, errichtet von Dominikanern, Franziskanern, Augustinern und Jesuiten, um den Ruhm des Allmächtigen jenseits des großen Meeres im Namen von Papst und Katholizismus zu mehren. Deswegen sind alle Gotteshäuser im vatikanischen Gelb gehalten, nur ausgerechnet jenes des sanftmütigen heiligen Franziskus von Assisi aus dem Jahr 1580 ist so rot wie das Blut Jesu Christi am Kreuz. Doch kein Prunk blendet die Gläubigen im Inneren der Kirchen, keine Altartürme aus purem Gold verherrlichen Gottes Allmacht, weil Mompox der bescheidene Reichtum eines Provinzstädtchen besser zu Gesicht steht als Pracht und Protz einer Vizekönigsresidenz. Niemals ist der Ort so hochmütig gewesen, sich für das sagenhafte El Dorado zu halten, das Generationen von Eroberern ganz in der Nähe vermuteten. Und selbst in der Hauptkirche der Unbefleckten Empfängnis gibt es nur Marienstatuen im Überfluss, Dutzende müssen es sein, in jeder Nische und jeder Kapelle mindestens eine, was für eine maßlose Muttergottesmultiplikation.

Der ganze Stolz der Stadt aber ist die Kirche der heiligen Barbara, deren Baumeister wohl lieber Konditor geworden wäre, so verschwenderisch hat er sich im barocken Zuckerbäckerstil ausgetobt und den Kirchturm wie mit dem Spritzbeutel derart appetitlich verziert, dass man am liebsten in ihn hineinbeißen würde wie Hänsel und Gretel ins Haus der bösen Hexe. Dass Gottes Gerechtigkeit allerdings nicht jedem seiner Kinder mit derselben Güte zuteilwurde, sieht man noch immer an der kleinen Kapelle, die sich unterwürfig an das Hauptschiff von Santa Barbara anlehnt. Sie war für die Indios und die schwarzen Sklaven reserviert, ein Christenkatzentisch von höchsten kirchlichen Gnaden. Der Gottesfürchtigkeit der Mompoxinos kann solches Unrecht indes bis heute nichts anhaben: Ein Kurzwarengeschäft heißt „Glaube an Gott“, eine Cocktailbar „Gottesland“, überall spenden Marienstatuen Trost und Segen, jedes zweite der wenigen Autos verkündet fromme Botschaften auf seiner Windschutzscheibe, die schmiedeeisernen Gitter der Häuser gipfeln oft in Kreuzen, selbst die Ohrringe der Männer schmücken Kruzifixe. Und in ganz Kolumbien ist Mompox für seine Semana Santa im Sevillaner Stil berühmt, eine einzige, schmachtende, lärmende Orgie von Prozessionen zur Apotheose des Allmächtigen.

Die Guerrilla-Taktik des Stillhaltens

Meist aber ist es still in Mompox, so still, wie es nur in einer Stadt sein kann, die im Angesicht ihrer melancholischen Unaufgeregtheit den Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vergessen hat. Wer wollte es diesem Ort auch verdenken, dessen Zentrum so endgültig aus der Zeit gefallen zu sein scheint, dass es kein Zurück mehr gibt in den Lauf der Zeit, dessen Schicksal es wohl ist, für immer eine andalusische Kulisse in Amerika aus den Tagen von „Rinconete y Cortadillo“ zu sein. Einstöckige Kolonialhäuser mit weiß getünchten Fassaden, wandschrankgroßen Fenstern, eisenbeschlagenen Holztüren und Ziegeldächern in Sinuskurvenform reihen sich an den Straßen nahtlos aneinander und geben kaum eine Lücke frei für das zwanzigste, geschweige denn das einundzwanzigste Jahrhundert. Stattdessen beherrschen noch immer die Hierarchien und Distinktionen kolonialer Epochen das Stadtbild: Im innersten Zentrum, dort, wo sich die Stadtpaläste der besseren Stände drängen, sind die Bürgersteige hüfthoch, damit die feinen Herrschaften auch bei den schlimmsten Überschwemmungen des Río Magdalena trockenen Fußes und makellosen Saumes nach Hause kamen. Doch je weiter man sich vom Zentrum entfernt, umso niedriger werden die Trottoirs, erst kniehoch, dann knöchelhoch, bis sie schließlich ganz in der Ranghöhe des niederen Volkes verschwinden.

Eines aber vereint bis heute alle Bewohner von Mompox: der Kampf gegen die Hitze, die wie unter einem Kochtopfdeckel über der „depresión momposina“ liegt. Man muss sich Luft verschaffen, und so haben alle Häuser, auch wenn sie nur einstöckig sind, hohe, offene Decken, damit die Hitze abziehen kann, anstatt die Bewohner zu quälen. Die Häuserhöhe gibt den Besuchern ohnehin nur die Illusion, sich mit der Stadt auf Augenhöhe zu befinden. Denn ihr wahres Leben entfaltet sich im Verborgenen hinter den Fassaden: Fast alle Gebäude sind rund um großzügige Patios gebaut, die besten Garanten für erträgliche Temperaturen. Kapok-Bäume mit laokoonischem Luftwurzelwerk und weit ausladenden Kronen spenden dort Schatten, Galerien und Loggias gestatten kurzzeitiges Flanieren, Brunnen löschen den Durst und benetzen den Boden, Vögel lassen in ihren Volieren die Stille nicht erdrückend werden. Auch diese Innenhöfe stecken voller Vergangenheit, voller knarzender Schaukelstühle, mannshoher Tonkrüge und allerlei verstaubter Relikte des Luxus aus Europa im fernen Amerika – Kristallvasen, Intarsienmöbel, Kopien berühmter Gemälde, die Mona Lisa ihr rätselhaftes Lächeln auch im gelobten Gottesland lächeln lässt. Es ist ein zäher, aber kein hoffnungsloser Kampf gegen die Hitze, denn mit der Guerrilla-Taktik des Stillhaltens, von den Mompoxinos zur Meisterschaft gebracht, kann man ihn doch noch gewinnen.

Schwarze Sklaven stark wie Bären

Eine solche Strategie kam für die Männer natürlich nicht in Frage, die der frommen Kolonialstadt Mompox ihr zweites Leben bescherten: Am 6. August 1810, zweihundertdreiundsiebzig Jahre, drei Monate und drei Tage nach ihrer Gründung, erklärte sie als erster Ort im Vizekönigreich Nueva Granada ihre Unabhängigkeit vom Mutterland und schlug die spanischen Truppen in die Flucht – mit Hilfe schwarzer Sklaven, die laut der Legende bärenstark und zweieinhalb Meter groß gewesen sein sollen und als Lohn für ihren heldenhaften Kampf ebenfalls die Freiheit erhielten. Simón Bolívar, der Befreier Südamerikas, Sohn reicher Kakao-Barone aus Caracas, kam 1812 auf der Suche nach Mitstreitern in die Stadt, fand sie hier und begann in der Schlacht von Boyacá dank vierhundert todesmutiger Mompoxinos seinen Unabhängigkeitskampf, an dessen Ende die Befreiung des gesamten Halbkontinents stehen sollte.

Simón Bolívar wird bis heute in Mompox fast so inbrünstig verehrt wie der Himmelsherrscher. Die Stadt ist auch dank einer hochaktiven Bolivarianischen Gesellschaft mit Denkmälern, Statuen und Büsten des Vaters des Vaterlandes gepflastert, gerne garniert mit heroischen Zitaten dieser Art: „Si a Caracas debo la vida, a Mompox debo la gloria – wenn ich Caracas das Leben verdanke, verdanke ich Mompox den Ruhm.“ Oder: „Die Schlacht von Boyacá ist der Gipfel des amerikanischen Ruhms.“ Oder: „Die tapferen Mompoxinos öffneten mir die Türen, um über die Unterdrücker zu triumphieren.“ Den Unabhängigkeitsplatz im Herzen der Stadt überlässt der Vaterlandsvater allerdings als galanter Ehrenmann einer Statue der Freiheitsgöttin, die in der einen Hand ein Schwert und in der anderen die durchtrennte Kette des spanischen Jochs hält, ein Geschenk der Franzosen, eine tropische Schwester der Marianne. Heute wirkt der Heldenmut der Mompoxinos indes etwas fremd, wenn nicht sogar befremdlich angesichts der trägen Friedfertigkeit und unerschütterlichen Gelassenheit dieses Ortes, der längst genug zu tun hat mit seinem Kampf gegen die Hitze.

Ein Zwitterwesen der Epochen

Vielleicht verliert man auch allen Heldenmut, wenn man die Vanitas mundi so grausam erleben musste wie Mompox. Ruhm und Reichtum verschwanden fast über Nacht, als der Río Magdalena im neunzehnten Jahrhundert endgültig versandete und die Stadt all ihrer strategischen Privilegien beraubte. Plötzlich wurde aus der Heldenhaften, Bewunderten, Gefeierten ein Dornröschen, vergessen und verloren in einer aquatischen Welt, von keinem Prinzen wachgeküsst, weil ihnen allen der Weg zu beschwerlich war in die schwüle, heiße Tiefebene. Mompox verlor seine Bedeutung, aber nicht seine Schönheit, denn nichts und niemand rührte sie an, kein Retter, kein Fortschritt, kein Investor. Mompox verabschiedete sich in seine eigene Zeit und scheint noch immer in ihr gefangen zu sein, wenn es denn überhaupt eine Gefangenschaft ist und nicht eine heilsame Flucht aus dem Getriebe der Welt. Und Mompox hatte das Glück, nicht das Schicksal vieler ihrer ateinamerikanischen Kolonialschwestern teilen zu müssen, die sanglos entschliefen und zu einem agonischen Schatten ihrer großen Vergangenheit wurden.

Mompox wurde nicht vergessen, sondern 1959 zum kolumbianischen Nationalmonument und 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt – als lebendiges Relikt einer Zeit, die es gar nicht mehr gibt, als Zwitterwesen der Epochen, das mit seiner Zeitlosigkeit zahllose Schriftsteller und Sänger inspiriert hat, wovon überall in der Stadt Marmortafeln mit Zitaten und Versen Zeugnis ablegen. Vierundvierzigtausend Einwohner hat Mompox heute, die ideale Größe, um die Balance aus Selbstgenügsamkeit ohne Selbstvergessenheit und Betriebsamkeit ohne Getriebenheit zu finden. Das spürt man spätestens dann, wenn man auf dem Unabhängigkeitsplatz neben der tropischen Marianne sitzt und in aller Seelenruhe ein halbmeterlanger Leguan vorbeispaziert, den Kopf hebt, als wolle er den Besucher freundlich grüßen, ein wenig vom Grünzeug der Beete nascht und dann ohne eine Spur der Eile davontrottet. Von den Einheimischen wird er gar nicht beachtet, die auf den Bänken unter Mangobäumen und Magnolien dösen, plaudern, tratschen oder auf dem Platz der Tamarinden im Sortiment des Bouquinisten stöbern, der neben gottesfürchtiger Literatur auch die gesammelten Werke des Nationalhelden Gabriel García Márquez und allerlei über Pablo Escobar verkauft, den übermächtigen Antihelden Kolumbiens, von dem das Land bis heute nicht loszukommen scheint.

Wundermittel gegen die Versuchungen des Leibhaftigen

Mompox hat es nie eilig, schon gar nicht mit seiner Rückkehr in die Gegenwart. Man sieht mehr Eselskarren als Autos, die Mopeds rumpeln meist im Schritttempo durch den Staub, das gängigste Verkehrsmittel ist ohnehin das Fahrrad, und an den Straßenlaternen laden öffentliche Anschläge mit Traueranzeigen das gesamte Städtchen zur Beerdigung von Doña Eulalia oder Don Onofre ein, die ihr Leben als rechtschaffene Christen beendet haben, so wahr ihnen Gott helfe. Hunde verdösen den Tag, Hühner begrüßen ihn gackernd, am lautesten sind die altertümlichen Lautsprechervehikel, die plärrend durch die Straßen fahren, um dieses und jenes anzupreisen, Federkernmatratzen, Haushaltswaren, Stadtratskandidaten, Wundermedizin, Seelenrettung. Jede Durchsage klingt identisch, so dass man ganz genau hinhören muss, um zu verstehen, mit welchem Angebot man sich Rückenschmerzen und mit welchem den Leibhaftigen vom Leib halten kann. Ansonsten herrschen eine tropische Trägheit bar jeder Traurigkeit und die Gemächlichkeit eines Lebens, das morgen so aussieht wie gestern und im nächsten Jahr nicht viel anders als im vorigen, immer wieder dekoriert mit Szenen wie aus dem Fundus des Magischen Realismus – etwa wenn ein Moped vorbeiknattert, auf dem ein Junge als Sozius sitzt und versonnen ganz für sich Akkordeon spielt.

Der Vergangenheit am nächsten kommt man am Malecón, an der Uferpromenade entlang des Río Magdalena, an der Lateinamerika eine Traumverwandlung in ein Europa erlebt, das sich in die Tropen verirrt zu haben scheint. Sie ist für Fußgänger reserviert, die unter Arkadengängen in Cafés und Restaurants auf Korbsesseln und Schaukelstühlen wie einst die Nachfahren der Konquistadoren sitzen oder im Portal de la Marquesa, drei besonders herrschaftlichen Häusern mit hohen, hölzernen Säulenveranden, Alexander von Humboldt zuprosten – der „Vater der modernen Geographie“ habe genau hier auf seiner Amerika-Reise Quartier genommen, verkündet eine Tafel mit dem angemessenen Stolz. Und man wunderte sich nicht, wenn er gleich an einem vorbeischritte und höflich seinen Hut lüftete. Denn es herrscht eine so wunderbar zeitlose Stimmung am Malecón, so zufrieden und gelassen, dass jeder Gedanke an eine Veränderung einem Sakrileg gleichkäme, obwohl Veränderungen selbst in Mompox unvermeidlich sind.

Chronik eines angekündigten Erwachens

Seit die „Chronik eines angekündigten Todes“ von Gabriel García Márquez mit Ornella Muti und Rupert Everett 1987 in Mompox verfilmt und der Ort anschließend zur Kulisse vieler kolumbianischer Telenovelas wurde, hat er ein zartes, drittes Leben als Touristenziel begonnen. Und seit vor fünf Jahren endlich Frieden zwischen den Guerrilleros und der kolumbianischen Regierung geschlossen wurde, deren Truppen sich in der „depresión momposina“ erbitterte Kämpfe geliefert hatten, wächst aus der zarten Pflanze langsam ein Bäumchen heran. Immer mehr Boutique-Hotels nisten sich in den Innenhöfen ein, immer mehr Juweliergeschäfte mit dem typischen filigranen Schmuck eröffnen in den Kolonialhäusern. Auch die eine oder andere teure italienische Espresso-Maschine gibt es schon in den Cafés, und der kleine Flughafen wird gerade modernisiert, auch wenn ungewiss ist, wann dort wieder nennenswerter Betrieb herrschen wird. Denn in Zeiten von Corona hält das Dornröschen am Río Magdalena nun wieder ein ausgedehntes Nickerchen. Es könnte sein letztes sein.

Noch aber kann man ganze Tage an der Uferpromenade verbringen und auf den Fluss blicken, der nicht mehr von Schiffen voller Gold befahren wird, sondern nur noch von einem rostigen Ausflugsdampfer mit rachitischem Motor, von paddelnden Fischern in ihren Einbäumen, von drei abenteuerlich zusammengezurrten Schaluppen, die als schwankende Autofähre dienen. Stunde um Stunde schaut man dem Río Magdalena zu, wie er gemächlich ins Nirgendwo fließt, verliert dabei seine eigenen Ziele aus den Augen und sich in Gedanken darüber, ob das Abstrampeln im Leben überhaupt lohnt, ob man wirklich so ausdauernd nach der Wurst am Haken schnappen muss, und weiß schon nicht mehr, wer der wahre Narr ist. Vielleicht ist es ja gar nicht der verrückte Tropen-Tarzan, der immer wieder in den Fluss zu den Leguanen und Kaimanen springt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot