Luxushotel in der Toskana

Zuflucht bei Zikaden und Leoparden

Von Jakob Strobel y Serra
27.07.2021
, 06:53
Luxus ohne Prunk:  Die Hotelgäste sollen nie vergessen, wo sie sind.
So schön kann der Schein sein: Hoch auf einem Hügel mitten in der Toskana liegt das Castello di Casole, das sich von einer Bauernherrschaft in ein Luxushotel verwandelt hat, ohne seine Vergangenheit zu verleugnen.

Zypressenalleen haben keine Zugbrücken. Wäre es anders, zögen wir sie jetzt hinter uns hoch und verabschiedeten uns vom Lärm und Wahn der Welt, um in unserem Bergdorf dort oben am Ende der Allee unsere Ruhe zu finden. Wie eine Vorankündigung des himmlischen Friedens thront das Castello di Casole auf einem Hügel im Herzen der Toskana, gut versteckt vor den Fährnissen des Lebens zwischen Siena und Volterra, umgeben von einer Traumlandschaft wie aus dem Sehnsuchtskatalog der gleichnamigen Fraktion. Unser Blick wandert über eine wogende Landschaft aus Wein und Weizen und Wäldern voller Wildschweine und Trüffel, gespickt mit Dutzenden von Hügeln, auf denen weitere Wehrdörfer residieren, alle stolz auf Augenhöhe mit dem unseren, aber keines so schön wie unseres. Nur der Wind in den Pinien und Zypressen ist zu hören, nur die Zikaden geben während der heißen Tagesstunden nimmermüde ihr Konzert, um sich in den Dämmerungen von den Vögeln ablösen zu lassen. Sonst herrscht eine Stille im Castello di Casole, die in diesen hysterischen Tagen wie eine Heilkraft wirkt.

Seit mehr als tausend Jahren leben Menschen auf diesem Hügel. Im Jahr 998 erbauten sie einen Wehrturm, der die Pilger auf der Via Francigena vor Wegelagerern schützen sollte, diesem Netz aus Wallfahrtswegen, die sich wie die Adern des Glaubens von Canterbury bis nach Rom durch den ganzen Kontinent zogen. Aus dem Turm erwuchs ein Dorf und aus dem Dorf eine Herrschaft mit großer Landwirtschaft ringsum, der Stammsitz des Hauses Bargagli. Das fromme Geschlecht, das mehrere Päpste in seiner Ahnengalerie hat, bewohnte ein stattliches, fein verputztes Herrenhaus im toskanischen Stil, während sich die Untertanen mit Gebäuden aus Bruchstein und Backstein zufriedengeben mussten, die uns standesunbewussten Laien fast schöner erscheinen als der Palazzo.

Fünfhundert Menschen lebten zu den besten Zeiten im Castello di Casole, das einige Male seine aristokratischen Besitzer wechselte, bevor es in den fünfziger Jahren von Edoardo Visconti di Modrone, Graf von Lonate Pozzolo, gekauft wurde, dem älteren Bruder des Filmregisseurs Luchino Visconti – und eine zweite Karriere als diskrete Trutzburg des italienischen Jetsets begann, in der rauschende Partys ganz ohne Paparazzi gefeiert wurden und sich Superstars wie Sofia Loren oder Anna Magnani die Klinke in die Hand gaben.

Gottesfürchtiger Tribut an Gottes Stellvertreter

Die dritte und demokratischste Karriere des Castello di Casone begann 2012: Es öffnete seine Tore für alle Menschen, die nun weder Ruhm noch Stand als Eintrittskarte mitbringen mussten, sondern nur noch ein gut gefülltes Portemonnaie, um sich in die fürsorglichen Hände des Luxusreiseunternehmens Belmond zu begeben. Seit neun Jahren besitzt und betreibt es ein sehr komfortables Hotel auf dem Hügel, eines der emblematischsten Objekte dieser Firma feinster Adressen, die ihrerseits zum riesigen Kosmos des Luxuskonzerns LVMH gehört und in ihrem Portfolio neben den Nostalgiezügen Venice Simplon-Orient-Express, Royal Scotsman, Eastern & Oriental Express berühmte Häuser wie das Cipriani in Venedig, das Splendido in Portofino oder das Reid’s auf Madeira versammelt.

Bruchstein statt Marmor: Auch die Häuser der einstigen Dorfbewohner sind jetzt Teil des Hotels – allerdings ausgestattet mit allem Komfort.
Bruchstein statt Marmor: Auch die Häuser der einstigen Dorfbewohner sind jetzt Teil des Hotels – allerdings ausgestattet mit allem Komfort. Bild: Belmond

Die äußere Anmutung des Bergdorfs wurde nicht angetastet, das hätte der italienische Denkmalschutz auch gar nicht geduldet. Das Herrenhaus ist immer noch im typischen Ockergelb der Toskana gestrichen, im alten Ofen aus dem siebzehnten Jahrhundert werden bis heute Pizzen gebacken, und die Dorfstraße mit Schule und Ställen, Kirche und Pfarrei, Weinkeller und der Orangerie für die Zi­tronenbäume sieht so original aus, dass man sich unwillkürlich fragt, wo die ganzen Kühe und die spielenden Kinder geblieben sind. Doch all das ist nichts als schöner Schein, weil sämtliche Winkel des Wehrdorfes inzwischen in luxuriöse Suiten und Apartments verwandelt worden sind, während im ehemaligen Fasskeller das Spa Unterschlupf gefunden hat – nicht mehr Feudalherren mit ihren Untertanen wohnen hier, sondern Gäste, die von Angestellten mit Tariflohn umsorgt werden, so macht gesellschaftlicher Fortschritt Spaß. Nur die Privatkapelle der Bargagli verweigert sich der Metamorphose und ist immer noch im Besitz der Familie, verschlossen, unzugänglich, abweisend, vielleicht ein gottesfürchtiger Tribut an die Stellvertreter Gottes im Stammbaum.

Wann taucht Burt Lancaster auf?

Auf Prunk und Protz wird trotz allem Luxus indes vollständig verzichtet. Die Fürsten von einst waren zwar Feudalherren, aber auch Landmänner, und das soll man bis heute spüren. Suiten und Apartments sind in einem unprätentiösen Re­tro-Stil hart an der Grenze zur Schlichtheit ausgestattet, die Armaturen im Bad imitieren altertümliche Vorbilder, an den Wänden hängen vergilbte Landkarten und Familienwappen, Bauernmobiliar dominiert, kein Blattgold mit Rokoko-Schnörkeln, und Terrakotta ist häufiger zu sehen als Marmor. Schnäppchen sind auf dem Hügel allerdings nicht zu machen, die Zimmerpreise können mitunter vierstellig werden, und wer sehr viel länger bleiben will, kann sich eine der privaten Villen zulegen, die demnächst dezent in die Landschaft gebaut werden sollen – zum fürstlichen Preis von sechs bis zwölf Millionen Euro.

Ein Jahrtausend lang versorgten sich die Menschen im Castello di Casole selbst. Das ist jetzt wieder das Ziel.
Ein Jahrtausend lang versorgten sich die Menschen im Castello di Casole selbst. Das ist jetzt wieder das Ziel. Bild: Belmond

Immerhin bekommt man dafür ein Zweit- oder auch Zehntzuhause auf geschichtsträchtigem Terrain. Als im neunzehnten Jahrhundert ein Spross des Hauses Bargagli mit starkem Interesse an der Archäologie rund um sein Herrenhaus nach der Vergangenheit graben ließ, stieß er auf ganze Berge etruskischer Artefakte. Die Collezione Bargagli sollte zu einer der bedeutendsten Sammlungen prärömischer Kunst in Italien werden und ist heute in einem eigenen Museum in Casole d’Elsa zu sehen. Für das Castello di Casole sind einige Exponate übrig geblieben, Urnen aus Travertin, Vasen aus Ton, Keramik mit schwarzer Lasur, die heute im Spa und in der Bibliothek ausgestellt werden. Den Künsten der jüngeren Vergangenheit wiederum werden in der Bar Visconti die Honneurs gemacht.

Fotografien zeigen den Meister bei der Arbeit am Filmset und Szenen aus seinen Hauptwerken wie „Der Leopard“ oder „Tod in Venedig“. In Zukunft will man noch mehr Wert auf das filmische Erbe des Hügels legen und zum Beispiel zur Film-Soirée bei der künstlichen Tuffsteingrotte laden, in der Visconti am liebsten saß, um sich inspirieren zu lassen. La Dolce Vita soll wieder zum Leben erweckt werden, doch schon jetzt wunderten wir uns nicht, schlenderte Burt Lancaster im Gewand des Gattopardo im nächsten Augenblick über die Pergola.

Der Spleen der Rosenzüchter

Er würde wahrscheinlich im Vorbeigehen eine Blume pflücken, denn der schöne Schein des Wehrdorfes wird heute im Gegensatz zu früher mit Abertausenden von Blumen und Kräutern dekoriert. Ganze Gärten voller Rosmarin und Thymian haben die Misthaufen ersetzt, überall blühen Geranien, Schwertlilien und Hortensien, Lavendel, Bleiwurz und Yasmin, und im Rosengarten mit seiner Fontäne und den viertausend Sträuchern sind gleich zweiundzwanzig verschiedene Sorten angepflanzt – deren Namen verraten, dass Rosenzüchter tatsächlich einen Spleen haben. White Baby, Big Bang, Sally Holmes, Heidi Klum, Eyes For You oder Iceberg Burgundy sind jedenfalls keine Bezeichnungen, die aus einer nüchternen Botanikerstube stammen.

Keine Illusion, sondern schon ein weit fortgeschrittenes Projekt ist hingegen die Idee der Selbstversorgung des Castello di Casole. So wie fast ein Jahrtausend lang soll es sich selbst genügen und dank seiner viertausend Hektar Land so autark wie möglich sein. Es gibt eine eigene Stromerzeugung und Wasserversorgung, das Wild schießt man selbst, und auf anderthalb Hektar Fläche wird der Hauswein angebaut, eine fruchtige, leicht zu trinkende Cuvée aus Sangiovese, Cabernet und Petit Verdot. Auch das Olivenöl und der Honig stammen aus eigener Produktion, demnächst wird man die Pasta aus dem Getreide rings um den Hügel machen, selbstverständlich ökologisch wie alles andere auch.

Das ist die neue Definition von Luxus: Man will die Welt nicht länger für sein eigenes Vergnügen plündern, sondern in Harmonie mit ihr leben. Und wir wollen hier oben am liebsten die Welt mit all ihren Inzidenzen und Bizarrerien ganz vergessen, um es uns auf diesem Hügel der Autarkie in einer illusionistischen Vergangenheit bequem zu machen, die uns den tröstlichen Irrglauben schenkt, dass früher alles besser war.

Castello di Casole – A Belmond Hotel, Località Querceto, I-53031 Casole d’Elsa, Telefon: 00 39/05 77/96 15 01, www.belmond.com. Zimmer mit Frühstück ab etwa 700 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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