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„1822-Neujahrskonzert“

Vom köstlichen Witz des Alltagswahnsinns

Von Harald Budweg
Aktualisiert am 09.01.2012
 - 19:42
Zum 15.Mal gestaltete die Junge Deutsche Philharmonie in der Alten Oper Frankfurt das „1822-Neujahrskonzert“.

Kinder, wie die Zeit vergeht: Branchenkenner erinnern sich noch gut an den Tag, als die Verantwortlichen der Stiftung der Frankfurter Sparkasse, der Alten Oper und der Jungen Deutschen Philharmonie die Entscheidung trafen, jeweils zum Jahresbeginn ein großes Neujahrskonzert zu bieten. Dabei sollte es von Anbeginn nicht darum gehen, Wien Konkurrenz zu machen - eine Beschränkung auf die Musik der Strauß-Dynastie war nicht vorgesehen, doch niveauvoll unterhaltsam darf die Programmfolge durchaus sein. Kaum zu glauben allerdings, dass das in diesem Jahr mit abermals großem Erfolg veranstaltete Konzert schon das 15. dieser Reihe gewesen ist. Es war auch das fröhlichste, denn die gewählten Werke schilderten karnevalistisches Treiben, Narrenstreiche, aus dem Ruder laufende Bälle und allerhand Absurditäten - dies alles wie stets unter dem Aspekt, die spezifischen Qualitäten der Jungen Deutschen Philharmonie in ein helles Licht zu rücken.

Die Ouvertüre „Le carnaval romain“ op.9 von Hector Berlioz war dafür ein denkbar geeigneter Einstieg, die den unter der Leitung des israelischen Dirigenten Ilan Volkow musizierenden jungen Musikern nicht als „Warmspielstück“ diente, sondern zur Demonstration delikater Klangfarben und wohlkalkulierter dynamischer Prozesse. Somit war der Boden bereitet für die ausladendere Sinfonische Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ op.28 von Richard Strauss, die bestimmte, hörend leicht nachvollziehbare schalkhafte Situationen schildert, was den Instrumentalisten plastisches Gestalten der Themen und Entwicklungen abverlangt. Auch dieser Programmpunkt gelang prächtig.

Skurril und überfällig

Zu den interessantesten Beiträgen dieses Abends gehörte auch ein im Jahr 2002 konzipiertes Konzertstück für Trompete und kleines Orchester des Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann, das dieser für den aus Gorki stammenden Virtuosen Serge Nakariakow geschrieben hat. Der Titel „Ad absurdum“ ist bei dieser Musik gewissermaßen Programm: Ad absurdum geführt wird die Epoche virtuoser Höchstleistungen, wie sie Paganini und andere Komponisten seiner Zeit begründet haben. Widmanns wahrhaft atemberaubendes, nur durch Zirkularatmung zu bewältigendes Stück kennt als einzige Tempovorschrift „Prestissimo sempre“ - eine für den Solisten kaum zu bewältigende wilde Jagd, ein ewiges Dauergewusel, bevor am Ende der Trompeter an seiner eigenen Virtuosität zu „ersticken“ scheint. Zu den witzigsten Momenten gehört es, wenn der Solist sich einen Augenblick lang Ruhe gönnen darf, weil die Bewegung der unentwegt fortschreitenden Prestissimo-Hetze von einer Drehorgel übernommen wird.

Wesentlich skurriler, aber auch makabrer wirkte nach jahrzehntelanger Abstinenz die überfällige, noch immer verblüffend modern und zeitnah wirkende Wiederbegegnung mit Bernd Alois Zimmermanns „Musique pour les soupers du roi Ubu“ aus dem Jahr 1966: Der Komponist hatte sie als äußerst unkonventionellen Beitrag für seine damals neue Mitgliedschaft in der West-Berliner Akademie der Künste geschrieben, wo man von ihm eine Art „Einstandsmusik“ erwartete. Das noch heute äußerst frisch wirkende Geniestück in sieben Sätzen, das naturgemäß auf Jarrys Theaterstück Bezug nimmt, ist musikalisch als riesige Collage gestaltet: Dutzende und Aberdutzende musikalischer Zitate durchziehen das Werk. Einige davon - der Beginn der Beethovenschen „Pastorale“, Bachs Brandenburgische Konzerte, besonders markant im abschließenden „Marche du décervellage“ die Kopplung des „Gangs zum Richtplatz“ aus Berlioz’ „Symphonie fantastique“ mit Wagners Walkürenritt aus dem „Ring des Nibelungen“ - fallen regelrecht ins Ohr, andere erfordern den Kenner. Zwischen den Sätzen hat Zimmermann einige Couplets eingefügt, die nach seinem Willen von einem Conférencier vorgetragen werden und durchaus aktuell „die jeweilige politische oder kulturelle Situation des betreffenden Ortes oder Landes“ spiegeln sollen.

Etwas weniger befriedigend als erwartet

Vor knapp drei Jahrzehnten, in schärferen politischen Zeiten also, als dieses Stück schon einmal in der Alten Oper aufgeführt wurde, hatte der Schriftsteller Ludwig Harig diesen Part übernommen und sich durchaus den Ärger und Protest einzelner Konzertbesucher eingehandelt. Diesmal war der nicht weniger brillante Kabarettist Konrad Beikircher zugange und erntete ausschließlich fröhlichen Applaus für seine Schilderungen des allzu täglichen Wahnsinns in ausgesuchten, auf die Thematik der Komposition eingehenden Fallbeispielen, wobei so manche politische Mine losgetreten wurde, eine mehr oder weniger dezente Anspielung auf den Fall Guttenberg nicht fehlte und sogar Ernst Jandls „schtzngrmm“ rezitiert wurde. Bei früheren Aufführungen ist leider stets versäumt worden, nach der Einstudierung dieses Werks einen befriedigenden Tonträger zu produzieren, weshalb diese Musik nur unter großen Schwierigkeiten im Handel zu erhalten ist. Man kann nur hoffen, dass wenigstens diesmal die Gelegenheit ergriffen wird.

Mit Maurice Ravels „La valse“ endete das Konzert etwas weniger befriedigend als erwartet, weil Ilan Volkow nach exemplarischen Interpretationen der Werke von Berlioz, Strauss, Widmann und Zimmermann in seltsamer Gleichförmigkeit durch die Partitur eilte, sich einige Nuancen und Klangfarbenabstufungen entgehen ließ. Dessen ungeachtet war es insgesamt jedoch ein inspirierender Konzertabend auf hohem Niveau, gekrönt von zwei Johann-Strauß-Zugaben: der Schnellpolka „Unter Donner und Blitz“ und dem bekannten „Perpetuum mobile“.

Quelle: F.A.Z.
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