Kunst-Schenkung

Zweite Heimat Museum

Von Katharina Deschka
05.05.2021
, 18:24
Über Jahrzehnte sammelten Jan und Friederike Baechle Gemälde des 19. Jahrhunderts. Die Kollektion geht jetzt an das Museum Wiesbaden. Damit rückt der Plan einer Galerie mit Gemälden aus jener Zeit näher.

Für Jan Baechle ist das Museum Wiesbaden so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Über Jahrzehnte hinweg ist zwischen Baechle und den Mitarbeitern des Museums ein enger und freundschaftlicher Kontakt entstanden. Nicht nur engagierte sich Baechle viele Jahre im Kuratorium des von ihm mitgegründeten Fördervereins „Freunde des Museums Wiesbaden“. Sondern er entwickelte 2005 mit seinen „Depotfrühschoppen“ ein ganz eigenes und überaus beliebtes Format der Kunstvermittlung: Jedes Jahr im November stellte er Werke vor, die er aus den Tiefen des Museumsdepots gezogen hatte. Es kamen immer hundert Zuhörer zusammen, wenn er die Gemälde mit Vorträgen und einer Ausstellung zurück ins Licht der Aufmerksamkeit brachte.

Im Museum Wiesbaden sei Jan Baechle Kult, beschreibt Kustos Peter Forster das Wirken des umtriebigen Kunstfreunds. Forster war es ja auch, der mit Baechle regelmäßig die Depots für den „Frühschoppen“ durchstöberte und dadurch selbst lohnenswerte Entdeckungen machte, wie er berichtet. Jetzt aber sei er durch Baechle ein „glücklicher Kustos“, sagt Forster.

Galerie des 19. Jahrhunderts

Denn Baechle hat dem Museum Wiesbaden Ende des vergangenen Jahres seine private Gemäldesammlung vermacht, 30 Werke, die den Museumsbestand bedeutend ergänzen – besonders, weil Jan Baechle und seine Frau Friederike über Jahrzehnte Gemälde des 19. Jahrhunderts gesammelt haben, sagt Museumsdirektor Andreas Henning, der die Schenkung am Dienstag vorstellte. Geplant sei im Wiesbadener Museum schon lange eine „Galerie des 19. Jahrhunderts“, berichtet der Direktor.

Dank der großzügigen Geste Baechles rücke deren Einrichtung einen weiteren großen Schritt näher. Mit der Präsentation der Gemälde des 19. Jahrhunderts wolle Wiesbaden an die Gründerzeit des Museums anschließen und die kunsthistorische Entwicklung zu Jugendstil und Moderne anschaulich machen, sagt Henning.

Aber auch mit ihrem regionalen Schwerpunkt, besonders auf Künstlern der Kronberger Malerkolonie, und dank ihrer Qualität sei die Schenkung für sein Haus ein „glückliches Ereignis“.

Als er in den achtziger Jahren mit einer Ansicht von Kronberg des Malers Fritz Wucherer anfing zu sammeln, sei es nicht üblich gewesen, das 19. Jahrhundert schön zu finden, berichtet Baechle, der früher bei der Commerzbank beschäftigt war, zuletzt zuständig für Mittel- und Osteuropa.

In jüngerer Zeit habe sich das geändert und die Kunst des 19. Jahrhunderts finde größeren Anklang, hat er beobachtet. Überwiegend Landschaftsmalerei haben Jan und Friederike Baechle erstanden, die er besonders ansprechend findet, aber auch Porträts und Stillleben.

Eine Reihe von Künstlern wie Max Liebermann, Eugen Spiro, Carl Morgenstern, Anton Burger und Johann Heinrich Hasselhorst zählt Forster auf, wenn er die Kollektion beschreibt, von Hans Thoma zeigt er das 1874 nach einer Reise entstandene Gemälde „Erinnerung an Orte“ und Wilhelm Trübners „Unbekannte Dame nach rechts“ von 1882.

Hauptwache – Der F.A.Z. Newsletter für Rhein-Main

Werktags um 21.00 Uhr

ANMELDEN

Die klassische Moderne ist ebenfalls in der Sammlung vertreten. Zwei Werke von Ernst Wilhelm Nay, sagt Forster, präsentiere sein Kollege Roman Zieglgänsberger jetzt in einem eigens eingerichteten Nay-Raum.

Mit seiner Frau Friederike hatte Jan Baechle ursprünglich beschlossen, die Sammlung dem Museum testamentarisch zu vermachen. Nachdem seine Frau 2019 gestorben war, entschloss sich Baechle jedoch, die Gemälde schon zu seinem 80. Geburtstag an das Museum zu geben. Dies sei ein lohnender Entschluss, findet Forster: Jetzt könnten Baechle und er zusammen die Gemälde in der Ausstellung sehen und feiern.

Schon der Stifter Ferdinand Wolfgang Neess habe sich 2017 dazu entschieden, dem Museum Wiesbaden seine exquisite Jugendstilsammlung zu Lebzeiten anzuvertrauen, sagt Henning: An der Eröffnung der Dauerausstellung seiner Kollektion konnte er sich noch erfreuen. Überhaupt erlebe das Haus seit einigen Jahren eine besondere Wertschätzung durch Kunstsammler.

Nach den Schenkungen Ursula Graeff-Hirsch (2010), Galina Manewitsch (2013) sowie Marianne und Wirnt Rick (2013) verfügte Frank Brabant 2017, dass seine Werke der Klassischen Moderne nach seinem Tod an das Museum Wiesbaden sowie das Staatliche Museum Schwerin gehen werden.

Auf Mäzene angewiesen

Dass Mäzene die Sammlungstätigkeit des Museums Wiesbaden unterstützten, darauf sei das Haus in erheblichem Maße angewiesen, sagt Henning: „Hätten wir die Werke der Schenkung Baechle auf dem freien Kunstmarkt erwerben müssen, wäre der Etat von mehr als einer Dekade notwendig gewesen.“

Seine Entscheidung, sich von den Gemälden zu trennen, hat Baechle nicht bereut: „So gut wie heute haben die Bilder noch nie gehangen“, sagt er. „Und wenn ich mal gar nicht weiß, was ich anfangen soll mit dem Tag, dann gehe ich ins Museum und schaue mir die Bilder an. “ Noch muss er sie alleine betrachten.

Denn eigentlich hätte die Sammlung von November an in der Schau „Exquisit. Kunst des 19. Jahrhunderts. Die Schenkung Friederike und Jan Baechle“ zu sehen sein sollen. Dann kam der Lockdown. Bis zum 26. September wurde die Präsentation nun verlängert. Zur Finissage möchte Baechle seinen Geburtstag in der Wandelhalle des Museums nachfeiern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deschka, Katharina
Katharina Deschka
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot