Achtsamkeitstraining

Mit Meditation das Trauma bekämpfen

Von Stefan Toepfer, Frankfurt
02.09.2013
, 18:41
Konzentration: Eine Frau sitzt in einer für Yoga-Übungen typischen Haltung. Psychotherapeuten der Goethe-Universität wollen zeigen, dass Yoga und Achtsamkeitstraining traumatisierten Menschen helfen können.
Psychologinnen der Goethe-Universität suchen nach neuen Wegen, um Patienten zu helfen, die Gewalt erlebt haben. Ein Achtsamkeitstraining könnte helfen, deren Leiden zu verringern.

Frankfurt. Meike Müller-Engelmann und Franziska Schreiber wollen neue Erkenntnisse für die Behandlung von Trauma-Patienten gewinnen. Die beiden Psychologinnen arbeiten an der Verhaltenstherapie-Ambulanz im Institut für Psychologie der Goethe-Universität und suchen noch Patienten, die sie bei ihren Studien unterstützen wollen. In drei Untersuchungen möchten sie gemeinsam mit ihren Kollegen herausfinden, wie Achtsamkeitstraining traumatisierten Erwachsenen helfen kann, ob junge Leute im Alter zwischen 14 und 21Jahren auf eine neu entwickelte Therapie ansprechen und wie emotional besonders instabile Patienten unterstützt werden können, denen in ihrer Kindheit und Jugend Gewalt angetan wurde.

Müller-Engelmann sagt, die Wirksamkeit des „Mindfulness-Based Stress Reduction“ genannten Achtsamkeitstrainings sei bereits bei vielen körperlichen und psychischen Störungen nachgewiesen worden. „Achtsamkeitsbasierte Verfahren nehmen mittlerweile in der Psychotherapie einen großen Raum ein“, urteilt Heike Winter, stellvertretende Vorsitzende der Landeskammer für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Hessen. Winter, die in Offenbach als Verhaltenstherapeutin arbeitet und Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Ausbildungsprogramms Psychologische Psychotherapie an der Goethe-Universität ist, fügt hinzu: „Es gibt seit etwa zehn Jahren ein sehr großes Forschungsinteresse, und die Wirksamkeit dieser Ansätze konnte gut belegt werden.“

In Kooperation mit Trauma- und Opferzentrum

Nun soll eine Pilotstudie an der Verhaltenstherapie-Ambulanz ein erster Schritt sein, um zu zeigen, dass Übungen wie Sitz- und Gehmeditationen, Yoga und weitere Übungen auch Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung helfen können. Müller-Engelmann zufolge ist dies die erste Studie in Deutschland dazu, eine ähnliche Untersuchung gab es vor drei Jahren an der Universität Maryland. „Wir gehen davon aus, dass die Patienten durch die Förderung von Achtsamkeit ihren hohen Leidensdruck verringern können“, sagt die Psychotherapeutin. Den Teilnehmern solle geholfen werden, „mit ihrem emotionalen Erleben wieder mehr in Einklang zu kommen, ohne dass dafür eine explizite Konfrontation mit den belastenden Erinnerungen notwendig ist“. Elemente von Achtsamkeitstraining sind schon jetzt Bestandteil kognitiv-verhaltenstherapeutischer Verfahren. „Diese sind aber meistens sehr belastend“, so Müller-Engelmann. In ihnen sollen die Patienten das traumatisierende Ereignis imaginativ nacherleben, so dass es bearbeitet werden kann. Müller-Engelmann kam auf die Idee, traumatisierten Patienten einen achtwöchigen Achtsamkeitskurs anzubieten - entweder als Vorbereitung auf eine gängige Therapie oder, bei einem günstigen Verlauf, als einzige Behandlung. „Traumatisierte Patienten neigen dazu, schmerzhafte Erinnerungen und Erfahrungen zu vermeiden. Ein achtsamer und akzeptierender Umgang mit dem eigenen Erleben soll einer weiteren Chronifizierung der Störung entgegenwirken.“

Zu dem Kurs gehören auch diagnostische Untersuchungen vor dem Beginn der Achtsamkeitsübungen und danach. Die Patienten werden außerdem gebeten, vorher und nachher Fragebögen auszufüllen. Müller-Engelmann will mit einer ersten Gruppe von neun bis zehn Patienten beginnen, der eine zweite folgen soll. Geleitet wird der Kurs von einer zertifizierten Lehrerin. Für mögliche Krisengespräche mit den Teilnehmern steht Müller-Engelmann zur Verfügung. Der Kurs wird in Kooperation mit dem Trauma- und Opferzentrum Frankfurt angeboten.

Auch für Erfahrungen mit sexueller Gewalt

Traumatisierte junge Leute zwischen 14 und 21 Jahren, die körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, hat die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Franziska Schreiber im Blick. Bei diesem Projekt arbeitet das Institut für Psychologie der Goethe-Uni mit der Freien Universität Berlin und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zusammen. Wie Schreiber schildert, wurde ein auf Jugendliche zugeschnittenes, sehr intensives Behandlungskonzept entwickelt, dessen Wirksamkeit nun überprüft werden soll. „Es gibt in einzelnen Beratungsstellen Skepsis wegen der Intensität der Behandlung“, so Schreiber. Nach elf bis zwölf vorbereitenden Stunden sind 15Therapiestunden in vier Wochen vorgesehen, das heißt die Jugendlichen sprechen fast täglich mit ihren Therapeuten. Insgesamt soll die Behandlung vier bis fünf Monate dauern. Schreiber sieht in den vielen Therapiestunden einen Vorteil. So könne das, was die Jugendlichen bewege, rasch besprochen werden. „Wir sind die ersten in Deutschland, die das so machen.“

Die Vorarbeiten für die Studie sind abgeschlossen. Nun soll jedes der drei Zentren 30Patienten gewinnen. 15 bekommen sofort einen Platz, 15 werden gebeten, den üblichen Weg zu gehen und sich einen Therapeuten außerhalb des Instituts zu suchen. Denn es soll auch geklärt werden, welche Folgen eine längere Suche für die Patienten haben kann - etwa die, dass sie notfalls in psychiatrische Kliniken aufgenommen werden müssen, weil ein ambulanter Therapieplatz nur schwer zu finden ist. „Wir wollen zeigen, wie wichtig es ist, ein spezialisiertes Angebot früh zur Verfügung zu stellen.“ Wer binnen sieben Monaten keinen Therapeuten gefunden hat, wird von der Verhaltenstherapie-Ambulanz in das Spezialprogramm aufgenommen.

Schließlich gibt es noch eine dritte Studie zur Behandlung traumatisierter Patienten. Sie wird von Müller-Engelmann koordiniert. Im Zentrum stehen Erwachsene, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle oder körperliche Gewalt erfahren haben, und die jetzt emotional instabil sind und sich beispielsweise selbst verletzen. Wie Müller-Engelmann schildert, wurde für diese Patientengruppe an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit ein Behandlungskonzept entwickelt, mit dem die Patienten stabilisiert werden, bevor die eigentliche Trauma-Bearbeitung beginnt. Das solle nun ambulant erprobt werden. Hierfür arbeitet die Goethe-Uni außer mit dem Mannheimer Institut mit der Berliner Humboldt-Universität zusammen.

Wer an einer der Untersuchungen teilnehmen will, findet auf der Internetseite der Verhaltenstherapie-Ambulanz, www.vta.uni-frankfurt.de, unter der Rubrik „Studien“ die nötigen Kontaktdaten.

Quelle: F.A.Z.
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