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„F.A.Z.-Leser helfen“

Der lange Lauf zurück ins Leben

Von Daniel Schleidt und Helmut Fricke
 - 16:07
Eine Legende in Kenia: Der blinde Marathonläufer Henry Wanyoike (links) fand den Mut für ein anderes Leben.

Natürlich ist er heute schon gelaufen - das ist doch keine Frage. Zwanzig Kilometer, Vierer-Schnitt, also vier Minuten für einen Kilometer, das ist für den Kenianer Henry Wanyoike normal. Was soll er auch machen, schließlich hat er ein großes Ziel, und dafür muss er trainieren, jeden Tag, bei Wind und Wetter. Bei den Paralympischen Spielen in Tokio will Wanyoike nächstes Jahr noch einmal zeigen, wozu er fähig ist, noch einmal Vorbild sein, noch einmal Mut machen, dass Blindheit ganz und gar nicht das Ende des Lebens bedeuten muss.

Dabei hat der heute 45 Jahre alte Goldmedaillengewinner das selbst einst gedacht. Als er am 1. Mai 1995 ins Bett ging, war alles normal, dann aber erlitt er einen Schlaganfall, und kurz darauf war Henry Wanyoike blind. Es war ein Schock, „plötzlich war es für immer Nacht“, erinnert er sich. Und auf einmal schien das Leben für ihn beendet zu sein. Blinde und sehbehinderte Menschen haben es in Kenia schwer, es fehlt an Aufklärung, an medizinischen Einrichtungen und an dem Geld, Behandlungen zu finanzieren. Blinde und Sehbehinderte sind überall in Afrika häufig isoliert, hoffnungslos, sie verdienen kein Geld, landen in tiefster Armut. Das hätte auch Henry passieren können.

Hilfe in einer scheinbar ausweglosen Situation

Aber es kam anders. Nach seiner Erblindung wähnte er sich in einer ausweglosen Situation, als er in das Krankenhaus nahe der kenianischen Hauptstadt Nairobi kam. „Hier wurde mir zum ersten Mal richtig geholfen“, sagt er. „Weil die Mitarbeiter mir den Mut gegeben haben, nicht aufzugeben.“ Das Kikuyu Hospital ist seitdem für ihn eine zweite Heimat. „Es ist ein Teil von mir.“ Deshalb kommt er immer wieder hierher zurück. Wanyoike will etwas zurückgeben von dem, was er hier einst bekommen hat.

Es ist ein heißer Tag, und Henry Wanyoike trägt ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „CBM“. Die Abkürzung steht für die Christoffel Blindenmission, die ihren Sitz im hessischen Bensheim hat und seit vielen Jahren die Augenklinik in Kikuyu finanziell unterstützt. Auch die Erlöse aus dem Spendenprojekt „F.A.Z.-Leser helfen“ kommen in diesem Jahr der Blindenmission und damit direkt zwei Augenkliniken in Kenia zugute. Mit dem Geld soll blinden Menschen geholfen werden, ihre Sehkraft zurückzugewinnen oder, falls sie wie im Fall von Henry Wanyoike nie wieder sehen können, ins Leben zurückzufinden.

Das gilt auch für Melshak Njeru. Die Sehkraft des heute 37 Jahre alten Mannes hat sich in den vergangenen Jahren Stück für Stück verschlechtert, inzwischen ist er vollständig erblindet. Njeru ist mit seiner Mutter nach Kikuyu gekommen, er trägt Turnschuhe, einen etwas zu engen, grauen Anzug und ein blaues Hemd. Nun steht er mit Lucy Warimu in der Low-Vision-Einheit des Krankenhauses, wo blinde Menschen lernen, mit ihrem Schicksal umzugehen. Warimu gibt ihm einen Taststock in die Hand, erklärt ihm, wie er ihn zu halten hat und was er tun muss, wenn er auf ein Hindernis trifft. Nach wenigen Minuten mit dem Stock huscht Njeru ein Lächeln über das sonst ausdruckslose Gesicht, er macht seine Sache gut.

Vom Blinden ohne Zukunft zur Legende

Henry Wanyoike weiß, wie wichtig es ist, nach einer Erblindung nicht sich selbst überlassen zu werden. Seine Betreuer in Kikuyu bewegten ihn damals dazu, an Reha-Maßnahmen teilzunehmen, er lernte Blindenschrift, machte eine Ausbildung zum Strickmeister und wandte sich schnell wieder dem Laufen zu. Die ersten Monate als blinder Läufer waren schwierig, immer wieder ging er zu Boden, riss sich Arme und Beine auf. Doch Wanyoike gab nicht auf, qualifizierte sich für die Paralympischen Spiele in Sydney - und wurde zur Legende. Noch heute kann man auf Youtube das Video eines blinden Mannes mit seinem sehenden Begleitläufer betrachten. Wanyoike lag beim 5000-Meter-Lauf in Führung, war auf dem Weg zur Goldmedaille, als sein Guide schlappmachte und zusammenbrach – und der Sieg plötzlich dahin schien. Doch Wanyoike zog seinen Helfer einfach hinter sich her, das Publikum wies ihm laut schreiend den Weg ins Ziel. Er gewann das Rennen. Seitdem ist er in Kenia eine Ikone.

Diese Bekanntheit stellt er in den Dienst der Mission, gegen Sehbehinderung und gegen Vorurteile gegenüber Blinden in Kenia anzukämpfen. Seine Stiftung setzt sich für behinderte Menschen, Arme und Waisenkinder ein, er sammelt Geld und kommt, so oft es geht, nach Kikuyu, wo immer noch Menschen mit dem gleichen Schicksal geholfen wird.

An dem von seiner Stiftung veranstalteten „Hope Run“ nehmen jedes Jahr Tausende teil. Der Zieleinlauf des Wettkampfs liegt mitten in der Klinik von Kikuyu – und jeder Teilnehmer kann sich danach unentgeltlich die Augen untersuchen lassen. Wanyoike weiß, dass seine Popularität dazu beitragen kann, dem noch zu wenig beachteten Thema Augenleiden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Deshalb trainiert er trotz seines Alters noch einmal für die Paralympics.

Marathon im gleichen Takt

Paul Kihumba ist dabei ständig an seiner Seite, bei jedem Lauf sind Henry und Paul mit einer kleinen Schnur miteinander verbunden, laufen im gleichen Takt, mit derselben Schrittlänge. Wenn Paul die Hand hebt, weiß Henry, dass er sein Bein heben muss, weil ein Hindernis kommt. Wenn er zu langsam ist, zieht er an der Schnur, wenn er zu schnell ist, berührt er seine Hand. 150 bis 200 Kilometer laufen sie zusammen, jede Woche.

Nach dem Triumph von Sydney war Wanyoike auch häufig in Deutschland, lief unter anderem 2005 den Frankfurt Marathon, in 2:36:34 Stunden. Heute ist der vierfache Vater Behindertenbeauftragter des Landkreises Kiambu nahe Nairobi, vergibt Kleinkredite, veranstaltet Seminare und hält Vorträge. Und er geht laufen. Manchmal sei das mühsam in Kenia, weil es nur wenige Strecken gibt, auf denen Läufer kilometerlang einfach nur geradeaus joggen können. Die meisten Pisten sind uneben, bergen Hindernisse wie Steine, plötzliche Kurven und sind mit Gräben durchzogen.

Doch davon lässt sich Henry Wanyoike nicht abbringen. Er habe schon größere Hürden gemeistert, sagt er. Genau das will er den Blinden und Kranken in Kikuyu vermitteln. Dann sagt er ihnen, dass er selbst einst in ihrer Situation war. Dass er heute ein Champion sei. Und dass auch sie ein Champion werden können. „Das ist es, was mich antreibt, mehr als eine Goldmedaille.“

Quelle: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat, sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.
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Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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Redaktionsfotograf.
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