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Alte Kennzeichen

Keine Rückkehr zu „Südwestafrika“ auf dem Auto

Von Oliver Bock, Bad Schwalbach
 - 13:20

Die Auswahl eines Wunschkennzeichens gehört zu den beliebtesten Serviceangeboten auf der Internetseite des Rheingau-Taunus-Kreises. Erst kürzlich hat der Kreis das Angebot abermals erweitert und zusätzlich vierstellige Zahlenkombinationen in Verbindung mit einem einzigen Mittelbuchstaben angeboten, damit die Bürger ihr vollständiges Geburtsdatum oder Geburtsjahr am Auto anbringen können.

Die 12,80 Euro zusätzlich zahlen viele Kreisbürger gern für dieses Angebot. An der jeder Wunschkombination vorangestellten Buchstabenfolge RÜD kommt allerdings niemand vorbei, der in den Kraftfahrzeug-Zulassungsstellen in Idstein, Bad Schwalbach oder Rüdesheim sein Fahrzeug anmelden will, denn seit 30 Jahren steht RÜD für den gesamten Landkreis.

Der Aufkleberstreit

Dass diese Buchstaben nicht auf die Kreisstadt oder den Landkreis verweisen, ist deutschlandweit ungewöhnlich und vom Gesetzgeber auch nicht vorgesehen. Und es ist das Ergebnis eines gefühlsgeladenen Streits zwischen den beiden ungleichen Kreisteilen Rheingau und Untertaunus. Eigentlich hat der Gesetzgeber vorgegeben, dass bei der Fusion von Kreisen landschaftsbezogene Buchstaben zu verwenden sind wie MTK für den Main-Taunus-Kreis. Doch RTK hatte im neuen Rheingau-Taunus-Kreis kaum Befürworter. Nachdem im Sommer 1976 feststand, dass nach der Fusion von Rheingaukreis und Untertaunus die Kurstadt Bad Schwalbach einzige Kreisstadt wird und Rüdesheim seinen bisherigen Status verliert, sannen die Bürger im Altkreis Rheingau beim Autokennzeichen auf Ausgleich.

Die Folge war ein Aufkleberstreit. Die Rheingauer klebten „RÜD ist schöner“ aufs Autoheck, auf Untertaunus-Autos prangte „Ich bin für SWA“. Fünf Jahre dauerte die Auseinandersetzung, sie füllte die Leserbriefspalten der Lokalzeitungen und beschäftigte Kreistag, Landtag und Bund. Die Rheingauer pochten mit dem Wohlwollen des hessischen Verkehrsministers Heinz-Herbert Karry (FDP) auf die Werbewirkung von RÜD für Rüdesheim, den Rheingau und seinen Wein - und verspotteten SWA als „Süd-West-Afrika“.

„Heilbronner Initiative für Kennzeichenliberalisierung“

Der Kreistag stimmte schließlich für RÜD und gegen RTK und SWA, und der Bundesrat akzeptierte den Vorschlag der hessischen Landesvertretung. Bad Schwalbach grollte und sah sich seiner Rechte als Kreisstadt beraubt. Es zog vor das Verwaltungsgericht, musste sich dort aber belehren lassen, dass es rechtlich bedeutungslos sei, wenn jemand irrtümlich Rüdesheim für die Kreisstadt halte. Zum Jahresbeginn 1982 war SWA dann Geschichte, auch wenn einige Oldtimer und Traktoren bis heute das alte SWA-Kennzeichen tragen.

Geht es nach Martin Hußmann, wird das Kennzeichen schon bald wieder auf mehr Fahrzeugen zu sehen sein. Der parteilose Bürgermeister von Bad Schwalbach glaubt eine verbreitete Abneigung der Bürger im Untertaunus zu erkennen, mit einem RÜD-Schild durch die Welt zu kutschieren. Hußmann hat schon kurz nach seiner Wahl die Anregungen der „Heilbronner Initiative für Kennzeichenliberalisierung“ aufgegriffen und die Wiedereinführung der alten SWA-Nummernschilder auf die Tagesordnung gesetzt.

125 Kommunen in Deutschland für alte Kennzeichen ausgesprochen

Um die Stimmungslage zu erkunden, hatte der Rathauschef auf der Internetseite der Stadt eine Abstimmung initiiert und eine Fragebox im Bürgerbüro aufstellen lassen. Rund 91 Prozent der 1600 Umfrageteilnehmer haben sich für die Wiedereinführung von SWA ausgesprochen.

Hußmann sähe darin Vorteile für das Stadtmarketing und im Hinblick auf die Identifikation der Bürger mit ihrer Kommune. „Heimatliebe an der Stoßstange“ könne bestens mit Werbung für Bad Schwalbach verbunden werden. Er werde den „Wunsch der Bürger“ respektieren und den politischen Gremien eine Beschlussvorlage unterbreiten. Danach werde er sich an den hessischen Verkehrsminister Dieter Posch (FPD) wenden. Hußmann bewertet den Kennzeichenstreit von vor 30 Jahren als „Teil der heftigen Geburtswehen eines künstlich zusammengefügten Landkreises, aus dem bis heute keine Einheit geworden ist.“

Nach Darstellung der Hochschule Heilbronn haben sich mehr als 125 Kommunen in Deutschland für ihr altes Kennzeichen ausgesprochen, weil sie damit eine Marketingchance sehen. Den meisten Menschen sei es nicht egal, was oder wen sie mit ihrem Autokennzeichen repräsentierten. Bund und Länder sind sich inzwischen einig, dass die Wiederzuteilung früherer Kennzeichen ermöglicht werden soll. Das hessische Verkehrsministerium hat eine Umfrage unter den Zulassungsbehörden begonnen, die sich bis 15. März erklären sollen. Landrat Burkhard Albers (SPD) könnte für seinen Kreis darüber im Alleingang entscheiden, doch hat er den Kreisausschuss mit der Frage befasst, und der hat am Montagabend einstimmig entschieden, dass es keine Wiederzulassung von SWA geben wird. Man wolle das langsam wachsende Gemeinschaftsgefühl nicht beschädigen.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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