„Masterclass Campus Dirigieren“

Wenn der Nachwuchs den Taktstock schwingt

Von Paula Kallendrusch
24.11.2021
, 17:55
Taktvoll: Nachwuchs-Dirigent Tim Fluch gibt den Ton an.
An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst lernen Musikstudenten in einer „Masterclass Campus Dirigieren“ ein Orchester zu leiten. Die Meisterklasse wird in einem Hybridformat mit einem Wettbewerb kombiniert.
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Das anfängliche Chaos klingt nach und nach ab. Hier und da wird noch ein Bogen gespannt oder ein Notenständer gerade gerückt. Plötzlich herrscht vollkommene Stille. Diese wird kurz darauf vom hellen und klaren Klang einer Oboe durchbrochen. Nach und nach stimmen alle anderen Instrumente ein, bis der Saal unter dem Klang des gesamten Orchesters vibriert. Der erste Dirigierstudent betritt unter Applaus seiner Kommilitonen die Bühne. Kurz darauf erklingen die ersten Takte des „Feuervogels“ von Igor Strawinsky.

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Vom 18. bis 21. November hat in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt die „Masterclass Campus Dirigieren“ stattgefunden. Dabei konnten 36 Dirigierstudenten von 18 Musikhochschulen in Deutschland lernen, verschiedene Orchester in vier unterschiedlichen musikalischen Bereichen zu dirigieren. Jeweils zwei Professoren unterrichteten die Studenten in den Fächern Neue Musik, Alte Musik, Musiktheater und Symphonik. Die Studenten waren in Gruppen aufgeteilt und besuchten jeden Tag eine andere Meisterklasse.

Verschiedene Dirigierstile

„Jeder hat eine ganz eigene Interpretation, und auch der Dirigierstil ist ganz anders“, erklärt die Cellistin Carla Schuld aus dem Symphonieorchester der Hochschule. Bei genauerem Hinsehen erkennt selbst das ungeschulte Auge die verschiedenen Dirigierstile und wie unterschiedlich dasselbe Stück, sogar derselbe Takt klingen kann, wenn er von zwei verschiedenen Menschen dirigiert wird. Besonders die Neue Musik lässt sehr viel Spielraum für Interpretation, sodass es auch nicht langweilig wird, ein Stück mehrmals zu hören.

In dieser Meisterklasse gibt es ein sehr viel ausführlicheres Feedback als in der parallel laufenden Veranstaltung zur Symphonik. Der Grund dafür ist, dass die meisten Teilnehmer des Workshops noch nicht viele Erfahrungen mit der Neuen Musik gesammelt haben. „Es war unglaublich spannend, gerade weil ich selbst nicht so viel Bezug zu Neuer Musik hatte“, sagt Friedrich Praetorius, Dirigierstudent aus Weimar, nachdem er die Internationale Ensemble Modern Akademie für 15 Minuten leiten durfte. Trotz der kurzen Zeit habe er „sehr guten und prägnanten Input“ von den Professoren erhalten. Praetorius schätzt auch die Zeit, die er als Zuschauer verbringt: „Man hat einen großen Lerneffekt, indem man nur zuschaut.“

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Der Workshop „Campus Dirigieren“ findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt und soll den abgesetzten Hochschulwettbewerb im Dirigieren ersetzen. Die AG Dirigieren, bestehend aus den Dirigierprofessoren der deutschen Musikhochschulen, hat 2018 deshalb ein neues, einzigartiges Format kreiert.

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„Man braucht eine starke Persönlichkeit“

„Uns war es wichtig, den Lerneffekt und den Austausch in den Vordergrund zu stellen. So haben wir das Hybridformat ins Leben gerufen. Eine Meisterklasse mit einem Wettbewerb kombiniert“, sagt Vassilis Christopoulos, Leiter des Hochschulorchesters und der Dirigierausbildung an der Frankfurter Musikhochschule. Im Vordergrund der ersten Phase des Workshops, die in Frankfurt stattfindet, steht der Austausch mit anderen Studenten. „Viel Networking, viel Inspiration von den Kommilitoninnen und den verschiedenen Professoren und eine Repertoire-Erweiterung“ sollen die Kurse in Frankfurt bringen, sagt der Leiter des Hochschulorchesters.

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An der zweiten Phase, die Ende Januar in der Musikhochschule in Köln stattfindet, werden die zwölf besten Studenten teilnehmen. In Köln wird es in erster Linie um den Wettbewerb untereinander gehen. Die Finalisten dürfen das Beethoven Orchester aus Bonn dirigieren. Der Sieger bekommt ein Preisgeld und darf Konzerte leiten. Natürlich werde dem Gewinner dadurch auch die eine oder andere Tür geöffnet, sagt Christopoulos. „Die Konkurrenz ist enorm. Man braucht eine starke Persönlichkeit, eine sehr klare Schlagtechnik, eine klare musikalische Vorstellung, Ausstrahlung und ein bisschen Glück oder viel Glück.“ Er selbst sei froh, nicht noch einmal von vorne anfangen zu müssen: „Der Beruf wird mit zunehmendem Alter immer leichter – das ist der große Vorteil.“

Viele der Studenten wissen schon seit Kindertagen, dass sie einmal Dirigent werden möchten. Sie sind froh, dass es nach über einem Jahr Pause wieder möglich ist, Konzerte zu spielen. Chanmin Chung, Masterstudent in Leipzig und Kapellmeister am Theater Aachen, sagt: „Das Publikum hat gefehlt, das habe ich sehr vermisst.

Quelle: F.A.Z.
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