Apothekensterben

Mehr Bürokratie als Beratung

Von Ingrid Karb, Frankfurt
13.05.2014
, 10:01
Frustration statt Elan: Reinhard Ahnert an einem der letzten Diensttage in seiner Kleist-Apotheke.
Immer mehr Apotheken schließen für immer. Auch der Frankfurter Reinhard Ahnert hat die Suche nach einem Nachfolger aufgegeben. Aus dem Elan von einst ist bei ihm Frustration geworden.
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Und wieder ist es eine weniger. Im Frankfurter Nordend hat die Kleist-Apotheke an der Friedberger Landstraße in diesem Frühjahr geschlossen. Seit 1955 befand sich die Apotheke in dem Haus mit rotem Sandsteinsockel nördlich des Friedberger Platzes. Jetzt weist nichts mehr darauf hin, dass hier einmal Rezepturen bereitet und Medikamente verkauft wurden.

In den vergangenen Jahren sind nicht nur im Nordend schon zahlreiche Apotheken verschwunden. Selbst in der Frankfurter Innenstadt wurden es immer weniger. In den vergangenen 20 Jahren hätten im Stadtkern etwa 40 Apotheken geschlossen, sagt Jürgen Schneider, Geschäftsführer des Hessischen Apotheker-Verbandes mit Sitz in Offenbach. Prominentestes Beispiel war die Viktoria-Apotheke an der Freßgass‘.

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Ladenfläche zu klein für moderne Apotheke

Jährlich gäben etwa 40 Apotheken in Hessen auf. Gestiegene Mieten bei geringeren Einnahmen nennt Schneider als Gründe dafür. „Wenn der Umsatz unter einer Million Euro liegt, findet sich eigentlich kein Käufer mehr“, sagt Schneider. Zwar eröffneten auch neue Apotheken in Ärztehäusern oder Geschäftszentren, doch das seien gerade einmal ein Dutzend im Jahr. Zur Zeit gebe es noch 1546 Apotheken in ganz Hessen.

Seit 1998 führte Reinhard Ahnert in der Kleist-Apotheke die Geschäfte; anfangs noch mit Unterstützung von drei Mitarbeitern, zuletzt allein mit einer 400-Euro-Kraft. Ahnert ist 65 Jahre alt und erhält seit vergangenem Jahr Bezüge aus seiner privaten Altersvorsorge. Lange hat er nach einem Nachfolger gesucht, aber keinen jüngeren Apotheker gefunden, der den Standort erhalten wollte. Deshalb hat er die Ladenräume nun geräumt. Der Vermieter bemühe sich weiter um einen Apotheker, berichtet er. Aber eigentlich sei die Grundfläche für eine moderne Apotheke mit 120 Quadratmetern zu klein.

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80 Prozent Arbeitszeit für Bürokratie

Als er das Geschäft Ende der neunziger Jahre übernommen hatte, musste Ahnert noch 130000 Mark Abstand für die Einrichtung an den Vorbesitzer zahlen. Fast ebensoviel investierte er in die EDV und einige zusätzliche Möbelstücke. Jetzt ist er froh, wenn er die Auflösung „plus minus Null“ abschließen kann.

Der Apotheker, der nach dem Studium in Frankfurt 1977 enthusiastisch mit zwei Kollegen eine andere Apotheke im Nordend übernommen hatte, ist erleichtert, dass er nicht mehr von morgens bis abends im Geschäft sein muss. Aus dem Elan von einst ist Frustration geworden. Schuld daran sei die überbordende Bürokratie, berichtet Ahnert. 80 Prozent seiner Arbeitszeit gingen dafür drauf. Beratungsleistung würde dagegen kaum noch gefragt.

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Wandel des Viertels auch ein Grund

Schon in den neunziger Jahren seien die Einnahmen zurückgegangen. Er habe sich etwas Eigenes gesucht, als eine Apotheke nicht mehr drei Inhaber habe ernähren können. Das Geschäftsmodell von Apotheken erläutert Ahnert so: Der Gewinn aus den Rezepten, für die die Krankenkassen zur Zeit jeweils 5,85 Euro plus drei Prozent auf den Einkaufspreis für die Lagerhaltung zahlten, decke die Betriebskosten. In den vergangenen acht Jahren habe es nur eine Steigerung um 0,5 Prozent gegeben. Laut Schneider sind das 22 Cent je Rezept. Die Rabatte der Hersteller ermöglichten den Überschuss. Allerdings profitierten davon verstärkt die Krankenkassen.

Wegen des Wandels im Viertel sei die Zahl der Rezepte in der Kleist-Apotheke zurückgegangen. Ältere Bewohner seien verstorben, junge Leute in die beliebte Wohngegend gezogen. Diese benötigten jedoch weniger Arzneien. Und wenn, dann kauften sie diese häufig anderswo ein, im Internet oder in der Nähe ihrer Arbeitsstätte.

Idealer Standort: eine Mittelstadt

Eine Verjüngung der Bevölkerung könne zu Umsatzrückgängen führen, bestätigt auch Verbandsgeschäftsführer Schneider. Der Altersdurchschnitt der Kundschaft liege zwischen 58 und 62 Jahren. Aber auch eine veränderte Verkehrsführung oder Parksituation spürten Apotheker schnell. Oder noch schlimmer: „Wenn die Hausarztpraxis in der Nachbarschaft zumacht, merkt das ein Apotheker.“

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In sogenannten 1-a-Lagen müssten die Geschäfte mit steigenden Mieten zurechtkommen. „20.000 Euro Miete kann eine Apotheke nicht aufbringen“, sagt Schneider. In Einkaufszentren wiederum litten die Inhaber unter den langen Öffnungszeiten mit hohem Personalbedarf, Umlagen an den Betreiber und häufig zu großen Flächen. Die Laufkundschaft brächte meist keine Rezepte mit. „Im Vergleich zu anderen müssten sie den fünffachen Umsatz machen“, meint Schneider. Ideal sei heute eine Apotheke in einer Mittelstadt mit guter ärztlicher Versorgung, niedrigen Mieten, kurzen Öffnungszeiten und guter Erreichbarkeit mit dem Auto.

Stetig wechselnde Vorgaben der Krankenkassen

Zur überbordenden Bürokratie haben laut Ahnert die Rabattverträge der Kassen geführt. Der Einkauf sei dadurch schwierig geworden. „Ein vernünftiges Warenlager können sie kaum noch aufbauen“, berichtet Ahnert. Weil Vorgaben der Krankenkassen schnell wechselten, müsste er viele Medikamente mit Verlust an den Großhandel zurückschicken. So geschehen auch mit den 450 Packungen, die er nach der Schließung noch im Laden hatte.

Für 655.000 Medikamente gebe es Rabattverträge, berichtet Schneider. Wenn sich Apotheker nicht an die Vorgaben hielten, müssten die Kassen die Medikamente nicht zahlen. In den ersten 15 Wochen des Jahres habe der Verband seine Mitglieder in 23 Rundschreiben über Vertragsänderungen und neue Rechtsprechung informiert. Der Apotheker müsse wissen, ob ein Medikament verordnet und in welcher Packungsgröße es abgegeben werden dürfe. Sei es nicht lieferbar, müsse er ein anderes finden, das ebenfalls alle Kriterien erfülle. Auch müsse eine gewisse Zahl von Medikamenten aus dem Ausland importiert werden. Insgesamt seien zehn Prüfvorgänge nötig, bevor ein Apotheker die verschriebene Arznei dem Kunden aushändigen könne. „Da ist es verständlich, dass einige Apotheker den Eindruck haben, man wolle sie kaputtmachen“, findet Schneider.

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Die Sorgen hat Ahnert nun nicht mehr. Nach einer Feier in seinen alten Geschäftsräumen hat er mit der Berufstätigkeit abgeschlossen. Er freut sich auf die gewonnene Freizeit. Wenn er in den vergangenen Jahren in den Urlaub fahren wollte, musste er die Apotheke für diese Zeit schließen. Darum braucht er sich nun nicht mehr zu sorgen. Viele befreundete Kollegen hätten ihn schon gefragt, ob er sie in Zukunft vertreten könne. Aber momentan wolle er noch nicht einmal daran denken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Karb, Ingrid
Ingrid Karb
Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
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