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Brief einer Betroffenen

„Ey, bist du behindert?“

Von Elke Schwaninger
Aktualisiert am 03.12.2019
 - 21:10
„Behindert“: Wie soll man zu dem Wort stehen? Bild: Marcus Kaufhold
„Einmischen, mitmischen, aufmischen“ lautet das Motto des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung. Eine Betroffene hat sich einige grundsätzliche Gedanken zum Thema gemacht – besonders um die richtige Wortwahl.

„Ey, bist du behindert?!“ Es ist nur ein Satz in der Klassenchat-Gruppe unserer Tochter. Gedankenlos hingerotzt von einem anderen Schüler. Unsere Tochter zeigt mir das, weil sie hörgeschädigte Eltern hat. Sie weiß, dass wir offen mit unserer Behinderung umgehen. Sie weiß, dass der Spruch aus dem Chat völlig daneben ist, aber nicht uns persönlich meint.

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Ich weiß das auch. Und trotzdem bin ich in diesem Moment zu wütend, um es als Gedankenlosigkeit zu ignorieren. Warum? Unter Kindern und Jugendlichen ist „behindert“ ein gängiges Schimpfwort. Meist stammen solche Sätze ausgerechnet von denjenigen, die selten oder nie in Berührung kommen mit der Personengruppe, die sie da verbal verunglimpfen. Kürzlich hatte ich Gelegenheit, den Spruch in freier Wildbahn zu hören. Eine Gruppe von Jugendlichen kickte auf dem Bolzplatz in der Nachbarschaft, und ein Junge rief: „Du bist ja so was von behindert.“

Er meinte einen Mitspieler, der den Ball verschossen hatte. Statt seiner rief ich lautstark zurück: „Ja! Bin ich. Wollt ihr mal sehen, was ich am Ohr habe?“ Ich nahm einen Sprachprozessor ab und wedelte den Jugendlichen damit zu. Zögernd kamen ein paar von ihnen näher. „Was ist das“, fragte einer. Ich erklärte es kurz und ließ ihn dann die magnetische Spule meines Cochlear-Implantats an meinen Kopf ploppen. Überraschte Blicke. Jetzt wollten auch die anderen mal testen, wie das funktioniert. „Warum hast du das“, wollte einer wissen.

„Als ich so alt war wie du, hab ich ganz normal gehört. Aber irgendwann wurde es in meinen Ohren immer leiser, und mit 26 Jahren war ich schließlich taub, und seitdem bin ich...“ – ich überlegte, ob ich das Wort jetzt sagen sollte – „...behindert“.

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Den Jungs vom Bolzplatz erklärte ich: „Die meisten Behinderungen, nämlich mehr als 95 Prozent, sind nicht angeboren, sondern entstehen im Laufe des Lebens. Es kann jeden treffen. Jeden Tag. Wenn du im falschen Moment über die Straße läufst und vom Auto angefahren wirst, sitzt du vielleicht morgen im Rollstuhl. Und wenn du dann hörst, das jemand ruft, ,Ey, bist du behindert‘, dann ist das kein blöder Spruch, sondern deine Realität.“

Solche Begegnungen kosten mich Überwindung. Ich weiß vorher nicht, inwieweit ich als Hörgeschädigte akustisch in der Lage bin, die mir bis dato völlig fremden Personen zu verstehen – manche sprechen mit Akzent, manche nuscheln, manchmal stört der Baustellenlärm im Hintergrund.

Ich weiß auch nicht, wie mein Gegenüber reagieren wird: abwiegelnd, ignorant oder verständnisvoll? Ich weiß aber ganz sicher: Wenn ich schweige, wird sich nichts ändern. Daher möchte ich euch ermutigen: Mischt euch ein! Es ist im Interesse aller, dass „behindert sein“ nicht als Schimpfwort missbraucht wird. Um es mit den Worten von Richard von Weizsäcker auf den Punkt zu bringen: „Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“

Quelle: F.A.Z.
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