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Frankfurts SPD-Chef Mike Josef

Aufstieg nicht ausgeschlossen

Von Hans Riebsamen
 - 20:18
Rasante Karriere: Vom Sprecher der Jungsozialisten wurde er innerhalb von acht Jahren zum Planungsdezernent in Frankfurt.

Wer rettet die deutsche Sozialdemokratie? Die SPD steckt nicht nur in der Wählergunst in einem historischen Tief, sie ist auch weitgehend führungslos. Blickt man indes auf die Kommunen, scheint nicht alle Hoffnung verloren. In vielen Großstädten – etwa in Frankfurt, Wiesbaden oder Kassel – stellt die Partei den Oberbürgermeister, vielerorts führen Sozialdemokraten durchaus erfolgreiche Koalitionen an oder regieren zumindest mit. Hier, außerhalb des Raumschiffs Berlin, kann man es einer ganzen Riege von modernen Sozialdemokraten zutrauen, die SPD aufzurichten und die Genossen wieder zum Lichte emporzuführen.

Einer dieser Hoffnungsträger ist Mike Josef. Mit gerade einmal 30 Jahren wurde er 2013 SPD-Vorsitzender in Frankfurt. Der bis dahin in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte junge Mann machte den durch jahrelanges Drücken der Oppositionsbank frustrierten Frankfurter Genossen wieder Mut, beendete die teilweise bösartigen Flügelkämpfe der vorangegangenen Jahre und führte die Frankfurter SPD 2016 wieder in die Stadtregierung. In den Koalitionsverhandlungen sicherte Josef seiner Partei wichtige Dezernate, er selbst wurde Planungsdezernent. Heute verhandelt der nunmehr Sechsunddreißigjährige mit Investoren über Abermillionen Euro teure Bauprojekte, plant neue Stadtteile oder Gewerbegebiete und versucht nicht ohne Erfolg, den Bau bezahlbarer Wohnungen anzukurbeln.

Sich selbst treu geblieben

Dass Josef einmal Parteivorsitzender und Stadtrat in einer Metropole wie Frankfurt werden könnte, haben sich seine ehemaligen Kumpels in Ulm nicht im Traum vorstellen können. Für sie ist „der Mike“ weiterhin einer der Ihren, ein zuverlässiger Freund, mit dem sie regelmäßig im Kontakt stehen und der ganz selbstverständlich dazugehört, wenn sich die alte Clique aus dem Heimatstadtteil Wiblingen und dem alten Fußballverein zu einer Party oder einer Geburtstagsfeier in Ulm trifft.

„Der Mike ist der Gleiche geblieben“, versichern Alexander und sein Bruder David, Kinder jugoslawischer Gastarbeiter, die schon als Jugendliche mit Josef die Trabantensiedlung Wiblingen durchstreiften, in der Hauptschule zusammenhielten und beim TV Wiblingen kickten. Dieses Wiblingen wird beherrscht von einem in den siebziger Jahren entstandenen, an die 500 Meter langen Betonriegel. In einen dieser Wohnblöcke ist die Familie Josef Ende der achtziger Jahre eingezogen.

Sohn Mike wurde noch in Syrien geboren, in der Stadt Kameshly oben im Nordosten des Landes. Die Eltern sind Christen, gehörten in ihrer Heimat der aramäischen Minderheit an, die schon damals Probleme in dem mehrheitlich muslimischen Land hatte. Weil Vater und Mutter Josef in Syrien keine Zukunft für ihre Familie sahen, verließen sie 1987 das Land und bekamen in Deutschland politisches Asyl.

Kindheit in Arbeitersiedlung von Ulm

Ein erstes Unterkommen fanden sie bei einer Tante in Krauchenwies nördlich des Bodensees, ihr dauerhaftes Domizil aber wurde Ulm, wo die Familie eine Wohnung mieten konnte, der Vater eine Beschäftigung als Lagerarbeiter fand und der kleine Mike zwei Schwestern bekam. Die Trabantensiedlung Wiblingen mit ihren alteingesessenen Facharbeitern, mit den Gastarbeitern aus den klassischen Anwerbeländern, mit den Spätaussiedlern aus der Sowjetunion und später den Flüchtlingen aus aller Welt sei für ihn eine echte Heimat gewesen, erinnert sich Josef.

Draußen im Viertel habe man immer andere Kinder und Jugendliche angetroffen, etwa auf dem Platz hinter dem Betonriegel, wo sich auch heute noch viele Bewohner zu einem Schwätzchen einfinden und auf dem wie damals Kinder herumtoben. Man habe gegenseitig auf sich aufgepasst, die Familien des schon zu jener Zeit multikulturellen Viertels hätten sich gegenseitig geholfen. Die Trabantenstadt Wiblingen, in der man keine Spur von Verwahrlosung sieht, war auch damals, als Mike Josef mit seinen Kumpels Fußball spielte oder einfach nur herumhing, kein Slum. Er jedenfalls hat sie als einen guten Ort empfunden und spricht von einer „supercoolen Zeit“ dort.

Mehr Erfolg im Fußball als in der Schule

Dass er selbst einmal neue Stadtteile planen würde, war damals völlig jenseits seines Horizonts. Mike Josef war schon froh, dass er überhaupt an der Realschule von Wiblingen, die heute nach Albert Einstein benannt ist, angenommen wurde und tatsächlich die mittlere Reife schaffte. „Ich habe meinen Eltern viele Sorgen gemacht“, erinnert er sich. Nicht dass er die Schule geschwänzt oder Drogen genommen hätte. Mike Josef war einfach kein eifriger Schüler. Er hatte vor allem Fußball im Kopf, wollte Profi werden. „Er konnte nicht verlieren“, sagen noch heute die Mitspieler. Tatsächlich schien sich eine Fußballkarriere zu eröffnen, als Josef vom Lokalmatador SV Ulm abgeworben wurde. Die Kameraden vom TV Wiblingen waren sauer: „Wir empfanden das als Verrat“, erzählt David, der mittlerweile zwei Kinder hat, denen Mike Josef Pate ist.

In diesen Jahren hat nichts, aber auch gar nichts darauf hingedeutet, dass der junge Mann mit syrischen Wurzeln einmal mitreißende Reden auf SPD-Parteitagen halten oder im Frankfurter Rathaus Römer bei den Parlamentssitzungen wortgewandt und oft humorvoll auf Attacken reagieren würde. Niemand hätte ihm zugetraut, dass er sich innerhalb kürzester Zeit das für einen Planungsdezernenten notwendige Wissen über den Immobilienmarkt und das Bauwesen aneignen könnte. Kurzum: Von einem politischen Ausnahmetalent, das ihm heute mancher bescheinigt, war noch kein Deut zu spüren.

Der Glaube begleitet ihn auf seinem Weg

Eine Konstante jedoch zieht sich bis heute durch Josefs Leben: die religiöse Prägung, sein christliches Wertesystem. Als verfolgte Christen wählten die Josefs in Ulm fast naturgemäß die CDU. Mike Josef berichtet amüsiert, selbst einmal bei der Bundestagswahl 2002 für den CSU-Kanzlerkandidaten Stoiber votiert zu haben. Doch auch als sozialdemokratischer Politiker hat Josef seinen christlichen Glauben nicht aufgegeben. Wenn er eine schwierige Entscheidung fällen muss, sucht er zuweilen Stärke in einem Gebet. Selbstverständlich sind auch seine beiden kleinen Kinder getauft.

Wäre alles seinen Wiblinger Weg gegangen, wäre Josef heute wie die meisten seiner Freunde eine gut ausgebildete Fachkraft, die wie etwa sein Freund Alexander Karriere bei dem schwäbischen Kranbauer Liebherr gemacht hätte. Ja, sie haben es fast alle zu etwas gebracht, die Fußballkumpels von damals, die sich zur Geburtstagsfete von Alex zusammen mit ihren Frauen in einem Restaurant in der Ulmer Innenstadt getroffen haben. Viele haben ein Häuschen gebaut, andere kauften Wohnungen in der Stadt, die meisten haben Kinder gezeugt.

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An die Universität und in die Politik gegangen wie Josef ist keiner. Für den war freilich der Weg zum Studium steinig. Der erste Anlauf zum Fachabitur scheiterte, Josefs Noten waren zu schlecht. Danach wusste er, dass die Lage ernst war: „Entweder ich schaffe es, oder ich habe nichts in der Hand.“ Auf der Fachoberschule in Neu-Ulm sicherte er sich dann doch noch die Fachhochschulreife. Doch Politik an einer Universität studieren, wie er das gerne wollte, konnte er damit nicht.

Über Umwege an die Uni und in den Asta

Immerhin war Josefs Interesse an dem Fach so groß, dass er den Umweg fand, der an die Uni führte. Ein paar Semester „Soziales Lernen“ an der Fachhochschule Frankfurt erlaubten ihm den Übertritt an die Goethe-Universität, wo er sich 2004 in Politik, Geschichte und Rechtswissenschaft einschrieb. Eher durch Zufall, nämlich weil ihn ein Vertreter der Jungsozialisten zu einer Kandidatur eingeladen hatte, kam er in den Asta. Hier begannen seine politischen Lehrjahre mit dem Kampf gegen die Studiengebühren, die die CDU-geführte hessische Landesregierung damals eingeführt hatte. Als eine von drei Vertrauenspersonen reichte Josef 2007 eine Klage dagegen beim Hessischen Staatsgerichtshof ein. Am Ende gab die Regierung von Roland Koch ihr Vorhaben wieder auf.

Josef ist bis heute davon überzeugt, dass Studiengebühren der falsche Weg seien und vielen Kindern aus ärmeren Schichten den Weg in die Hochschulen verbauen würden. Seine Eltern jedenfalls hätten sein Studium nicht finanzieren können, ohne Bafög, so sagt er, wäre ihm die Universität verschlossen geblieben. Diese seine eigene Biographie hat ihn politisch geprägt, Josef vertritt das alte sozialdemokratische Prinzip „Aufstieg durch Bildung“.

In der SPD hat Josefs politische Karriere schon während seines Studiums rasant Fahrt aufgenommen. 2008 wählten ihn die Frankfurter Jusos zu ihrem Sprecher. Bereits ein Jahr nach seinem Studienabschluss als Diplom-Politologe zog er 2011 nach der Kommunalwahl für die SPD in den Frankfurter Römer ein. Schließlich schlugen Oberbürgermeister Peter Feldmann und der damalige SPD-Chef Gernot Grumbach ihn 2013 zum Vorsitzenden vor. Der Rest ist bekannt.

Viele Wege stehen ihm offen

Noch heute muss sich Josef manchmal kneifen, um zu erkennen, dass das alles kein Traum ist. Immer habe sich in seinem Leben rechtzeitig eine Tür geöffnet, beschreibt er seinen Werdegang. Sein Aufstieg von einem mäßigen Schüler, der aus eine Asylantenfamilie stammte und in einer schwäbischen Trabantensiedlung aufwuchs, zum Chef der Stadtplanung in einer der wichtigen deutschen Metropolen und zum Vorsitzenden einer Großstadt-SPD beweist, dass man es auch heute noch von ganz unten nach weit oben schaffen kann.

Doch ohne gewisse Talente wäre dies Josef nicht geglückt. Der Mann, den die Frankfurter Sozialdemokraten als Glücksfall empfinden und dem auch die politischen Gegner Anerkennung zollen, besitzt eine hohe Intelligenz, eine schnelle Auffassungsgabe, eine gute Portion Mutterwitz und vor allem eine in der Politik nicht selbstverständliche Integrität. Darüber hinaus ist Josef geerdet geblieben. Bisher zeigt sich jedenfalls keine Spur von Arroganz und Überheblichkeit. Er könnte es noch weit bringen.

Zum Beispiel zum Oberbürgermeister von Frankfurt. Träte Peter Feldmann bei der 2024 anstehenden Wahl, er wäre dann 66 Jahre alt, nicht mehr an, wäre Josef sein geborener Nachfolger als SPD-Kandidat. Man könnte sich Josef auch als hessischen Landesvorsitzenden seiner Partei vorstellen, durchaus auch als Bundestagsabgeordneten und/oder Mitglied des SPD-Bundesvorstands, vielleicht sogar einmal als Parteichef. Falls es die SPD dann überhaupt noch als nennenswerten politischen Faktor gibt.

Josef gehört zu denen, die mit der Berliner Parteiführung schon seit geraumer Zeit hadern. Seit 15 Jahren verliere die SPD bei Bundestagswahlen Stimmen, rechnet er vor. Doch niemand in der SPD-Führung verstehe dies als Misstrauensvotum der Wähler, die eben kein „Weiter-so“ und keine große Koalition mehr wünschten. Er selbst blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. Auch wenn die Frankfurter SPD bei den nächsten Kommunalwahlen aus der Stadtregierung gewählt werden und er sein Amt als Planungsdezernent verlieren sollte, ginge es für ihn weiter. „Irgendeine Tür“, sagt Mike Josef im Vertrauen auf sich und Gott, „öffnet sich auch dann.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Riebsamen, Hans (rieb.)
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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