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Luxus im Bahnhofsviertel

Parfümerie Lehr schließt Stammhaus

Von Petra Kirchhoff
Aktualisiert am 14.12.2019
 - 13:28
Vom Banker bis zur Prostituierten: Die Parfümerie Lehr hatte für jeden Kunden das passende Produkt.
Seit hundert Jahren verkauft Lehr im Bahnhofsviertel von Frankfurt wohlriechende Düfte. Zu den Kunden gehören Banker und Vorstandssekretärinnen ebenso wie leichte Mädchen. Doch die Probleme nehmen zu.

Könnte die Ladentheke sprechen, das Möbelstück – eine gut fünf Meter lange, wuchtige Massivholz-Anrichte aus der Gründerzeit – hätte viel zu erzählen. Sie begleitet das Frankfurter Familienunternehmen, das Thomas Lehr in dritter Generation führt, seit den Anfängen. Sie war schon dabei, als Lehrs Großeltern 1920 an der Kronprinzenstraße 33 einzogen, wie die Münchner Straße früher hieß. Die Kaufleute aus Nürnberg hatten die Drogerie an der Stelle übernommen. Der Hauptbahnhof, lange Zeit der größte Europas, war zu dem Zeitpunkt bereits gut drei Jahrzehnte in Betrieb, das Geschäftsleben pulsierte im Quartier.

Kunden kauften in der Drogerie zu der Zeit nicht nur Kölnisch Wasser und Erfrischungstücher, sondern auch Fotobedarf. Eine wichtige Rolle spielte die sogenannte Medizinaldrogerie mit frei verkäuflichen Arzneimitteln wie losen Kamillenblüten und Salbeiblättern. Thomas Lehr musste in seiner Ausbildung zum Drogisten noch die Fächer Chemie, Drogenkunde und Fachlatein belegen. „Bis in die siebziger Jahre war das so“, erzählt der Händler. Dann kamen die Selbstbedienungsdrogerien. Fotofachgeschäfte und Reformhäuser gab es damals auch längst, so dass sich in den Achtzigern das Sortiment immer weiter auseinanderdividierte. Aus dem einstigen Allrounder Lehr wurde ein Fachgeschäft für Parfümerie und Kosmetik.

1991 zog das Stammhaus an die Kaiserstraße. Acht Parfümerien und eine Drogerie habe es zu der Zeit zwischen Hauptbahnhof und Kaiserplatz gegeben, erinnert sich Lehr. Ziehe man den Radius etwas weiter bis zur Hauptwache, „ist es heute genau umgekehrt“, sagt der Geschäftsmann. Er betreibt noch zwei weitere Filialen, jeweils in Eckhäusern an der oberen Berger Straße und an der Berliner Straße. Damit gehört Lehr mit Albrecht und Kobberger zu den drei Familienunternehmen in der Stadt mit traditionellen Parfümerien.

„Die Begegnung mit dem Menschen ist ganz wichtig“

Dabei müssen sie sich gegen immer mehr Wettbewerber in den Einkaufsstraßen wie im Internet behaupten. Hersteller eröffnen inzwischen eigene große Markengeschäfte, außerdem gibt es kaum eine bekannte Modemarke, die heute nicht ihre eigene Kosmetiklinie entwickelt. Premiummarken wie Chanel und Shiseido gibt es inzwischen in jedem Warenkaufhaus, und die Douglas-Filiale an der Zeil, mit fünf Etagen das größte Haus der Kette in Europa, setzt inzwischen auch auf Luxus.

Thomas Lehr, der nicht so exklusiv aufgestellt ist wie seine beiden Mitstreiter, macht trotz allem einen entspannten Eindruck. Zu ihm an die Kaiserstraße kommen Touristen, Messegäste, die Büroleute aus der Nachbarschaft „und auch mal das einfache Straßenmädchen, das sich einen schönen Duft leisten will“.

Vor allem sind es die vielen persönlichen Kontakte, die das Geschäft am Laufen halten. Frauen, die sich alle vier Wochen in den Behandlungsstuhl legen, die Peelings und Fluids, mit denen ihre Haut verwöhnt wurde, im Ideal anschließend kaufen. Bei Lehr kennt man viele Kunden mit Namen, kennt die privaten Geschichten und liefert auch mal per Post nach Hause. „Die Begegnung mit Menschen ist ein ganz wichtiger Punkt im Handel“, sagt Lehr.

Viele Jahre hat der Geschäftsmann an der Kaiserstraße gutes Geld verdient. Besonders in den Jahren, in denen die Investmentbanker der ehemaligen Dresdner Bank nebenan im sogenannten Silberturm noch üppige Boni kassierten. „Da war mittags Punkt zwölf der Laden voll“, erzählt der Kaufmann. „Morgens wurde der gute Deal gemacht, mittags kamen die Banker, um ihrer Frau etwas Gutes zu tun.“ Zu zwölft habe man an manchen Tagen bedient.

Von dieser Zeit profitiert die Parfümerie bis heute. Die kaufkräftigen Vorstandssekretärinnen von damals kommen immer noch zu Lehr, doch die Blütezeit hat die Hauptfiliale an der Kaiserstraße hinter sich. „Die letzten drei Jahre hätte ich nicht mehr gebraucht“, sagt Lehr. Die Banker in der Nachbarschaft sind weniger geworden, und denen, die noch da sind, sitzt das Geld nicht mehr so locker, wie er deutlich macht.

Kunden können bis Januar kommen

Gewachsen sind dagegen die Probleme vor der Ladentür. Die Drogenabhängigen und der Schmutz auf der Straße hielten viele Kunden immer öfter davon ab, überhaupt noch an die Kaiserstraße zu kommen. „Das Bahnhofsviertel ist nur noch gut zum Ausgehen und für Stadtführungen“, stellt Lehr fest. Die Flüchtlingskrise habe die Situation im Viertel noch verschlimmert. „Wer Luxus einkauft, möchte kein Elend sehen und angebettelt werden.“

Darum ist der Unternehmer auch nicht traurig, dass sein Mietvertrag nicht verlängert wird. Der Hauseigentümer, die Commerzbank, wird die Immobilie, die auf einem Grundstück in Erbpacht steht, modernisieren. Nur bis Heiligabend ist offiziell noch geöffnet, bis Januar könnten Kunden aber noch kommen, sagt Lehr.

Thomas Lehr schaut sich gerade nach bezahlbaren Alternativen in der Stadt um, auch um Kosmetikbehandlungen weiter anbieten zu können. In der Innenstadt wird er sich das wohl nicht leisten können. Ins Auge gefasst hat er eine Fläche in einem Stadtteil. Ganz klein darf diese nicht sein. Denn die Ladentheke aus der Gründerzeit kommt selbstverständlich mit.

Quelle: F.A.Z.
Petra Kirchhoff - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Petra Kirchhoff
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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