Hessens Bauernpräsident

„Verbraucher würden für Liter Milch auch 70 Cent zahlen“

Von Thorsten Winter
12.05.2016
, 12:32
Aufwärts geht anders: Bauernpräsident Karsten Schmal spürt auf dem eigenen Hof die Milchpreis-Krise.
Landwirte bekommen für Milch weniger als in Zeiten der großen Rezession 2008/09. Höhere Preise sind nicht in Sicht. Karsten Schmal erklärt, warum er den Handel am Zuge sieht.
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Im Handel kostet der Liter Vollmilch nun 46 Cent. Wie viel bekommen Sie von der Molkerei für den Liter?

Es sind nur 21 Cent. Im August 2014 waren es noch gut 30 Cent. Seitdem geht es mit den Preisen abwärts. Das Deutsche Milchkontor als Molkerei, die ich beliefere, hatte für den Mai 22 Cent in Aussicht gestellt, aber nun wissen lassen, dass sie das nicht zahlen könne.

Laut Statistik gab es in Hessen zuletzt 3400 Milchhöfe. Es könnten aber wegen der Preiskrise weniger werden. Sind schon Höfe in die Insolvenz gerutscht?

Mir ist noch keine Insolvenz bekannt. Ich muss aber auch bei mir im Upland feststellen, dass der eine oder andere Milchbauer die Stilllegung seines Betriebs eingeleitet hat. Und warum soll ein Landwirt noch ein, zwei Jahre Geld verbrennen, vor allem dann, wenn er keinen Nachfolger findet?

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Welche Betriebe sind als erste von der Insolvenz bedroht: kleine oder große – oder jene, die viel investiert haben und Kredite abzahlen müssen?

Die Not ist bei jenen am größten, die viel investiert haben. Und auf Höfen, die viel Arbeit von Angestellten erledigen lassen. In einem Familienbetrieb arbeiten die Leute im Zweifel eine Zeitlang für ganz wenig Geld. Das kann ein Landwirt mit Angestellten nicht machen. In Hessen haben viele Höfe in den vergangenen zehn bis 15 Jahren eine Menge investiert in Ställe und Maschinen. Folglich müssen noch Kredite bedient werden, da kommt schon der eine oder andere Landwirt in Schwierigkeiten, wenn Erzeugerpreise lange tief bleiben. Andererseits werden bei uns längst nicht so viele Kühe gehalten wie im Norden oder Osten.

Manche wie etwa der Bund der Milchviehhalter fordern, die Milchmenge hierzulande zu senken. Könnte das die Preise stabilisieren?

Tatsache ist zunächst einmal: Die Menge ist am Markt schwer unterzubringen. Die Produktion in Deutschland freiwillig zu begrenzen würde meines Erachtens aber nicht funktionieren. Das macht letztlich nur ein Bauer, der aussteigen will. Zudem ist Folgendes zu beachten: Aus Gesprächen mit Kollegen im Ausland weiß ich, dass Iren, Holländer und Polen wenig über Begrenzung nachdenken.

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Wie ist denn die hierzulande produzierte Milchmenge im Vergleich zu der Zeit vor dem Fall der EU-Milchquote vor gut einem Jahr?

Im Frühjahr erleben wir üblicherweise ein Hoch bei der Anlieferung. Doch in diesem Jahr ist der Aufschwung gedämpft. Derzeit liegen wir etwa fünf Prozent über dem Niveau von 2013, liefern aber nicht mehr als 2014. Vielmehr nehmen Bauern Kühe, die keine Kälbchen bekommen oder Probleme mit dem Euter haben, aus den Ställen. Das habe ich auf meinem Hof auch so gehalten. Neuinvestitionen in Ställe gibt es derzeit nicht.

Wie sieht es mit neuen Märkten aus, um Druck aus dem Markt zu nehmen?

Zum Beispiel die Hochwald-Molkerei, die in Hessen mit dem Werk in Hungen vertreten ist, würde gerne nach Algerien, Marokko und Tunesien liefern. Sie hätte für die Exporte gerne staatliche Hermes-Bürgschaften als Absicherung für einen etwaigen Zahlungsausfall beim Kunden. Da müsste sich die Politik bewegen, meine ich.

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Macht denn der Bauernverband bei der Bundesregierung auch entsprechend Druck?

Selbstverständlich machen meine Kollegen von den anderen Landesbauernverbänden und ich in Berlin mächtig Druck. Unser Präsident auf Bundesebene, Joachim Rukwied, hat über das Thema schon mehrfach mit dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt gesprochen. Viele unserer Mitglieder stehen als Milchviehhalter mit dem Rücken an der Wand und brauchen dringend Unterstützung. Ich bin fast jeden Tag in Sachen Milch unterwegs und suche bei Politik, Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel nach Lösungen.

Kann ein Milchbauer denn von heute auf morgen etwas anderes machen als Milchkühe halten?

Schwierig. Wie soll ein Bauer zum Beispiel das Grünland in Mittelgebirgslagen wie im Vogelsberg oder auch bei mir im Waldeckschen Upland anders nutzen? Für Ackerbau sind die Böden zu schlecht. Und Rinder für die Fleischproduktion zu halten bietet sich gerade nicht an. Da sind die Preise auch nicht zum „Hurra“- Schreien.

Haben Sie denn begründete Hoffnung auf höhere Preise?

Zunächst einmal ist zu sagen: Die Preisverhandlungen zwischen dem Handel und den Molkereien, das waren keine Verhandlungen, das war ein Preisdiktat durch den Handel. Das hat mit Markt nur sehr wenig zu tun. Mich fragen nun zwar Verbraucher, warum der Liter Milch nur noch 46 Cent koste – das könne doch nicht sein. Ich habe den Eindruck, viele Verbraucher würden auch ohne weiteres 65 oder 70 Cent für einen Liter zahlen. Doch die Verträge zwischen Handel und Molkereien laufen ein halbes Jahr.

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Das heißt, bis in den Oktober hinein ändert sich für die Milchbauern nichts zum Guten?

So gut, wie es zuletzt für den Handel gelaufen ist, wird er die Kontrakte mit den Molkereien nicht vorher öffnen. Zuletzt hat der Handel seine Margen vergrößert, auch Molkereien schreiben Gewinne, wenn auch kleinere – doch die Bauern, die Milch liefern, die machen Verluste.

Eine Gruppe Milchbauern verdient aber weiter Geld: die Bio-Milchbauern, die stabile Preise sehen. Sollten mehr Landwirte auf Bio-Milch umsatteln?

Die Bio-Kollegen brauchen die 46 bis 48Cent je Liter, weil sie höhere Kosten haben. In der Vergangenheit lagen meist zehn bis zwölf Cent zwischen einem Liter konventioneller Milch und der gleichen Menge Bio-Ware. Da hat sich die Schere geöffnet. Jetzt aber liebäugeln große Molkereien in Deutschland damit, auch Bio-Linien einzuführen. Nur ist „bio“ weiter ein kleines Segment. Ich habe angesichts dessen die Sorge, dass dieser Markt schneller zusammenbrechen könnte, als wir gucken können, wenn große Mengen Bio-Milch angeboten würden. Dann führen wir womöglich in einem Jahr ein solches Gespräch über Bio-Milchbauern und ihre Lage.

Die Fragen stellte Thorsten Winter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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