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Eintracht-Partner TSG Wieseck

Menschen ausbilden statt nur Fußballer

Von Thorsten Winter
13.09.2022
, 15:49
Ausbildungsbetrieb: Das Buch „Herzliche Härte“ beschreibt die Besonderheiten der Die TSG Wieseck Bild: thwi.
Ein kleiner Verein, der Fußballprofis hervorbringt: Ein Buch beschreibt die Besonderheiten der TSG Wieseck, Kooperationspartner von Eintracht Frankfurt, und erlaubt Einblick in die Geheimnisse guter Talentförderung.
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Bei welchem Fußballverein, der Spieler für die Bundesliga hervorgebracht hat, geben sich Trainer mit 50 Euro im Monat zufrieden? Und welcher Klub lädt Eltern auf eine Extra-Tribüne nebst Internetzugang ein? Und wo ist Instagram im Trainingslager tabu? Die Antwort findet sich in einem Buch von Sven Nordmann. Der Gießener Sportjournalist hat im Selbstverlag ein Buch über die TSG Wieseck veröffentlicht. „Herzliche Härte!“ heißt es. Dieser Klub ist ein Kooperationspartner der Fußballer von Eintracht Frankfurt und versteht sich als Ausbildungsstätte. Folgen die Leser dem Hauptautoren, handeln die Wiesecker „mutig, markig, menschlich“. So lautet der von Nordmann auf der Rückseite des Einbands vermerkte Dreisprung.

Dort stehen auch zwei Zitate, die Neugier auf den Inhalt des Buchs wecken. Als „einmalige Location“ lobt Profi-Trainer Peter Hyballa den Gießener Vorstadtverein. Das besagt zwar genau genommen erst einmal gar nichts, da jeder Verein einzigartig ist. Aber zusammen mit der Huldigung, die Nationalspieler Gian-Luca Waldschmidt den Mittelhessen angedeihen lässt, wird die Bedeutung des Hyballa-Zitats klar: „Die TSG Wieseck war für meine Entwicklung überragend“, zitiert Nordmann den früheren Eintracht und aktuellen Wolfsburg-Profi.

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Fußballschule aufgebaut

Waldschmidt spielte 2009/10 in Wieseck und wechselte danach zur Eintracht. Diese Saison fiel in die erste Zeit von Deniz Solmaz. Der gebürtige Dillenburger kam 2006 erstmals nach Wieseck und baute seine Fußballschule auf. Nach einem Zwischenspiel bei einem anderen Verein zeichnet er seit 2014 als Jugendleiter verantwortlich und spielt in dem Buch eine zentrale Rolle. Nordmann beschreibt den A-Lizenz-Inhaber Solmaz als treibende Kraft mit einer klaren Vorstellung, wie der Betrieb zu laufen hat und wie nicht. Dabei bemüht er sich erst gar nicht um nennenswerte Distanz zu seinem Erzählgegenstand – was allerdings auch eher unglaubwürdig wäre. Solmaz ist auch Co-Autor und Mit-Verleger.

Keine Konflikte scheuen

Was den einen distanzlos erscheint, mögen andere als ungefiltert verstehen. Und das hat durchaus seinen Reiz. Solmaz erscheint in den Schilderungen als eine Person, die landläufig als „positiv Verrückter“ bezeichnet werden. Als jemand, der für seine Sache unbedingt brennt. Der vorprescht und ausprobiert – und im Zweifel andere mit sich reißt. Der aber andere mitunter auch nervt und keine Konflikte scheut.

Ein Beispiel: Im Jugendfußball traditionell verbreitete übermotivierte Väter, die von außen Einfluss auf das Spiel zu nehmen versuchen, duldet Solmaz demnach nicht. Eltern haben vielmehr eine klare Rolle: Sie dürfen zahlen, unterstützen – und sich fußballerisch heraushalten. Und zahlen dürfen sie kräftig: 300 Euro Jahresbeitrag sind pro Nase bis zur D-Jugend fällig, später 360 Euro. Ein Mehrfaches dessen, was andere Vereine verlangen. Für Trainingslager, Auswärtsfahrten mit Übernachtung und Komplettausstattung mit Fußball-Bekleidung müssen Eltern demnach mit 1000 Euro rechnen. Im Gegenzug gibt es am Sportplatz eine Minitribüne für Eltern. W-Lan und Gratis-Kaffee inklusive.

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Trainer verdienen unterdessen keine Reichtümer. Stichwort: 50 Euro monatlich. Wieso aber machen die 55 Trainer das mit? Stellvertretend zitiert der Autor einen 22 Jahre alten Jura-Studenten, der Jugendliche in der Regionalliga Süd trainiert. „Die Welt wird in meinen Augen leider heuchlerischer. Hier, in Wieseck habe ich gelernt, dass ich nicht die Klappe halten muss.“

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Ähnliche Zitate finden sich zuhauf auf den gut 170 Seiten. Demnach bleiben den Jung-Fußballern viele Freiheiten. Mit beliebigem Laissez-faire haben es die Wiesecker aber nicht. Vielmehr ist die Rede von einem festen Rahmen, verbunden mit Vertrauen und einem familiären Umfeld: Der früher mit Spitzenfechtern und Bundesliga-Handballern beschäftigte Orthopäde Alvin Sauer betreut die Jugendlichen bei Bedarf ärztlich. Es gibt ein Trainingslager in den österreichischen Bergen – aber kochen müssen die Jungs selbst. Sie können auch Quatsch machen – aber chillen müssen sie im eiskalten Gebirgsbach, besonders gerne nach dem Training. Sie dürfen ihre Smartphones mitnehmen – aber nur zweimal am Tag kurz nutzen; tabu ist derweil, auf TikTok Begebenheiten aus der Gruppe posten oder etwas auf Instagram einzustellen.

Sport als Charakterbildung

„Deine Freiheiten hören da auf, wo andere eingeschränkt werden“, zitiert Nordmann den Jugendleiter. Das klingt nach gelebtem Grundgesetz. Freiheit ist die eine Seite der Medaille – Verantwortung die andere. Das gilt demnach auf wie neben dem Platz. Sport als Charakterbildung. Besuche in Auschwitz oder in der Haftanstalt in Gießen gehören ausdrücklich dazu. Mit diesem Ansatz hebt sich die TSG Wieseck von anderen Nachwuchs-Leistungszentren offenbar ab.

„Es werden keine Menschen, sondern Spieler ausgebildet“, zitiert Nordmann die Kritik des ehemaligen Wolfsburger U-13-Trainer Raphael Koletzko an üblichen Leistungszentren, die den Alltag der Jung-Kicker klar durchtakten. Aus seiner Sicht müssten Leistungszentren vielmehr „das wirkliche Selbstbewusstsein“ der Jugendlichen stärken.

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In dieser Hinsicht könnten sie sich viel von der TSG Wieseck abschauen. Daniel Davari, früher in Braunschweig und Zürich aktiv und derzeit Torhüter von Rot-Weiß Oberhausen, teilte der F.A.Z. über seine vor Solmaz´ Einstieg liegende Zeit in Gießen mit: „Die TSG Wieseck hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich eine professionelle Laufbahn einschlagen konnte.“ Kontakte zu den Trainern, Mitspielern inklusive Eltern, bestünden noch heute. Insofern müssen die Mittelhessen schon sehr lange viel richtig machen in der Jugendarbeit.

Quelle: FAZ.NET
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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