Besuch im Romantikmuseum

Begegnung mit dem Unbekannten

Von Florian Balke
27.11.2021
, 15:18
Gäste aus Fernost: Touristen aus Asien zählen zu den wichtigsten Besuchern des Goethehauses. Und sind am Großen Hirschgraben jetzt wieder anzutreffen.
Die ersten Touristen aus Asien kommen wieder, Schüler aus der Region sind auch schon da – Was macht das Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt gut? Und was könnte besser laufen?
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Vor dem Haus wartet eine Schülergruppe. Oberstufe, lässig. Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Besichtigung. „Da können wir ja noch mal shoppen gehen.“ Drinnen ist das Romantik-Museum an einem Vormittag mitten in der Woche im ruhigen Alltagsbetrieb angekommen. Dafür, dass in vielen Kultureinrichtungen seit Wochen leere Plätze und Besucherzurückhaltung zu beobachten sind, ist es erstaunlich voll. Zwischen 11 und 13.30 Uhr herrscht ständiges Kommen und Gehen.

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In der Gemäldegalerie, die Goethes Le­ben und Werk anhand der Kunst nacherzählt, unterhält sich ein fittes Rentnerpaar. „Kennst du Füssli?“, fragt sie ihn ne­ben den Bildern des Malers, der die Ro­mantik zwischen gepuderten Perücken und geschnürten Kleidern so kühn vorwegnahm wie Goethe im „Faust“. „Nein, hab ich noch nie gehört.“ Und Tischbein? „Na ja, Tischbein. Da gibt’s ja wenigstens ’ne Straße.“ Womit das Museum seinem Bildungsauftrag auch schon nachgekommen ist. Schließlich wurde die neue bürgerliche Form der Darbietung und Rezeption von Wissen aller Art um 1800 in Paris, London und Berlin nicht zur Besichtigung dessen erfunden, was man schon wusste, sondern zur Begegnung mit dem Unbekannten, Niegesehenen, Unerhörten.

Museale Erweiterung offenbar noch nicht sehr bekannt

Und die Touristen aus Japan, Südkorea und China? Wo man Goethe und die Ro­mantik, gerade die musikalische, kennt und liebt? Reisende aus Asien machen in normalen Jahren neben Bildungsbürgern im Rentenalter, Literaturwissenschaftlern und Schülern aus der Region einen we­sentlichen Bestandteil der heterogenen Be­sucherschar des Hauses aus. Noch sind die Reisebeschränkungen zu zahlreich für das übliche Bild. Aber ein paar Touristen aus Fernost sind unterwegs. Und gehen durch die Eingangshalle des Museums und den neuangelegten Romantikgarten schnur­stracks ins Goethehaus. Name und Institution sind bislang offenbar bekannter als die museale Erweiterung, die sich erst herumsprechen muss.

Zwei junge Frauen nehmen sich viel Zeit für das Pekingzimmer, das Gemälde­kabinett und die Bibliothek von Goethes Vater. Zwei ältere Männer, Geschäftsleute mit Schlips und Kragen, die immer wieder auf die Uhr schauen, absolvieren den Rundgang im Schnelldurchlauf. Ein Stockwerk, eine Minute. Einer von ihnen dreht sich um, als er hinter sich den Viertelstundenschlag der Hüsgen-Uhr hört. Dann geht es auch schon weiter. Aufmerksam be­trachtet der andere das Rankenmuster des schmiedeeisernen Treppengeländers.

Besucher aus der Region: Auch Schüler schauen vorbei.
Besucher aus der Region: Auch Schüler schauen vorbei. Bild: Wonge Bergmann

Bei den Schülern der Region ein ähn­licher Eindruck. Die Mädchen sprechen über ihre Eindrücke, die Jungen schweigen. „Das ist einfach so krass fein gemalt“, sagt eine Schülerin vor „Faust und Gretchen im Garten“, einem 1863 entstandenen Ölgemälde in Grisaillemalerei. Vier Jungen sitzen schüchtern auf der Bank vor Goethe in der Campagna, der sie von seinen Steintrümmern aus anstarrt, bis sie sich nebenan dem Sonnenuntergang auf Jacob Philipp Hackerts „Blick auf Rom von der Via Appia“ zuwenden, vor dem sie einander konzentriert auf Einzelheiten hinweisen: „Ja, aber diese Farben.“

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Nervendes automatisches Geschimpfe

„Was ist hier drin?“, fragt ein Jahrgangskamerad, der an einer der Ausstellungsstationen den Schreibtischdeckel hochklappt: „Wieder ein Buch?“ Es ist die Zeitschrift „Athenäum“ mit Novalis’ „Blütenstaubfragmenten“. Wenn es heilige Schriften der Romantik gibt, dann Bände wie diese. Aber das Öffnen von Holzschubladen für den Blick auf betagtes Schriftgut, der liebevolle Haupttrick der Ausstellung, die wertvolle Handschriften zeigt und vor Lichteinfall schützen muss, ist für jüngere Besucher nicht gerade der Hingucker. Sie umlagern die Station „Wer, wann, wo?“, an der man sich auf einem großen waagrechten Bildschirm mit selbstgewählten Einstellungen die Reisen der Romantiker zeigen lassen kann. Und drängen sich an der Schleiermacher-Station zum Übersetzen rund um den Computer, mit dem man Texte in andere Sprachen übertragen kann. Noch mehr vom eigens für sie gedachten Daddeln hätten sie vermutlich ebenfalls genommen.

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Bedauerlich in diesem Zusammenhang, dass das Museum in den Romantiketagen auf Interaktion setzt, während es die Besucher in der ersten Etage, wo der Ton gesetzt wird, eher abschreckt. „Bitte halten Sie Abstand zu den Kunstwerken“, sagt eine laute Stimme von der Decke, hat man sich einem Gemälde zu sehr genährt. Leider er­tönt die Stimme sehr oft, sobald sich in den kleinen Kabinetten viele Besucher aufhalten. Im dritten Stock will sie vor den Bildern von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus gar nicht mehr aufhören. Das automatisierte Geschimpfe nervt und sollte dringend heruntergefahren werden.

Es gibt weitere Einwände. Im Gästebuch findet eine Besucherin das Museum zu dunkel, eine andere bemängelt die Akustik, ein dritter findet, Mendelssohn käme zu kurz. Büchner und Hölderlin ließen sich hinzufügen. Aber das Lob überwiegt bei Weitem. Es stammt aus Italien, Nordirland, Finnland, China und Georgien. Und die von den Ausstellungsmachern beabsichtigte Interaktivität funktioniert immer wieder blendend. An der Station, an der man Fragen beantworten und ausgefüllte Kärtchen an 288 Haken hin­terlassen kann, hängen die Blätter dicht an dicht.

Was hier zurückbleibt, wird ge­lesen. Im Zeitalter der sozialen Medien will man wissen, was anderen zum selben Kram durch den Kopf geht. Welches Zauberwort kann die Welt verwandeln? „Ich bin Vincent und das Wort ist Liebe. Wegen Gina.“ Gibt es moderne Volkslieder? „Du weißt, dass es Haft ist.“ Der Rapper hat auch einen Eintrag im Gästebuch: „Hafti Lieblings Romantiker.“ Wer verkaufe heute seine Seele? „Der FC Bayern ist seelenlos.“ Das Plebiszit funktioniert, die Verweildauer ist hoch. Nach zwei Stunden sind die Schüler noch immer in der Ausstellung. Im Garten blüht derweil eine letzte Rose. Schnell hin, bevor sie fällt.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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