Besuchsdienste für Senioren

Beisammen sein, zuhören, Wange streicheln

Von Mona Jaeger
05.07.2013
, 15:00
Vor allem Frauen sind im Alter oft allein. Ehrenamtliche Besuchsdienste wie das Programm namens „Helfende Hand“ der Caritas wollen das ändern. Profitieren können davon alle.

Es fing im Kino an. Als Kind kann Johanna nicht still sitzen, gerade nicht, wenn Filme über Rebellen auf der Leinwand laufen, denn sie will auch raus, weg. Sie ist eigensinnig, vielleicht auch ein bisschen wild für die Zeit. Es sind die dreißiger Jahre. Später, Johanna ist längst erwachsen und hat eigene Kinder, fand ihre Tochter die hibbelige Mutter manchmal etwas anstrengend. Heute, Johanna wird bald 92 Jahre alt, staunt die Tochter nur noch über die Energie der alten Frau.

Johanna Kneitschel hört kaum noch und sieht nur Schemen. Aber ausbüchsen will sie noch immer. Bald hält es sie in ihrer kleinen Wohnung nicht mehr im bequemen Sessel, und sie steht schneller auf, als es ihr guttut. Sie schwankt. Ihre Tochter eilt, sie zu stützen. Johanna wehrt sich ein bisschen, gibt dann nach und hakt sich ein. „Ich bin alt, aber musst ja nicht gleich so tun, als fall’ ich bald tot um.“ Manchmal ist Johanna wieder das hibbelige, anstrengende Kind aus dem Kino.

Nur am Küchentisch sitzen - auf keinen Fall!

Ihre Tochter, Hannelore Uhlig, ist jeden Tag drei bis fünf Stunden bei ihrer Mutter. Dass die noch immer alleine leben will, muss sie akzeptieren. Aber wenn Johanna erzählt, wie sie am Vormittag mal wieder mit dem Rollator durch Eckenheim gezogen ist, an vierspurigen Straßen und Stadtbahngleisen entlang, dann streiten Mutter und Tochter. Weil die eine Freiheit sucht und die andere Angst hat. „Ich hab dich lieb, aber es zehrt an meinen Nerven“, sagte Hannelore Uhlig dann zu ihrer Mutter. Oft saß die Tochter abends in ihrem Wohnzimmer und wollte entspannen, aber es funktionierte nicht. Am nächsten Tag ging es ja wieder rund. Dann beschloss Hannelore Uhlig, etwas zu ändern.

Sie hat bei der Stadt angerufen, dann bei der Caritas. Irgendwo hatte sie einmal etwas von einem Besuchsdienst für Senioren gelesen, der Angehörige entlasten kann. Man gab ihr den Tipp, bei den Maltesern nachzufragen. Und tatsächlich sind sie die einzige Einrichtung, die ehrenamtliche Helfer auch bis nach Eckenheim schickt.

Hannelore Uhlig fragte ihre Mutter, was sie von einem Besuchsdienst halte. Johanna war das alles recht, solange sie oder er mithalten kann, wenn sie mit ihrem Rollator durch die Nachbarschaft spaziert. Oder wenn sie mit der U-Bahn zur Konstablerwache fährt, um von einer Bank aus Leute anzugucken. Nur am Küchentisch sitzen und Kaffee trinken - „auf keinen Fall“, sagte Johanna.

Meistens sind es Frauen, die einsam sind

Aber manchmal ist es schon viel, wenn der Besuchsdienst genau das macht: beisammen sein, zuhören, Wange streicheln. Denn vielen alten Menschen fehlt die Ansprache. „Zwar ist niemand im Alter komplett isoliert“, sagt Lioba Abel-Meiser von den Frankfurter Maltesern. Aber es gebe schon einige Menschen, die am Tag nur den Briefträger sähen, vielleicht noch die Kassiererin im Supermarkt, und sonst niemanden. Das ist nicht nur in den anonymen Großstädten ein Problem, sondern auch auf dem Land, auf dem die dörflichen Bindungen längst nicht mehr so eng sind. Meistens sind es Frauen, die einsam sind, denn sie leben, ist ihr Mann gestorben, oft noch einige Jahre allein zu Hause. Bleiben die Männer zurück, ziehen sie eher ins Heim oder in eine Einrichtung für betreutes Wohnen.

Johanna ist aktiv und wohnt seit 50 Jahren in der gleichen Wohnung, das ist ihr Glück. Seit ihr Mann vor vier Jahren gestorben ist, lebt sie dort allein. In dem Mehrfamilienhaus kennt man Johanna, so mancher hat ein waches Auge. Und es gibt den Schäferhund gegenüber, der ganz nervös wird, wenn er Johanna einen Tag lang nicht gesehen hat. Außerdem kommt regelmäßig ein Pflegedienst und hilft beim Waschen und Anziehen. Dennoch kann etwas passieren. Erst vor kurzem ist Johanna gestürzt, über eine Fußleiste im Flur, über die sie schon seit 50 Jahren steigt, nur diesmal war sie hängengeblieben und lag vom frühen Morgen bis zum Vormittag auf dem Teppich, wimmerte und konnte sich nicht rühren, bis die Tochter sie fand. Johanna trägt seither auch in der Wohnung eine leicht getönte Sonnenbrille. Sie ist eitel und möchte nicht, dass man ihr blaues Auge sieht. Aber der Tochter war der Sturz eine Warnung mehr. Sie wollte sich nicht mehr ganz allein um ihre Mutter kümmern.

Johanna erzählt, Diana lauscht gespannt

An einem Tag im November vergangenen Jahres stand dann Diana Hohmann in Johannas Tür. Mit kurzen blonden Haaren, laut und groß, so sagt sie es selbst. Um drei Köpfe überragt sie die alte Dame. Aber das machte nichts, man hatte ja gleich beim ersten Treffen ein Thema. Die Katzen. „Wie schön weich die sind, gell?“ „Wir hatten ja eine so schöne Katze, mit dunklem Fell, wie hieß die noch mal? Ach, die war so weich.“ Namen sind nicht so wichtig, den ihrer Pflegerin kann Johanna sich erst seit kurzem merken. Aber wie gut Clark Gable in „Vom Winde verweht“ aussah, das weiß sie noch gut. Und dann ist Johanna schon im Erzählen. Diana Hohmann, 44 Jahre alt, kann sich zurücklehnen und lauschen.

Johanna wurde in Kulmbach geboren in Oberfranken, und das R rollt sie noch immer, obwohl sie seit 1956 in Frankfurt lebt. Die Eltern zogen nach dem Krieg hierher, weil sie ein kleines Kino in Ginnheim übernahmen. Johanna war deshalb der Star in der Schule. Als Einzelkind mochte sie die Aufmerksamkeit. Bald heiratete sie und bekam drei Kinder. Bei der Firma Krupp, die es damals noch im Osthafen gab, fing sie als Sekretärin an und blieb dort bis zur Rente. Aber das ist auch schon fast 30 Jahre her.

Name ist Programm: „Helfende Hand“ für Senioren

Diana Hohmann staunte nur, was diese alte Dame ihr alles erzählte. Sie selbst kann, wenn Johanna sie einmal zu Wort kommen lässt, von einer ganz andere Lebensgeschichte berichten, von einer, in der Worte vorkommen wie „berufliche Neuorientierung“ und „Bewerbungsmanagement“. Es sind Begriffe aus einem anderen, einem modernen Leben. Schon nach dem ersten Treffen wussten Diana Hohmann und Johanna Kneitschel, dass es viel zu bereden gibt.

„Wichtig ist, dass die Chemie stimmt“, sagt Abel-Meiser von den Maltesern. Johanna bekam zunächst von einer anderen Frau Besuch, „aber der musste ich ja erstmal das Laufen beibringen“, sagt Johanna. Also suchte ihre Tochter weiter, und bald war Diana Hohmann gefunden. Sie wurde vorher wie jeder, der eine „Helfende Hand“, so heißt das Besuchsprogramm für Senioren, werden möchte, zu einem Gespräch bei den Maltesern eingeladen. Ob sie gesprächig ist und auch freundlich, wollten sie wissen. Außerdem will man so Erbschleichern keine Chance geben.

Die meisten Ehrenamtlichen sind selbst Rentner

Auch Hannelore Uhlig war erst ein wenig skeptisch, wer da nun regelmäßig in die Wohnung ihrer Mutter kommt. Aber schnell war sie beruhigt. Diana Hohmann und Johanna machten von nun an den Dienstag zum Besuchstag. Sie gehen dann spazieren, fahren mit der U-Bahn zur Berger Straße, setzen sich dort auf eine Bank und schauen den Menschen beim Bummeln zu oder gehen selbst einkaufen. Denn Johanna ist eitel, sie ist es immer gewesen und geblieben. Diana Hohmann kann sich darüber amüsieren, und Johannas Tochter gelingt das inzwischen auch immer besser. Denn oft ist sie bei den Touren dabei - auch, weil sie sich so gut mit Diana Hohmann versteht. Und trotzdem fühlt die Tochter sich entlastet, weil sie nun nicht mehr die einzige ist, die sich um ihre Mutter kümmert.

So ist die Konstellation bei den Kneitschels für das Besuchsprogramm ein wenig ungewöhnlich, wie schon Diana Hohmann selbst, denn sie ist ungewöhnlich jung. Die meisten der vielen Dutzend Ehrenamtlichen sind selbst schon Rentner. Dabei bietet sich auch für Berufstätige die Gelegenheit, man könnte sich ja am Wochenende sehen. Diana Hohmann hat unter der Woche Zeit, weil sie im Moment eine neue Arbeit sucht. Da traf es sich gut, dass sie sich schon länger um alte Menschen kümmern wollte. Diana Hohmanns Tante lag lange im Seniorenheim, war oft einsam, wenn niemand sie besuchte. Hohmann sah, wie schnell Menschen altern und sterben können, wenn sie keinen Zuspruch mehr haben. Aus ihrem Wunsch, von nun an in einem Seniorenheim zu helfen, wurde nichts. Dann las sie die Annonce der Malteser, die auf diesem Weg oft nach neuen Helfern suchen. Denn ist die Welle der guten Vorsätze im Frühjahr erst einmal abgeebbt, gibt es immer noch alte Menschen, die besucht werden wollen.

Wobei das so eine Sache ist. Denn wenn die Kinder ihrer Mutter oder ihrem Vater etwas Gutes tun wollen, Besuch organisieren, die Eltern aber ganz gern allein sind, geht man bald wieder getrennte Wege. Das gibt es auch. „Menschen dieser Generation können manchmal nicht so leicht auf andere zugehen“, sagt Abel-Meiser. Es ist doch gut, findet dagegen Hannelore Uhlig, wenn ein bisschen Abwechslung ins eingefahrene Leben kommt. „Ich langweile mich doch nicht“, ruft Johanna vom Sessel aus. Bevor Mutter und Tochter sich wieder streiten, geht Diana Hohmann dazwischen, lacht einmal laut und erzählt von ihrem Ausflug in eine Bornheimer Äpfelweinkneipe vor ein paar Tagen. In Johannas Erinnerung war der Nachmittag zu Dritt laut und turbulent, aber auch schön. Wie der Kellner mit ihr witzelte, das hat ihr gefallen. „Da gehen wir bald mal wieder hin“, sagt Diana Hohmann, aber Johanna hat etwas einzuwenden. „Heute bin ich dazu aber nicht aufgelegt.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jaeger, Mona
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