Frankfurt – Stadt des Aufruhrs

Von HANS RIEBSAMEN
© Barbara Klemm

Die Studentenbewegung von 1968, die Hausbesetzungen in den siebziger Jahren, der Protest gegen den Bau der Startbahn West Anfang der achtziger Jahre - gemächlich ist es nie zugegangen in Frankfurt am Main. Hier wurden viele Trends vorweggenommen, im Guten wie im Schlechten. Ein Rückblick auf Frankfurts aufrührerische Vergangenheit.

„Macht die Revolution“: Apo und Studentenproteste von 1968

Berlin und Frankfurt sind die beiden Hochburgen der Studentenproteste von 1968 gewesen. Als am 11. April 1968 ein wirrer Rechtsradikaler in Berlin auf den Studentenführer Rudi Dutschke schoss und ihn schwer verletzte, richtete sich die Wut der linken Szene auf den angeblich hetzerischen Springer-Verlag: „Bild hat mitgeschossen“, lautete der Vorwurf. Bei den sogenannten Osterunruhen versammelten sich am Gründonnerstag in Frankfurt Hunderte von Demonstranten vor den Gebäuden der Sozietätsdruckerei an der Mainzer Landstraße, wo auch die Redaktionen der F.A.Z., der Frankfurter Neuen Presse und der Abendpost/Nachtausgabe ihren Sitz hatten. Sie konnten den Druck der „Bild“-Zeitung freilich nicht verhindern, denn sie und die anderen Zeitungen wurden erst am Karfreitag produziert.

Einige Wochen zuvor war Dutschke, damals Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), nach Frankfurt gereist, um auf der Kundgebung „Schluss mit dem Krieg in Vietnam“ auf dem Römerberg zu sprechen. Doch er wurde von der Polizei er schon am Flughafen festgenommen, worauf Demonstranten das Polizeipräsidium belagerten. Oberbürgermeister Willi Brundert (SPD) erwirkte Dutschkes Freilassung, der rief vor der Abreise nach Berlin seinen Genossen am Hauptbahnhof über Megaphon zu: „Geht nach Hause und macht die Revolution.“

  • © dpa Anschlag: In zwei Frankfurter Kaufhäusern legt die Baader-Gruppe im April 1968 Feuer.
  • © AP Ohne Reue: Andreas Baader und Gudrun Ensslin verteidigen vor Gericht den Anschlag.
  • © dpa Gegen Springer: Vor der Societäts-Druckerei versuchen Demonstranten, die Auslieferung von „Bild“ zu verhindern.
  • © Archiv Blockade: Polizisten gehen gegen die „Bild“-Gegner vor.
  • © AP Idol: Kurz vor dem Attentat in Berlin rief Studentenführer Rudi Dutschke in Frankfurt zur Revolution auf.
  • © Barbara Klemm Geistige Revolution: Professor Theodor W. Adorno (zweiter von links) und sein Schüler Hans-Jürgen Krahl. Links der spätere Kultusminister Ludwig von Friedeburg, rechts der SDS-Vorsitzende K.D. Wolff.

Der Same der Gewalt war damals schon aufgegangen – beim sogenannten Kaufhaus-Brand. Am Abend des 2. April 1968 hatten vier Linksextremisten, darunter die späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin, nach Geschäftsschluss Feuer im Frankfurter Kaufhof und im Kaufhaus Schneider gelegt. Die Täter wurden schnell ermittelt und ein halbes Jahr später zu jeweils drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Befreiung Baaders durch Waffengewalt im Mai 1970 in Berlin, an der auch die Journalistin Ulrike Meinhof teilnahm, stellt eine Art Gründungsakt des Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF), bekannt auch als Baader-Meinhof-Bande, dar. Baader wurde im Juni 1972 zusammen mit zwei anderen RAF-Terroristen in Frankfurt nach einem Schusswechsel verhaftet.

Teile der Studentenbewegung und der Apo waren durch die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule geprägt. Der Philosoph Theodor W. Adorno, einer der wichtigen Denker der Frankfurter Schule, erkannte seinen Schüler Hans-Jürgen Krahl, in Frankfurt der wichtigste Anführer der Studentenbewegung, als einen der wenigen ihm intellektuell ebenbürtigen Personen an. Die Proteste an der Universität ängstigten Adorno allerdings, er klagte über eine „Walpurgnisnacht der Studenten“. Sie traf ihn bald darauf in Form des „Busenattentats“, bei dem Studentinnen sich im Hörsaal vor Adorno demonstrativ entblößten. Geschockt und in Tränen aufgelöst verließ der Sozialphilosoph den Raum. Sein Tod wenige Wochen später wird von machen mit der damaligen Demütigung in Verbindung gebracht.

Als Fischer noch Steine warf: Der Häuserkampf im Westend

Einer der Hausbesetzer, Joschka Fischer, hat es später zum Außenminister gebracht. Die Zeit des Steinewerfens hatte er damit weit hinter sich zurückgelassen. Ein anderer, Daniel Cohn-Bendit, wurde Europaabgeordneter. Ein dritter aus der Szene der Besetzer endete als Terrorist: Hans-Joachim Klein nahm 1975 an dem vom Terroristen Carlos geleiteten Überfall auf die Opec-Zentrale in Wien teil.

Die Bilanz des „Häuserkampfs“, wie die Frankfurter Spontis, eine damals entstandene, eher libertär ausgerichtete Bewegung von Linksradikalen, die Besetzung von Häusern in dem vom Abriss bedrohten Gründerviertel Westend nannten, ist zwiespältig. Die Besetzer lieferten sich blutige Schlachten mit der Staatsmacht und waren eher auf Revolution aus denn auf Bewahrung der alten Bausubstanz. Doch am Ende wurden weite Teile des Westends tatsächlich vor dem Abriss gerettet, weil die SPD-geführte Stadtregierung schließlich einsah, dass das Konzept, die alten Villen und Mietshäuser zugunsten von Versicherungspalästen, Banktürmen und Anwaltskanzleien abzureißen, falsch war. Heute ist das Westend mit seiner alten Bausubstanz eines der schönsten, aber auch eines der teuersten Viertel in Frankfurt.

Der Protest ging damals von gutsituierten Bürgern aus. Die Bürgerinitiative „Aktionsgemeinschaft Westend“, angeführt von einem angesehenen Architekten, organisierte 1970 die erste Demonstration gegen die Zerstörung des Viertels, mit Plakaten und Trauerfahnen zogen alteingesessene Bewohner durch die Straßen. Im September 1970 dann besetzte eine Gruppe von Studenten, Gastarbeitern und ehemaligen Heimzöglingen zum ersten Mal ein zum Abriss bestimmtes Haus und verbarrikadierte es. Umstürzlerisch gesonnene Linksradikale wie Fischer und Cohn-Bendit sahen in dem Thema eine Gelegenheit, den Klassenkampf in die Stadt zu tragen, und entfachten die Bewegung der Hausbesetzer.

  • © Archiv Straßenkämpfer: Der Schläger, der auf den Polizisten einprügelt, ist angeblich der spätere Außenminister Joschka Fischer.
  • © Picture-Alliance / dpa Terrorist: Der frühere Hausbesetzer Hans Joachim-Klein wird 1995 beim Opec-Anschlag in Wien verletzt, konnte aber mit seinen Genossen nach Algerien fliegen.
  • © Lutz Kleinhaus Feuerwerk: Passanten beklatschen im August 1973 den Brand des Hochhauses von Ali Selmi, den sie für einen Spekulanten und Wohnraum-Vernichter halten.
  • © dpa Gegen Spekulanten: Hausbesetzter werben 1973 für ihre Aktionen.
  • © Lutz Kleinhaus Vor der Räumung: Polizisten bereiten sich im Februar 1974 an der Bockenheimer Landstraße auf ihren Einsatz vor.
  • © Lutz Kleinhaus Roter Dani: Der spätere Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit (Mitte) versucht, ein besetztes Haus zu blockieren.

Im Herbst 1971 kam es zu den ersten Räumungen – und zu den ersten Straßenkämpfen. Kurz danach besetzten die linken Aktivisten das symbolbeladene Haus Bockenheimer Landstraße 111, das eine Art Zentrum des „Häuserkampfes“ bildete. Auch das Haus Kettenhofweg 51, dessen Räumung 1973 die Besetzer zunächst verhindern konnten, besitzt in der politischen Mythenbildung der Linken eine hohe Bedeutung. Die Kämpfe um den Kettenhofweg waren besonders militant, der damalige Polizeipräsident sprach von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“.

Wie sehr der geplante systematische Abriss des alten Wohnviertels Westend vielen Frankfurtern gegen den Strich ging, zeigte sich beim Brand des Selmi-Hochhauses am Platz der Republik, das heute City-Haus heißt und die Zentrale der DZ-Bank beherbergt. Kurz vor dem Richtfest brach an einem August-Abend 1973 ein Feuer aus, die oberen der 41 Etagen brannten wie eine Fackel. Das grausige Feuerwerk lockte viele Neugierige an, in der Menschenmenge wurde das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ angestimmt. Der Brand wurde als gerechte Strafe für einen Spekulanten empfunden, der Wohnraum zerstört hatte. Leider hatte die Sache auch eine sehr unangenehme antisemitische Seite. Die Leute hielten Ali Selmi, den persischen Bauherrn, ganz selbstverständlich für einen Juden. Die galten auch den Linken damals als geborene Spekulanten. Vor diesem Hintergrund verfasste Rainer Werner Fassbinder sein Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ mit einem „reichen Juden“ als Akteur. Als es 1985 am Schauspiel Frankfurt aufgeführt werden sollte, gab es dagegen Demonstrationen vor dem Schauspielhaus, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, darunter ihr Vorsitzender Ignatz Bubis, besetzten die Bühne und verhinderten die Aufführung.

Friede den Hütten: Proteste gegen die Startbahn West

Als der Frankfurter Flughafen, der nach dem Krieg zur wichtigsten deutschen Drehscheibe und zur Heimat der Lufthansa geworden war, 1965 eine dritte Startbahn beantragte, gab es jahrelang Anfechtungsklagen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs im Sommer 1978 schwand die Hoffnung der Gegner, den Bau der Startbahn West juristisch verhindern zu können. Ihr Widerstand verlagerte sich auf die Straße und in den Wald am Flughafen. Es ging den Demonstranten um den Erhalt von Lebensraum, sie wollten Wald, Luft und Trinkwasser schützen. Einer von ihnen war zum Beispiel der hochangesehene Schriftsteller Peter Härtling, der 1967 nach Walldorf in die unmittelbare Nähe des Flughafens gezogen war, weil er seinen Protest an Ort und Stelle kundtun wollte. Die Umweltbewegung in Deutschland erhielt durch den Konflikt um die Startbahn West einen gewaltigen Schub. Im Mai 1980 errichteten Startbahngegner auf dem für die Bahn vorgesehenen Gelände ein Hüttendorf. Als die ersten Bäume fielen, kamen Tausende zu Gottesdiensten in die „Hüttenkirche“. Sonntags machten sich immer viele Anwohner aus den Flughafen-Gemeinden auf zu einem „Waldspaziergang“ mit Kaffee und Kuchen im Hüttendorf.

Aber schon damals zeigte der Protest eine brutale Seite. Im Mai 1981 erschossen Linksterroristen heimtückisch den hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry (FDP), der sich für den Bau der Startbahn stark gemacht hatte. Erbitterung machte sich bald danach unter den Gegnern breit, nachdem sie 120000 Stimmen für ein Volksbegehren gesammelt hatten, der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD) ein solches aber ablehnte.

  • © Barbara Klemm Idylle: Im Hüttendorf auf der Startbahn West
  • © Helmut Fricke Dichter-Protest: Der Schriftsteller Peter Härtling (Mitte) im Winter 1980/1981 im Hüttendorf
  • © Helmut Fricke Mit nackter Brust: Das Hüttendorf vor der Räumung
  • © Barbara Klemm Gewaltloser Widerstand: Startbahn-Gegner bei einer Sitzblockade 1981
  • © Barbara Klemm Martialisch: Die Staatsmacht zeigt am Frankfurter Flughafen Stärke.
  • © Mirko KrizanovicPolizisten bei der Trauerfeier für ihre zwei ermordeten Kollegen vor dem Frankfurter Dom
  • © Barbara KlemmStartbahn-Kämpfer: Vor seiner Wandlung zum Minister trat Joschka Fischer noch einmal an der Startbahn West als Demonstrant in Erscheinung.
  • © Barbara Klemm Weiße Turnschuhe: Mit Joschka Fischer zieht der erste Grüne 1985 in eine Regierung ein. Im hessischen Landtag legt er vor Ministerpräsident Holger Börner (SPD) den Amtseid ab.

Als im November 1981 die Polizei das Hüttendorf räumte, kam es zu schweren Auseinandersetzungen, die Krawalle setzen sich danach an vielen Wochenenden fort. Noch drei Jahre später, im Januar 1984 entbrannte an der Mauer der Startbahn ein heftiger Zusammenstoß, Vermummte schossen mit Stahlkugeln auf Polizisten und warfen Molotow-Cocktails. Im April 1984 ging die Startbahn West in Betrieb, am Wochenende danach lieferten sich militante Gruppen im Zuge einer bundesweiten Demonstration der Polizei eine blutige Schlacht mit der Polizei. Jahrelang kam es danach an den Wochenenden regelmäßig am Rand der Startbahn zu Ausschreitungen. Der Protest erlosch erst im November 1987, nachdem militante Autonome auf Polizisten geschossen und zwei Beamte tödlich getroffen hatten. Der Schock saß so tief, dass die Ausbaugegner danach ihre Demonstrationen einstellten. Womöglich sind diese Morde ein Grund dafür, dass es beim Bau der Landesbahn West zwischen 2006 und 2011 weitgehend ruhig blieb am Frankfurter Flughafen.

Schwarzer Block

Schwarze Kleidung, schwarzes Tuch vor dem Gesicht und möglichst noch ein schwarzer Motorradhelm auf dem Kopf: Fertig ist der durchschnittliche Krawallmacher vom Schwarzen Block. Erstmals machten die Militanten in schwarzer Dienstkleidung am 1. Mai 1980 in Frankfurt von sich reden: Am Rande der traditionellen Ersten-Mai-Demonstration machten sie „Putz“, wie es im Jargon der Linksradikalen bis heute heißt. Seither zählen die Kämpfer vom Schwarzen Block, die sich später Autonome und heute gerne Antifa nennen, zum scheinbar unvermeidlichen Beiwerk von Protestbewegungen. Man sah sie an der Startbahn West, bei den Anti-Atomkraft-Demonstrationen etwa in Gorleben, beim fast zur unguten Tradition gewordenen „Revolutionären Ersten Mai“ in Berlin und bei manch anderen Ereignissen.

Seit 1985 gibt es ein Vermummungsverbot. Aber wenn es zu Keilereien kommt, zieht der militante Linksautonome seine Kapuze über den Kopf und versteckt seine Augen hinter einer Sonnenbrille. „Massenmilitanz“ ist das Mittel dieser Extremisten, um politische Ziele durchzusetzen. Mittlerweile haben auch Rechtsextremisten diese Taktik für sich entdeckt.

  • © Wonge Bergmann Dienstkleidung: Im schwarzen Block ist, wie hier bei einer Demonstration 2008, die schwarze Kapuze obligatorisch.
  • © Felix Schmitt Gegen den Kapitalismus: Die Autonomen zieht es im März 2012 zur Baustelle des EZB-Hochhauses im Frankfurter Ostend.
  • © Felix Schmitt Attacke: Polizisten schützen sich im März 2012 bei einer Demonstration gegen die europäische Finanzpolitik vor einem Angriff von Autonomen.
  • © Helmut Fricke Handfest: Antifas vom schwarzen Block wollen NPD-Anhänger am 1.Mai nicht in die Stadt lassen.
  • © Helmut Fricke Seriöser Protest: Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) demonstriert mit dem Römerberg-Bündnis gegen Neonazis.
  • © Helmut Fricke Liberale Stadt: Das Römerbergbündnis aus Gewerkschaften und Kirchen protestierte vor einigen Wochen auf dem Römerberg gegen Pegida.
  • © Helmut Fricke Ohne Gewalt: Das multikulturelle Frankfurt ist sich einig gegen Pegida und Rechtspopulisten.

NPD und Autonome Nationalisten haben in den vergangenen Jahren mehrmals versucht, im liberalen und multikulturellen Frankfurt martialisch aufzumarschieren. Und das auch noch am 1. Mai. Gegen die Rechtsextremisten hat sich das „Römerbergbündnis“ aus Gewerkschaften, Kirchen und Jüdischer Gemeinde gebildet, das mehrmals auf dem zentralen Römerberg Kundgebungen gegen die rechten Provokateure veranstaltete. Die militanten Antifas wollten es nicht beim friedlichen Protest belassen, sie gingen handgreiflich gegen NPD und Neonazis vor und blockierten zum Beispiel Züge, in denen die Rechten anreisten.

Die Tradition des aggressiven Vorgehens gegen politische Gegner hat sich in Frankfurt bis heute gehalten. Seit Wochen demonstrieren eine Handvoll Pegida-Anhänger jeden Montag in der Innenstadt, und jedes Mal treffen die Rechtspopulisten auf eine viel größere Schar von Antifas, die es nicht bei verbalen Protesten belassen, sondern immer wieder gewalttätig werden. Bei den geplanten Protesten und Demonstrationen aus Anlass der Eröffnung der Europäischen Zentralbank am Mittwoch dürften die Militanten die Gelegenheit suchen, Krawall zu machen.

Blockupy: Das Finanzwesen blockieren

Für die Blockupy-Aktivisten ist die Europäische Zentralbank in Frankfurt ein Symbol des Finanz-Kapitalismus. 2012 rief ihr Bündnis, das unter anderem von der globalisierungskritischen Organisation Attac, von der Partei Die Linke und anderen linken Organisationen getragen wird, zu Aktionstagen in Frankfurt auf. Das Motto der Aktion vom 16. bis zum 19. Mai lautete „Besetzen, Blockieren, Demonstrieren“. Schon Monate zuvor, im Oktober 2011, hatten Demonstranten nach dem Vorbild der Bewegung Occupy Wallstreet, die den Zuccotti-Park in New York besetzt hatte, auf der Grünanlage vor dem damaligen EZB-Turm in Frankfurts Innenstadt Zelte aufgeschlagen. Einige von ihnen gingen 300 Tage lang nicht heim. Ihr Camp vor der Bank wurde von der Frankfurter Stadtregierung weitgehend toleriert, im gegenüberliegenden Schauspiel Frankfurt konnten sich die Aktivisten hin und wieder mal waschen und bekamen zuweilen eine heiße Suppe. Aus einem Protestcamp wurde mit der Zeit ein Sozialcamp, in dem sich zusehends Obdachlose und Roma-Familien niederließen.

  • © Jonas Wresch Unter dem Euro: Das Protestcamp von 2012 vor der Europäischen Zentralbank.
  • © Wolfgang Eilmes Zeltstadt: Die Demonstranten haben sich vor der EZB häuslich eingerichtet.
  • © Frank Röth Blick von oben: Die EZB-Mitarbeiter sehen auf den politischen Gegner herunter.
  • © dpa Bunter Protest: Doch die Banken gibt es auch nach 2012 immer noch.
  • © AP Wir sind 99 Prozent: Friedliche Demonstration vor der EZB 2012.
  • © Archiv Vorsichtsmaßnahme: Polizisten sollen die EZB schützen.
  • © dpa Konfrontation: 2013 geht es bei der Demonstration vor der EZB weniger friedlich zu.
  • © dpa Mit Leibeskräften: Polizisten ziehen 2013 einen Demonstranten aus der Menge.
  • © AFP Auf in den Kampf: Die neue Zentrale der EZB im Ostend ist das Ziel von Blockupy.

Im August 2012 ließ die Stadt schließlich das Areal räumen, auf großen Widerstand stieß sie dabei nicht. Ihren Höhepunkt hatte die Blockupy-Bewegung zuvor bei den Aktionstagen im Mai 2012 erlebt. Weil die Stadtverwaltung Krawalle befürchtete, stellte sie damals den öffentlichen Nahverkehr in der Umgebung der EZB ein, die Goethe-Universität schloss ihre Hochschulgebäude, die Commerzbank ihre Zentrale. Die EZB wurde weiträumig von der Polizei abgesperrt. Trotz eines gerichtlichen Verbotes versuchten etwa 1000 Aktivisten am 18. Mai an verschiedenen Stellen der Innenstadt zu demonstrieren, es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Diese nahm 400 Demonstranten in Gewahrsam. Dagegen war die genehmigte Großdemonstration am Tag darauf mit mehr als 20000 Teilnehmern weitgehend friedlich: „Wir sind die 99 Prozent“, riefen die Teilnehmer der Kundgebung. Gewaltbereite Chaoten wurden von der Polizei hermetisch abgeschirmt, einige festgenommen. Ein Jahr später rief das Blockupy-Bündnis erneut zu Aktionstagen auf. Am 1. Juni fand eine abschließende Demonstration statt, die Polizei sprach damals von 7000, Blockupy von 20000 Teilnehmern. Nach ihrem Beginn kesselte die Polizei knapp 1000 Demonstranten ein, weil sie diese für gewaltbereit hielt. Der Polizeieinsatz führte später zu heftigen politischen Auseinandersetzungen in Hessen, das Blockupy-Bündnis reichte Klage gegen das Land Hessen ein. Später entscheiden die Gerichte, dass die Einkesselung rechtmäßig gewesen sei.

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17.03.2015
Quelle: F.A.Z.