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Bettine von Arnim

Ohne Tinte geht es nicht

Von Florian Balke
 - 20:04
Marmor und Messing: Schreibzeug der Bettine von Arnim, erstes Viertel des 19. Jahrhunderts

Dreizehn Geschwister, sieben Kinder, und das alles ohne Auto, Telefon, Smartphone, Skype und Kurzmitteilungen. Kein Wunder, dass Bettine von Arnim zu einer der großen Briefschreiberinnen ihrer Zeit wurde. Zwar sah sie Familie und Freunde bei langen Besuchen, die ihr in Berlin oder auf dem brandenburgischen Schloss Wiepersdorf abgestattet wurden und die sie anderswo erwiderte. Vieles von dem aber, was der Frankfurter Kaufmannstochter durch den Kopf ging, die 1811 einen schreibenden preußischen Gutsbesitzer geheiratet hatte und selbst eine verkappte Dichterin war, ehe sie spät im Leben zur veröffentlichten Autorin wurde, vertraute sie dem Papier an, auf dass es im Schreiben durchdacht und gestaltet werde und anschließend Gesprächspartner oder Brieffreunde erfreue. Ein Gegenüber, einen Beteiligten am Gedankenaustausch, gern auch Gegner, sie alle ersehnte das 1785 geborene Kind des italienischstämmigen Kaufmanns Peter Anton Brentano und seiner zweiten Frau Maximiliane von La Roche zeitlebens wie kaum ein anderer Angehöriger ihres Kreises.

Alltagssorgen wie die Vorstellung der Töchter am Berliner Hof, die sie schließlich ihrer Schwester überließ, vertraute sie dem Papier ebenso an wie geplante und vollendete Werke. Ihr Schwiegersohn Herman Grimm erinnerte sich Jahrzehnte später: „Sie hatte immer zu schreiben. Wenn mir ihr Bild recht lebhaft aufsteigt, erblicke ich sie still an ihrem Schreibtische sitzend.“ Er hebt auch hervor, wozu sie sich die ganze Arbeit machte: „Sie schrieb unaufhörlich wieder ab, was ihr nicht gefiel, bis es die Leichtigkeit des Stiles empfing, als sei es flüchtig nur so hingeschrieben worden.“ Das Leichte macht die meiste Arbeit. Und Bettines Briefe, die schon früh leichtfüßiger waren als die Schriften der ernsthaften Männer ihrer Umgebung, verließen sich zwar schon bald auf geübte Verfahren der Ironie, der Übertreibung, des Sentiments und des Scherzes, mussten aber trotzdem locker aufs Papier gewuchtet werden.

Schon als junges Mädchen träumte sie vom Veröffentlichen eigener literarischer Werke. Aber sie schrieb sie nicht, sondern lebte nur. Was aber machte das schon? Ihre Korrespondenz war der Ersatz für das noch nicht vorhandene Werk. Ein Stellvertreter-OEuvre, das sich bis heute faszinierend und lebendig liest. Und in den Kern der Romantik führt. „Der wahre Brief ist, seiner Natur nach, poetisch“, hatte Novalis schon 1798 in der von August Wilhelm und Friedrich Schlegel herausgegebenen Zeitschrift „Athenäum“ geschrieben. Und Friedrich Schlegel hatte genauer ausgeführt, das sich im Brief ein geschriebenes Gespräch verbirgt: „Ein Briefwechsel ist ein Dialog in vergrößertem Maßstabe.“ Auf Gespräche, Diskussionen und Debatten aber war er, ebenso wie die ganze restliche romantische Bewegung, geradezu versessen.

Was sie schrieb, war pure Fake News

Erst mit 50 Jahren veröffentlichte Bettine ihr erstes Buch. „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ machte sie 1835 auf einen Schlag bekannt. Viel von ihrer angeblichen Korrespondenz mit dem Dichter, mit dem sie einige Jahrzehnte zuvor nur kurz verkehrt hatte, hatte sie unbekümmert erfunden. Was sie schrieb, war über weite Strecken pure Fake News. So hielt sie es fünf Jahre später auch in ihrem zweiten Buch, „Die Günderode“, in dem sie ihre Frankfurter Freundschaftsjahre mit der Dichterin Karoline von Günderrode verarbeitete, die sich 1806 am Rheinufer in Oestrich-Winkel das Leben genommen hatte. 1844 wiederholte sie das erprobte Vorgehen in „Clemens Brentanos Frühlingskranz“, in dem sie ihre Beziehung zum zwei Jahre zuvor gestorbenen Dichterbruder Clemens verwurstete. Alle drei Bücher hatten nicht nur gemein, dass ihre Hauptfiguren tot waren und sich gegen Bettines Fiktionalisierung der Wirklichkeit nicht mehr wehren konnten. Alle drei beruhten vor allem auch auf den Briefen, die sie zeitlebens mit ihnen gewechselt hatte.

Die Sehnsucht und die Erfindungsgabe, die Plauderlust und die stilistische Virtuosität dieser kreativen und unbeugsamen, ebenso selbstbezogenen wie einfühlsamen Autorin aber wären in Brief und Buch nichts geworden ohne das Schreibzeug aus Marmor und Messing, das die 1859 gestorbene Bettine noch in ihrer letzten Berliner Wohnung an der Straße In den Zelten nutzte, wo sie von 1847 an lebte. Heute gehört es, durch ihre Nachkommen nach Frankfurt gegeben, dem Freien Deutschen Hochstift, das neben dem Frankfurter Goethehaus derzeit das Deutsche Romantikmuseum errichtet, in dem neben Handschriften und Kunstwerken der Goethezeit auch Erinnerungsstücke wie Bettines Tintenfass gezeigt werden sollen: ein Tintenbottich, eine Tintenbadewanne, ein Tintenschiff, so recht geeignet, die Meere der Gedanken zu durchfahren.

Neben Feder und Papier das wichtigste Arbeitsgerät

Wer eine Patenschaft für das Objekt übernimmt, unterstützt damit auch die Ausstellung dessen, was im frühen 19. Jahrhundert Hardware und Software zugleich war, technischer Goldstandard einer Zeit, in der die Menschen noch nicht über Bildschirme wischten. Nicht nur für Bettine, ihren Mann Achim von Arnim oder ihren späten Geliebten Julius Döring war das Tintenfass neben Feder und Papier das wichtigste Arbeitsgerät: Wenn die preußische Firma Apfel einmal im Jahr in Berlin ihre neuesten Modelle vorstellte, versammelte sich die ganze Stadt und bestaunte in der Singakademie bahnbrechende Innovationen: Jetzt auch mit Silberfüßen! Erstmals mit Löschpapierfach!

Kleine historische Phantasien wie diese hätte Bettine mit Tinte aufs Papier geworfen. Auf ihrem eigenen Schreibtisch landete irgendwann im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, entweder selbstgekauft oder als Geschenk, das hier gezeigte Modell aus Marmor und Messing. Es weist eine ganze Reihe konventioneller klassizistischer Dekorationen auf: Löwenfüße, Kannelierung, Eierstabfries. Unter dem Normcore-Dekor jener Zeit jedoch verbirgt es einige durchdachte Feinheiten für Vielschreiber. Gleich zwei flache Ablageschalen für Federn enthält der Marmorsockel, sein Messingaufsatz bietet Behältnisse nicht nur für den damals zum Trocknen benutzten Streusand, sondern auch für Tinten in verschiedenen Farben.

Genau das Richtige für die vielbeschäftigte Gutsbesitzersgattin, die sich spät im Leben, umgeben von der politischen Reaktion der Biedermeierzeit, auf das aufrührerische Potential der Frühromantik besann und dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. in Schriften wie „Dies Buch gehört dem König“ und dem von ihr geplanten „Armenbuch“ politisch und sozial auf die Pelle rückte. Auch mit ihm wechselte sie Briefe. In roter Tinte, vermutlich des Dramas wegen. Bettines Frankfurter Biograph Wolfgang Bunzel schreibt, sie habe in allen Phasen ihres Lebens auf die alltagsnahen Kommunikationsformen von Brief und Gespräch gesetzt, weil nur sie „jene enge Verklammerung von Kunst und Lebenswelt garantierten, auf die es ihr ankam“. Das Tintenfass ist die Spur dieses Denkens.

Wie Sie eine Patenschaft übernehmen können

Das Deutsche Romantikmuseum, die Erweiterung des Frankfurter Goethehauses, soll 2021 eröffnet werden. Es braucht weiterhin Unterstützung. Eine Möglichkeit, das Vorhaben zu fördern, ist die Übernahme von Exponat-Patenschaften: Ausgewählte Objekte aus der Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts, unter ihnen Schlüsselwerke der Romantik und solche, die von den romantischen Verwicklungen Goethes zeugen, suchen exklusive Spender. In lockerer Folge stellen wir in dieser Zeitung Blätter und Kunst-Stücke vor, die der Zuwendung bedürfen. Mit ihnen verbindet sich künftig, sofern dies gewünscht ist, der Name des Förderers. Die Verantwortlichen im Goethehaus beraten Interessenten individuell und umfassend. Wer sich die Übernahme einer solchen Patenschaft vorstellen kann, wendet sich unter der Nummer 0 69/13 88 02 17 direkt an die Institution am Großen Hirschgraben.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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