Cafészene in Mainz

Friedrichshainer Flair am Gartenfeldplatz

Von Julia Kern, Mainz
20.01.2013
, 14:30
Alle sind anders: Die Möbel kommen vom Sperrmüll, die Wanddeko kann gekauft werden – in der „Annabatterie“ am Gartenfeldplatz gibt es getreu dem Motto „Eat more cake“ Kuchen und Törtchen und ausgefallene Panini und Salate.
Berlin-Gefühl gibt es nicht nur an der Spree.In Mainz entsteht eine alternative Café-Szene, jung, heimatverbunden, mit individuellem Charme und Essen und Trinken aus der Region.
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Vor ein paar Jahren sah es noch ziemlich trist aus am Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt. Ein Kiosk, eine Damenboutique, eine Wäscherei. Ein Handyladen und ein Spielplatz, der die meiste Zeit verwaist war, Utilitarismus statt Hedonismus. Kindergeschrei war selten zu hören, es schien auch gar nicht zu passen in diese trübe Ecke. Dann kamen die Studenten und Leute, die bis vor kurzem Studenten gewesen waren. Und fast alles wurde anders.

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Den Anfang machte Gesa Kohlenbach. 2007 hatte die angehende Architektin ein Auslandssemester in Australien verbracht. Dort, so erzählt sie, hatte sie eine sehr aktive Szene kleiner, inhabergeführter Cafés kennengelernt, mit Speisekarten, so klein wie die Räumlichkeiten und so liebevoll zusammengestellt, wie die Lokale eingerichtet sind. Diese Eindrücke nahm Kohlenbach mit zurück nach Mainz, wo ihr solche Orte für lange Nachmittage mit Freunden fehlten.

Eigentlich komisch, dachte sie sich. Denn die Stadt und gerade die zentrumsnahen Viertel leben von Studenten und jungen Familien, die dort bezahlbaren Wohnraum finden. Vor allem in der Neustadt ist das so. Als die Wäscherei am Gartenfeldplatz just zu der Zeit auszog, als Kohlenbach ihr Studium beendete, sah sie ihre Chance gekommen. Der Vermieter jedoch wollte in seinen Räumen kein Café, damit war die Sache vorerst gelaufen - dieser Laden oder keiner, hatte Gesa Kohlenbach sich gesagt. Wenige Monate später entschied der Vermieter sich um, Kohlenbach zog ein. Eigenkapital hatte sie nicht. Ein Privatkredit deckte das Nötigste ab, die Einrichtung fand sie auf dem Sperrmüll. Im Sommer 2010 öffnete die nach einem Kräutergarten der Herzogin Anna auf der Festung Kufstein benannte „Annabatterie“.

Das Beste aus zwei Welten: Das „Bukafski“ am Gartenfeldplatz vereint Buchhandlung und Café, selbstgemachter Kuchen inklusive. Schmökern ist erlaubt, kaufen keine Pflicht. Vor allem junge Familien sind gerngesehene Gäste.
Das Beste aus zwei Welten: Das „Bukafski“ am Gartenfeldplatz vereint Buchhandlung und Café, selbstgemachter Kuchen inklusive. Schmökern ist erlaubt, kaufen keine Pflicht. Vor allem junge Familien sind gerngesehene Gäste. Bild: Kaufhold, Marcus

Ein Jahr später folgte ein weiteres Café nur wenige Häuser weiter. Inhaber Matthias Dölger hatte sein Soziologiestudium für eine Ausbildung zum Buchhändler abgebrochen. Mit einem Kollegen wagte er nach langem „Was wäre, wenn?“ den Schritt in die Selbständigkeit. Ein Gründerzuschuss gab ein wenig finanzielle Sicherheit, aber Dölger wusste, dass er ein gutes Konzept brauchte. So entstand das „Bukafski“, das Caféhaus-Atmosphäre und Buchhandlung vereint.

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Ganztagsbewirtung mit Szenecharakter

Die Neubelebung des Gartenfeldplatzes ging und geht weiter: In der vormals biederen Damenboutique ist seit 2012 ein Geschäft für Wolle und Strickzubehör zu Hause, gerade verwandeln zwei Jungunternehmerinnen den ehemaligen Handyladen in eine Eisdiele, es ist die erste außerhalb des Stadtzentrums. „N’Eis“ soll der Laden heißen, das steht für Neustadt-Eis. Die Eule, die das Logo der Diele ziert, haben die ehemaligen Medienmanagement-Studentinnen Julia von Dreusche und Anke Carduck von einem alten Wappen der Neustadt übernommen. „Uns war klar, dass wir nirgendwo anders unser Geschäft aufmachen würden als hier am Gartenfeldplatz“, sagt Carduck, die wie ihre Geschäftspartnerin in der Region aufwuchs. In der Neustadt wohnen sie seit Jahren, wollen in dem Viertel auch bleiben.

Der Trend hin zum Café oder besser: zu einer gastronomischen Form der Ganztagsbewirtung mit Szenecharakter zeigt sich auch in anderen Teilen von Mainz, einer Stadt mit vielen Studenten und viel akademischer Klientel. An der Jakobsbergstraße im Altstadtviertel hat Gerrit Schick, der vor mehr als einem Jahrzehnt das mittlerweile legendäre „Schick und Schön“ am Südbahnhof mitbegründete, Ende 2011 sein erstes Café eröffnet: das „Oma Else“, benannt nach seiner eigenen Großmutter. Der Name ist Programm: „Zu deiner Oma kannst du schließlich immer kommen“, sagt Schick. Die hausgemachten Gerichte folgen einer eher deftigen Linie, Schnitzel und Badisches bestimmen die Speisekarte. Für Schick ist der Schritt von der Nachtschicht zum Nachmittagskaffee nicht nur ökonomische Überlegung. „Ich werde schließlich auch älter“, sagt er. Hinter der Bartheke werde er, der bald seinen 40. Geburtstag feiert, irgendwann lächerlich aussehen - das Café könne er noch eine ganze Weile weiterführen.

Arbeiten ist hier verboten: Mit „Oma Else“ in der Altstadt hat Gerrit Schick einen Ort für Entspannung und leckeres Hausgemachtes kreiert – wie bei seiner eigenen Großmutter, sagt er.
Arbeiten ist hier verboten: Mit „Oma Else“ in der Altstadt hat Gerrit Schick einen Ort für Entspannung und leckeres Hausgemachtes kreiert – wie bei seiner eigenen Großmutter, sagt er. Bild: Kaufhold, Marcus

Alle Inhaber leben seit langer Zeit in Mainz, sind meist zum Studium dorthin gekommen und geblieben - die Landeshauptstadt wurde zur Wahlheimat. Und diese Verbundenheit zu „ihrer“ Stadt macht sich auch in der Küche bemerkbar: Sie alle betonen, dass der Kaffee von der Rösterei ein paar Straßen weiter kommt, die Eier und das Gemüse vom Biobauern im Nachbardorf stammt, das Obst in Laubenheim geerntet wird. Von diesem regionalen Zusammenhalt profitiert nicht nur die Stadt, sondern es profitieren auch die Cafés selbst. Viel Werbung für sein Lokal musste niemand machen. In Mainz funktioniert das fast ausschließlich über Mundpropaganda, und die sortiert schlechte Angebote von vornherein aus. Wohl auch ein Grund, warum die Inhaber der „Annabatterie“ und des „Bukafski“, der Eisdiele und von „Oma Else“ in den Betrieben der jeweils anderen keine Konkurrenz erkennen wollen. Alle sprechen von einer „Nische“, die sie füllten und davon, dass es „so etwas in Mainz noch nicht gegeben hat“. Und: „Es ist doch schön, wenn hier endlich etwas passiert“, sagt Gesa Kohlenbach.

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In der „Bagatelle“, der einzigen alteingesessenen Kneipe am Gartenfeldplatz, mag man das anders sehen. Viele Gäste kommen nur noch in das etwas inspirationslose Bistro, wenn nebenan alle Tische belegt sind. Oder abends, wenn die „Annabatterie“ schon geschlossen ist. Kohlenbach überlegt jetzt, ihre Öffnungszeiten auf die Nachtstunden auszuweiten.

Selbstbedienung zur Förderung von Gesprächen

Im „Oma Else“ gibt es kein W-Lan, keinen drahtlosen Zugang zum Internet. Nicht weil Schick zu geizig wäre, den Dienst bereitszustellen, sondern weil, wie er sagt, das Café „kein Ort zum Surfen oder gar Arbeiten“ sein solle. Auch dass die Gäste in der „Annabatterie“ sich Essen und Getränke selbst holen, hat einen über-ökonomischen Grund: So kämen die Gäste schon an der Theke ins Gespräch, das fördere die Dynamik, meint Kohlenbach. Und im „Bukafski“ dürfen Gäste gerne in den Büchern schmökern, auch ohne sie anschließend zu kaufen. Ausnutzen würde das kaum jemand, sagt Dölger. Sogar seinen Anteil zur Integration der vielen ausländischen Neustadt-Bewohner wollte er leisten: Anfangs war eine Ecke des Ladens für Sprachlehrbücher reserviert. Sie hätten aber kaum Nachfrage gefunden. Jetzt stehen stattdessen Kinderbücher im Fenster. Denn während auf den zusammengewürfelten Sperrmüllmöbeln der „Annabatterie“ meist Studenten lungern, ist das „Bukafski“ zum Treffpunkt junger Mütter und Väter geworden.

In der Neustadt gibt es das schon, was Schick sich für die Altstadt wünscht: viel Leben. Und wenn erst die Eisdiele offen ist, wird im Frühjahr vielleicht auch der Spielplatz belebt sein, das wäre ein weiteres Steinchen im neuen Mosaik und der Gartenfeldplatz endgültig das gesellschaftliche Zentrum des Viertels.

Quelle: F.A.S.
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