Impfungen für Millionen Hessen

Hessens Wirtschaft fordert Lockerungen vor dem 3. März

Von Thorsten Winter
23.02.2021
, 14:26
Die hessische Wirtschaft macht sich für rasche Öffnungen geschlossener Geschäfte stark. Click & meet lautet die Formel. Das Land teilt mit, vom 5. März an Personen der Prio-Gruppe 2 zu impfen.

Die hessische Wirtschaft fordert Lockerungen im Geschäftsleben schon vor dem nächsten Corona-Gipfel von Kanzlerin und Länderchefs am 3. März. „Eine bundes- oder landesweite Inzidenz von 35 scheint weit entfernt. Öffnungen für Betriebe dürfen das aber nicht sein“, schreibt der Hessische Industrie- und Handelskammertag (HIHK). Der Lockdown habe viele hessische Unternehmen ausgezehrt. „Sie klammern sich an die Hoffnung baldiger Öffnungen.“

Der HIHK verweist das vom hessischen Handelsverband in der vergangenen Woche ins Spiel gebrachte Konzept Click&meet, also die wie bei Friseuren übliche Terminvergabe an Kunden. Dies könne für Einzelhändler ein Einstieg sein.

Seit diesem Dienstag können sich Menschen aus der sogenannten Priorisierungsgruppe 2 in Hessen einen Impftermin sichern. Das sieht die Impfstrategie des Landes vor, wie die Minister Peter Beuth (CDU) und Kai Klose (Die Grünen) am Vormittag erläutert haben. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Menschen über 70 und Personen mit Vorerkrankungen. Nach Angaben der Minister betrifft dies 1,5 Millionen Personen. Dabei geht es um „Schutzimpfungen mit hoher Priorität“. Am 5. März soll es losgehen. Möglich machen es weitere Impfdosen-Lieferungen. Von Astra-Zeneca liegen dem Land gut 112.000 Dosen vor, wie das Innenministerium der F.A.Z. mitteilte. Nur ein Bruchteil davon ist bisher genutzt worden. Zudem steuert der Mainzer Hersteller Biontech, der seit Monatsbeginn aus in Marburg produziert, Zehntausende Impfdosen mehr bei als zuvor erwartet.

Mehr neue Fälle als vor einer Woche

Bisher haben fast 230.000 Personen in Hessen eine erste Spritze gegen das Coronavirus erhalten. Das sind vor allem Senioren in Altenheimen nebst Pflegekräfte, Mediziner und medizinisches Personal in Kliniken und Menschen über 80 Jahre, die schon einen Termin in einem der 28 Impfzentren bekommen haben. Laut Land haben sich drei Viertel der 400.000 Berechtigten über 80 einen Termin geben lassen. Am Monatsende sind dann auch andere Ärzte und deren Personal dran, ebenso eine Woche später. Es sind Mediziner aus der sogenannten Priorisierungsgruppe 2. Sie erhalten im Rahmen der „Praxistage“ das Produkt von Astra-Zeneca.

Beuth und Klose blicken derweil auf wenig erbauliche neue Corona-Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet. Demnach hat das RKI über Nacht 306 weitere positive Corona-Tests in Hessen verzeichnet nach 224 vor einer Woche. Diese Zahlen sind zwar mit Vorsicht zu genießen wegen des gemeinhin auch an Dienstagen merklichen Meldeverzugs seitens der Labore und Gesundheitsämter. Aber die Tendenz weist in die falsche Richtung: Das RKI sieht keinen Rückgang der Fallzahlen.

Zudem steigt die zentrale Kennziffer wieder. Die Sieben-Tage-Inzidenz, das sind die binnen Wochenfrist registrierten neuen Fälle unter 100.000 Einwohnern, beträgt nun ebenso wie im Bund 60,5 nach 55,6 vor einer Woche. Die seit dem bisher letzten Corona-Gipfel mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als neue kritische Grenze geltende Inzidenz-Marke 35 gerät weiter aus dem Blickfeld. Lockerungen soll es nur dann geben, wenn die Kennziffer sieben Tage in Folge unter 35 liegt. Von regionalen Lockerungen ist bisher nicht die Rede. Dabei liegt etwa die Stadt Kassel ebenso wie Mainz nunmehr seit mehr als einer Woche unter dieser „neuen 50“ (siehe auch Grafik zum Eskalationskonzept).

Kassel und Mainz weiter unter 30

Kassel ist auch weiterhin die Stadt, die den niedrigsten Wert in Hessen aufweist, aktuell liegt die Inzidenz bei 24,2. Der Kreis Kassel kommt auf 36,7. Unter einer Inzidenz von 50 liegen der Kreis Hersfeld-Rotenburg (49,7) und der Schwalm-Eder-Kreis (40,6) sowie der Odenwald mit 30. Alle anderen Landkreise sowie die Großstädte rangieren nach einem Anstieg der Fälle wieder über 50. Insofern hat sich die Corona-Landkarte weiter verdunkelt. In Rhein-Main bleibt Mainz unter der 30; aktuell liegt der Wert bei 25,6.

Das RKI meldet 42 weitere Tote im Zusammenhang mit der Pandemie nach 45 Todesfällen vor sieben Tagen. Alles in allem sind seit Beginn der Pandemie vor knapp einem Jahr 5714 Menschen in Hessen mit oder an Covid-119 gestorben. 184.753 positive Tests sind offiziell bekannt geworden. Das entspricht 2,8 Prozent der hessischen Bevölkerung.

Neues Anmeldeverfahren zur Impfung

Das Land Hessen stellt für die Prio-Gruppe 2 das Anmeldeverfahren um. Die Hotline 116117 und die Internetseite des Impfservices stehen dafür zur Verfügung. Aber: Wer der Gruppe 2 angehört und sich impfen lassen möchte, muss sich künftig nur noch registrieren. „Aufgrund von mehr Impfdosen, unterschiedlichen Impfstoffen und der großen Heterogenität der zweiten Impfgruppe werden registrierten Impfwilligen künftig Termine zugewiesen. Wer den Terminvorschlag nicht annehmen möchte, kann seinen Termin auch zukünftig umbuchen“, heißt es beim Land.

Alle aus der zweiten Gruppe, die sich impfen lassen wollen, sollten sich umgehend registrieren. „Zum einen, weil kurzfristig zusätzlicher Impfstoff verfügbar sein kann. Zum anderen erhalten das Land Hessen und die Impfzentren so frühzeitig einen Überblick, um Angebot und Bedarf zu koordinieren. Die Vorgaben des Bundes für die drei Impfstoffe bestimmen derzeit, wer welchen erhalten kann“, erläuterte Sozialminister Klose.

Rheinland-Pfalz hängt Hessen bei Impfquoten ab

Bisher wurden fast 343.300 Menschen gegen das Coronavirus geimpft, darunter sind 231.000 Erstimpfungen; für 6200 davon ist das Produkt von Astra-Zeneca zum Einsatz gekommen. Die Quote bei den Erstimpfungen beträgt 3,7. Das bezieht sich prozentual auf die hessische Bevölkerung. Nur Brandenburg schneidet mit 3,5 schlechter ab. Vorne liegen weiter Mecklenburg-Vorpommern (4,4) und Rheinland-Pfalz (4,4). Der bundesweite Durchschnitt beträgt 4,1 Prozent. Bei den Zweitimpfungen liegt Hessen gemeinsam mit NRW mit 1,8 am Tabellenende, Rheinland-Pfalz weist 3,2 Prozent auf – der Mittelwert im Bund liegt bei 2,2.

Hessen wendet von Ende dieses Monats an den Impfstoff von Astra-Zeneca auch bei Ärzten und anderem medizinischem Personal an, die nicht der sogenannten höchsten Priorisierungsgruppe angehören. Bisher sind im wesentlichen Klinikpersonal sowie Angehörige der Rettungsdienste damit geimpft worden, die beide zur höchsten Priorisierungsgruppe zählen, wie es in Wiesbaden heißt. Nach Angaben des Landes erhält am 27. und 28. Februar sowie eine Woche später medizinisches Personal unter 64 Jahren in den Impfzentren den Astra-Zeneca-Impfstoff. „Es handelt sich hierbei um bis zu 80.000 Personen, die von diesem Angebot Gebrauch machen können.“ Grundsätzlich ist das nun auch für Personen aus der Priorisierungsgruppe 2 vorgesehen.

Dabei geht es um „Schutzimpfungen mit hoher Priorität“. Zu dieser Gruppe gehören etwa Menschen über 70, Personen mit Demenz oder geistiger Behinderung, Menschen mit Transplantationen oder auch Ordnungskräfte, die während Einsätzen einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben in Hessen gut 5700 Personen bisher den Astra-Zeneca-Impfstoff bekommen.

41.000 Termine umgebucht

Senioren über 80 Jahre nehmen von der Möglichkeit der Umbuchung ihres Impftermins rege Gebrauch. Wie das Innenministerium der F.A.Z. mitteilt, haben sich 41.000 Personen schon einen früheren Termin für die erste vorbeugende Spitze gegen das Coronavirus über die Hotline 116117 oder die Internetseite des Impfservice besorgt. Das seien 55 Prozent der in Frage kommenden Senioren. Seit Samstag können Impflinge umbuchen, sofern sie bisher vom 22. März an eingeplant sind.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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