„Kein Meldeverzug“ in Hessen

Höchststand an neuen Corona-Fällen und viele Todesopfer

Von Thorsten Winter
17.12.2020
, 15:56
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Polizisten nehmen in Offenbach die Personalien zweier Männer auf, die sich trotz Ausgangssperre draußen aufhalten
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Nun ist es klar: Das Robert-Koch-Institut meldet tatsächlich einen Höchststand an neuen positiven Corona-Tests für Hessen. Das Land weiß nichts von Meldeverzug. Zudem gibt es gut doppelt so viele weitere Verstorbene wie vor einer Woche.
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Am zweiten Lockdown-Tag stehen für Hessen abermals unerfreuliche Corona-Zahlen zu Buche. Das gilt zumindest auf den ersten Blick. Denn das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet so viele weitere positive Tests wie noch an keinem anderen Tag seit März. Zwar lag die zum Samstag verzeichnete Zahl noch höher, sie entpuppte sich aber noch am selben Tag als Folge erheblichen Meldeverzugs, wie die F.A.Z. exklusiv berichtete. Insofern lag die tatsächlich über Nacht aufgelaufene Zahl neuer Fälle um Hunderte Neuinfektionen niedriger. Eine Frage mit Blick auf die aktuellen Daten die Frage ist geklärt: Es handelt sich um einen wirklichen Höchststand, der nicht durch verspätet veröffentlichte Fallmeldungen aus Hessen verzerrt ist. „Ein Meldeverzug ist uns aktuell nicht bekannt“, teilte einer Sprecherin des Sozialministeriums auf Anfrage mit.

Ein Treiber der Pandemie sind Corona-Fälle in Altenheimen. Am Mittwoch etwa wurde ein größerer Virusausbruch in einem Altenheim in Marburg bekannt. „Die Lage in der Einrichtung ist sehr ernst“, teilte die Kommune am Mittwoch mit. Weitere Details blieben offen. In den vergangenen Tagen zählte der Kreis Marburg-Biedenkopf auch nach eigenen Angaben nicht zu jenen Landkreisen mit einer auffallend hohen Inzidenz (siehe Grafik), das sind die binnen sieben Tagen bestätigten neuen Fälle. Dessen ungeachtet hat das dortige Uni-Klinikum gerade die dritte Normalstation für Covid-Kranke eingerichtet, um andere Krankenhäuser zu entlasten. Überhaupt grassiert das Virus besonders in ländlichen Kreisen wie dem Odenwald und der Wetterau, während sich die Lage in Offenbach etwas aufhellt. Die gesamte hessische Corona-Landkarte leuchtet rot, denn kein Kreis weist mehr eine Inzidenz unter 100 auf.

Wie das Sozialministerium der F.A.Z. auf Anfrage mitteilte, behandeln hessische Krankenhäuser derzeit 2309 Corona-Kranke, ein Siebtel mehr als vor einer Woche. 454 von ihnen müssen demnach beatmet werden, ebenfalls ein Plus von einem Siebtel. Schon jetzt arbeiten die Intensivstationen etwa in Frankfurt „am Anschlag“. In Hanau müssen Leichen nun teils in Containern gekühlt werden, weil die Kühlkapazitäten in den dortigen Krankenhäusern erschöpft sind.

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Fast doppelt so viele Fälle wie vor einer Woche

2565 neue bestätigte Corona-Fälle bedeuten fast doppelt so viele Neuinfektionen, wie das RKI vor einer Woche meldete. Der bisherige Höchststand belief sich auf 2325. Im Vergleich zum Mittwoch sind 766 hinzugekommen. Nach 23 an Covid-19 verstorbenen Menschen vor einer Woche stehen nun 58 Todesfälle zu Buche, nach 72 am Mittwoch.

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Seit März hat das RKI alles im allem fast 114.000 Fälle verzeichnet und 1964 Verstorbene. Bis 1. Oktober waren nur gut 19.000 Fälle und 551 Todesfälle bekannt gewesen. Dieser Vergleich zeigt die Dynamik der Pandemie im Spätherbst. Der Lockdown komme „zum letzten richtigen Zeitpunkt“, sagte der Leiter der Notfallmedizin am Uni-Klinikum Marburg, Bernhard Schieffer, angesichts dessen der F.A.Z.

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Video: AFP, Bild: dpa

Der Hotspot unter den Landkreisen schlechthin ist derzeit der Odenwald mit einer Inzidenz von 301, gefolgt vom Vogelsberg (272), dem Main-Kinzig-Kreis mit Hanau (266), dem Landkreis Gießen (253) und der Wetterau (244). Knapp dahinter liegen der Schwalm-Eder-Kreis (239), der Landkreis Offenbach (229), dem Kreis Limburg-Weilburg (221) sowie die Kreise Hersfeld-Rotenburg und Fulda (jeweils 213). Die Stadt Offenbach kommt auf eine Kennziffer von 211, nachdem sie vor wenigen Wochen noch erheblich darüber lag. Dort wie in den genannten Landkreisen sowie im Kreis Groß-Gerau gelten verschärfte Corona-Vorgaben, darunter vielfach nächtliche Ausgangssperren und öffentliche Alkoholverbote. Etwa Offenbach ahndet Verstöße teils mit deutlich dreistelligen Bußgeldern.

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Wann die schwarze Stufe greift

Die Stufe „Schwarz“ greift bei einem „diffusen Infektionsgeschehen“, das nicht auf einen überschaubaren und begrenzten Ausbruchsherd beschränkt sei. Und: „Wenn eine Region die Inzidenz von über 200 erreicht und diese drei Tage in Folge weiterbesteht, dann ist zum Beispiel eine nächtliche Ausgangssperre für die Zeit zwischen 21 Uhr und 5 Uhr früh zu verhängen. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist während dieser Zeit nur aus gewichtigen Gründen zuzulassen wie beispielsweise berufliche oder medizinische Erfordernisse“, erläuterte Staatssekretärin Anne Janz.

Die Erklärung von Janz zu den neuen Vorgaben findet sich hier. Das hessische Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. In den ersten Wochen der Pandemie berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

Aus Frankfurter Sicht ist grundsätzlich wichtig: Die am Flughafen genommenen positiven Tests werden nicht der Stadt zugeordnet. Vielmehr schlagen sie sich nach Angaben des Sozialministeriums in der Statistik des Gesundheitsamts nieder, das etwa für den jeweiligen Reiserückkehrer zuständig ist. Das kann auch das Frankfurter Amt sein oder ein anderes in Hessen, aber eben auch eine Behörde in einem anderen Bundesland.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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