Corona-Auflagen

Wie Frankfurter mit den Lockerungen umgehen

Von Katharina Iskandar, Rainer Schulze und Helmut Schwan
25.04.2020
, 06:02
Wimmelbild: Am Mainufer herrscht Sommer- statt Krisenstimmung.
Mitten in der Krise sind die Auflagen gelockert worden. Die Stimmung in Frankfurt ist nicht überall gleich: Die einen sehen es allzu locker, die anderen bleiben diszipliniert.

Freitag Morgen um kurz nach zehn bilden sich auf der Berger Straße die ersten Schlangen. Vor dem Supermarkt stehen 16 Leute an, vor der Apotheke sind es sieben. Eine älterer Herr, selbst Angehöriger der Hochrisikogruppe, wie er sagt, erträgt es geduldig. „Jeder muss auf sich selbst achten“, sagt er durch seine weiße Maske. Eine andere Kundin, ebenfalls im gesetzten Alter, sieht schwarz: „Das wird noch wie bei der Pest im Mittelalter.“ Beide halten den Sicherheitsabstand penibel ein.

Doch das Bedürfnis nach Nähe steigt im Tagesverlauf mit der Sonne. Vormittags ist es auf den Frankfurter Straßen und Plätzen noch leer, aber nachmittags fallen langsam die Schranken. Eine ältere Frau mit Korb unter dem Arm kann „die jungen Leute“ gut verstehen, die sich dann im Günthersburgpark treffen und zum Picknick auf eine Decke setzen. „Gerade junge Leute haben keine Lust mehr auf Abstand“, sagt sie. Auch sie selbst kämpft gegen den „inneren Schweinehund“. Normalerweise erledigt sie ihre Besorgungen schon morgens um 7 Uhr. „Da ist noch keiner da.“ Aber heute ist es schon halb elf – und sie steht ganz hinten in der Warteschlange vor dem Supermarkt. „Ich wundere mich, wie wenige Leute Mundschutz tragen“, sagt sie. Ihrer baumelt griffbereit unter dem Kinn.

Auf der Zeil ist um diese Zeit auch noch nicht viel los. Und in der Neuen Altstadt hat ein Paar aus Langen die engen Gassen fast für sich allein. „Hast du schon den Stoltze-Brunnen fotografiert?“, fragt die Frau ihren ergrauten Mann. Der hat für Menschen, die keinen Abstand halten, wenig Verständnis. „Die Leute sind dumm und unterschätzen die Gefahr.“ Er ist neugierig, in welchem Bundesland die zweite Welle ausbrechen wird.

Mit Weinchen vor der Kleinmarkthalle

Normalerweise drängen sich in der Altstadt die Besuchergruppen vor den rekonstruierten Fassaden. Aber an diesem Tag ist es still und leer. Eine Passantin vor der Goldenen Waage kann der ungewohnten Einsamkeit in der Stadt durchaus etwas abgewinnen: „Das würde ich mir auch sonst wünschen. Ich bin nicht der Massenmensch und immer gern für mich.“ Die Töpferei Bauer hat ihr Geschäft zum ersten Mal wieder geöffnet. Hinter dem Tresen steht Valerie von Klaß. „Wir starten heute einen Versuch“, sagt sie. In den vergangenen eineinhalb Stunden hat sie nur drei Kunden bedient. Alle kamen aus der Region. „Hierher verirren sich die Leute kaum. Die Reisenden werden uns noch lange fehlen.“ Auch Bayram Tulan, der in der Altstadt das Café Moenus betreibt, lebt von den Touristen. „95 Prozent des Umsatzes sind weggebrochen“, sagt er. Sein Café öffnet er jetzt nur noch am Wochenende.

Nachmittags, kurz nach vier. Die Zeit, zu der sonst das After-Work-Treiben beginnt. Aber die einschlägigen Clubs und Bistros bieten allenfalls Kaffee-to-go an. Wohin damit? Der Mittdreißiger, der bei 22 Grad die oberen drei Knöpfe seines Hemdes geöffnet hat, steht mit seinem Pappbecher einsam auf der Fressgass‘. Vor der Kleinmarkthalle haben sich wenigstens einige der Welterklärer zum Weinchen getroffen – pfeif doch auf den Sicherheitsabstand. Einer, den sie mit „Mister Corona“ begrüßen, weiß zu berichten, dass Donald Trump in einem Geheimlabor den Superimpfstoff entwickeln lässt, der schon bald serienreif sei. So sind sie halt, die echten Frankfurter, sie bleiben optimistisch, auch wenn schon vor der nächsten Infektionswelle gewarnt wird.

Kleine und große Gruppen mit wenig Abstand und Wasserpfeifen

Auf der Zeil, der umsatzstärksten Einkaufsstraße Hessens, wird an diesem späten Nachmittag eher sporadisch für die von Montag an geltende Maskenpflicht geübt. Zwar trägt der fliegende Händler, der Exemplare der einfachsten Machart für 3,50 Euro verkauft, selbst eine Maske. Ansonsten liegt die Rate bei denen, die in die Geschäfte gehen, geschätzt bei höchstens zehn Prozent. Überhaupt scheint es vor allem darum zu gehen, sein stylisches Teil vorzuführen.

Schick zu sein, das ist offenbar auch abends am Main wichtig. Die beiden jungen Frauen, um die zwanzig, tragen Glitzerhosen und bauchfreie Tops. Mit ihnen sind drei junge Männer auf dem Eisernen Steg unterwegs. Sie haben Bier dabei und sind bester Laune. Corona scheint weit weg zu sein. Szenen wie diese sind auf den Wiesen am Flussufer seit Tagen zu beobachten. Neben vielen Pärchen sitzen auch kleine und große Gruppen auf Picknickdecken. Manche haben sogar Shisha-Pfeifen mitgebracht. Wenn die Polizeistreife sich nähert, geht man auf Abstand. Und dann wieder näher heran.

Vier-Wochen-Regel abwarten

Polizei und Ordnungsamt wissen noch nicht, ob das ein „Übergangsphänomen“ nach den ersten Lockerungen der Kontaktbeschränkungen ist und sich die „wiederbelebte“ Stadt in ein paar Tagen wieder beruhigt. Polizeisprecher Thomas Hollerbach sagt, die Kontrolldichte, gerade in den Grünanlagen, sei sehr hoch. „Wir müssen das jetzt abwarten“, ergänzt Michael Jenisch vom Ordnungsamt. Er verweist auf das Osterwochenende. Da waren die Ordnungshüter drei Tage lang fast rund um die Uhr im Einsatz, um die Schutzbestimmungen durchzusetzen. Dann kehrte auch in den Parks und am Mainufer wieder weitgehend Vernunft ein. Allerdings könne der Drang, endlich wieder rauszugehen, auch anhalten.

Jenisch verweist auf die Vier-Wochen-Regel, von der Angstforscher sprechen. Etwa für diese Zeit stünden die Menschen nach solch einschneidenden Erlebnissen wie unter Schock, danach erholten sie sich wieder und machten weiter wie zuvor. Man werde darauf achten, „dass die Situation nicht ausufert“. Denn die Krise sei noch längst nicht überwunden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Iskandar, Katharina
Katharina Iskandar
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Autorenporträt / Schwan, Helmut (hs.)
Helmut Schwan
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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