Das will ich haben

Bier und Bratwurst

Von Daniel Schleidt
27.10.2020
, 08:19
Der letzte Stadionbesuch ist wegen Corona lange her. Im Rückblick wirken ein Bier aus einem Plastikbecher und eine Stadionwurst in einem schlaffen Brötchen wie ein Festmahl. Wie schön wäre es doch, bald wieder bei ihrem Verzehr mit anderen Fans zu diskutieren!

In Fußballstadien geht es bisweilen rustikal zu. Da werden Schiedsrichter beschimpft, gegnerische Spieler verhöhnt, und immer wieder sorgen unterschiedliche Ansichten über die Leistungen eigener Spieler oder über taktische Entscheidungen des Trainers für heftige Diskussionen mit den Sitznachbarn. Das Bier ist teuer, die Bratwurst fad, die S-Bahn überfüllt und die Leistung der Lieblingsmannschaft bisweilen mäßig. All das muss aushalten, wer seit drei Jahrzehnten eine Dauerkarte besitzt und sich immer wieder diese eine Frage stellt: „Warum tut man sich das an?“ Ein Stadionbesuch kostet Zeit und Geld, und allzu oft wurde dieses Investment in den vergangenen Dekaden enttäuscht.

Wie sich die Zeiten ändern können. Neulich fanden wir in der Brusttasche der Winterjacke das Ticket für das Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den FC Salzburg. Es war die letzte Partie in einem ausverkauften Waldstadion, dann kam Corona. Die Dauerkarte für die vergangene Saison liegt seitdem einsam in der Schreibtischschublade; die neue für die laufende Spielzeit ist noch gar nicht eingetroffen, und wer weiß, ob sie jemals zum Einsatz kommen wird. Derweil ist Fußball zu einem nüchternen Couch-Erlebnis geworden, und die Erkenntnis, dass Fußball ohne Fans einfach wie Bratwurst ohne Senf ist, hat uns den Wert des manchmal zur Routine verkommenen Gemeinschaftserlebnisses im Stadion ein für alle mal vor Augen geführt.

Denn plötzlich erscheinen uns die Schimpftiraden des Sitznachbarn auf der Gegentribüne wie Poesie aus einer vergessenen Zeit, und auf einmal wirken ein Bier aus einem Plastikbecher und eine Stadionwurst, lauwarm und in einem schlaffen Brötchen serviert, wie ein Festmahl. Wie schön wäre es doch, bald wieder bei ihrem Verzehr mit anderen Fans vor dem Spiel zu diskutieren, wie die Startelf der Eintracht denn nun aussehen und wie hoch der Sieg an diesem Spieltag eigentlich ausfallen wird.

Immerhin, die Entzugserscheinungen während der Pandemie haben auch ihr Gutes: Sie führen uns vor Augen, wie wichtig es jenseits vom Live-Erlebnis ist, beim Fußball Gleichgesinnte zu treffen. Nun bleibt uns keine andere Wahl: Bis der Stadionbesuch wieder wie früher möglich ist, gibt es für die Partien vor dem Fernseher Wurst vom eigenen Gasgrill. Und Flaschenbier. Immerhin.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schleidt, Daniel
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot