Der Wandertipp

Der Galgen von Beerfelden

Von Thomas Klein
24.06.2022
, 19:43
Eines der am besten erhaltenen Rechtsdenkmäler Deutschlands: Weithin sichtbar steht der „dreischläfrige“, mithin dreiseitige Galgen über der Odenwald-Gemeinde Beerfelden.
Der Wandertipp führt in den Odenwald in den Oberzenter Stadtteil Beerfelden. Dort gibt es eines der am besten erhaltenen Rechtsdenkmäler Deutschlands zu sehen.
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Kann ein Galgen „schön“ sein? So beschrieb einmal ein Fernsehfilm die Richtstätte nahe der Odenwald-Gemeinde Beerfelden. Schaurig-schön wäre treffender, um beidem gerecht zu werden, der Grausamkeit des Ortes wie des ästhetischen Reizes, bezogen auch aus dem Wissen, an einem der am besten erhaltenen Rechtsdenkmäler Deutschlands zu stehen. Vor 425 Jahren wurde das Hochgerüst in Dreiecksform anstelle eines hölzernen errichtet. Vieles ist wie die eingemeißelte „1597“ authentisch, zum Beispiel die sieben Linden um den Exekutionsplatz, seine Steineinfriedung oder das in den Boden eingelassene Kreuz, über dem die Delinquenten letztmals beichteten. Die sechs Meter hohen Sandsteinsäulen im toskanischen Stil sind original erhalten, während die Eisenklammern und auch die Bänder an den Kapitellen, auf denen die metallverstärkten Balken noch heute liegen, vermutlich einmal ersetzt wurden.

Sechs Missetäter hätte man gleichzeitig aufknüpfen können. Doch so schrecklich waren die Zeiten im Odenwald nicht. Obwohl häufig schon bei geringer Schuld verhängt, bildeten Todesurteile die Ausnahme. Das letzte überlieferte erging 1804 gegen eine „Zigeunerin“, wie man damals sagte, wegen „Mundraubs“ für ihre hungernden Kinder. Wichtiger war die Abschreckung der weithin sichtbar aufgestellten Galgen. Außerdem markierten sie ein Zentgericht und, wie hier die Erbacher Grafen, den Besitz der Halsgerichtsbarkeit.

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Warum entgegen der Anordnung Großherzöge von Hessen-Darmstadt, der dreischläfrige Galgen, wie er zeitgenössisch hieß, 1816 nicht niedergelegt wurde, ist weniger rätselhaft, denn oft vermutet. Dass der Ukas im abseitigen Beerfelden nie ankam, kann nicht der Grund gewesen sein, vielmehr dürfte die Bevölkerung nach einem fast alles vernichtenden Stadtbrand 1810 andere Sorgen umgetrieben haben. Das gesamte Ortsbild, einschließlich der beherrschenden Pfarrkirche und des schmucken Zwölf-Röhrenbrunnens der Mümling-Quelle, ist kaum 200 Jahre alt. Die Abgeschiedenheit hat sich längst zum Kapital Beerfeldens gekehrt. Es liegt in einer intakten Feld-, Wald- und Wiesenlandschaft, die gute Ausflugsmöglichkeiten eröffnet, nach Norden zu Marbachsee und Ebersberger Felsenmeer, oder im Süden gen Burgruine Freienstein über dem tief eingeschnittenen Gammelsbachtal. Auch sie findet dank des Zufalls der Zahlen in diesem Jahr vermehrt Beachtung.

Nur dürfte das Gemäuer viel älter als die Ersterwähnung 1297 sein. Vermutlich auf das Kloster Lorsch zurückgehend, schützten später hier die Erbacher ihre einzige Direktverbindung ins Neckartal. Entsprechend wurde die Hangseite mit einer mächtigen Schildmauer gesichert. Zwar seit ihrem Zusammenbruch 1988 in weiten Teilen restauriert, umgibt die hoch aufragende Anlage mangels regelmäßigem Rückschnitt ein Hauch von Dschungelfestung.

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Wegbeschreibung:

Innerorts von Beerfelden bieten sich ausreichend Parkmöglichkeiten, so beiderseits der Bundesstraße 45 oder rings um die Pfarrkirche. Auch am „Galgen“ besteht eine große Stellfläche. Dorthin gelangt man auf dem Fußweg neben der Airlenbacher Straße gut 500 Meter durch offene Flur. ❶

Von der Richtstätte an müssen wir kurz an der Fahrbahn laufen, ehe wir links mit der gelben 2 in den asphaltierten Wirtschaftsweg biegen können. Wenn die Ziffer nach knapp einem Kilometer rechts abknickt, hält man das Geradeaus über weitere 500 Meter bei und folgt dann den Links-rechts-Kurven zu dem breiten Weg, der rechts in die Landstraße mündet.

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Mit ihm treten die blauen Markierungen Kreuz, Punkt und Strich auf. Zwischen den Straßen der Gabelung weisen sie in eine ungewöhnlich große Gefallenen-Gedenkstätte beider Weltkriege und des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71. Hinter dem Ehrenhain wechseln wir über die Straße und schwenken noch vor dem Wanderparkplatz rechts unter die Bäume. Nun kommen die gelbe 5 und kurz darauf S 6 (grün) ins Spiel, um dann gemeinsam jenseits der Straße die Richtung „Leonardshof“ und der gleichnamigen Kapellenruine einzuschlagen.

Weit entfernt von jeder Siedlung liegt der Waldfriedhof auf einer Anhöhe zwischen Beerfelden und Sensbachtal. Der umfriedete Bezirk um eine Kapelle aus dem frühen 17. Jahrhunderte erlangte als Grabstätte von Jürgen Ponto nach seiner Ermordung durch die RAF im Juli 1977 überregionale Aufmerksamkeit
Weit entfernt von jeder Siedlung liegt der Waldfriedhof auf einer Anhöhe zwischen Beerfelden und Sensbachtal. Der umfriedete Bezirk um eine Kapelle aus dem frühen 17. Jahrhunderte erlangte als Grabstätte von Jürgen Ponto nach seiner Ermordung durch die RAF im Juli 1977 überregionale Aufmerksamkeit Bild: Thomas Klein

Unverändert mit dem bisherigen Dreierverbund, lässt sich der Weiler auch aussparen. Doch schon wegen seiner Lage lohnt der Abstecher. Wie ein Gebirgsnest klammern sich die wenigen Häusern um die vormalige Wallfahrtskirche an die Flanke hoch über dem Finkenbach. Im Halbbogen führen die Zeichen hindurch – die Ruine liegt etwas verdeckt im Bereich der vergrasten Passage – und am anderen Ende hinaus.

Ab dem nahen Wald geht es bergauf, eine Straße wird links, rechts gequert und weiter in dichtem Forst bis zum Wiederanschluss an die Trias von Kreuz, Punkt und Strich. Relevant bleibt S 6, da mit ihm nach einem Kilometer links der Abstieg ins Gammelsbachtal beginnt. Assistiert von Ga 4 (weiß), finden die beiden über holprigen Pfad in äußerst abwechslungsreichem Forst hinunter.

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Später erlaubt eine steile Wiese Blicke in den engen Talgrund. Verborgen bleibt die Burgruine Freienstein, die sich erst ausgangs der nächsten Waldung zu erkennen gibt. An einer scharfen Linkskehre liegt der Zugang. Mit Blick auf die wuchernde Vegetation wurde das Gemäuer gesperrt; ausweislich eines Schildes kann man es aber eigenverantwortlich betreten, schließlich ist es nicht zuletzt ein „Geo-Punkt“ des Naturparks Bergstraße-Odenwald.

Bleibt S 6 auch noch ein Stück dabei, orientieren wir uns jetzt an dem bereits mitgelaufenen grünen Quadrat. Es weist durch eine Häuserzeile der langgestreckten Gemeinde Gammelsbach abwärts, unten rechts und deutlich vor der Bundesstraße links – dort steht der gutbürgerliche Landgasthof „Grüner Baum – und weiter dann einige hundert Meter neben der Fahrbahn bis zum Rechtsabzweig in den Steingrund; an seinem Ende links und rechts an einer offenen Talung bis vor auffallend hohe Bäume.

Aus dem Gammelsbachtal kaum zu sehen und unterdessen von wuchernder Vegetation eingehegt, umgibt Burg Freienstein ein Hauch von Dschungelfestung. Die Mauern selbst sind seit dem Zusammenbruch der Schildmauer 1988 weitgehend restauriert.
Aus dem Gammelsbachtal kaum zu sehen und unterdessen von wuchernder Vegetation eingehegt, umgibt Burg Freienstein ein Hauch von Dschungelfestung. Die Mauern selbst sind seit dem Zusammenbruch der Schildmauer 1988 weitgehend restauriert. Bild: Thomas Klein

Seit einer aktuellen Zeichenverlegung ist der Direktzugang zum Waldfriedhof nicht länger möglich. Deshalb wird man ein Kilometer später erst wieder aus dem Wald geführt, um rechts auf asphaltiertem Weg zwischen Feldern weitergeleitet zu werden und dann rechts zurück in den Forst, bis das Quadrat nach 1200 Metern links gen Friedhof abbiegt. Der ummauerte Bezirk um die ins frühe 17. Jahrhundert reichende Kapelle erlangte überregionale Aufmerksamkeit seit der Beisetzung Jürgen Pontos nach seiner Ermordung durch die RAF im Juli 1977. Halb zugewachsen, steht der nur mit Namen versehene Granitfindling links vom Zugang in einem kleinen Heckenhain.

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Nun ohne das Quadrat, queren wir die nahe Landstraße und den Parkplatz und folgen dem rechtsseitigen Weg über gut einen Kilometer bis zur kreuzenden Markierung gelber Punkt. Nach links, hat sie kaum mehr zu tun, als bergab auf farngesäumten Pfädchen zum Waldende zu begleiten; dort rechts in den befestigten Weg unterhalb der Bundesstraße.

Sie ist 800 Meter weiter zu überschreiten, ein Bogen durch Wiesen, und wir kommen von den Außenbezirken punktgenau am Zwölf-Röhrenbrunnen der Mümling-Quelle heraus (hier auch das Museum Oberzent). Die gleichnamige Straße verbindet mit der zentralen Kreuzung, wo die Häuser noch ihr farbiges Schindelkleid tragen, und rechts in der Marktstraße zur Pfarrkirche.

Sehenswert

Wegen einer verheerenden Feuersbrunst 1810 besitzt Beerfelden faktisch keine historischen Bauwerke. Am ­augenfälligsten ist die klassizistische Pfarrkirche, ein Saalbau in exponierter Lage.

Verschont blieb der außerhalb ­stehende Galgen von 1597. Das ­dreiseitige ­Hochgerüst im „toskanischen“ Stil zählt zu den am besten ­erhaltenen Rechtsdenkmälern Deutschlands. Die Gesamtanlage mit Linden und ­Steineinfriedung gilt auch sonst als authentisch nachempfunden.

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Vergleichsweise gut bewahrt ist die erstmals 1297 erwähnte, aber bis in die Romanik reichende Burgruine ­Freienstein bei Gammelsbach. Für die Talsicherung angelegt, erhielt sie zur gefährdeten Hangseite Zwinger und mächtige Schildmauer. Seit deren ­Einsturz 1988 wurde das Gemäuer mit seiner vorgelagerten Geschützbastion restauriert. Mangels Pflege droht es aber erneut zu verfallen.

Fast ganz ­verschwunden war seit der Reformation die dem heiligen Leonhard geweihte Wallfahrtskapelle im ­gleichnamigen Weiler hoch über dem Finkenbachtal. Dank jüngerer ­Grabungen ließen sich die ins 15. Jahrhundert reichenden ­Grundmauern wieder ­herstellen. Die Vertiefung an einer noch immer ­fließenden Quelle diente vermutlich als Tränke der Pferde, für die man den Segen des Schutzheiligen der Zugtiere anrief.

Öffnungszeit

„Museum Oberzent“, donnerstags und sonntags 14 bis 16 Uhr

Einkehren

Landgasthof „Grüner Baum“in Gammelsbach, täglich geöffnet (Montag bis Donnerstagnur abends „Küche“)

Anfahrt

Von Norden besteht nur die Zufahrt via Erbach mit der quer durch den Odenwald führenden B 45. Anders als früher ist Beerfelden am Wochenende nicht und werktags nur zweistündig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Quelle: F.A.Z.
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