Hessens Milchkönigin Sarah I.

Aus Leidenschaft

Von Thorsten Winter, Gudensberg
14.06.2016
, 18:45
Hoheit mit Gefolge: Hessens Milchkönigin Sarah Knaust
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Ein Ehrenamt in schweren Zeiten: Sarah Knaust hat sich zur hessischen Milchkönigin wählen lassen. Sie verfolgt ein Ziel damit.
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Gemeinhin umschwirren Hofdamen und Zofen eine Königin, leisten ihr Gesellschaft, richten ihr die Frisur. Die Hofdamen hier gehen auch einer Hoheit an die Haare, allerdings im Stroh: Wenn Sarah Knaust, hessische Milchkönigin seit Anfang des Monats, auf dem elterlichen Bauernhof in Gudensberg in den kleinen Stall zu den Kälbchen geht, kniet sie sich hin und streichelt den schwarz-weiß gefleckten Milchviehnachwuchs. Der erwidert die Zuneigung, indem er sich mit seinen rosa Zungen an der langen braunblonden Mähne der jungen Monarchin zu schaffen macht und nach ihren Perlohrringen angelt. Knaust nimmt es locker, Milchkühe sind schließlich ein Teil ihres Lebens.

„Gemeinsam mit meinem älteren Bruder Martin hatte ich eine wunderschöne Kindheit inmitten unserer 40 Kühe“, hat sie schon aus Anlass ihrer Krönung auf dem hessischen Bauerntag am 1. Juni in Bad Hersfeld gesagt. Sie wiederholt es ein paar Tage später im Schatten eines Sonnenschirms neben dem heimischen Stall. Ihr Bruder, ihre Eltern und die Großeltern hören zu, ihre Vorgängerin im Amt der Milchkönigin, Svenja Löw aus dem Kreis Offenbach, und Bauern-Ehrenpräsident Friedhelm Schneider, der Seniorchef von Hessens größtem Milchviehhof, ebenso. Ein Pressetermin, einer von vielen künftigen im Kalender der Milchkönigin. Knaust spricht mit fester Stimme. Doch es ist erst ihr zweiter Auftritt nach einem beim Käsefest in Usingen am vergangenen Wochenende.

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„Ich muss noch lockerer werden“

Ihr Lächeln wirkt angestrengt. Sie knetet ihre Hände beim Reden, und während sie Familie und Vorgängerin für die Unterstützung dankt, kippt ihr plötzlich die Stimme weg, Tränen der Rührung laufen ihr über die Wangen. Kurz darauf hat sie sich aber wieder gefangen und sagt: „Ich muss noch lockerer werden und noch ein bisschen üben.“ Und als Friedhelm Schneider väterlich lächelnd meint, „Du bist noch natürlich verkrampft“, muss sie wegen des Wortspiels lachen. Von Anspannung keine Spur mehr.

Dabei ist eine gewisse Anspannung nicht nur deshalb verständlich, weil die Dreiundzwanzigjährige in ihre neue Rolle erst noch hineinwachsen muss. Mit ihrer schriftlichen Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch bei der Landesvereinigung Milch sieben Mitbewerberinnen hinter sich gelassen zu haben ist das eine. Die Lage der Milchbauern ist das andere. Als Knausts Vorgängerin im Juni 2014 auf dem hessischen Bauerntag in Gießen Milchkönigin des Bundeslandes wurde, lag die Marke von 40 Cent, die Landwirte von ihren Molkereien für ein Kilogramm Milch bekommen hatten, noch nicht lange zurück. Mittlerweile zahlt manche Molkerei nicht einmal mehr die Hälfte. Das Angebot an Milch in Europa übersteigt die Nachfrage deutlich, das drückt den Preis. „45 Cent hätten wir gerne, dann könnten wir Schulden abbauen und müssten nicht jeden Weg auf unseren Höfen selbst anlegen. Die 18 bis 20 Cent, die jetzt gezahlt werden, führen zu einem Fiasko“, mahnt Bauernpräsident Schneider bei den Knausts.

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Einst 40 Kühe im Stall, jetzt 200

Zwischen Kassel und dem Odenwald geht die Zahl der Milchbauern seit geraumer Zeit schon zurück. Dieses Geschäft in dem von Mittelgebirgen geprägten Hessen zu betreiben ist teurer als auf dem platten Land in Norddeutschland oder in Sachsen-Anhalt. Das muss im Hinterkopf haben, wer diese Zahlen liest: Gab es 1999 etwa 7300 Milchhöfe in Hessen, sind es heute nur noch 3200. Wegen der Milchpreiskrise werden weitere Betriebe aufgeben, befürchtet die Branche. So warnte etwa unlängst der Vorstand der Schwälbchen-Molkerei in Bad Schwalbach vor einem „Strukturbruch“, der verschärften Variante des laufenden Strukturwandels in der Landwirtschaft, speziell bei den Milchviehhaltern.

Warum übernimmt eine junge Frau, die Agrarwissenschaften studiert hat und jetzt beim hessischen Rinderzuchtverband in Alsfeld arbeitet, in einer solchen Lage die Repräsentations-Aufgaben einer Milchkönigin? Warum strebte Knaust nach dem Ehrenamt, das Freizeit kostet und bis zu 80 Termine im Jahr nach sich zieht? Zumal sie sich, wie sie sagt, in der Schule gerne im Hintergrund gehalten habe, wenn Mitschüler etwa Theater gespielt hätten. Für die Antwort muss sie nicht lange nachdenken: „Aus Leidenschaft“, sagt sie nur einen Wimpernschlag nach der Frage. Und hat keine Nervosität mehr in der Stimme, die junge Frau ist jetzt ganz bei sich und ihrer Sache, erzählt vom Leben auf dem Hof, auf dem sie mithilft, so oft es ihre Zeit zulässt: „Das ist kein Acht-Stunden-Job und kein Fünf-Tage-Job. Mein Vater ist schon frühmorgens im Stall und geht erst am späten Abend wieder ins Haus. Wenn man das nicht mit Begeisterung macht, dann schafft man das nicht.“

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Wer sich mit ihrem Bruder unterhält und auf das wirtschaftliche Risiko der Familie zu sprechen kommt, hat daran wenig Zweifel. Die 40 Kühe aus der Kindheit der Geschwister gehören längst der Vergangenheit an, im doppelten Sinne. Mittlerweile stehen 200 Kühe in dem neuen haushohen, gut durchlüfteten Stall. Diese Landwirtschaftsimmobilie unterhalb der Obernburg im Schwalm-Eder-Kreis lässt sich mit den jahrzehntealten und nicht mehr genutzten Ställen, die dem Gast ins Auge stechen, wenn er auf den Hof fährt, nicht vergleichen. Die alten sind düster und haben niedrige Decken. Die Kühe standen darin dicht an dicht, heute können sich in dem modernen Stall die Tiere beinahe nach Belieben umdrehen und hinlegen.

Bis zu 8000 Euro je Stallplatz

Das soll dem Tierwohl dienen und hat seinen Preis: Die Kosten eines Stallplatzes für eine Kuh beziffert Friedhelm Schneider mit 5000 bis 8000 Euro. Auf den Stall der Knausts umgerechnet, bedeutet das eine Investition von rund einer Million Euro. „Auf 20 Jahre finanziert“, erläutert der Bruder der Milchkönigin. „Das ist mein Frischluft-Gefängnis“, meint er trocken mit Blick auf die Laufzeit und Kreditpflichten, denen er auch in Zeiten wie diesen nachkommen muss, in denen die Erzeuger mit Milch nichts verdienen, anders als der Handel und die Molkereien.

Sarah I. wird daran, da macht sie sich nichts vor, in ihrem Ehrenamt nicht viel ändern können. Denn die Milchpreise werden von Einzelhandelsketten und Großmolkereien ausgehandelt, die Lage auf dem Weltmarkt spielt hinein. Aber die Milchkönigin will sich auch nicht den maßgebenden Marktteilnehmern zuwenden, sondern den von der modernen Landwirtschaft weitgehend entwöhnten Verbrauchern. Sie will mit möglichst vielen von ihnen ins Gespräch kommen und ihnen näherbringen, „welche Bedeutung Milch für uns alle hat, ob als Grundnahrungsmittel oder als Lebensunterhalt“. Am heutigen Sonntag hat sie in Lampertheim auf dem Spargelfest Gelegenheit dazu und in den nächsten Monaten andernorts in Hessen. Ihr Opa findet das gut: „Da kommt sie rum und lernt das Land kennen.“

Die Milchkönigin hat eine Mission. Es geht ihr um die Wertschätzung für ein wertvolles Nahrungsmittel und jene, die es liefern, die Kühe und die Bauern. Dass die Verbraucher im Supermarkt die Wahl zwischen einer Vielzahl von Milchsorten haben, mit 3,8 Prozent Fett oder 3,5 Prozent oder auch nur 0,1 Prozent, dass sie sich entscheiden können für konventionell erzeugte, bio-zertifizierte und gentechnikfreie: das sei nicht selbstverständlich, sagt sie. Und um ihren Worten noch etwas mehr Gewicht zu verleihen, beugt sie sich vor, während sie das sagt.

Nebenbei will Sarah Knaust in ihrer Zeit als Milch-Botschafterin auch etwas für das insgesamt ramponierte Image der Landwirte tun. Über das Bild, das Fernsehsendungen wie „Bauer sucht Frau“ vermittelten und das sie ein falsches nennt, ärgert sie sich, sie platzt geradezu heraus mit diesem Ärger: „Wir sind nicht die dummen Bauern. Wir haben studiert oder sind Techniker. Wir sind jung, dynamisch und innovativ.“ Dann wendet sie sich wieder den Kühen im luftigen Stall zu.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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