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Ballett in Frankfurt

Wesen aus dem Zauberwald

Von David Rittershaus
 - 20:33
Kombination: eine Aufführung der Dresden Frankfurt Dance Company mit dem Ensmble Modern (Archivbild)

Auf den ersten Blick ist der Bühnenraum des Bockenheimer Depots geteilt: eine freie weiße Fläche vorne, an der zu drei Seiten die Publikumsränge aufsteigen. Zur vierten Seite hin ein dunkler Bereich, darin Notenpulte und Instrumente. Eine klassische Trennung von Orchester und Bühne? Die Musiker nehmen im Halbdunkel Platz. Dirigent Josep Planells Schiaffino tritt an sein Pult, man weiß, es wird gleich losgehen.

Die Tänzer kommen dazu. Jeder stellt sich hinter einen Musiker, einer positioniert sich neben dem Dirigenten, verdoppelt die Rolle. Die beiden Dirigenten heben gleichzeitig die Arme. Ein abrupter Lichtwechsel, der den Orchesterraum erhellt, die Bühnenfläche abdunkelt. Die Musik erklingt, die Bewegung setzt sein. Demonstrativ verlagert Jacopo Godani den ersten Teil „Stromo“ des neuen Ballettabends „Dresden Frankfurt Dance Company meets Ensemble Modern“ in einen gemeinsamen Raum und bringt Musiker und Tänzer so nah wie möglich zueinander.

Weil die Tänzer überwiegend hinter den Musikern agieren, wird daraus eine Choreographie der Oberkörper und Arme. Zu Johannes Motschmanns zugänglicher Komposition „Attack Decay“, vom Ensemble Modern in kleiner Orchesterbesetzung spannungsgeladen, aber ohne Schwere interpretiert, fliegen die Arme in die Höhe. Zu Beginn scheinen sie noch die dirigierende Bewegung aufzugreifen, lösen sich aber bald davon. Viel Flattern und Flügelschwingen prägt dann die Bewegung.

Unruhiger Gesamteindruck

Das wirkt ein wenig gefällig und trägt in Verbindung mit Godanis typischer Schnelligkeit zu einem zappeligen Gesamteindruck bei. Da macht es sich zwischendurch gut, dass die Tänzer gerade in dem Moment hinter den Musikern abtauchen und zur Ruhe kommen, in dem die Musik sich, mit deutlich perkussiver Prägung, auf dramatische Spannungshöhen zubewegt.

Von der Begegnung zwischen Musikensemble und Tanzensemble zeugen auch die Pausen zwischen den drei Teilen des Abends. Wenn sich Musiker vor den Augen der Zuschauer einspielen, warum sollten sich nicht auch die Tänzer vor ihren Augen aufwärmen und vorbereiten? Man plaudert ein wenig, auch mit den Bekannten im Publikum. Eine lockere Stimmung, die einträglich mit in den zweiten Teil genommen wird, eine Wiederaufnahme der Choreographie „Metamorphers“ zu Béla Bartóks Streichquartett Nr. 4 aus der ersten Zusammenarbeit von Ensemble Modern und Dresden Frankfurt Dance Company.

Nun auf weißem Untergrund und zu drei Seiten von Publikum umgeben, bekommt die Choreographie einen neuen Anstrich, mit mehr Farbe in den Kostümen, die nun eher an Trainingskleidung erinnern. Das Publikum kann die Tänzer gelegentlich zählen hören, abstimmende Blicke für Einsätze werden getauscht, zwischen Phrasen wird die Spannung auch mal aufgelöst.

Phantasiewesen und Apparate von Leonardo da Vinci

Das Streichquartett sitzt nicht mehr erhöht, sondern wurde in die Tanzfläche integriert, wird einmal von einer Tänzergruppe neckisch umstellt und verdeckt. Den sonst strengen, stark figurierten und geometrisch ineinander verschränkten Phrasen tut die größere Publikumsnähe und Auflockerung gut, und der Tanz scheint weniger getrieben zu sein.

Mit dem letzten Teil des Ballettabends, „Satelliting“, holt Godani das Publikum zu Auszügen aus Johannes Schöllhorns Komposition „Anamorphoses“ in eine Phantasiewelt. Die Tänzer tragen teils ausladende Kostüme aus Plastikfolie, in denen häufig LED-Leuchten verborgen sind, teils haben sie nackte Oberkörper. Mit am auffälligsten sind sehr hohe, turmartige Hüte aus aufgeblasener Folie, welche den vier Trägern einen majestätischen Anblick verleihen. Ein am Körper getragener Ballon aus demselben Material wirkt dagegen wie eine luftige Flugapparatur aus Leonardo da Vincis Werkstatt.

Auf der sonst abgedunkelten Bühne erscheinen die schwach leuchtenden Tänzer wie Wesen in einem nächtlichen Science-Fiction-Zauberwald. Manchmal tun sie sich zu kleinen Prozessionen zusammen, ein anderes Mal schweben sie alleine durch die Dunkelheit. Ein Hauch von Tanztheater hält Einzug.

Die eröffnete Welt ist einerseits düster, die Interaktion ihrer Wesen behält andererseits eine angenehme Sanftheit und Zärtlichkeit, getragen auch durch die auf Bach basierende Komposition. Das Ganze kippt jedoch immer wieder in kitschige Bilder, spätestens wenn gegen Ende Tars Vandebeek Anne Jung in einem Pas de deux mit ihrem Folienballon mittels Hebungen zum Fliegen verhelfen will, während über langgezogene Streicher-Bögen Klaviertasten-Schläge hereintropfen.

Trotzdem bringt der Abend durch die Unterschiede der Teile viel Abwechslung mit und lebt von einem gefühlvollen Zusammenspiel der beiden großen Ensembles. Vielleicht geriet das manchem zu zärtlich: Für eine Premiere der Tanzcompagnie fiel der Schlussapplaus eher verhalten aus.

Quelle: F.A.Z.
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