Eigener Acker

Zurück zur Natur

Von Petra Kirchhoff
18.04.2012
, 23:23
Des Gärtners Stolz.
Ein Stück Acker mieten, um Kartoffeln und Möhren selbst zu ernten - das kommt bei immer mehr Städtern in Mode. Für diese Saison sind einige Felder bereits ausgebucht.

Es ist eine Erfolgsgeschichte. Zwei Jahre ist es her, dass die ersten Mieter auf dem nackten Acker von Landwirt Sven Kötter im Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach mit lehmverschmierten Gummistiefeln ihre Parzellen abschritten. Der Beobachter war sicher: Das funktioniert nie und nimmer - mit dem Auto 20 Minuten von Frankfurt herausfahren, um Pflänzchen zu päppeln, Unkraut zu zupfen, die Gießkanne zu schwenken und am Ende womöglich nicht mehr zu wissen, wohin mit den Salatköpfen, wenn sie alle auf einmal reif sind. Im dritten Jahr des Projekts Meine Ernte, das zwei Betriebswirtinnen aus Bonn betreiben, hat Kötter seinen Acker für die Hobbygärtner um ein Fünftel erweitert und ist erstmals seit dem Start bereits vor Saisonbeginn ausgebucht.

“Wir arbeiten mit Warteliste“, sagt Natalie Kirchbaumer, eine der beiden Geschäftsführerinnen. Bundesweit hat das Unternehmen inzwischen 20 Standorte, davon zwei in Hessen.

„Inzwischen ein Selbstläufer“

Auch die Fläche der Handelskette Tegut aus Fulda, stärkster Saisongarten-Anbieter in Hessen, wächst mit der Lust aufs eigene Gemüsebeet, das es auf dem Acker - anders als in der Kleingartenkolonie - keine Vereinssatzung gibt. Mit der Initiative Saisongarten war Tegut schon ein Jahr früher am Markt als Meine Ernte. 2009 wurde das erste Feld, in erster Linie für Mitarbeiter des Unternehmens, in Fulda angelegt. Inzwischen betreut Tegut 13 Gemüsefelder, hauptsächlich in Hessen.

Eines davon befindet sich auf dem Hofgut Oberfeld in Darmstadt, einer ehemaligen Staatsdomäne, und ist „inzwischen ein Selbstläufer“, wie Jens Müller-Cuendet sagt. Er ist für das Projekt zuständig, das insofern aus dem Tegut-Projekt herausfällt, als der Hof die Verwaltung des Mietgeschäfts selbst managt und auch mit anderen Preisen arbeitet. In dieser Woche hat der Landwirt die Saat aufs Feld gebracht. Im Sommer sorgt er wie alle anderen Saisongärten-Landwirte dafür, dass die Wassertonnen gefüllt sind und ausreichend Hacken und Rechen zur Verfügung stehen. In der Regel schaut er in der Saison einmal in der Woche für eine Stunde nach dem Rechten und gibt Ratschläge, etwa dann, wenn der Kartoffelkäfer sich wieder einmal ausgebreitet hat. Den Erfolg der Mietgärten sieht Müller-Cuendet gerade darin: „Weil wir den Gärtner an die Hand nehmen, fassen viele Mut und trauen sich.“

Erreichbarkeit ist wichtig

Mit 55 Parzellen hat das Hofgut Oberfeld vor drei Jahren angefangen. Inzwischen wurde die Zahl der Flächen auf 150 verdreifacht, sie sind für dieses Jahr ebenfalls ausgebucht. Zu den Mietern zählen laut Müller junge Familien und auch ältere Menschen mit Erfahrung, aber ohne Garten, ebenso wie Studenten aus Wohngemeinschaften. Der Vorteil des Ackers: Er liegt so nah bei der Stadt, dass er auch zu Fuß und mit dem Fahrrad gut zu erreichen ist.

Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Kriterium für die Gemüse-Amateure - und für die Anbieter die größte Herausforderung. Sowohl Tegut als auch Meine Ernte sind auf der Suche nach weiteren Flächen. Das Handelshaus, das seine Parzellen günstiger anbietet als die Konkurrenz aus Bonn und nach eigenen Angaben kein Geld damit verdient, arbeitet in der Regel nur mit zertifizierten Bio-Höfen zusammen. Beim Unternehmen Meine Ernte, das die Preise inzwischen angehoben hat, ist das nicht Bedingung. Allerdings werden die Felder ebenfalls ohne Kunstdünger und Pestizide bewirtschaftet.

Hoher Wert der Ernte

In diesem Jahr hinzugekommen ist bei Tegut unter anderem ein Feld mit 40 Gärten in Dreieich. Es gehört einer Landwirtstochter. Das Ziel seien zwei Saisongärten in jeder größeren Stadt, sagt eine Sprecherin. Zwei neue Partner für nächstes Jahr in Kassel und Göttingen stehen schon fest, Wiesbaden hat Tegut konkret im Blick. Meine Ernte plant einen weiteren Standort im Süden von Frankfurt.

Abgesehen vom Outdoor-Vergnügen, soll sich der Saisongarten auch wirtschaftlich lohnen. Die Ernte liege vom Wert her beim Dreifachen der investierten Miete, heißt es. Und der Landwirt? Sven Kötter verweist auf die großen Winterausfälle in diesem Jahr. Viele Felder mussten wegen des starken Frostes neu eingesät werden. Momentan seien die Gemüsegärten für ihn wirtschaftlich interessanter, meint der Landwirt.

Gärtnern ohne eigenen Garten Mietgarten: Sie säen nicht, aber sie ernten - nach diesem Motto funktionieren Gärten, die für eine Saison gebucht werden können. Mieter übernehmen Anfang Mai das mit 20 Sorten Gemüse, Kräutern oder Blumen bestellte Feld, das sie anschließend pflegen, wässern und am Ende abernten. Der Landwirt stellt Wasser und Gerätschaften zur Verfügung. Im Angebot sind in der Regel zwei Größen: kleine Äcker für Singles und Paare sowie größere Stücke für Familien. Die Saison endet im Oktober. Kleingartenverein: Gemüse ziehen können Naturfreunde auch in einem Kleingartenverein. Die Nachfrage bei der Stadtgruppe Frankfurt, die 115 Vereine vertritt, hat allerdings stark angezogen. Es gibt Wartelisten. Interessenten können sich informieren unter: www.stadtgruppe-frankfurt.de. Pflege gegen Nutzung: Diese Initiative des Frankfurter Streuobstzentrums Main-Äppel-Haus Lohrberg ist so gut angelaufen, dass die Werbung eingestellt wurde. Es gibt drei Mal so viele Interessenten wie angebotene Wiesen. (hoff.)

Quelle: F.A.Z.
Petra Kirchhoff - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Petra Kirchhoff
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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