Frankfurter Plattenlabel

Mein kleiner Kolonialwarenladen

Von Christian Riethmüller
03.05.2016
, 20:18
Hintergründig: Mit seinen Labels hat sich Christian Arndt auf elektronische Musik, darunter Lounge, spezialisiert.
In einem Frankfurter Lädchen, in dem früher Kolonialwaren angeboten wurden, spielt nun die Musik. Christian Arndt betreibt dort eines der letzten unabhängigen Plattenlabels der Region.
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Der verblasste Schriftzug über dem Eingang lässt noch erahnen, was die Kunden in dem Geschäft an einer ruhigen Straße im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen einst kaufen konnten. „Kolonialwaren“ ist da bei genauerem Hinsehen zu entziffern. Christian Arndt gefällt der Gedanke, dass in dem Lädchen, in das eine kurze Treppe hinabführt, früher Delikatessen aus aller Welt angeboten wurden. „Das mache ich ja letztlich auch“, sagt der 50 Jahre alte Frankfurter und lacht. Nur dass er keine exotischen Früchte feilbietet, sondern Musik. Die darf aber gern aus aller Welt kommen.

Das Ladengeschäft an der Niersteiner Straße dient Arndt als Büro und Vertriebszentrale. Von hier aus steuert er eines der letzten unabhängigen Musiklabels in Frankfurt. Peacelounge Recordings heißt das im Jahr 2001 gegründete Label, mit dem sich Arndt auf Musik des Genres Electronica spezialisiert hat, ohne dabei ausschließlich die häufig als Hintergrundbeschallung in Bars und Restaurants eingesetzte Lounge-Musik im Sinn gehabt zu haben. Um auch andere Musikrichtungen vertreiben zu können, folgte ein Jahr später die Gründung des Labels Local Media. Unter diesem Namen bündelt Arndt heute alle seine Tätigkeiten: Inzwischen betreibt er mehrere kleine Labels, außerdem produziert und kompiliert er Soundtracks für Imagefilme von Firmen und Werbung und stellt Sounds und Hintergrundmusik für Fernsehproduktionen zur Verfügung.

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Label hat vielleicht drei Schallplatten veröffentlicht

Obwohl sich in Arndts kleinem Reich alles um die Musik dreht, stapeln sich in den Ecken weder CDs noch Schallplatten. Nirgendwo ist ein Instrument drapiert. Auch simuliert keine hypermoderne Musikanlage nebst zahllosen Boxen einen Hauch von Studioatmosphäre. „Mein Geschäft läuft fast ausschließlich über den Computer“, sagt Arndt, der nur für den Besucher einige CD-Hüllen auf ein Bord über das Sofa gestellt hat. „Die CD ist ein Wegwerfmedium geworden“, meint der Labelbetreiber, der für den Bereich Electronica auch nicht auf den derzeitigen Hype um die Renaissance des Vinyls setzen mag: „Ich habe in der Geschichte meines Labels vielleicht drei Schallplatten veröffentlicht. Keine war ein Erfolg.“

Daher setzt Arndt vor allem auf das Internet. Auf den einschlägigen Download- und Streaming-Portalen ist die Musik der Künstler, die er auf seinen Labels veröffentlicht hat, im Angebot, meist in Form digitaler EPs. In physischer Form werden die Tracks oft nicht mehr veröffentlicht, was manchen Musiker erst einmal schlucken lässt, wie Arndt verrät: „Die Künstler schaffen ihre Musik zwar digital und verbreiten sie auch digital, folgen mitunter aber doch noch dem Reflex, etwas in der Hand halten zu wollen. Allerdings denken sie dabei nicht immer an die Produktionskosten.“ Auch wenn Arndt die CD als Auslaufmodell bezeichnet, will er sich von dem Format noch nicht ganz verabschieden. „Bei Peacelounge bewegen wir uns in Richtung hundertste Veröffentlichung. Das ist immer noch ein reizvolles Ziel“, sagt er. Außerdem dienten gerade Kompilationen mit Tracks unterschiedlicher Musiker auch als Werbemittel, neue Künstler auf das Label aufmerksam zu machen. „Die hören eine solche Auswahl und nehmen dann Kontakt mit mir auf, weil ihnen unser Stil gefällt und sie meinen, gut dazu zu passen“, beschreibt Arndt diese spezielle Form der Akquise.

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Arndt arbeite früher beim „Rolling Stone“

Stilistisch hat der Labelbetreiber, der nur Alben veröffentlichen will, „die mich überzeugt haben“, sich selbst keine Grenzen gezogen, doch einen Schwerpunkt auf Ambient gelegt. Als Qualitätsrichtschnur dient ihm dabei ein Ausspruch der Musiker- und Produzentenlegende Brian Eno: „Ambient darf ruhig plätschern, soll aber standhalten, wenn man plötzlich genauer hinhört.“ Seine Liebe zu elektronischer Musik hat Arndt als Austauschstudent in den Vereinigten Staaten entdeckt. Ende der achtziger Jahre verfiel er an der Universität von Minnesota in Minneapolis nicht damals aktuellen lokalen Rockhelden wie den Replacements, Soul Asylum oder Hüsker Dü, sondern lauschte fasziniert jenen Formen elektronischer Musik, die heute unter Begriffen wie Chicago House oder Detroit Techno geführt werden.

Schon vor seinem Magisterexamen in Amerikanistik an der Frankfurter Goethe-Universität beschäftigte sich Arndt nicht nur privat, sondern auch professionell mit seiner Leidenschaft für Musik. Als Journalist arbeitete er für Stadtmagazine und später auch für den deutschen „Rolling Stone“, hatte Kommunikationsaufträge bei großen Labels wie Universal und war schließlich 1998 beim Start des Online-Händlers Amazon in Deutschland als verantwortlicher Redakteur für das damals noch umfassender kommentierte Musikangebot mit dabei.

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Der Schritt in die Selbständigkeit drei Jahre später geschah daher wohlüberlegt und auf der Basis einiger Erfahrung. Eine sichere Bank ist das Musikgeschäft allerdings nie, wie Arndt, der sich auch im Verband unabhängiger Musikunternehmen engagiert, nur zu gut weiß. Es hat ihm vor einigen Jahren zwar einen Sampler mit Melodien aus Bollywoodfilmen, einen echten Hit und Albenverkäufe in sechsstelliger Höhe beschert. Ungebrochen ist auch die Beliebtheit der Reihe „Le Tour“, die neuer Musik aus Frankreich gewidmet und vor kurzem in achter Auflage erschienen ist. Durststrecken dazwischen haben dem Familienvater allerdings auch gezeigt, dass ein kleiner Kolonialwarenladen mitunter völlig ausreichend sein kann.

Weitere Informationen im Internet unter der Adresse www.localmedia.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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