Eintracht Frankfurt

Der talentierte Problem-Profi

Von Tobias Käufer, Bogotá
28.12.2015
, 06:31
Kickt erstmals nicht mehr in der Heimat: Fabián soll das Spiel der Eintracht beleben.
Fußball oder Fiesta? Das fragen sie sich in Mexiko schon lange, wenn von Marco Fabián die Rede ist. Der Regisseur soll der Eintracht helfen, hatte oft aber selbst genug Schwierigkeiten im Leben.
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Nun also ist der erste Neue da. Sein Name: Marco Jhonfai Fabián de la Mora. Bruno Hübner, Sportdirektor der Frankfurter Eintracht, schwärmt schon vor dem ersten Ballkontakt des Mexikaners in Deutschland von ihm: „Mit Marco haben wir einen Offensivspieler verpflichtet, der torgefährlich und flexibel einsetzbar ist, sowohl auf dem Flügel als auch in der Zentrale. Darüber hinaus hat er durch seine Turniereinsätze reichlich internationale Erfahrung sammeln können.“ Dem Vernehmen nach muss die Eintracht vier Millionen Dollar an Deportivo Guadalajara überweisen, um ihn zunächst bis zum 30. Juni 2019 zu verpflichten. Eine Klausel im Vertrag verpflichtete seinen alten Klub schließlich, ihn genau für diese Summe freizugeben, falls ein ausländischer Verein Interesse hat. Eintracht-Trainer Armin Veh hofft so auf mehr Kreativität im Kampf gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Aber wer ist dieser 26 Jahre alte Marco Fabián?

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Ein schillernder Typ in jedem Fall: Manchmal ist es nur eine Geste, die das Leben eines Fußball-Profis für den Rest des Lebens brandmarkt. Stefan Effenbergs berühmter Mittelfinger etwa, der Po-Grabscher des Mainzers Gonzalo Jara im Dress der chilenischen Nationalmannschaft bei der Copa América 2015. Oder ebendie Geste von Marco Fabián in der Apertura 2011, am 13. Spieltag in der mexikanischen Meisterschaft. Der Torschütze war in Feierlaune. Nach einem Treffer im Jalisco-Derby gegen den Lokalrivalen Estudiantes stellte der damals 22 Jahre alte Chivas-Profi die Erschießung eines Teamkollegen nach. Es war eine seltsame Jubelchoreographie, als er seinen Mitspieler Alberto Medina eine fiktive Waffe an den Kopf hielt und abdrückte. Auch sein damaliger Trainer Fernando Quirarte, genannt „der Sheriff“, konnte ihn von dieser folgenschweren Schießeinlage nicht abhalten.

Fabián macht mit Skandalen von sich reden

Nicht die drei Treffer Fabiáns an diesem Tag blieben in Erinnerung, sondern dessen bizarrer Jubel. Die Bilder gingen damals um die Welt, und weil das Internet nicht vergisst, hängt Fabián seine krude Idee bis heute nach. Seitdem nennen ihn die mexikanischen Medien gerne mal den „Sicario“ – den Auftragsmörder. In einem Land, das bis heute unter den Folgen eines ebenso brutalen wie erbarmungslosen Drogenkriegs leidet, war das schon damals kein guter Einfall. Knapp 3000 Euro zahlte Fabián schließlich an einen Verein, der sich um Waisenkinder in Ciudad Juarez, der damals gefährlichsten Stadt der Welt, kümmert. Deren Eltern wurden tatsächlich von Auftragsmördern aus dem Weg geräumt. Fabián erklärte damals, ihm sei nicht bewusst gewesen, was er mit seinem Jubel ausgelöst habe. Mehr als 70.000 Familien, die um die Toten des Drogenkriegs seit 2006 trauern, war zum Heulen zumute.

Es ist nicht der einzige Skandal, der die ersten Profijahre im Leben des Neu-Frankfurters Marco Fabián kennzeichnet. Mal geht es um Versicherungsbetrug, mal ist es eine Party mit Prostituierten, die völlig aus dem Ruder lief. Fabian, inzwischen 26 Jahre alt, war immer mittendrin, statt nur dabei. Im März 2013 eröffnete das Mexikanische Institut für Sozialversicherungen Untersuchungen gegen 43 Profis, die eine Verletzung vorgetäuscht haben sollen, um entsprechende Prämien zu kassieren. Fabián war einer der prominentesten Verdächtigen. Zwei Jahre zuvor hatte sich Fabian selbst um die Teilnahme an der Copa América 2011 in Argentinien gebracht. In Ecuador feierte er gemeinsam mit Teamkollegen in der Vorbereitung eine rauschende Party, angeblich mit Liebesdienerinnen, wie die Tageszeitung „El Gráfico“ berichtete.

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Wieder musste Fabian bezahlen: neben einer saftigen Geldstrafe an den Verband und den Verein auch mit einer sechsmonatigen Sperre. Das Profi-Leben von Macro Fabian ist voll von diesen Geschichten: Mal ist es ein Wettskandal, oder es sind berüchtigte Partys, mit denen er seine Nachbarn wegen zu lauter Musik und Vandalismus zur Weißglut bringt. Die amourösen Auswärtsspiele, mit denen Fabián seine langjährige On-Off-Lebensgefährtin, die prominente mexikanische Schauspielerin und Model Ana Bekoa, öffentlich vorführte, füllen ganze Seiten in den Boulevardblättern seines Heimatlandes, welches er sportlich bisher noch nie verlassen hat, obwohl ihn zwei unterschiedliche Berater einmal gleichzeitig nach Portugal und nach Qatar verkauften. Es ist davon auszugehen, dass Eintracht-Sportdirektor Hübner all diese Eskapaden des am Heiligen Abend verpflichteten Offensivspielers kennt und eine Abwägung getroffen hat.

Fabiáns sportliche Karriere

Denn Fabián hat neben all diesen Skandalen auch eine bemerkenswerte sportliche Vita. Und er ist nun in einem Alter, in dem von einem Nationalspieler und Olympiasieger eine gewisse Ernsthaftigkeit zu erwarten ist. Dass der in Guadalajara geborene Lebemann ein außergewöhnliches Talent ist, bewies er nicht nur bei seinem Heimatclub Deportivo Guadalajara, einem der populärsten Klubs in ganz Lateinamerika, den sie alle nur „Chivas“ nennen, oder zuletzt bei Cruz Azul, sondern auch im Nationaltrikot. Fabian gewann 2011 den Goldcup in den Vereinigten Staaten, ein Jahr später das vor allem bei Scouts hoch im Kurs stehende U 21-Turnier in Toulon und das olympische Gold in London.

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Trotzdem hat es Fabián bislang nicht zu einem vergleichbaren Stellenwert gebracht wie sein berühmter Landsmann Javier „Chicharito“ Hernández, der ebenfalls aus Guadalajara stammt, es aber eben schon viel früher ins Ausland schaffte. Beide spielten knapp drei Jahre bei Chivas zusammen. Jetzt treffen sie sich nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch in der Bundesliga wieder, wenn die Eintracht im April auf Leverkusen trifft. Das dürfte für die Auslandsvermarktung der Bundesliga und der Eintracht hilfreich sein. Mexiko gilt neben Brasilien als einer der größten lateinamerikanischen TV-Märkte. Mit „Chicharito“ und Fabián spielen nun zwei der bekanntesten mexikanischen Profis mit medialer Sogwirkung in Deutschland. Ob Fabián doch noch zu einem internationalen Topstar reift, hängt davon ab, wie er den wohl wichtigsten Karriereschritt seines Lebens nun meistert. Oder wie es die Tageszeitung „El Gráfico“ schon vor zwei Jahren kommentierte: ob er sich nun endlich für Fußball oder doch wieder für die Fiesta entscheidet.

Quelle: F.A.Z.
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