Eintracht Frankfurt

Gestern Bratwurst, heute Rinderfilet

Von Ralf Weitbrecht
26.08.2012
, 18:13
Eintracht Frankfurt meldet sich mit einem Coup in der Bundesliga zurück. Beim 2:1 gegen Bayer Leverkusen stimmt der Teamgeist und Lanig setzt ein Ausrufezeichen.

Martin Lanig konnte sein Glück kaum fassen. „Von so etwas träumt man immer.“ Der ganz persönliche Traum des Eintracht-Profis Lanig: Einwechslung, Kopfball, Tor, Sieg. Als neuer Mittelfeldspieler vom 1. FC Köln zur Frankfurter Eintracht gestoßen, wusste der Achtundzwanzigjährige, dass er sich bei derart großer Konkurrenz vorerst mit einer Zuschauerrolle begnügen musste. Pirmin Schwegler und Sebastian Rode, beide mit großem Aktionsradius vor der Abwehr agierend, spielen schließlich auf seiner Lieblingsposten. Geduldig sein und beharrlich auf die Einsatzchance warten: Mit dieser Strategie hat Lanig gleich im ersten Spiel um Punkte alles richtig gemacht. Sein Siegtreffer zum 2:1 gegen Bayer 04 Leverkusen war ein Ausrufezeichen. Er war zugleich der Moment, in dem sich die Eintracht für ihren Aufwand belohnte.

Auftaktsiege in der Bundesliga sind für die Eintracht schließlich noch immer besondere Erlebnisse. In den vergangenen zehn Jahren gab es in erst- und zweitklassiger Umgebung lediglich zwei Erfolge am ersten Spieltag. Der letzte datiert vom 11. August 2007. Beim 1:0 gegen Hertha BSC Berlin sorgte der heute auf Zypern lebende Ioannis Amanatidis für kollektive Glücksgefühle. In der Saison 2012/2013 waren es mit Lanig (82. Spielminute) und Stefan Aigner (57.) zwei Zugänge, die sich für ihren neuen Arbeitgeber entscheidend in Szene setzten.

Lob vom Trainer

„Unser couragiertes Spiel ist belohnt worden“, sagte Eintracht-Trainer Armin Veh nach dem Coup. Vorbei und vergessen damit auch die heikelste Szene der Partie, als Bayer-Schlussmann Bernd Leno als letzter Mann Alexander Meier von den Beinen holte, der fällige Elfmeterpfiff aber ausblieb (38.). „Es wäre auch deprimierend gewesen, wenn wir für unseren Aufwand nicht belohnt worden wäre“, sagte später der sichtlich mitgenommene Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen. „Das war eine so klare Fehlentscheidung, wie ich sie noch nie erlebt habe.“

So schnell also geht das. Vor einer Woche noch, als eine Aktion von Torwart Kevin Trapp mit Elfmeter und Roter Karte doppelt bestraft wurde und letztlich zum Pokal-Aus in Aue führte, „waren wir Bratwürste“, sagte Kapitän Pirmin Schwegler. „Und jetzt sind wir Rinderfilets.“ Ein schmackhafter Vergleich, den der Schweizer bemühte, um die Schnelllebigkeit des Profigeschäfts zu unterstreichen. Vielleicht war bei diesem beherzten Stück Fußball, das die 27950 Zuschauer in der stimmungsvollen Frankfurter Arena geboten bekamen, auch eine Portion Glück mit im Spiel. Schließlich wechselte Veh den Sieg quasi ein. Erst brachte er Flankengeber Stefan Celozzi (76.), dann Kopfballschütze Lanig (77.). „Ich habe gewusst, dass Martin so stark köpfen kann“, sagte der Frankfurter Coach. „Ich kenne das noch aus meinen Stuttgarter Zeiten, als er dort gespielt hat.“

Es werden Komplimente verteilt

Aus aktuellen Frankfurter Zeiten weiß Veh, dass bei aller Begeisterung wegen des Sieges gegen Leverkusen eine Baustelle noch immer nicht vollends geschlossen ist. Die Innenverteidigung, vor Wochen als Achillesferse ausgemacht, funktionierte zwar gegen Bayer nach Anlaufschwierigkeiten. Doch noch längst nicht läuft alles nach Plan. Bamba Anderson, zu Zweitligazeiten ein Muster an Solidität und Zuverlässigkeit, braucht noch Zeit, um wieder auf dem Niveau alter Schaffenskraft zu sein. „Jeder hat gesehen, dass es nicht von heute auf morgen geht“, sagte Veh. „Die Mannschaft hat siebeneinhalb Wochen Vorbereitung gehabt, Bamba nur fünf Tage.“ Ganz anders Nebenmann Carlos Zambrano. Der Peruaner ist austrainiert und bestens vorbereitet aus Hamburg nach Frankfurt gekommen - und er hat bei seinem Debüt gegen Leverkusen genau das gezeigt, was sich Veh von ihm gewünscht hat: einen kompromisslosen Auftritt ohne Schnörkel.

Als alles vorbei war, verteilte Veh in den Katakomben der Arena fleißig Komplimente. Adressat war aber nicht unbedingt die eigene Mannschaft, sondern der Gegner. Deren Trainer Sascha Lewandowski rief er zu, „dass ihr absolut um die Champions League-Plätze spielt“. Über die eigenen Chancen und Risiken wollte Veh eher weniger sprechen. „Fußball ist Wochengeschäft. Wer weiß, was am Samstag in Hoffenheim passiert.“ Vielleicht ja dieses: Irgendein anderer als Lanig verwirklicht seinen Traum.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot