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Eintracht Frankfurt

Letzte Chance

Von Marc Heinrich und Jörg Daniels
 - 08:30
Die Angst geht um: Armin Veh und Heribert Bruchhagen fürchten, demnächst den fünften Abstieg der Eintracht verantworten zu müssen.

Seit neun Monaten ist Armin Veh wieder Trainer der Eintracht. Die Mannschaft hat unter seiner Regie fast sämtliche Qualitäten verloren, die es bedarf, um in der Fußball-Bundesliga achtbar mitspielen zu können. Ihre aktuelle Verfassung ist alarmierend. Der Absturz auf den Relegationsrang stellt den vorläufigen Tiefpunkt eines seit Herbst andauernden Niedergangs dar. Lediglich neun Wochen bleiben noch, um das Team, in dem die meisten völlig von der Rolle sind, vor der Herabstufung in die zweite Klasse zu bewahren.

Veh besitzt trotz allem noch eine Gelegenheit, zu zeigen, dass er der weiterhin geeignete Mann ist, der dieser Ansammlung völlig verunsicherter Profis vor dem Schlimmsten bewahren kann. Für ihn hat das Aufeinandertreffen mit dem FC Ingolstadt Endspiel-Charakter. Alles andere aber als ein Sieg an diesem Samstag wäre zu wenig – und würde den Problemen der Eintracht, die schon jetzt gravierend sind, eine neue Dimension verleihen, die die Führungsgremien zum Handeln zwingen müsste. Die Option, sich von Veh zu trennen, wäre dann die naheliegendste. Auch wenn sich sein Vorgesetzter kraft seines Amtes dagegen sträubt. „Es ist ein wichtiges Spiel, da brauchen wir nicht drumherum zu reden“, sagte Veh am Freitag.

Eintracht könnte vor Zerreißprobe stehen

Elf der 24 Partien dieser Saison verlor die Eintracht. Veh hat einiges probiert, um den Abwärtstrend zu stoppen. Geglückt ist es ihm nicht. Seine Ideen verpufften, sein Kredit ist nahezu aufgezehrt – und ein Trainerwechsel wäre immerhin eine erkennbare Idee, wie der Klub gedenkt, den tiefen Fall zu stoppen. Die vorzeitige Ablösung eines Fußballlehrers, so formulierte es Heribert Bruchhagen, sei immer eine schmerzhaftes Eingeständnis des Scheiterns.

Damit tut sich der 67-Jährige ehemalige Oberstudienrat von Natur aus schwer. Der Vorstandsvorsitzende, den in der Vergangenheit Loyalität zu seinen wichtigsten Angestellten auszeichnete, spielte in der Vergangenheit gerne so lange wie möglich auf Zeit, um unangenehme Entscheidungen hinauszuzögern – revidierte jedoch, wenn es wirklich darauf ankam, seine vorherigen Treuebekenntnisse, sofern er Wohl und Wehe der Eintracht grundlegend gefährdet sah. Damit muss nun auch Veh rechnen. Bei Uneinigkeit in den Gremien über dessen Weiterbeschäftigung droht der Eintracht eine Zerreißprobe. Sie könnte fatale Folgen für die sportlichen und wirtschaftlichen Perspektiven mit sich bringen.

Veh als Psychologe gefragt

Der Klub war Bruchhagen in seinen 13 Jahren, in denen er die Verantwortung trug (die er am 30. Juni abgeben wird) immer wichtiger als einzelne Personen: Dies bekamen auch Willi Reimann, Friedhelm Funkel, Michael Skibbe oder Thomas Schaaf zu spüren, deren Entlassung er nicht forcierte, aber zum Teil mit (geldwerten) Argumenten so moderierte, dass es dann doch auf eine Trennung hinauslief, die der Öffentlichkeit als Schritt in „beiderseitigem Einvernehmen“ verkauft wurde; diese Variante, womöglich auf Druck aus dem Aufsichtsrat, wäre nun auch eine denkbare. Die Räte treffen sich an diesem Montag. Wolfgang Steubing, ihr Vorsitzender, stand in den zurückliegenden Tagen für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Das Bild der Eintracht kann ihm nicht gefallen.

Auch beim 0:2 in Berlin gab sie ein Bild des Jammers ab. Sie braucht Hilfe von außen. In der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen, ist sie nicht mehr. Seit fünf Stunden trafen die Hessen das Tor nicht mehr und in diesem Jahr gewannen sie von sieben Spielen nur eins (und das schmeichelhaft gegen Wolfsburg). Die spielerische Armut des Teams wirkt erschreckend, alle Personalrochaden liefen ins Leere. Dreißig Akteure setzte Veh insgesamt im Laufe der Monate ein, eine Formation, die den Erwartungen gerecht geworden wäre, etablierte sich nicht, während sein Vertrauen (zu einem Teil seiner Leute) spürbar sank und er seitdem auf den gleichen Stamm setzt; Gacinovic, Ignjovski oder Medojevic sind außen vor, während das krampfhafte Festhalten am formschwachen Huszti verwundert.

Auch gegen Ingolstadt ist eine Umstellung notwendig: Aigner fehlt gelbgesperrt. Veh muss nicht nur richtig aufstellen und seiner Mannschaft die passende Taktik mit auf den Weg geben. In der angespannten Situation ist er auch als Psychologe gefragt. Er müsste die richtigen Signale aussenden und den mental angeschlagenen Spielern Druck nehmen. Trotz der Probleme die Stärken hervorheben und Lösungen für Verbesserungen anbieten. Veh aber betonte vor und nach jedem missglückten Spiel, wie groß die Verunsicherung geworden ist. Dass dem Team die Last der Situation deutlich anzumerken ist. Als Trainer bestärkte er damit noch das Negativbild, das auch die Spieler von sich und ihrer Lage bekamen. Sie redeten ebenfalls davon, dass bei ihnen die „Angst“ umgehe, wie es Marco Russ ausdrückte. Mit seiner Art und seinen Maßnahmen konnte der Coach demnach nicht die erhofften Impulse setzen. Einen Plan B, wer ihm nachfolgen könnte, wenn auch dieses Wochenende eine Enttäuschung bringt und sein Rauswurf als notwendig erachtet wird, existiert dem Vernehmen nach nicht. Gespräche, die über die in dieser Branche übliche Kontaktaufnahme hinausgehen, seien noch nicht geführt worden.

Eintrachts Möglichkeiten für neue Spieler

Markus Gisdol (zuletzt Hoffenheim), Jos Luhukay (Hertha) und Kosta Runjaic (Kaiserslautern) gelten als Kandidaten. Die Option, Alexander Schur, im Zweifelsfall vorübergehend als Aushilfe einzusetzen, zerschlug sich. Der ehemalige Eintracht-Kapitän befindet sich als Nachwuchstrainer selbst in einer prekären Lage. Nach sechs Niederlagen in Serie sind die Frankfurter A-Junioren in der Bundesliga Süd/Südwest in Abstiegsgefahr. Schur sagte dieser Zeitung, dass er mit der Bewältigung seiner Probleme genug zu tun habe und sich ganz auf seine Aufgabe konzentriere. Die Eintracht müsste sich also an anderer Stelle nach einem Nachfolger für Veh umsehen.

Zu einem Objekt des Interesses scheint ausgerechnet Ralph Hasenhüttl geworden zu sein, der Trainer des kommenden Gegners: Ingolstadt. Ihn könnten sich die Verantwortlichen gut in Frankfurt vorstellen. Vor allem für den Fall, dass sich die Wege von Veh und der Eintracht am Ende dieser Saison trennen. Nur könnte alsbald eine schneller umsetzbare Lösung gefragt sein: Ohne Job sind Markus Gisdol (ehemals Hoffenheim) und Mirko Slomka (Hamburger SV). Runjaic, den Sportdirektor Bruno Hübner aus seiner Wehener Zeit gut kennt, und Frank Kramer (Düsseldorf) verloren ihre Posten in der zweiten Liga. Tayfun Korkut (Hannover 96), mit dem die Eintracht im vergangenen Sommer gesprochen hatte, fand bis heute keinen neuen Arbeitgeber. Der frühere Eintracht-Spieler Thomas Doll trainiert aktuell den designierten ungarischen Meister Ferencvaros Budapest. Veh nannte es „völlig normal, dass andere Namen ins Gespräch gebracht werden“.

Hübner seit Tagen auf Tauchstation

Die Eintracht muss die Krise schleunigst in den Griff bekommen, will sie nicht zum fünften Mal in ihrer Historie abstiegen. Innerhalb der Fußball AG reifte die Erkenntnis, dass Vehs Zutun eine Ursache für das momentane Dilemma ist – ihn aber nicht die alleinige Schuld trifft. Auch Sportdirektor Bruno Hübner ist bei der Suche nach den Ursachen für das vielfältige Unheil in den Fokus geraten. Sein als unglücklich empfundener Auftritt in der Sport-1-Sendung „Doppelpass“ Ende Februar, als er vom einstigen Eintracht-Spieler Thomas Berthold mit zahlreichen Vorwürfen am Erscheinungsbild des Teams konfrontiert wurde und kaum einen davon plausibel entkräften konnte, ist die Zahl derer, die sein Wirken positiv beurteilen, intern weiter gesunken. Hübner war es, der sich neben Bruchhagen für das Comebacks Vehs stark machte und ihm laut Eigenwahrnehmung „den besten Kader seit langem“ zur Verfügung stellte. Dass der erste Eindruck des Personals täuschte und viele Defizite erkennbar wurden (Veh sprach schon im Oktober von Abstiegskampf), Hübner darauf aber unentschlossen reagierte, mehrten die Zweifel an der Verlässlichkeit seines Urteilsvermögens. Dem Team fehlen durchsetzungsfähige Spieler auf beiden Außenbahnen, dem Mittelfeld machen eklatante Geschwindigkeits-Defizite zu schaffen – und selbst in der Winterpause, als weitere fünf Zugänge von Hübner geholt wurden (er realisierte bis heute über 100 Transfers im Namen der Eintracht), ließen sich die Mängel nur geringfügig kaschieren, aber nicht grundlegend ausbessern.

Hübner sieht sich prinzipiell als verlängerter Arm des Trainers, Veh ist er freundschaftlich verbunden. Der Aufgabe eines Managers, der das Engagement des Coachs konzeptionell und strategisch begleitet und bei Bedarf auch korrigieren darf, wird er nur ansatzweise gerecht. Er musste, als Spekulationen aufkamen, das Veh so oder so spätestens schon in diesem Sommer geht (anstatt Mitte kommenden Jahres), die mediale Bühne Bruchhagen überlassen. Zur Stärkung von Hübners Position trug die Intervention des Chefs nicht bei. Er ist seit Tagen auf Tauchstation gegangen und ließ in seinen wenigen Verlautbarungen erkennen, dass er weiterhin auf das Prinzip Hoffnung (und damit Veh) setzt. Diese trotzige Gelassenheit lässt sich mit viel gutem Willen als Strategie bezeichnen. Vabanquespiel wäre eine nicht minder passendere Bezeichnung. Die Partie gegen Ingolstadt wird zeigen, ob und wie lange sich die Eintracht das noch leisten kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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