Eintracht Frankfurt

„Mich muss keiner an die Hand nehmen“

Von Jörg Daniels und Ralf Weitbrecht, Frankfurt
20.11.2015
, 06:09
Angeschlagen: Stefan Reinartz plagen ausgerechnet vor dem Wiedersehen mit den früheren Leverkusener Kollegen
Knieprobleme.
Anführer mit Anlaufschwierigkeiten: Stefan Reinartz über eigene Ansprüche und momentane Sorgen, das Krisenmanagement von Trainer Veh und den verwirrenden Weg der Eintracht.
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Es ist eine sensible Woche. Nach den Terroranschlägen in Paris wurde das Länderspiel Deutschland gegen Holland aus Sicherheitsgründen abgesagt. Haben Sie Angst, wenn Sie am Samstag mit der Eintracht in Frankfurt auf Leverkusen treffen?

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Ein Stück weit sensibilisiert es mich schon im Hinblick auf zukünftige Planungen meines Urlaubs oder den Besuch eines Weihnachtsmarktes. Großversammlungen wie in einem Fußballstadion sind aktuell Ereignisse, bei denen man sich nicht total frei von den zurückliegenden Geschehnissen machen kann. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass gespielt wird. Es ist ja auch eine Form der Ablenkung. Und das gehört zu unseren Aufgaben in dieser Gesellschaft.

Sind Sie als Fußballprofi bereit, ein persönliches Risiko einzugehen?

Dann würden ja auch 50.000 Zuschauer ein Risiko eingehen. Von daher ist es mein Job, auf dem Rasen zu stehen oder auf der Bank zu sitzen.

Wie würden Sie mit den Erlebnissen umgehen, wenn Sie bei der Nationalmannschaft dabei gewesen wären? Bleibt Ihren Kollegen genug Zeit, das Erlebte zu verarbeiten?

Ich bin ein Kopfmensch. Deshalb würden mich die Vorfälle sicher beschäftigen.

Zurück zum Tagesgeschäft. Wie wichtig ist es für Sie, gegen Ihre alten Kollegen aus Leverkusen von Beginn an zu spielen? Es ist ja das erste Mal, dass Sie Gegner von Bayer sind.

Es wäre schon schön, weil es für mich ein besonderes Spiel ist. Es fühlt sich wie ein Klassentreffen an, bei dem man alte Freunde trifft. Aber es ist kein Wunschkonzert, sondern Leistungssport.

Ihr Trainer Armin Veh sagte, dass Sie in den vergangenen Wochen ein bisschen von der Rolle gewesen seien. Wie vertraut ist Ihnen ein persönliches Leistungstief?

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich drei, vier Wochen nicht so gut gespielt habe. Ich hatte deshalb gehofft, dass ich es schaffe, auf jeden Fall möglichst konstant auf vernünftigem Niveau zu spielen. Insofern fand ich es auch unschön, dass es gerade bei meinem neuen Verein relativ zeitig ein kleines Tief gab.

Lag es an Ihnen oder auch an der Mannschaft?

Als Erstes schaue ich auf mich. Aber klar könnte man viele Faktoren anführen. Spieler bei Bayern München haben keine oder nur sehr selten Formkrisen. Dort sind die Spieler besser. Die Mannschaft ist so eingespielt und stellt ein funktionierendes System dar, dass die Spieler nicht dazu verleitet werden, viele Fehler zu machen. Alle anderen Mannschaften – vielleicht ein Stück weit mit Ausnahme von Borussia Dortmund – haben das Spiel nicht so unter Kontrolle, dass sie immer bestimmen können, wie es läuft. Wenn wir nach Aue fahren oder zu Hause gegen Gladbach spielen, dann sind das Spiele, die wir nicht vollständig unter Kontrolle haben. Wir kommen in Situationen, in denen wir Fehler machen. Und bei zu vielen Fehlern hast du schnell ein paar schlechte Spiele gemacht.

Hat Veh mit Ihnen gesprochen?

Ja, es gab einen Austausch. Aber nichts wahnsinnig Spektakuläres. Er hat mir ein bisschen Mut zugesprochen. Er hat es schon öfters miterlebt, dass ein Spieler mal durchhängt.

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ich denke automatisch über solche Sachen viel nach. In meinem Fall aber wäre es sicher am besten, weniger darüber nachzudenken. Das zurückliegende Spiel gegen Hoffenheim war schon deutlich besser von mir und der Mannschaft. Ich hoffe, dass es jetzt wieder ein Stück weit bergauf geht.

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Veh hat Slobodan Medojevic, Ihren Konkurrenten im defensiven Mittelfeld, gelobt. An ihm führe aktuell kein Weg vorbei. Hätten Sie sich mehr Geduld von Veh erhofft, was Ihre Person angeht?

Der Stuttgarter Trainer Alexander Zorniger hat mal gesagt, dass der Trainer kein Kindergärtner sei. Zumindest für uns Profis ist das hier keine Spaßveranstaltung. Deshalb ist es auch ein großes Märchen, wenn es heißt, der Trainer würde auf bestimmte Spieler stehen. Der Trainer ist dafür angestellt, die bestmögliche Mannschaft mit der bestmöglichen Leistung auf den Platz zu schicken. Daran wird er gemessen. In Leverkusen bin ich mal gefragt worden, ob Trainer Roger Schmidt auf mich als Spieler nicht so stehen würde. Meine Antwort war: Der Trainer steht auf Spieler, die in seinem System sehr gute Leistungen bringen. Er steht auf Leistung – fertig.

Aber muss ein Trainer nicht manchmal mit einem Spieler durch ein Loch gehen?

Natürlich kann es sein, dass ein Trainer sagt, ich ziehe einen Spieler noch mal zwei Wochen mit durch, weil er ihm mittelfristig weiterhelfen könnte. Ich werde es überleben, wenn ich auf der Bank sitze. Und danach hoffentlich wieder gute Leistungen bringen.

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Sie sind als Führungsspieler geholt worden. Hat das den Druck auf Sie erhöht?

Das ist für mich kein relevanter Punkt. Jeder Fußballprofi hat Druck – auch der 18 Jahre alte Spieler, der hineingeschmissen wird.

Wie groß ist der Druck speziell in Frankfurt. Das Umfeld hat oft eine andere Wahrnehmung als der Verein und die Mannschaft. Steht die Eintracht als Tabellenzwölfter da, wo sie hingehört?

Im Moment leider, ja. Wir haben es bisher nicht geschafft, eine konstant gute Mannschaftsleistung auf den Platz zu kriegen. Druck entsteht eigentlich nur, wenn du anfängst, zu verlieren. Die Stimmungsausschläge in Frankfurt sind in alle Richtungen größer als in Leverkusen. Das Positive hier wiederum ist, dass du schnell eine Euphorie drin hast. Als wir gegen Köln 6:2 gewonnen haben, habe ich von der Champions League gelesen. Der Verein muss bei diesen Strömungen ein großes Schiff sein, das seinen festen Kurs hat und sich nicht zu sehr von äußeren Umständen beeinflussen lassen darf.

Wie reagieren Sie auf die Reaktionen von außen?

Ich habe ein sehr eigenes Bild von den Spielen. Nach dem 6:2 habe ich nicht geglaubt, dass wir jeden Gegner aus dem Stadion schießen werden. Ich gehe oft nüchterner an die Sachen heran.

Hat sich Ihre Rolle im Hinblick auf die Mitspieler verändert, weil Sie aktuell mehr auf sich schauen müssen? Wird man vorübergehend zum Einzelgänger?

Als Spieler zieht man sich automatisch ein Stück weit zurück. Ob es sinnvoll ist, sei dahingestellt. Aber es ist ein erster Reflex. Auf der anderen Seite bin ich sowieso nicht der Spielertyp Stefan Effenberg oder Mark van Bommel, der seine Mitspieler auf dem Platz anschnauzt.

Gibt es Mitspieler, die sich als Ansprechpartner für Sie anbieten?

Mich muss keiner alle zwei Tage an die Hand nehmen. Ich bin schon ein paar Jahre im Fußballgeschäft. Wir haben genug junge Spieler, die vielleicht eher an die Hand genommen werden müssen.

Im Sommer waren Sie der Königstransfer. Wie gehen Sie jetzt mit der Kritik um? Es heißt, dass das Mittelfeld mit zu langsamen Spielern besetzt sei.

Königstransfer ist immer lustig für null Euro. Ich habe ja keine Ablösesumme gekostet. Wir müssen hier zwei Sprintstangen aufstellen, dann können wir es messen. Wahrscheinlich wird da irgendetwas dran sein. Aber dass wir deshalb jetzt die Spiele nicht gewinnen, das sei mal dahingestellt.

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Woran lag es denn?

Der wichtigste Punkt war, dass wir defensiv nicht gut standen. Daraus entsteht immer eine Verunsicherung in der Mannschaft. Ich habe bei mir gemerkt, dass ich zu spät oder gar nicht in die Zweikämpfe komme. Du merkst, dass wenig Struktur im Spiel ist. Die Spieler grundsätzlich weniger den Ball haben wollen. Vor drei, vier Wochen haben wir deshalb Umstellungen vorgenommen. Durch die Gegentreffer wie gegen Gladbach hatten wir keine Sicherheit, als Mannschaft nach vorne zu spielen. Wir sind jetzt stabiler geworden und bekommen weniger Gegentore. Hoffentlich machen wir jetzt auch nach vorne wieder bessere Spiele. Der Trainer hätte es natürlich lieber, wenn wir einen Tacken offensiver spielen könnten. Aber er ist auch pragmatisch genug zu wissen, dass wir in der Bundesliga Punkte brauchen. Er ist experimentierfreudiger geworden. Wir sind einen halben Entwicklungsschritt zurückgegangen, um ein bisschen Sicherheit zu gewinnen.

Wohin führt der Weg der Eintracht? Was ist wirtschaftlich möglich?

Vor der Haustür hat man eine Stadt, in der ich immer sehr viele schöne Autos sehe. Für dieses Pfund ist der Verein finanziell durchschnittlich ausgestattet.

Nach 16 Jahren in Leverkusen sind Sie zur Eintracht gewechselt. Hat sich das für Sie gerechnet? Bayer, das Ihren Vertrag verlängert hätte, spielt in der Champions League.

Ich hätte ziemlich genau gewusst, was mich in Leverkusen erwartet. Ich hätte mit verbundenen Augen in die Kabine gefunden. Ohne etwas zu hören, hätte ich sagen können, was wir am nächsten Tag im Training machen. Wann wir wo hinfliegen und in welches Hotel wir gehen. Das war ein Grund zu sagen, dass ich etwas anderes sehen will.

Sie haben eine Wohnung in Köln. Pendeln Sie täglich?

Das hängt vom Trainingsplan ab. 45 Minuten Zugfahrt sind überschaubar.

Bedeutet das, dass Ihr Lebensmittelpunkt weiter im Rheinland ist?

Man kann es so oder so sehen. Manchmal, glaube ich, ist es auch gut, Sachen nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Zum Beispiel wie in den vergangenen Wochen. Ich muss dann nicht jede Tageszeitung hier lesen und jeden Tag auf die Straße gehen. Ab und an ist es ein Vorteil, sich ein bisschen abzukapseln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
Autorenporträt / Weitbrecht, Ralf
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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