Eintracht

Zum Zungeschnalzen

Von Marc Heinrich, Frankfurt
14.09.2015
, 06:05
Freudiger Fußball-Abend: Meier trifft dreimal, Castaignos doppelt, Seferovic einmal.
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Vehs Mut zum Risiko zahlt sich beim 6:2 gegen Köln aus. Meier glänzt als dreifacher Torschütze. Der Nachfolger Bruchhagens wird im Frühjahr 2016 präsentiert.
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Heribert Bruchhagen wird seinen Platz an der Spitze der Eintracht Frankfurt Fußball AG im kommenden Jahr wie erwartet räumen. Der Vorstandsvorsitzende, der Anfang des Monats seinen 67. Geburtstag feierte, machte deutlich, dass die passende Phase in seinem Leben gekommen sei, Verantwortung in andere, jüngere Hände abzugeben. „Meine Zeit bei der Eintracht endet dann.“ Bruchhagen reagierte damit in der Sport1-Sendung „Doppelpass“ auf anderslautende Mutmaßungen, die sich im Umfeld des Klubs halten und denen zufolge er eine weitere Vertragsverlängerung anstrebe.

Befeuert wurden die Spekulationen am Wochenende von Armin Veh, der selbst im Anschluss an seinen bis 2017 gültigen Trainerkontrakt als möglicher Nachfolger gehandelt wird. Der Coach deutete nach dem 6:2 gegen den 1. FC Köln in einem Interview mit dem ZDF an, es sei gar nicht ausgemacht, dass Bruchhagen demnächst seinen Schreibtisch räume. „Vielleicht bleibt er ja.“ Denn: „Im Fußball weiß man nie, wie es ausgeht.“ Er, sagte Veh, habe schon viele Dinge erlebt, die „anders passiert sind“ als zunächst allgemein angenommen, und er selbst hege keinerlei Absichten, das Büro in der Eintracht-Geschäftstelle zu wechseln: „Ich bin gerne Trainer und liebe den Job.“

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Ein neuer starker Mann

Bruchhagen versuchte die zu Irritationen führenden Äußerungen mit der allgemeinen Hochstimmung zu erklären, die am Samstag nach dem Abpfiff im Stadion geherrscht habe. Veh habe sicherlich in einer „Weinlaune“ Stellung bezogen. Wovon keine Rede sein konnte, denn der Fußballlehrer äußerte sich unmittelbar im Anschluss an den zweiten Saisonsieg, durch den die Frankfurter in die obere Tabellenhälfte aufstiegen.

Bruchhagen betonte, seine Demission zum 30. Juni 2016 stehe fest. „Mit dem Aufsichtsrat ist alles geklärt.“ Gemeinsam mit dessen Vorsitzendem, Wolfgang Steubing, sei vereinbart, dass „im März oder April“ der neue starke Mann der Öffentlichkeit vorgestellt werde. Eine mögliche Konstellationen: Axel Hellmann, sein bisheriger Stellvertreter, rückt in die erste Reihe, und das Dreiergremium, dem neuerdings als Finanzfachmann auch Oliver Frankenbach angehört, wird um einen Sportexperten ergänzt. Ein Kandidat, dessen Name immer wieder fällt: der ehemalige Nationalspieler Christoph Metzelder.

Bruchhagen machte aufs Neue deutlich, dass er die Eintracht langfristig auf einem guten Weg sehe und sie frei von Schulden oder sonstigen Verpflichtungen verlassen werde. Er verspüre Zuversicht, die durch den gelungenen Start in diese Saison genährt wurde, dass es gelingen könne, ins europäische Geschäft vorzustoßen. Der Wettbewerb der Traditionsklubs, die hinter den Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Leverkusen und Schalke auf ihre Chance lauerten, werde permanent härter. „Es gibt kein Patentrezept, um dem Mittelfeld zu entrinnen.“ Umso wichtiger seien Erfolge gegen Konkurrenten „auf Augenhöhe“, zu denen Bruchhagen Stuttgart und Köln zählte.

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Insgesamt gelangen der Eintracht in den Duellen gegen Schwaben und Rheinländer zehn Treffer, die vor dem schweren Auswärtsspiel am kommenden Samstag in Hamburg sechs Punkte und eine gewisse Sicherheit brachten, dass das Team nicht von Anfang den eigenen Ansprüchen hinterherrennen muss. Bruchhagen sagte, er habe die Hoffnung, dass es mit der Qualifikation für die Europa League klappen könne: „Platz sechs wäre super.“ Vor Beginn des Spiels gegen Köln, räumte er ein, sei ihm beim Blick auf die Aufstellung ein „bisschen mulmig geworden“ angesichts der Offensivausrichtung der Startelf.

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Alles „eitel Sonnenschein“

Vor der Viererkette fand sich Stefan Reinartz als Einzelkämpfer auf der Sechser-Position wieder, während mit Luc Castaignos, Haris Seferovic, Marc Stendera und Alexander Meier (siehe Seite 27) gleich vier Profis dabei waren, deren Stärke in der gegnerischen Hälfte liegen. Meier erwischte ein Comeback zum Zungeschnalzen und traf dreimal (4., 23., 87.), Castaignos doppelt (15., 30.) – und auch Seferovic (73.). Dafür war mit Stefan Aigner ein in der Vergangenheit als unverzichtbar eingestufter Leistungsträger nur noch zweite Wahl. „Für ihn tut es mir leid“, sagte Veh, „weil er immer alles gibt.“ Doch der Bayer sei diesmal ein Systemopfer gewesen.

Der mutige Plan ging jedenfalls auf, weil auch Makoto Hasebe, der im rechten Mittelfeld aufgeboten wurde, verlässlich nach hinten mitarbeitete und die Außenverteidiger Bastian Oczipka und Aleksandar Ignjovski ihre Seite abschirmten und dennoch nach vorne Druck entwickelten. „Viel besser als in der ersten Halbzeit können wir nicht spielen“, sagte Oczipka, der einen „ganz klar“ positiven Trend erkannt haben will: „Dass war Ballbesitzfußball, wie wir ihn zeigen wollen.“ Bruchhagen sprach von „eitel Sonnenschein“. Ein halbes Dutzend Treffer gegen eine Mannschaft zu schießen, die sonst für ihre Abwehrkraft gerühmt werde, mache ihn „ein bisschen stolz“.

Bei Veh klang es ähnlich, nur nicht ganz so pathetisch. „Dass wir es können, war mir bewusst. So stelle ich mir Fußball vor.“ Nachdem er den Ausrutscher gegen Augsburg „nicht überbewertet“ habe, sei er auch nach dem Triumph gegen Köln nun um Augenmaß bemüht, sagte er, nachdem ihm zahlreiche Eintracht-Funktionäre in den Katakomben auf die Schulter geklopft hatten. „Ich gehe jetzt nicht heim und frohlocke, was ich alles richtig gemacht habe“, sagte Veh. Das machen nach dieser Gala bis auf weiteres sicherlich viele andere im Klub.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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