Emotionsforschung

Missverständnisse auf der Gefühlstonleiter

Von Uta Bittner
19.11.2021
, 05:15
Intensive Gefühlsäußerungen wie Schreien kommen nicht immer so an, wie sie sollen. (Symbolbild)
Wenn jemand juchzt, ist klar, dass er sich freut. Gleiches gilt für Schreien und Wut. Versteht man Emotionen besser, je intensiver sie ausgedrückt werden? Natalie Holz vom Frankfurter Max-Planck-Institut geht dem nach.
ANZEIGE

Ob Schreien, Flüstern oder Juchzen: Die Stimme gibt Auskunft, ob ein Mensch etwa traurig ist oder hocherfreut. Doch verstehen wir Emotionen besser, wenn diese intensiver ausgedrückt werden? Dieser Frage ist Natalie Holz von der Abteilung Neurowissenschaften des Frankfurter Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Kooperation mit der New York University sowie dem Max Planck NYU Center for Language, Music, and Emotion nachgegangen. In der Emotionsforschung sei man lange davon ausgegangen, dass bei steigender emotionaler Intensität Gefühle klarer und deutlicher werden. „Wir wollten wissen, ob das tatsächlich der Fall ist“, sagt die 28 Jahre alte Doktorandin Holz.

Das Forscherteam nahm zunächst nonverbale Emotionsausdrücke in einem Tonstudio in Boston auf und packte diese in eine frei zugängliche Datenbank. „Wir haben quasi eine Gefühlstonleiter erstellt, indem wir Gesangsstudentinnen eingeladen haben, sechs verschiedene positive und negative Gefühle in vier verschiedenen Intensitäten auszudrücken – von sehr mild bis extrem stark.“

ANZEIGE

Es ging um Angst, Ärger, Schmerz, sexuelle Lust, positive Überraschung und Triumph, erklärt Holz, nur nichtsprachliche Laute wie Schreie, Ächzen, Stöhnen, Lachen oder Juchzen waren erlaubt. Anschließend bewerteten 90 Probanden die Aufnahmen dahingehend, welche Emotion jede Äußerung ausdrückt.

Aufmerksamkeitsfilter und Alarmsignal funktionieren

„Wir fragten, wie positiv oder negativ das Ausgedrückte ist und wie die Probanden den Erregungszustand der Person, von der die Äußerung stammt, wahrnehmen.“ Außerdem sollten die Probanden beurteilen, wie stark sie die emotionale Intensität einschätzten und wie authentisch sie den Gefühlsausdruck fanden.

ANZEIGE

Die Wissenschaftler entdeckten ein Paradox: „Das wohl überraschendste Ergebnis ist, dass die intensivsten Gefühle am missverständlichsten sind und am wenigsten eindeutig zugeordnet werden können“, so Holz. Die Befragten waren bei den intensiv geäußerten Emotionen nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, welches Gefühl ein Laut ausdrückte.

Diese Differenzierung jedoch sei den Probanden bei mittlerer bis hoher Intensität gut gelungen. Sobald ein gewisser, sehr extremer Intensitätsgrad erreicht werde, falle es Menschen sowohl schwer, die Art des Gefühls festzustellen, als auch, ob die Vokalisierung eine positive Emotion ausdrückt oder eine negative, berichtet Neurowissenschaftlerin Holz, die mit ihren Kollegen die Ergebnisse Mitte des Jahres im Fachmagazin Scientific Reports veröffentlicht hat und damit gängige Emotionstheorien herausgefordert sieht.

ANZEIGE

Was indes problemlos zu erkennen war, war die Information zur Intensität. Es sei für die Probanden kein Problem gewesen zu erkennen, was wichtig, was relevant, was hochintensiv ist, sagt Holz. Als Aufmerksamkeitsfilter und Alarmsignal scheinen die intensivsten Gefühlsausdrücke gut zu funktionieren.

Ob weitere Informationen in den Lauten enthalten sind, sie aber von Menschen einfach nicht wahrgenommen werden, wollen die Forscher nun genauer analysieren, indem sie beispielsweise die Modulation in den Frequenzen der Signale technisch erfassen.

Ziel ist herauszufinden, wie die Signale aufgebaut sind: „Wo ist Information zu Emotion gespeichert, und wo ist Information zu Intensität gespeichert?“, fragt Holz. Erste vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass in den hochintensiven Signalen keine versteckte Information liegt.

Während Holz untersucht, wo die Wahrnehmung von Emotionen an Grenzen stößt, erforscht Psychologe Stefan Hofmann, inwiefern Emotionen krank machen, wie Angststörungen oder Depressionen effektiv behandelt werden können und welche Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften bei der Gestaltung von Therapien womöglich helfen.

ANZEIGE

In diesem Jahr wechselte der kognitive Verhaltenstherapeut, der seit Jahren an der Boston University forscht und dort das Psychotherapy and Emotion Research Laboratory leitet, an die Philipps-Universität Marburg, ausgestattet mit einer Loewe-Spitzenprofessur, einer Alexander-von-Humboldt-Professur und etwa 7,5 Millionen Euro Forschungsmitteln.

Neuorientierung der Klinischen Psychologie

In den nächsten fünf Jahren will der Angstforscher das Zentrum für Translationale Klinische Psychologie in Marburg entwickeln und ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk in Hessen aufbauen, um eine Neuorientierung der Klinischen Psychologie voranzutreiben.

„Das gängige latente Krankheitsmodell funktioniert so, dass wir als Psychologen Patienten befragen und dann auf Basis der Antworten eine Diagnose aussprechen“, sagt Hofmann und nennt als Beispiele „Die Person hat eine soziale Angststörung“ oder „Die Person hat eine Panikstörung“.

ANZEIGE

Doch dieses Diagnose- und Krankheitsmodell sei zu eingeschränkt, „weil wir dadurch Leute zusammengruppieren, die eigentlich gar nicht zusammengehören“. Stattdessen sollten jede einzelne Person als ein komplexes Netzwerk verstanden und die Therapien individuell zugeschnitten werden. „Wir nennen das prozessbasierte Therapie“, sagt der klinisch arbeitende Psychologe. Dieser Ansatz sei eine neue Art, wie man existierende therapeutische Verfahren anwende.

Gemeinsam mit Computerlinguisten der TU Darmstadt analysiert der Emotionsforscher etwa Psychotherapiesitzungen, um über die Sprachmuster zu verstehen, welche Emotionen im psychotherapeutischen Prozess in Verbindung stehen und sich verändern. Und in enger Kooperation mit Neurowissenschaftlern sucht er in Gehirnstrukturen nach Mustern. „Möglicherweise gibt es Prädiktoren, die Vorhersagen erlauben, ob eine Person eher ein Medikament nehmen sollte oder eher eine Psychotherapie“, berichtet Hofmann.

Er habe ähnliche Untersuchungen zusammen mit Neurowissenschaftlern gemacht und gefragt, inwieweit sich anhand von Gehirnscans vorhersagen lasse, ob eine Person auf kognitive Verhaltenstherapie reagiert, so Hofmann, der in den nächsten fünf Jahren genau solche aus interdisziplinären Studien gewonnenen Erkenntnisse systematisch in den Ansatz der prozessbasierten Therapie einbetten will.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Frankfurt Jobs
Jobs in Frankfurt finden
Immobilienmarkt
Immobilien in Frankfurt am Main
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
DSL
Den günstigsten DSL-Tarif finden
Hausnotruf
Länger unabhängig dank Hausnotruf
ANZEIGE