Sauer-Orgel in Bad Homburg

Engelsstimmen aus der Kirchenkuppel

Von Bernhard Biener
24.12.2019
, 16:12
Während der Weihnachtsgottesdienste können Kirchgänger den Klang der Sauer-Orgel in der evangelischen Erlöserkirche in Bad Homburg genießen. Organisten müssen manche Besonderheit beachten, wie sich beim Blick hinter die Kulissen erkennen lässt.

Ihre Majestät haben keine Eile. Die Finger von Susanne Rohn fliegen für einen kurzen, schnellen Lauf über die Tasten. Aber die Königin der Instrumente bittet um Bedenkzeit. Etwa eine halbe Sekunde dauert es, bis die Töne auf der Empore ankommen. „Das ist das Fernwerk“, sagt die Kantorin der Erlöserkirche und führt damit eine Besonderheit der Sauer-Orgel vor. Ein Stockwerk über dem Prospekt stehen auf dem Dachboden weitere Pfeifen. Ihr Klang wird durch einen 35 Meter langen Schallkanal, der über die innere Kuppel hinwegführt, zu einem Schallloch geleitet. Es befindet sich in der Decke über dem Altarraum.

Der Kanal ist mannshoch und erinnert an einen Festungsgang. Für Organisten ist die Verzögerung natürlich eine Herausforderung – bei gemäßigtem Tempo hängt der Klang eine Viertelnote hinter dem Anschlag her. Aber die akustische Konstruktion lässt sich nicht nur für die Orgel nutzen. „Wir haben schon eine Sopranistin Echo-Partien aus dem Schallloch des Fernwerks singen lassen“, erzählt Rohn. Und wenn im Weihnachtsgottesdienst eine engelsgleiche Stimme „Vom Himmel hoch“ intoniert, kommt sie tatsächlich von oben herab.

Reiche Orgellandschaft

Die von Wilhelm Sauer gebaute und 1908 mit der Erlöserkirche eingeweihte Orgel ist Teil der Bad Homburger Orgellandschaft, die im nächsten Jahr wieder mit dem Orgelfestival Fugato zu voller Geltung kommt. Die Kirchenbesucher können sie natürlich auch bei den Gottesdiensten und Konzerten hören, und in der Weihnachtszeit sind es traditionell besonders viele. Wobei Rohn für die Liedbegleitung der Gemeinde eigentlich die 1990 installierte Bach-Orgel bevorzugt. „Ihr Klang ist viel direkter, während die romantische Sauer-Orgel mulmiger daherkommt.“ Für beide Charaktere gibt es entsprechende Orgelliteratur, und mit Unterstützung des Orgelbauvereins entschied sich die Erlöserkirchengemeinde 1983 dazu, dem mit einem zweiten Instrument gerecht zu werden.

Gerald Woehl baute nach einer überlieferten Disposition von Johann Sebastian Bach die direkt am Rand Empore stehende Orgel. Danach wurde die Sauer-Orgel in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Sie war 1940 umgebaut worden, um darauf besser barocke Stücke spielen zu können. Doch dieser Kompromiss galt vielen als unbefriedigend. Seit 1993 ist sie wieder im Original zu hören.

Aufwendige Restaurierung

Mit der Restaurierung bekam die Orgel einen elektrischen Spieltisch mit vier Manualen, an dem Rohn normalerweise sitzt. Er hat den Vorteil, dass sich mit ihm die Werke verzögerungsfrei ansprechen lassen – nur der Weg des Schalls durch die Luft kommt hinzu. Bei Orgelführungen öffnet die Kantorin jedoch zwei große Holzklappen in ihrem Rücken, wo der dreimanualige Original-Tisch aus dem Jahr 1908 zum Vorschein kommt. Das runde Instrument über den Tasten ist keine Uhr, sondern die Walzenanzeige. Sie gehört zum Rollschweller, der mit dem Fuß bedient wird und mit dem sich die Register nacheinander einschalten lassen.

Wer sich mit Rohn über den Turmaufgang, eine Seitentür und schmale Stiegen auf den Weg hinter die Pfeifen begibt, kann die originale Konstruktion und die jüngsten Ergänzungen erkennen. Denn 1993 ist die Sauer-Orgel, die ursprünglich 46 Register hatte, auf 62 klingende Register mit knapp 3800 Pfeifen erweitert worden. Die zusätzlichen Register befinden sich in zwei Gehäusen hinter den großen Pfeifen des Hauptwerks. „Sie sind sauber vom Original getrennt“, sagt Rohn. Sie macht auf einen hölzernen Kasten aufmerksam. „Die Windleitung.“ Durch sie kommt die Luft, die die Pfeifen zum Klingen bringt.

Nach ein paar Schritten ist hinter einer weiteren Tür ein leises Surren zu hören. Sie lässt sich nicht vollständig öffnen, und nur wer einen idealen Body-Mass-Index hat, kann sich hindurchzwängen. Dann steht man vor dem elektrischen Motor für das Gebläse. Auch er stammt noch aus dem Jahr 1908, ist restauriert worden und läuft noch immer. Zwei Griffe an einem Pfeiler deuten auf den Notbehelf hin, nämlich die Bälge mit den Füßen zu treten und so die Pfeifen mit Wind zu versorgen. „Darauf mussten wir aber noch nie zurückgreifen“, sagt die Kantorin.

Eine Kirche mit Tradition

Auch eine Etage darunter, zwischen den kleineren Pfeifen, ist es eng. Hinter dem alten Spieltisch sind zahllose graue Leitungen zu erkennen, die an Stromkabel erinnern. Tatsächlich handelt es sich aber um die Bleiröhrchen der pneumatischen Traktur. Früher wurde der Windstrom in die Orgelpfeifen mechanisch durch Holzleisten ausgelöst. Ende des 19. Jahrhunderts nutzte man dafür ein mit Luft gefülltes pneumatisches System. Erst dadurch wurde es möglich, auch weit entfernte Pfeifen wie die des Bad Homburger Fernwerks anzusteuern. Im Unterschied zu den modernen elektrischen Kontakten ist die Pneumatik eher träge, weshalb der von Rohn zu Beginn demonstrierte Verzögerungseffekt am alten Spieltisch besonders deutlich bemerkbar ist.

Dass die Erlöserkirche einst ein Instrument des königlich-preußischen Hoforgelbauers aus Frankfurter an der Oder bekam, hatte mit den engen Beziehungen Kaiser Wilhelms II. zu seiner Sommerresidenz Bad Homburg zu tun. Kaiserin Auguste Viktoria war Patronin des Kirchenbaus an der Dorotheenstraße, in direkter Nachbarschaft des Schlosses. Sauer hatte drei Jahre vor der Erlöserkirche den Berliner Dom mit einer Orgel ausgestattet, die als die größte Deutschlands galt.

In Bad Homburg wird nächstes Jahr erst einmal die jüngere Bach-Orgel im Mittelpunkt stehen. Nach 30 Jahren ist nicht nur eine Reinigung nötig. Sie wurde möglichst schmal gebaut, um die Sauer-Orgel nicht zu beeinträchtigen. Dadurch sind manche Pfeifen instabil geworden und die Füße geknickt. Von Januar bis März sollen sie deshalb ausgebessert und durch eine Aufhängung befestigt werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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