F.A.Z.-Leser helfen

Der Schwarze mit der weißen Haut

Von Daniel Schleidt
Aktualisiert am 09.12.2019
 - 16:00
Blick in ein neues Leben: Imari braucht die Brille für sein Examen dringend.
Menschen mit Albinismus werden in Kenia oft diskriminiert. Omari Mwakazi will trotzdem ein normales Leben führen. Einfach ist das für den Jungen nicht.

Das Lächeln auf dem Gesicht ist schnell wieder verschwunden. Omari Mwakazi spricht so leise und vorsichtig, als könnten zu laute Worte das Haus zum Einsturz bringen, in dem er gerade sitzt und sich und seine neue Brille in einem Spiegel betrachtet. Dort sieht er einen 14 Jahre alten Jungen, der auffällt, weil er anders ist. Omari Mwakazi ist eigentlich ein Schwarzer, seine Eltern haben dunkle Haut. Er jedoch hat einen Gen-Defekt, wurde mit Albinismus geboren und hat deshalb weiße Haut und weißblonde Haare.

Seine neue Brille soll einen schwarzen Rand haben, wünscht sich Omari. Das Modell, das er nun im Augenzentrum in Kwale, 20 Autominuten von der kenianischen Küstenstadt Mombasa entfernt, trägt, gefällt ihm und vor allem: Er kann sich selbst und seine Umwelt damit sehen. Er lächelt, als er die Brille zum ersten Mal aufsetzt. Doch schnell ist das Lächeln wieder verschwunden. Ein befreites Lachen gehörte bisher eher selten zu seinem Alltag.

Während sich in Deutschland Menschen mit Albinismus nicht weiter von jenen ohne diese Erbkrankheit unterscheiden lassen, ist das in Afrika anders. Für die Betroffenen hat das schwerwiegende Folgen. Denn erstens leiden Menschen wie Omari unter der starken Sonneneinstrahlung, weil durch den rezessiv vererbbaren Gen-Defekt die reguläre Produktion des Pigments Melanin blockiert und die Dunkelfärbung der Haut dadurch verhindert wird. So drohen ihnen schwere Verbrennungen und Hautkrebs, die Lebenserwartung ist aufgrund dieser Risiken geringer.

Eingeschränkte Sehfähigkeit

Auch die Sehfähigkeit ist durch den Pigmentfehler in den meisten Fällen erheblich eingeschränkt. Doch das ist nicht alles: Menschen mit Albinismus sind in Afrika häufig Opfer von Ausgrenzung und Gewalt, weil sie anders aussehen.

„Die Brille ist unheimlich wichtig für ihn“, sagt Shabaan Nyere, der mit Omari ins Kwale Eye Centre gekommen ist. Nyere ist einer jener „Community Health Workers“, die im Auftrag der Regierung unter der Landbevölkerung in Kenia ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung sicherstellen sollen. „Seine letzte Brille wurde ihm vor Monaten in der Schule gestohlen.“ Für Omari war das eine Katastrophe, er hätte sich am liebsten sofort eine neue besorgt. Doch eine Fahrt aus seinem gut zwei Stunden entfernten Heimatort nach Kwale war für seine Familie zu teuer. Also musste er ohne die Brille auskommen. Und das ausgerechnet jetzt: Nächste Woche stehen die nationalen Examina an, bei denen er sich die Zulassung für die High School sichern will. Ohne Brille wird das nichts. „Aber ich muss das schaffen, ich will doch Lehrer werden“, flüstert Omari.

Dass er nun die neue Brille und damit die Chance auf Verwirklichung seines Berufstraum erhält, ist auch ein Verdienst der Christoffel Blindenmission. Die Hilfsorganisation mit Sitz im hessischen Bensheim unterstützt Augenzentren in Kenia, darunter jenes in Kwale, damit dort blinden und stark sehgeschwächten Menschen geholfen werden kann. Die Versorgung von Augenkrankheiten ist in dem westafrikanischen Land noch stark unterentwickelt, es fehlt an Aufklärung und an Kliniken, in denen Augenpatienten behandelt werden können. Die Spenden des Projekts „F.A.Z.-Leser helfen“ sind ein wichtiger Bestandteil, damit Kinder und Jugendliche wie Omari Mwakazi eine Chance auf ein normales Leben haben. Genau das ist der große Traum des Jungen. Bislang, erzählt Shabaan Nyere, „hatte er ein sehr schwieriges Leben“.

Menschen mit Albinismus brauchen ihr Leben lang Hilfe. Ihre Regenbogenhaut ist nahezu transparent und lichtdurchlässig. Das auf das Auge treffende Licht gelangt nicht nur in die Pupille, sondern durchscheint auch die Iris. Die daraus folgende starke Lichtempfindlichkeit sorgt dafür, dass sich Betroffene permanent von der Sonne und anderen Lichtquellen geblendet fühlen. Zudem sind sie häufig nicht in der Lage, in ihrer Umgebung den Kontrast zwischen Hell und Dunkel deutlich wahrzunehmen.

Albinismus und Aberglaube

Während die kenianische Sonne brennt und das Thermometer 32 Grad Celsius anzeigt, trägt Omari Mwakazi einen breiten Safari-Schlapphut, ein bis oben zugeknöpftes Hemd, lange Hosen. Die Sonne ist sein Feind. Und viele Menschen sind es auch, deshalb ist er so eingeschüchtert. In der Schule, erzählt Shabaan Nyere, werde er wegen seiner weißen Haut und der hellen, gekräuselten Haare gehänselt und ausgegrenzt. Zudem sind Menschen wie Omari in Westafrika ständig in Gefahr.

In den Ländern der Sub-Sahara in Afrika nämlich ist der Glaube weit verbreitet, dass Körperteile von Menschen mit Albinismus in Zaubertränken verwendet werden können und dann Glück und Reichtum bringen. Das führt dazu, dass Betroffene ständig davon bedroht sind, verschleppt, verstümmelt oder sogar umgebracht zu werden. Im täglichen Leben benötigen sie besonderen Schutz.

Die Organisation „Under the same sun“, die sich für den Schutz von Menschen mit Albinismus starkmacht, hat im laufenden Jahr in Kenia bereits 13 Angriffe auf die Schwarzen mit der hellen Haut registriert, dabei sollen fünf Menschen ermordet worden sein. Die Christoffel Blindenmission hat deshalb für Menschen mit diesem Gen-Defekt eine eigene Sicherheitsrichtlinie entwickelt, um sie vor Übergriffen zu schützen. Für viele Menschen, vor allem für Kinder, sind Angst, Stigmatisierung und Diskriminierung noch schlimmer als die körperlichen Probleme, die sie ohnehin schon belasten.

Ein vererbtes Leiden

Omari Mwakazi ist einer von ihnen. Der Junge hat fünf Geschwister, seine drei Jahre alte Schwester leidet ebenfalls an dem rezessiv vererbbaren Gen, die übrigen Kinder sind schwarz. Zuletzt musste der Junge in der Schule zwei Meter vor der Tafel sitzen, um überhaupt etwas darauf erkennen zu können. Es war eine weitere Demütigung für ihn, wie er erzählt. Mit der neuen Brille sieht er gut, und eine Sonnenbrille bekommt er auch noch, damit er nicht weiterhin die meiste Zeit seines Lebens in geschlossenen Räumen verbringen muss.

Albinismus kommt weltweit bei Menschen aller Völker und beider Geschlechter vor. Laut Weltgesundheitsorganisation jedoch tritt Albinismus in den verschiedenen Regionen der Welt in unterschiedlicher Häufigkeit auf: Während in Europa etwa einer von 17.000 Menschen von dem Gen-Defekt betroffen ist, gehen Schätzungen in der Sub-Sahara von einer etwa doppelt so starken Häufigkeit aus.

Mit seiner neuen Brille hofft Omari Mwakazi, das Examen nächste Woche zu schaffen. Danach will er, statt zu lernen, mal wieder Fußball spielen. Er liebt diesen Sport, erzählt er, ist Fan der englischen Premier League. Selbst gekickt hat er lange nicht mehr. Mit der neuen Brille soll sich das wieder ändern.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Frankfurter Mädchenbüro Milena, das sich der Integration von Mädchen und Frauen mit und ohne Fluchthintergrund verschrieben hat, sowie für die in Bensheim ansässige Christoffel- Blindenmission, die Augenkliniken in Kenia unterstützt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schleidt, Daniel
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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