F.A.Z.-Spendenprojekt

Hilfe für Suizidgefährdete ist weder Tabu noch Normalität

Von Matthias Trautsch
29.10.2020
, 17:04
Wer Suizide verhindern möchte, der muss darüber sprechen. Insbesondere über Erkrankungen, die dem Todeswunsch meist zugrunde liegen. Und auch über Auswege aus seelischen Krisen. Das ist ein Ziel des diesjährigen F.A.Z.-Spendenprojekts.

Von den griechischen Tragödien über die Werke des Sturm und Drangs bis hin zur Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ – seit alters her bewegt das Thema Suizid die Menschen, inklusive des öffentlichen Widerhalls in der Kultur und den Medien. Zugleich ist der „Selbstmord“ aber auch tabuisiert. Das Christentum betrachtete ihn bis in die jüngere Zeit als schwere Sünde. Wer sie beging, dessen Leichnam erwartete ein „Eselsbegräbnis“ außerhalb der Friedhofsmauern.

Noch heute wird in vielen Familien und Freundeskreisen über das Thema schamhaft geschwiegen. Dabei ist so gut wie jeder im näheren oder weiteren Umfeld schon einmal davon berührt worden: Alljährlich nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben, 90 bis 100 sind es in Frankfurt. Sie hinterlassen eine vielfache Zahl von trauernden, teils traumatisierten Angehörigen. In der Altersgruppe der jungen Erwachsenen ist der Suizid die häufigste Todesursache.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, das Thema zu meiden. Der wichtigste ist der sogenannte Werther-Effekt. Nach dem Erscheinen von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ soll es in der bürgerlichen Jugend, die sich mit dem Titelhelden identifizierte, zu einer zweistelligen Zahl von Selbsttötungen gekommen sein. Von einem solchen Effekt ist die Rede, wenn Medien über einen Suizid berichten und sich im Anschluss sogenannte Nachahmungstaten ereignen.

Wer Selbsttötungen verhindern möchte, muss darüber sprechen

Dementsprechend kontrovers hat auch die Redaktion der Rhein-Main-Zeitung darüber diskutiert, ob die Suizidprävention zum Anliegen der diesjährigen Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ gemacht werden sollte. Denn wer Selbsttötungen verhindern möchte, der kommt nicht umhin, auch darüber zu sprechen oder, im Fall der F.A.Z., darüber zu schreiben.

Die Redaktion stützt sich auf die Expertise der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Frankfurter Uniklinik. Das Team um Klinikdirektor Andreas Reif ist der Kooperationspartner des Spendenprojekts, dessen Einnahmen dazu dienen sollen, Menschen in seelischen Notlagen zu erreichen – auch solche, die nicht von sich aus den Weg zu einem Facharzt oder in eine Klinik finden. Finanziert werden durch die Spenden der F.A.Z.-Leser sollen unter anderem regelmäßige Sprechstunden in jenen Frankfurter Siedlungen, in denen die Probleme besonders drängen, die Versorgung mit psychiatrischer und therapeutischer Hilfe aber dünn ist.

Eine Studie, an der die Uniklinik beteiligt war, gibt Hinweise auf Wohnquartiere, in denen Selbsttötungen besonders häufig sind. Zu bedenken ist in diesem Kontext, dass die allermeisten Suizide und Suizidversuche auf psychische Erkrankungen zurückgehen. Am relevantesten sind Depressionen, die oft unerkannt bleiben. Nur 65 Prozent der Betroffenen erhalten überhaupt ärztliche Hilfe, davon wird wiederum nur die Hälfte korrekt diagnostiziert und hiervon nur ein Drittel adäquat therapiert.

Mit dem F.A.Z.-Spendenprojekt „Lokale, niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (Loki) will das Team um Andreas Reif die Menschen erreichen, die sich gar nicht erst in ärztliche Hilfe begeben. Dass sie das nicht tun, kann viele Gründe haben. Die meisten haben mit Unwissen zu tun: Unwissen über die Symptome einer Depression, Unwissen über Zugänge zur Therapie, unrealistische Einschätzungen der Konsequenzen einer Beratung und Angst vor Stigmatisierung. Vor diesem Hintergrund sei es nicht nur erlaubt, sondern geboten, auch öffentlich über Themen wie Depression und Suizidalität zu reden, sagt der Klinikdirektor.

Reif spricht von „Suizidalität“, umgangssprachlich Lebensmüdigkeit, also einem psychischen Zustand, in dem die Gedanken und das Verhalten eines Menschen darauf ausgerichtet sind, sich das Leben zu nehmen. Über einen konkreten Suizid dagegen sollten Medien nach Reifs Meinung nur unter bestimmten Voraussetzungen und in einer bewusst gewählten Form berichten. Unter gar keinen Umständen dürfe eine Selbsttötung heroisiert oder stilisiert werden, etwa durch Formulierungen wie „er hat den Kampf verloren“, wie es zum Beispiel nach dem Tod des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke geschehen sei. Sich umzubringen sei kein Ausweg aus einer Krise, vielmehr seien Suizidimpulse Symptome einer Krankheit, die behandelt werden müsse.

Suizidale Gedanken nicht tabuisieren

Christine Reif-Leonhard ist leitende Oberärztin in der Uniklinik und koordiniert das Bündnis gegen Depression Frankfurt am Main. Suizidale Gedanken dürften nicht tabuisiert werden, sagt die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Für viele Menschen sei es eine große Erleichterung, darüber sprechen zu können. Deshalb frage sie Patienten mit Symptomen einer Depression auch danach, ob sie schon einmal den Wunsch gehabt hätten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Solche Gedanken allein seien noch nicht ungewöhnlich, im Verlauf des Gesprächs gehe es darum zu erkennen, wie weit die Absicht gehe und ob es konkrete Pläne gebe.


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Auch Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Senckenberg-Professor an der Goethe-Universität, hält nichts von einer Tabuisierung des Suizids, warnt andererseits aber vor einer Normalisierung, wie sie teilweise in der Diskussion um die Sterbehilfe geschehe. Suizidalität müsse in einen medizinischen Kontext gestellt werden, eine gegebenenfalls zugrundeliegende Depression oder eine andere psychische Erkrankung, zum Beispiel eine Schizophrenie, müsse benannt werden.

Hegerl: „Die Depression sucht sich ihre Gründe.“

Im privaten Gespräch, aber auch in den Medien würden nach Suiziden oft schwierige Lebenslagen oder Schicksalsschläge zur Erklärung herangezogen, etwa „er hat die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet“ oder „sie hatte ihren Job verloren“. Möglicherweise habe auch der Betroffene diesen Zusammenhang so erlebt, aber es handele sich bei einem solchen äußeren Umstand nicht um die Ursache, sondern allenfalls um den Auslöser für einen Suizid. Hegerl sagt: „Die Depression sucht sich ihre Gründe.“

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Vor diesem Hintergrund ist auch die Wortwahl wichtig, wie Christiane Schlang, Leiterin der Abteilung für Psychiatrie im Frankfurter Gesundheitsamt, hervorhebt. Der Begriff „Freitod“ suggeriere, jemand habe sich aus freiem Willen für den Tod entschieden, dabei habe in jenem Moment meist eine Krankheit das Handeln gelenkt. Auch der Ausdruck „Selbstmord“ gehe fehl, denn ein Mensch in seelischer Not handele nicht aus niedrigen Beweggründen oder gar heimtückisch. „Suizid“ oder „Selbsttötung“ seien hingegen neutral und ohne moralische Wertung.

Gegenteil des „Werther-Effekts“ soll erreicht werden

Um keine Nachahmungstaten hervorzurufen, sollten sich Medien mit Details über einen Suizid zurückhalten, sagt Schlang. Methoden oder genaue Orte des Geschehens sollten nicht erwähnt werden. Wenn irgend möglich, solle die Berichterstattung eine Alternative aufzeigen. Damit spricht die Psychiaterin und Psychotherapeutin den „Papageno-Effekt“ an, quasi das Gegenteil des „Werther-Effekts“. Der Vogelfänger aus Mozarts „Zauberflöte“ will sich aus Liebeskummer an einem Baum aufhängen, aber in letzter Sekunde halten drei Knaben ihn davon ab, und es gelingt ihm, durch sein Glockenspiel die verloren geglaubte Papagena zurückzugewinnen.

Viele Facetten des Gleichnisses vom lebensmüden Vogelfänger lassen sich auf reale Fälle von Suizidalität übertragen. Dazu gehört, dass die Situation Papagenos nur vermeintlich ausweglos ist und dass es eines Anstoßes von außen bedarf, das zu erkennen. Im Rückblick seien die Patienten dankbar für die Hilfe, die ihnen zuteilwurde, sagt Christine Reif-Leonhard. „Ich habe noch keinen gesehen, der nicht an den Punkt gekommen ist, an dem er gesagt hat: ,Ich bin froh, dass ich noch lebe.‘“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94501900000000115711 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43500502010000978000 Spenden können steuerlich abgesetzt werden.

Weitere Informationen zur Spendenaktion .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trautsch, Matthias
Matthias Trautsch
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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