Fashion Week in Frankfurt

Neue Vorwahl für die Mode

Von Jacqueline Vogt
14.06.2020
, 12:05
Kann Frankfurt Mode? Eine Frage der Betrachtung.
Die Berlin Fashion Week wird kleiner, weil ein Teil nach Frankfurt umzieht. Die damit verbundenen Hoffnungen sind groß, sind sie realistisch? Und wie modeaffin ist Frankfurt? Eine Erkundung.
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Anita Tillmann wählte starke Worte. Sie formte sie zu einem Satz, der Bestand haben wird, egal was passiert und gleichgültig, ob sie damit irgendwann, in ein paar Jahren vielleicht, anerkennend zitiert werden wird oder eher nicht. „Ziel ist es nicht, sich mit deutschen Städten zu messen, sondern mit Mailand und Paris.“ So sprach die Geschäftsführerin des Messeveranstalters Premium Group, als sie am Montag bekanntgab, dass Teile der Berlin Fashion Week nach Frankfurt umziehen und fortan Frankfurt Fashion Week heißen werden. Vom 6. bis 8. Juli 2021 soll die erste Veranstaltung stattfinden, von 2022 an soll es zwei im Jahr geben, die dann jeweils eine Woche dauern sollen.

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Offenbar über Monate hinweg hatte Tillmann mit der Stadt und der Messe Frankfurt verhandelt; am Ende waren Bürgermeister Uwe Becker und Wirschaftsdezernent Markus Frank, beides CDU-Politiker, stolz auf einen Handel, der zum materiellen wie immateriellen Wohle der Kommune sein soll. Frank sprach von Zeil und Eisernem Steg als Laufsteg, Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) von einer einmaligen und internationalen wirtschaftlichen Chance, alle meinten den Imagegewinn, den die Stadt mittelfristig erzielen könne und der sie langfristig als Ziel für Touristen wie Firmen attraktiv mache, sie meinten aber auch die unmittelbaren Einnahmen und Effekte.

Unfassbar überrascht gewesen

Die Gespräche zu dem Umzug hatten im Verborgenen stattgefunden und die Verkündung kam für die Modebranche aus heiterem Himmel. Sie sei unfassbar überrascht gewesen, sagt Kerstin Görling. Ihr gehört in Frankfurt die Boutique Hayashi, Görling kauft Marken wie Red Valentino und Isabel Marant und Dice Kajek ein. Die Veranstaltungen in Berlin hat sie seit Jahren nicht besucht, ihre Orientierungspunkte sind Paris und Mailand, zu einer Fashion Week Frankfurt sagt sie gleichwohl: „Ich finde es toll für die Stadt.“

Skeptisch äußerte sich gleich nach Bekanntwerden der Nachricht die Mainzer Designerin Anja Gockel; in 25 Jahren in der Branche habe sie Bedenklicheres nicht gehört. In einem Gespräch mit dieser Zeitung befand sie: „Mode und Frankfurt, das ist wie Schwarz und Weiß, das passt einfach nicht zusammen“, und mehr noch: „Die Stadt sollte die Finger davon lassen, denn sie könnte sich die Finger verbrennen und am Ende eventuell eine ganze Branche in den Abgrund stürzen.“

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Zu einem guten Verhandlungsklima beigetragen

Unklar war zu diesem Zeitpunkt und ist es noch, ob nicht nur die Handelsmessen, sondern womöglich im Zuge dessen alle Segmente des Berliner Mode-Zirkus namens Fashion Week nach Frankfurt umziehen. Von der Spree an den Main kommen werden die Messen „Neonyt“, die einen Schwerpunkt auf ökologisch und fair produzierten Textilien hat, und die Veranstaltungen „Premium“ und „Seek“. Die „Neonyt“ ist eine Marke der Messe Frankfurt, womöglich, meinen Beobachter, hat das zu einem guten Verhandlungsklima beigetragen. Keine Umzugsabsichten geäußert hat die von dem Stuttgarter Autobauer Mercedes Benz gesponserte „Mercedes Benz Fashion Week“ mit ihren Laufstegschauen. Während auf den Messen vor allem alltags- und massentaugliche Ware gezeigt und verkauft wird, stehen die Schauen für den Glamour, auch für das Handwerk, für die Verbindung, die Mode und in einem weiten Sinne die Kunst haben. Dass dieser Teil der Berlin Fashion Week offenbar keine Pläne hat, sich zu verändern, dass Designer gesagt haben, sie wollten am Standort festhalten und nicht woanders zeigen: Das haben Lokalpatrioten in der Hauptstadt in den vergangenen Tagen gerne mit einem Coolness-Faktor begründen, der in Berlin höher sei als in Frankfurt, auch mit einem allgemein fürs Modische günstigeren Klima.

„Frankfurt ist keine Modestadt. Aber sie wird im Juli 2021 eine werden und dabei alles bereits besitzen, was eine Modestadt braucht: ein internationales, weltoffenes, diverses und kaufkräftiges Publikum, eine heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung, sehr viele Modestile und ein reiches Kulturleben.“ Das sagt Stella Friedrichs, Veranstalterin des Frankfurter „Stilblüten“-Festivals für Mode und Design, das 2010 zum ersten Mal und zuletzt 2019 stattfand und zu Hochzeiten mehr als 100 Aussteller und an zwei Tagen mehr als 6000 Besucher hatte. Mit der Fashion Week sei das natürlich nicht vergleichbar, sagt sie auch, aber „Stilblüten“ habe gezeigt, dass die Stadt am Main ein begeisterungsfähiges und offenes Publikum habe.

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Einen modischen Instinkt

Wie modeaffin ist Frankfurt? Als im Dezember 2013 zu diesem Thema während der „Stilblüten“ eine Podiumsdiskussion stattfand, mit einer Kuratorin des Museums Angewandte Kunst, dem Designer Albrecht Ollendiek, dem Clubmacher Ata Macia und der Boutique-Besitzerin Kerstin Görling, fiel bald der Name Toni Schiesser, die in den fünfziger Jahren in Frankfurt einen Haute-Couture-Salon eröffnete, der zeitweise 150 Angestellte hatte. Eine Kollektions-Schau Toni-Schiessers beschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung im März 1957 so: „Ihre Herbst- und Winterkollektion lebt von ungewöhnlich kostbaren Stoffen, vorwiegend in gebrochenen Tönen. Wenn man etwas allgemein Gültiges über ihre Schau sagen will, so kann man sie als vornehm bezeichnen, als raffiniert einfach.“ Als Fazit schrieb die Rezensentin: „Der ästhetische Genuß dieser Schau ließ die Fragen nach den jüngsten Ideen der französischen Modeschöpfer völlig in den Hintergrund treten, weil hier Modelle von einem modischen Instinkt gezeigt wurden, die sich eigenschöpferisch nach großen Vorbildern gewandelt haben.“

Etwas eigenes machen, nicht nach anderen schielen. Das fällt dem Kürschner und Designer Hans Schwarz als erstes ein, wenn man ihn danach fragt, ob es eine Modestadt Frankfurt gebe und welches Publikum sie habe und ob er die Aussicht einer hiesigen Fashion Week kommentieren wolle. „Frankfurt soll sich nicht mit Paris vergleichen, das ist Quatsch“, sagt er. Seit fünf Jahren zeigt Schwarz, zu dessen Entwürfen schon mal knallgelbe Lammfell-Mäntel gehören und Kopfbedeckungen, die aussehen wie eine Kreuzung aus Fliegermütze und Badekappe, Kollektionen auf der Fashion Week in Paris. Trotz zuletzt rückläufiger Besucherzahlen dort habe die Modewoche an der Seine, mit ihren vielen Veranstaltungen in der ganzen Stadt, mit dem Modevolk aus der ganzen Welt, eine Atmosphäre, die sich nicht werde transferieren lassen, meint er. Eine Fashion Week Frankfurt solle ihren Arbeitscharakter hervorheben, nicht zu viel auf einmal versuchen, nicht Handelsplatz sein wollen und gleich auch mehr. „Das darf kein Volksfest werden“, sagt Schwarz. Die Veranstalter sollten außerdem aus den Fehlern lernen, die in Berlin gemacht worden seien. „Wer saß denn dort in der ersten Reihe?“ Die Antwort auf diese Frage liefert er in einen Ratschlag verpackt: „Keine C-Promis einladen.“

„Auf jeden Fall positiv“

Sie könne nur hoffen, „dass alle am Boden bleiben und nicht versuchen, einen Super–Hype zu kreieren.“ Das sagt Olivia Dahlem, die in Frankfurt das Label „Coco Lores“ hat und im vergangenen Oktober im Hotel Lindley Lindenberg einen „Frankfurter Modetag“ veranstaltete. Wie sieht sie eine Fashion Week Frankfurt? „Auf jeden Fall positiv“, sagt Dahlem. Seit 20 Jahren lebt sie in der Stadt, die „vielleicht nicht ganz so laut und trendy“ wie Berlin sei, und wo die Kundinnen „stark im Business verankert und eher ruhig und anspruchsvoll“ seien.

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„Die Stadt ist teuer“, sagt Kerstin Görling. Modemessen, Modewochen, lebten nicht zuletzt von den Präsentationen an attraktiven, ausgefallenen Orten, auch solchen, die günstig zu mieten seien. Die Messehallen in Frankfurt seien für die internationalen Einkäufer gut. „Die Messe kann funktionieren, das Drumherum wird schwierig zu organisieren“, sagt Görling. Das wiederum sieh Olivia Dahlem ganz anders. „ Es gibt viele geeignete Orte, in dem Stadtteilen zum Beispiel, da ist reichlich Potential.“

Einen schönen Ort außerhalb Frankfurt hat Osama Hajjaj, seine Agentur „Die Modebotschaft“ sitzt in der Heyne-Fabrik in Offenbach, Showrooms hat er auch in Düsseldorf und München. Er vertritt Marken wie „Ifrigiwear“ und „Malvin“ und das Jeans-Label „Five Fellas“, das mit Nachhaltigkeit und Fairness in der Produktion für sich wirbt; zu seinen Kunden gehören Bailly Diehl und Ansos und Peek&Cloppenburg. Hajjaj zieht jetzt in die Häuser der Mode in Eschborn um, ein Orderzentrum mit rund 40.000 Quadratmetern Fläche. Komme die Fashion Week dazu, sei Frankfurt ein ideales Handelszentrum, sagt Hajjaj, wegen seiner zentralen Lage, der kurzen Wege, dem Flughafen, dem Hauptbahnhof.

Und die großen Laufstegschauen, die Aufritte deutscher Designermarken von Boss bis Kaviar Gauche, werden die wohl irgendwann in Frankfurt zu sehen, zusätzlich zu Berlin oder anstatt in Berlin oder Kopenhagen oder Paris? Hajjaj kann es sich vorstellen, im Mittelpunkt stehe aber erst einmal anderes. „Die letzten drei, vier Jahre waren in Berlin alle müde, Kunden, Einkäufer, Endverbraucher“, sagt er. Stunden habe man gebraucht, um von einem Veranstaltungsort zum anderen zu kommen, für das Geschäft sei das nicht mehr tragbar gewesen. Nach Frankfurt könnten die Einkäufer von überall her kommen, seien gleich auf dem Messegelände. „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht funktioniert.“ Kürschner Hans Schwarz ist zurückhaltender, aber auch nicht pessimistisch. „Es ist in diesen harten Corona-Zeiten ein schönes Signal des Aufbruchs.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Vogt, Jacqueline (jv.)
Jacqueline Vogt
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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