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Forderungen des Handwerks

Staat soll Meisterkurse bezahlen

Von Falk Heunemann
 - 12:52

Der Handwerkskammer in Wiesbaden sind ihre Auszubildenden lieb und teuer: Allmonatlich ehrt sie einen „Lehrling des Monats“, der durch Zuverlässigkeit, Freundlichkeit und gute Noten aufgefallen ist. In diesem Januar ist es die 21 Jahre alte Johanna Roth, angehende Tischlerin in Florstadt im Wetteraukreis, sie erhält nächste Woche eine Urkunde und eine Armbanduhr.

Wenn die Ausgezeichnete allerdings überlegen sollte, einen Tischlerbetrieb gründen zu wollen, wird es für sie selbst teurer: Denn zuvor muss sie erst Tischlermeisterin werden, so ist es gesetzlich vorgeschrieben. Der nächste Meisterkurs, der im August in der Handwerkskammer Wiesbaden beginnt, geht über 806 Stunden und würde sie schon 5600 Euro kosten. Er deckt allerdings nur Teil I und II der Prüfungspflichten ab. Für Teil III und IV wären weitere 360 Stunden und 1980 Euro fällig. Und dann müsste sie noch die vierteilige Prüfung bestehen. Dafür werden Gebühren von mindestens 820 Euro verlangt. Insgesamt sind das also mindestens 8400 Euro, die sie an die Kammer überweisen müsste, um vom „Lehrling des Monats“ zur Tischlermeisterin zu werden.

Es gibt durchaus noch junge Menschen, die bereit sind, so viel Geld für die Ausbildung auszugeben. Rund 800 waren es allein bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Sie dankt ihnen dafür am Samstag mit einer Urkundenübergabe in der Paulskirche und DFB-Präsident Reinhard Grindel als Festredner. Allerdings: Es sind zu wenige.

Fachkräftemangel sorgt für gebremstes Umsatzwachstum für Handwerker

Dem Handwerk fehle der Nachwuchs, bestätigen die Spitzen der hessischen Kammern gestern anlässlich ihrer Jahrespressekonferenz. „Der Fachkräftemangel bereitet uns Sorge“, sagt Bernd Ehinger, Präsident des Hessischen Handwerkstages. Nicht zuletzt wegen dieses Mangels rechne er mit einem gebremsten Umsatzwachstum für die Handwerker: Nach fünf Prozent im Jahr 2018 nur noch mit vier Prozent in diesem Jahr.

Gründe für den Nachwuchsmangel gibt es mehrere. Die Geburtenzahlen zum Beispiel: Seit den Neunzigern sind in Hessen ein Viertel weniger Kinder zur Welt gekommen als zuvor, entsprechend weniger Schüler verlassen nun die Schulen und suchen nach einer Ausbildung. Zudem wollen immer mehr Absolventen lieber studieren, das erscheint ihnen und ihren Eltern offenbar lukrativer.

Das ist nicht nur für die 75.000 Handwerksbetriebe in Hessen ein Problem, die immer schwerer Mitarbeiter oder einen Unternehmensnachfolger finden, sondern auch für ihre Kunden. Sowohl Wartezeiten als auch die Preise steigen. Ein Leck werde immer sofort gestopft, sagt Ehinger zwar. „Bei größeren Investitionen sollte man aber ein halbes Jahr Vorlauf einplanen.“

Der Staat in der Pflicht, Anreize zu schaffen

Um den Mangel zu beheben, wollen die Kammern an mehreren Stellen ansetzen. „Wir müssen weg vom Bildungsideal, dass die Menschwerdung erst mit dem Abitur beginnt,“ sagt Vizepräsident Wolfgang Kramwinkel. Berufsausbildung als Alternative solle stärker in den Schulen erörtert werden, Berufsschulen in der Fläche müssten besser ausgestattet werden. Und: Die Kosten sollen sinken.

Die Kammern sehen dabei vor allem den Staat in der Pflicht: Dass das hessische Wirtschaftsministerium seit vergangenem Jahr eine „Aufstiegsprämie“ von 1000 Euro nach bestandener Prüfung finanziere, die dann über die Kammern ausgezahlt werde, sei ein Schritt in die richtige Richtung, meint Ehinger. „Wir wollen eine Gleichbehandlung von Meisterausbildung und gebührenfreiem Studium.“ Also eine komplette Kostenübernahme von Kurs- und Prüfungsgebühren von rund 4000 bis 10.000 Euro, je nach Beruf. Der Staat müsste dann alljährlich einen zweistelligen Millionenbetrag aufbringen.

Subventionierung und Einwanderungsgesetz sind zu klären

Die Kammern fürchten offenbar, dass der Nachwuchs in andere Bundesländer abwandern könnte. Denn dort bezuschussen die Landesregierungen die Meisterschüler mit zum Teil höheren Prämien als Hessen. Allerdings sind die Kammern für die Höhe der Ausbildungskosten mit verantwortlich, denn sie beschließen die jeweiligen Gebührenordnungen. Und die Einnahmen daraus fließen in ihre Haushalte. Im Kammerbezirk Frankfurt-Rhein-Main machen sämtliche Gebühreneinnahmen (nicht nur aus Meisterkursen) ein Sechstel aller jährlichen Einnahmen von 47,9 Millionen Euro aus, also rund 7,6 Millionen, ist einer Übersicht auf der Internetseite der Kammer zu entnehmen. Der Staat würde also indirekt die Kammern subventionieren, wenn er die Kurs- und Prüfungskosten komplett erstattete. Dabei erhalten sie schon ein Drittel ihrer Einnahmen aus Zuschüssen und Beihilfen, mehr als aus den Beiträgen ihrer Mitglieder (31 Prozent). Ehinger entgegnete, solch eine Komplettsubventionierung gebe es ja auch für das Studium an Hochschulen.

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Weil aber selbst höhere Zuschüsse den Geburtenmangel nicht ausgleichen können, setzen die Kammern überdies auf Zugewanderte. Mehr als jeder achte Lehrvertrag zum Beispiel wurde mit einem jungen Flüchtling „aus Hauptfluchtländern“ geschlossen, erläutert Ausbildungsexperte Kramwinkel – 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Am häufigsten in Berufen wie Fleischer, Bäcker oder Tischler.

Insgesamt 10.300 Lehrstellen konnten dadurch vom 1. Oktober 2017 bis zum 30. September 2018 besetzt werden. Das waren nur ein Prozent weniger als im Jahr zuvor. Wie viele der Flüchtlinge ihre Ausbildungen auch abschließen können, angesichts so mancher Bildungs- und Sprachdefizite, ist zwar noch nicht absehbar. Aber ohne die Flüchtlinge wäre der Mangel an Handwerkern offenbar noch größer als jetzt schon. Auch an einem Einwanderungsgesetz führe daher kein Weg vorbei, sagte Ehinger.

Quelle: F.A.Z.
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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