Biodiversität-Weltkonferenz

Nur Viren nützt das Artensterben

Von Sascha Zoske
08.10.2021
, 15:46
Bei einer geringen Biodiversität könnten sich Krankheiten besser verbreiten.
Vor der nächsten Weltkonferenz zur Biodiversität erinnert Senckenberg an den Wert ökologischer Vielfalt. Forscher sagen, was sich ändern muss. Vor allem in der Landwirtschaft müsse viel getan werden - auch um neue Pandemien zu verhindern.
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Als Josef Settele vor zehn Jahren an einem Beitrag über „Schock-Szenarien der Zukunft“ mitschrieb, galt es noch als Panikmache, das Kapitel über drohende Pandemien mit dem Foto eines Maskenträgers zu illustrieren. Das hat sich inzwischen geändert – und auch sonst darf Settele hoffen, mit seinen Warnungen eher Gehör zu finden als noch 2010.

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Ob die Politik den Ausführungen des Agrarökologen zu den Zusammenhängen zwischen Klimawandel, Artensterben und Seuchen wirklich genug Aufmerksamkeit schenkt, muss sich aber noch zeigen. Der Departmentleiter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Halle tut jedenfalls das Seine, um die Öffentlichkeit für diese Themen zu sensibilisieren – etwa indem er gemeinsam mit der Frankfurter Uni-Professorin Kathrin Böhning-Gaese aus Anlass der Aktionswoche „Achtung Artenvielfalt!“ vor die Presse tritt. Mit Diskussionen und Führungen stimmen die Senckenberg-Gesellschaft und die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt in diesen Tagen auf die Weltbiodiversitätskonferenz ein, die am nächsten Montag in Kunming beginnt.

Politik und Landwirtschaft müssten handeln

Nach Setteles Ansicht steigt mit der Verarmung der Fauna das Risiko, dass gefährliche Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen. Jene Arten, die den Klimawandel und andere menschliche Eingriffe in die Natur überlebten, vermehrten sich massenhaft, böten dann aber auch ein großes Reservoir für die Verbreitung ähnlich robuster Bakterien und Viren. Gleichzeitig würden Tiere durch schlechte Umweltbedingungen geschwächt und damit anfälliger für Krankheiten. Hinzu komme, dass der Mensch inzwischen auch in die letzten Natur-Refugien vordringe und dadurch Gefahr laufe, mit bisher unbekannten Erregern in Kontakt zu kommen. Böhning-Gaese weist zudem darauf hin, dass der weltweite Handel mit Wildtieren in den vergangenen Jahren „dramatisch“ zugenommen habe. Auch dies erhöhe das Risiko, dass neuartige Viren es schafften, Artgrenzen zu überwinden.

Vorschläge, wie der globale Artenschwund gestoppt werden kann, soll die Konferenz in Kunming erarbeiten. Experten wie Settele und Böhning-Gaese haben dazu längst eigene Überlegungen formuliert. Aus ihrer Sicht sind hierzulande vor allem die Landwirtschaft gefordert sowie die Politik, die durch Subventionen lenkend wirken kann. Neue Schutzgebiete auszuweisen und ökologischen Landbau zu fördern sei wichtig, darin sind sich die beiden Professoren einig. Es komme aber auch darauf an, die konventionelle Produktion naturverträglicher zu machen. Nötig wäre laut Böhning-Gaese zum Beispiel, die Vielfalt der angebauten Sorten zu erhöhen, den Einsatz von Düngern und Pestiziden zu reduzieren, die Felder zu verkleinern und sie mit vielfältigen Randstrukturen zu versehen, in denen unterschiedliche Arten gedeihen könnten.

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Weniger Tierhaltung

Solche „Gemeinwohlleistungen“ müsse die Politik gezielt durch Subventionen unterstützen, statt die Förderung an Flächengrößen zu orientieren, wie es derzeit üblich sei, sagt Böhning-Gaese. Sie erinnert aber auch an die Verantwortung jedes einzelnen Verbrauchers. „Es müssen nicht alle Vegetarier werden“, meint die Trägerin des Deutschen Umweltpreises. Fleischkonsum müsse aber wieder zu etwas Besonderem werden, „so wie früher der Sonntagsbraten“. Um ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen, werde vierzigmal so viel Fläche gebraucht wie zur Produktion von einem Kilogramm Kartoffeln. Rund zwei Drittel der Agrarfläche würden zur Erzeugung von Tierfutter verwendet, ergänzt Settele. Wenn sich das ändern würde, wäre es nach seinen Worten auch unproblematisch, dass ökologischer Anbau zu einem Rückgang der Erträge führe.

Die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums will trotz des Ernstes der Lage ebenso wenig apokalyptische Stimmung verbreiten wie ihr Kollege. „Ich bin kein Anhänger der Fünf-vor-zwölf-Rhetorik“, sagt Settele. Böhning-Gaese erinnert daran, dass es außer den wissenschaftlichen Fakten auch gute „weiche“ Argumente für den Schutz der Biodiversität gibt. Umfragen hätten gezeigt, dass eine intakte Natur mit großer Artenvielfalt die Lebenszufriedenheit der Menschen genauso stark steigere wie ein höheres Einkommen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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